Tauchen in Mexiko Die Höhle des toten Mädchens

Für Höhlentaucher ist Angelita ein ungewöhnliches Ziel. Keine lichtdurchflutete Zauberwelt wie andere Spots in Mexiko, sondern mystisch und düster. Wer hier nicht an Geistergeschichten glaubt, tut es nirgendwo.

Katy Fraser / Planetscubamexico

Von Linus Geschke


Zwischen Cancun und Tulum teilt der Highway 307 die Riviera Maya. Auf der einen Seite, zum Meer hin, tobt der Tourismus. Hier liegen die Strände, Hotels und Bars. Die Nächte erstrahlen in Neonfarben, Touristen werden wachgehalten durch hämmernden Merengue und eisgekühlte Mojitos. Auf der Calle 12, der Partymeile Playa del Carmens, lautet jede zweite Frage: "Do you wanna get high?", begleitet von einem Tippen des Zeigefingers an die Nase.

Auf der anderen Seite liegen die Pueblos, die Dörfer der Einheimischen. Zwischen und hinter ihnen: Der Dschungel mit seinen Moskitos, Mayas und Cenoten - das sind unterirdische Wasserlabyrinthe, die durch schachtartige Einsturzdolinen der Kalksteindecke zugänglich sind. Keine Cenote gleicht der anderen und für Taucher gehören sie zum Faszinierendsten, was diese Sportart zu bieten hat.

"Unter Wasser sind die meisten Cenoten in drei Bereiche unterteilt", erklärt Markus Teupe, Mitbesitzer einer deutschen Tauchschule und einer der erfahrensten Höhlentaucher vor Ort. "Der Teil, den auch Sporttaucher mit einem Guide erkunden können, ist durch gelbe Leinen gekennzeichnet. Hier ist der nächste Aufstieg zur Oberfläche immer binnen 30 Sekunden möglich. Rote Leinen kennzeichnen den erkundeten Bereich, der ausgebildeten Höhlentauchern offensteht." Der dritte Bereich ist nur für echte Profis mit Full-cave-Ausbildung zugänglich.

Markus Teupe kennt alle Bereiche. Der gebürtige Münchner führt Tauchtouristen an gelben Leinen entlang, bildet Höhlentaucher aus und unterrichtet Tauchlehrer. Sein Herz hängt an einer Cenote rund 15 Kilometer südlich von Tulum, die so ganz anders ist als alle anderen. Angelita heißt sie; kleiner Engel.

Seit vier Jahren ist Angelita beliebt bei Tauchern

Auf dem Parkplatz stehen bereits zwei Pick-ups anderer Tauchschulen, doch Ricardo Canche Camera, Besitzer des Geländes, beruhigt die Neuankömmlinge: "Die müssen mit ihrem Tauchgang fast fertig sein - dann habt ihr Angelita ganz für euch." Canche hat auch eine Wohnung in Tulum, aber lieber lebt er hier. Unter freiem Himmel, in einer Hängematte, mit vielen Hunden und den beiden Boas, die er als Jungtiere fand und die mittlerweile knapp drei Meter lang sind.

Der bucklige Mann entstammt einer Maya-Familie, und er kennt die Geschichte "seiner" Cenote ganz genau: Früher wurde sie Cenote Mono genannt, die Affen-Cenote. Dann die Gummi-Cenote, als Arbeiter die umliegenden Gummibäume anzapften, um die im Zweiten Weltkrieg sprunghaft gestiegene Nachfrage nach Kautschuk zu decken. Seit gut 40 Jahren heißt sie jetzt Angelita; benannt nach einem kleinen Mädchen, das hier ertrank und dessen Geist - glaubt man den Sagen - in den Nächten immer noch herumspukt, um andere Kinder vor den Gefahren zu warnen.

Seit vier Jahren erst, verrät der Mexikaner, erfreue sich Angelita bei Tauchern großer Beliebtheit. Seitdem können er und seine Familie auch von den zwölf Dollar leben, die jeder Taucher bezahlen muss, um in das nasse Grab zu steigen. "Ich zolle denen, die da abtauchen, wirklich Respekt", sagt er. "Aber selber bleibe ich lieber an der Oberfläche." Hat er Angst vor dem Geist des toten Mädchens? Canche schüttelt den Kopf: "Ich kann nicht schwimmen."

Vom Parkplatz aus windet sich ein unbefestigter Pfad 200 Meter durch den Dschungel, dann erreichen die Taucher die kreisförmige Pforte in die Unterwelt. Die petrolfarbene Wasseroberfläche liegt zwei Meter tiefer und ist außergewöhnlich klar, eine steile Leiter führt hinab. "Die kann man auch zum Einstieg nehmen", sagt Markus Teupe und lacht. "Einfacher ist es allerdings, wenn man springt!"

