Cessna-Abenteuer: Im Himmel über Afrika

Einmal den Kilimandscharo umkreisen, einmal über eine Flamingokolonie am Lake Manyara hinweggleiten. Was man dazu braucht? Eine einmotorige Cessna und jede Menge Nerven. Andrea Gothe berichtet von abenteuerlichen Momenten, grandioser Natur und entspannten Tagen in einigen der schönsten Lodges von Afrika.

1. Tag: Vilanculos / Mosambik
"Selbst ein VW Käfer ist komfortabler als diese fliegende Kiste."

Benzin? Das kommt später. Oder morgen. Warten im Schatten der Tragflächen
Gerd George

Benzin? Das kommt später. Oder morgen. Warten im Schatten der Tragflächen

Es ist wie verhext. Die Batterie tot, das Flugzeug macht keinen Mucks. Nächtelang hatten wir zu Hause vor dem Computer gehockt, die Route geplant, sie wieder verworfen, neu getüftelt, E-Mails geschickt, Genehmigungen beantragt. Doch schon das erste Ziel, eine kleine Insel vor der Küste von Mosambik, scheint unerreichbar. Die viersitzige Cessna steht auf dem Flughafen von Wonderboom bei Pretoria, und nichts geht mehr.

Also: wieder aussteigen, neue Batterie suchen, die alte ausbauen lassen, die neue einbauen. Wir starten, müde, hungrig, urlaubsreif. Kaum in der Luft, sind wir von dicken, dunklen Wolken umgeben. Wir werden uns an das Wetter noch gewöhnen. In Deutschland wären wir bei solchen Wolken gar nicht erst gestartet. Neun Meter lang ist das Flugzeug, zehn Meter messen die Tragflächen, der Propeller bringt uns auf 250 Stundenkilometer, aber selbst ein VW Käfer ist komfortabler als diese fliegende Kiste. In jedes Luftloch plumpsen wir hinein, jede Turbulenz rüttelt uns durch. Die Luft wird klarer. Das Meer taucht auf. Hinter weißen Sandstränden im Blau des Ozeans liegen die Inseln des Bazaruto- Archipels. Wir landen auf dem Festland und fahren zum Hafen. Vilanculos, einfache Holzboote dümpeln im Wasser, ein kurzer Mast, graue Segel wie Bettlaken.

Frauen in goldenen, grünen und roten Kleidern balancieren gewaltige Schüsseln auf dem Kopf, ihre Kinder haben sie auf ihre Rücken gebunden. Ein Motorboot erwartet uns und bringt uns hinaus nach Linene Island, einer der Inseln südlich des Nationalparks Bazaruto. Eddie, der Inselhäuptling, begrüßt uns mit Drinks, froh, mal wieder Gesellschaft zu haben. Wir baden im lauwarmen Wasser, schnorcheln zwischen zutraulichen Fischen. Endlich angekommen. Auf der Nachbarinsel baut der Besitzer eine neue Lodge. Vor seinem Haus steht ein Jeep aus Holz. Das Armaturenbrett aus Holz, die Sitzbänke aus Holz. Aus einer Kiste - ebenfalls aus Holz - führt ein dünner Schlauch zum Motor: Das ist der Tank. "Den Jeep brachte das Meer", erzählt der freundliche Mann. Ein Wrack im Sand; was weggerostet war, wurde durch Holz ersetzt. Bremsen hat der Wagen gar nicht. Braucht man auf der Insel auch nicht, erklärt der Besitzer. Es reicht, vom Gas zu gehen, den Rest erledigt der Sand.

4. Tag: Mvuu / Malawi
"Plötzlich färbt das Land sich rosa. Ein Schwarm Flamingos gleitet unter uns hinweg."

In Hochform: Ebbe und Flut geben den Inseln des Bazaruto-Archipels den richtigen Schwung. Am Cockpit- Fenster klemmt die Checkliste, an der Küste funktioniert sogar die Satellitennavigation
Gerd George

In Hochform: Ebbe und Flut geben den Inseln des Bazaruto-Archipels den richtigen Schwung. Am Cockpit- Fenster klemmt die Checkliste, an der Küste funktioniert sogar die Satellitennavigation

Wir fliegen. "open skies", sagen hier die Piloten, der Himmel steht uns offen. Keine Flughafenführung, kein Funkverkehr, keine Einflugschneisen. Wir sind frei. Andere Flugzeuge? Fehlanzeige. Wir könnten Loopings schlagen, auf dem Kopf fliegen, ohne Absprache mit einem Tower unseren Kurs ändern - in Deutschland undenkbar.

