Casino-Boom in Singapur Zocken für die Zukunft

Drei gigantische Hoteltürme und auf 200 Meter Höhe ein Palmenpark: Das Megacasino Marina Bay Sands feiert demnächst in Singapur Eröffnung. Jahrzehntelang war in dem Stadtstaat das Glückspiel verboten - doch zum Wohle der Wirtschaft drückt auch die Regierung ein Auge zu.

Reuters

Von Michael Lenz


"Nichts geht mehr." Der Croupier dreht das Rad. Die acht Spieler am Roulettetisch des ersten Casinos in Singapur starren gebannt auf die Kugel. Wird ihre Nummer dieses Mal gewinnen? Das Rad wird langsamer, die Roulettekugel fällt auf die Nummer zehn. Die alte chinesische Dame im Pyjama ist begeistert - der Croupier schiebt ihr mit unbewegter Miene einen Berg von Chips zu. Sie setzt erneut. "Nichts geht mehr." Dieses Mal verliert die Chinesin. Sie ist frustriert, aber offenkundig auch eine Veteranin der Spielhallen: Sie spielt weiter. Irgendwann wird das Glück ihr wieder hold sein.

Am 14. Februar ertönten im Resort World Sentosa (RWS) auf Singapurs Spaßinsel Sentosa erstmals die magischen Worte: "Ihr Einsatz, bitte." Pünktlich zum Beginn des chinesischen Neujahrfests hatte Singapurs Regierung dem RWS der malaysischen Genting-Gruppe die Glücksspiellizenz erteilt. Und ab dem 27. April wird auch der amerikanische Casinokonzern Las Vegas Sands in seinem supermodernen, umgerechnet 2,75 Milliarden Euro teuren Marina Bay Sands die Kugeln rollen lassen.

Beide Megacasinos eröffnen in Etappen. Mit einem Grand Opening will Marina Bay Sands am 23. Juni die Eröffnung seines Superhotels mit 2500 Zimmern, Einkaufsmalls und Nachtclubs feiern. Im Oktober hebt sich dann der Vorhang zum Musical "The Lion King" in einem der beiden hauseigenen Theater, und im Dezember öffnet das in Form einer geöffneten Lotusblüte erbaute Museum seine Pforten.

Das in einem eigenwilligen Stilmischmasch designte RWS wartet ab Donnerstag, 18. März mit dem Universal Studio Theme Park auf und wird später in diesem Jahr den laut Eigenwerbung weltweit größten Marine Life Park eröffnen. Insgesamt lässt sich Genting seinen Einsatz in dem Singapurer Integrated Resort (IR), zu dem insgesamt sechs Hotels gehören, 4,4 Milliarden US-Dollar kosten. Die etablierte Casinokonkurrenz Macau, wo Las Vegas Sands in gleich zwei Megacasinos investiert hat, wird nicht gefürchtet. "Macau bedient den nordasiatischen Markt mit China, wir hier den südasiatischen bis hin zu Indien", sagt RWS-Sprecherin Sin Yee Lee.

Drei Hoteltürme mit Skypark

Obwohl Marina Bay Sands noch eine Baustelle ist, lässt sich schon jetzt sagen, dass es das hochklassigere Resort der beiden sein wird. Auf 570.000 Quadratmetern errichtet Las Vegas Sands sein IR, dessen weithin sichtbares zentrales Element die drei je 55 Stockwerke hohen Hoteltürme sind. In 200 Meter Höhe werden sie von dem 1,2 Hektar großen Sands SkyPark mit Restaurants, einem 150 Meter langen Swimmingpool, Blumen, Palmen und Rasen sowie einer Aussichtsplattform gekrönt. Man kann die wuchtige Anlage schön finden oder auch hässlich, aber Sheldon G. Adelson, Chef von Las Vegas Sands, hat Recht, wenn er prophezeit: "Marina Bay Sands...wird eines der am meisten fotografierten Gebäude der Welt sein."

Das von der Las-Vegas-Konkurrenz sorgsam verfolgte Casinodebüt von RWS ist erfolgreich verlaufen. "Das Geschäft war gut", sagt Lee. Aber sie warnt auch vor einer verfrühten Bilanz: "Das war das chinesische Neujahr. Jetzt müssen wir abwarten, wie das Casino im Alltag läuft." Das läuft nicht schlecht, wie ein Besuch an einem frühen Mittwochabend kurz nach dem Neujahrsfest zeigte. Wie die Nummernschilder der in dem riesigen Parkhaus geparkten Autos verraten, sind vor allem Malaysier im Casino vertreten. Denn sie dürfen im heimischen Casino in Genting nicht spielen.

Voll besetzt ist auch der Spielbereich, der ausschließlich Singapurern vorbehalten ist. "Viele Singapurer sind darüber verärgert, dass sie pro Besuch eine Abgabe von 100 Singapur-Dollar (etwa 50 Euro) bezahlen müssen", sagte die Einlasskontrolleurin. "Deshalb haben wir uns entschlossen, ihnen mit dem Sonderbereich etwas Besonderes zu bieten."