Schatten an der Wand

Im Wasser folgt der letzte Check der Ausrüstung, dann sinken die Taucher in die Tiefe. Das Licht ihrer Lampen fällt auf Vorsprünge, Steine und versunkene Bäume, deren Äste sich wie knotige Finger winden. Schatten huschen an den Wänden entlang, als seien es tatsächlich Wesen aus dem Totenreich.

In 28 Metern Tiefe erreichen die Taucher eine Schwefelschicht, die sich in der Halokline zwischen dem Süßwasser oben und dem Salzwasser darunter gebildet hat. Vor der Maske flimmert es, die Sichtweite reduziert sich auf Armeslänge. Rund zwei Meter ist die Schicht dick, und ihr Durchstoß gleicht dem Eintritt in eine andere Welt. Düster, geheimnisvoll und mystisch. Wer nicht an Gespenster glaubt, könnte hier damit anfangen.

Von unten betrachtet, wirkt der Schwefel wie Nebel, der frühmorgens über einem See liegt; wie im Wasser schwimmende Milch. Darunter ein Schuttberg aus Schlamm, Bäumen und Blättern, der kegelförmig bis auf 27 Meter Tiefe hinauf reicht. Später wird Markus Teupe sagen, dass die Schicht durch die bakterielle Aufspaltung des organischen Materials entstanden ist, welches im Lauf der Jahrtausende in die Cenote fiel - aber hier unten will man das gar nicht wissen, sondern sich lieber an dem Zauber berauschen, der hier herrscht.

In Angelita gibt es keine Abzweigungen und keine Leinen, weder gelbe noch rote. Es ist ein nahezu kreisrunder Krater, der von einem unterirdischen Fluss und Regenwasser gespeist wird. 60 Meter ist die Cenote tief, steht auf einem Schild am Eingang. Markus Teupe meint, es seien 80.

Letztlich ist es bedeutungslos: Die Faszination, die Angelita gerade auf erfahrene Taucher ausübt, geht von den paar Metern aus, die oberhalb und unterhalb der Schicht liegen. Von den kahlen Bäumen unter Wasser, die wie Klauen wirken. Und von der Geschichte eines kleinen Mädchens, das vor vier Jahrzehnten tragisch ums Leben kam.

Linus Geschke arbeitet als freier Journalist für SPIEGEL ONLINE. Die Reise wurde unterstützt vom Reisecenter Federsee.

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insgesamt 6 Beiträge
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walter-b 29.07.2015
1. Nur gut
Wir hatten im März das Vergnügen in den Cenotes bei Planet Scuba zu tauchen. Nach Indonesien, Mikronesien und den europäischen Küsten etwas ganz neues und wieder Aufregendes. w.beck Mannheim
p.haensel 29.07.2015
2. Muss man betaucht haben
Ich war schon zweimal dort, im Februar 2016 geht's wieder hin.Diese Cenote macht süchtig.
jhea 29.07.2015
3. brrr
Mir zu unheimlich ^^ ichf ind es furchtbar faszinierend, aber mir sind die Cenoten und Höhlentaucherei allgemein zu unheimlich. Viel Spaß denen die es mögen ^^ ich behalt meine Schuhe an
kuschl 29.07.2015
4. Tauchen in die Vergangenheit
Leider auf dem Weg der totalen Kommerzialisierung, weil einige Basisleiter hier das Geld wittern. Dann nimmt man mit, wer bezahlt, auch wenn er es nicht kann! Cenotentauchen erfordert Disziplin und exaktes Tarieren, wie auch in der Höhle. Wer abwechselnd an der Decke oder im Sand herumstrampelt, vermiest den anderen den Taugang. Ich war zweimal da mit etlichen Taugängen. Einfach nur schön! Eintauchen in die Halbfinsternis in totaler Ruhe, irgendwann ein Lichtschein und auftauchen im Lichtschein eines kleinen Loches in der Höhlendecke 20 m über uns: Totale Ruhe, nur ein paar Fledermäuse. Leider ist die Anreise etwas lang.
neoon 29.07.2015
5. sehr schöner Tauchplatz
Angelita ist ein sehr schöner Tauchgang, speziell wenn man das Glück hat, dass die Schwefelschicht glatt liegt und nicht verwirbelt ist. Dann kann man mit der Schicht spielen, kleine Tsunamis erzeugen. Hier ein Video, das Stefan Ulrich bei seinem Kopfsprung vom Baum durch die Schicht zeigt: https://vimeo.com/59175459
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