Der Unmut über die Abgabe sitzt tief, zumal Ausländer lediglich ihren Pass am Casinoeingang vorzeigen müssen, um für lau in die in sanftes Licht getauchte Spielhalle mit ihren Roulette- und Baccaratischen, Pokerrunden und Spielautomaten zu kommen. Der Programmierer Joseph Lim sagt, er werde nie auch nur einen Fuß in die Casinos setzen. "Ich fahre lieber weiterhin nach Genting in Malaysia. Das kostet mich zwar etwas mehr als hundert Dollar, aber dafür bekomme ich da ein ganzes Wochenende im Hotel."

Das K-Wort ist tabu

Die Zustimmung der Regierung Singapurs für den Betrieb der Casinos ist bei vielen Bürgern des Stadtstaats auf Ablehnung gestoßen. Mehr als 50.000 unterzeichneten eine Anti-Casino-Petition evangelikaler Kirchen. Mit der 100-Dollar-Abgabe will die Regierung die Gemüter beruhigen. Einerseits soll die stolze Summe vor allem Ärmere davon abhalten, ihr bescheidenes Hab und Gut zu verspielen. Andererseits sollen die Einnahmen wohltätigen Zwecken zugeführt werden. Um die Bürger zusätzlich einzulullen, vermeidet das offizielle Singapur das C-Wort. Die Casinos heißen "Integrierte Resorts" (IR), was nicht so falsch ist, sind doch die Casinos in große Komplexe mit Hotels, Theatern, Konferenzzentren, Bars, Cafés, Vergnügungsstätten und Feinschmeckerrestaurants eingebunden.

Aber die gemeinhin zu hörende Behauptung, die Singapurer seien eine stramm glücksspielfeindliche Gesellschaft geht an der Realität vorbei. Die Mehrheit der Stadtstaat-Bewohner sind Chinesen - und Chinesen lieben das Glücksspiel. Trotzdem hat Singapurs Gründungsvater Lee Kuan Yew das Spiel um Geld verboten. Denn als Sohn eines notorischen Zockers hatte Lee die negativen Auswirkungen der Spielsucht auf seine Familie selbst erfahren. Aber Geld stinkt nicht, und so lässt die Regierung, der Lee als Minister Mentor noch immer angehört, zum höheren Wohl von Wirtschaft und Tourismus fünfe gerade sein.

Die beiden IRs sollen zusammen bis zu einem Prozent zum Bruttosozialprodukt des Staates beitragen. Alleine das RWS peilte 12 bis 13 Millionen Gäste pro Jahr in seinem integrierten Spielplatz an - das war allerdings noch vor der weltweiten Rezession, die auch Singapur hart getroffen hat. Krise ist jedoch ein weiteres Wort, das in Singapur niemand in den Mund nimmt. Vielmehr wird seit Anfang dieses Jahres vehement die Botschaft verkündet, dass es mit den stark eingebrochenen Besucherzahlen langsam wieder aufwärts gehe.

"Wer arbeitet, darf auch feiern"

Tourismusexperten warnen jedoch, der Singapur-Tourismus sei auf dem Weg in eine hausgemachte Krise. Die Beliebtheit der Löwenstadt als Reisedestination habe ihren Höhepunkt erreicht, sagen sie und verweisen darauf, dass 2009 in den meisten Nachbarländern die Besucherzahlen gestiegen seien - im Gegensatz zu Singapur.

Aaron Hung, Dozent für Tourismus an der Singapore Management University, sieht eine Ursache dafür in Singapurs Positionierung als teures High-End-Reiseziel, das nicht genug für die touristische Mittelklasse biete. Hung warnt zwar davor, jetzt überstürzt am Preisniveau Änderungen vorzunehmen. "Das wird als Zeichen von Schwäche gesehen." Aber die Hotel- und Tourismusbranche der Stadt müsste den Servicestandard verbessern. "Die Touristen müssen merken, dass sie für ihr Geld auch einen Gegenwert bekommen."

Robert Khoo, Direktor des Nationalen Verbands der Reisebüros meint, die Stadt solle bei ihrer Tourismuswerbung viel deutlicher auf ihre ureigensten Stärken setzen, statt nur auf Shopping, Events und jetzt auch die IRs. "Singapur muss seinen eigenen natürlichen Charme - unsere Einzigartigkeit, unsere ethnische Vielfalt oder auch unser kosmopolitisches Wesen - in den Mittelpunkt stellen, um Touristen und Expats anzuziehen."

Aber das wird vorläufig nicht passieren. Das Singapore Tourism Board hat gerade seine sechs Jahre alte Kampagne "Uniquely Singapore" ersetzt durch eine neue unter dem Slogan "YourSingapore". Khoo ist nicht begeistert. "Der alte Slogan hat uns ganz beschrieben, während der neue gar nichts aussagt."

Die Gegend um die Marina Bucht in bester Downtown-Lage ist Singapurs neuer Spielplatz. Gegenüber Marina Bay Sands ragt der Singapore Flyer empor, das derzeit höchste Riesenrad der Welt; zu dessen Füßen befindet sich Start und Ziel des einzigen Nachtrennens der Formel 1. Boat Quay und Clark Quay sind die Heimat angesagter Pubs, Bars, Restaurants und Tanzclubs. Gleich daneben befinden sich der Finanzdistrikt und der Containerhafen, die beiden Quellen des Wohlstands der Löwenstadt.

Das einstmals als stinklangweilig verschriene Singapur lebt heute nach dem Motto "Work hard and party hard".



© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.