Von Mosambik geht es nach Malawi, ein kleines Land mit runden Kegelhügeln, das zu fast einem Viertel aus einem riesigen See besteht, dem Malawisee. Tiefes, intensives Grün. Plötzlich verfärbt das Land sich rosa. Wir sinken, um nachzusehen. Es sind Vögel! Ein Schwarm Flamingos gleitet unter uns hinweg, groß wie eine Wolkenbank. Wir lassen sie hinter uns. Wenn kein Naturschutzgebiet Mindesthöhen vorschreibt, gehen wir ganz weit runter, manchmal fliegen wir in zehn Meter Höhe. Atemberaubend. Halsbrecherisch. Wunderschön. Die Piste der "Mvuu Lodge" liegt am Südufer des Malawisees mitten im Dschungel. Wir wollen schon aufsetzen, da sehen wir das Flusspferd. Es steht mitten auf der Landebahn, fest und trutzig wie ein Felsblock. Wie wir es dort wegkriegen? Wir rasen im Tiefflug über das Tier hinweg, einmal, zweimal, dreimal. Endlich trollt es sich.

Zwischen den Leberwurst-Bäumen

Langsam wird uns klar, warum es so schwer war, ein Flugzeug zu chartern. Wir waren gewarnt: Unser Ziel Tansania liege von Südafrika zu weit entfernt, Flugbenzin sei schwer zu bekommen, zudem herrsche Regenzeit, auf die seltenen Wettermeldungen könne sich keiner verlassen, aber zuverlässig seien die Landebahnen in einem üblen Zustand. Wir hörten es uns geduldig an. Aber Gerd George - Spitzname "George" - und ich waren schon so oft in Afrika unterwegs gewesen, fast immer per Auto. Diesmal wollten wir fliegen, das Land von oben sehen. Knapp 7000 Kilometer von Südafrika, Mosambik, Malawi, Tansania nach Sambia, zurück über Namibia und Botswana - mit dem Auto hätten wir Monate gebraucht.

Ein einziges Mal um die weiße Kappe des Kilimandscharo fliegen, über dem Ngorongorokrater schweben, die runden, grünen Kegelhügel von Malawi aus der Luft sehen, die riesigen Steppen von Tansania - das geht nur mit dem Flugzeug. Es kann auf Sand und Steppe landen, und fast jede Lodge, in der wir übernachten wollten, hat eine eigene Piste. Gelandet. Wir schieben die Cessna auf einen kleinen Sandplatz zwischen die Baobab- und die Leberwurst-Bäume (sie heißen so wegen ihrer wurstförmigen Früchte). Zwei Tage bleiben wir in der Lodge, machen Pirschfahrten zu den Löwen, Krokodilen und Flusspferden. Immer in Begleitung eines Führers - so sicher wir uns in der Luft fühlen, so viel Respekt haben wir vor den wilden Tieren Afrikas.

6. Tag: Chinteche / Malawi
"Wie sollen wir hier bloß landen? Der Flugplatz ist voller Menschen."

Hier muss der Flugplatz liegen. Unser Navigationssystem GPS ist eindeutig. Wir sind nach Chinteche geflogen, ein Dorf am Nordufer des 400 Kilometer langen Malawisees - aber was ich statt einer Landebahn sehe, ist ein Dorfplatz. Eine grüne Wiese mit Trampelpfaden, hunderte von Menschen spielen darauf Fußball, fahren Fahrrad, stehen herum. Wie sollen wir da landen? Wir fliegen eine Kurve und nähern uns dem Platz. Die Dorfbewohner winken uns freudig zu, endlich bilden sie ein Spalier, vielleicht 30 Meter breit.

George rinnt der Schweiß über die Stirn. Ein Fahrradfahrer entkommt in letzter Sekunde. Chinteche ist ein Dorf aus Steinhütten mit Strohdach und festgestampftem Lehmboden, dahinter liegen kleine Felder, auf denen die Brotwurzel Maniok angebaut wird, außerdem ein bisschen Getreide. Auf dem Markt gibt es alles: krumme, rostige Nägel, Schlüssel ohne Schloss, Stoffe, Schlappen, T-Shirts, auf dem Boden sind bunte Decken ausgebreitet, darauf türmen sich riesige Haufen getrockneter Fisch. Daneben Kunst, naive Bilder, Öl auf Leinwand. Ich kaufe das Gemälde eines dicklippigen großen Fischs mit langen dürren Beinen in Pluderhosen.

Der Manager der Lodge "Chinteche Inn" heißt ebenfalls George. Er holt uns ab und fährt uns im Dorf herum. Jeder kennt ihn, jeder grüßt. George gehört das einzige Auto weit und breit. Er trägt blendend weiße Hosen, ein Hemd mit kleinen hölzernen Elefantenknöpfen und blank polierte schwarze Lederschuhe. Was man hier abends so macht? "Kino", sagt er, "Gewaltfilme gucken. Die Malawier gehen nach Hause, wenn drei Minuten lang keiner umgebracht wird." Ansonsten seien sie sehr friedfertige Menschen. Sie hätten die liebenswerte Angewohnheit, sich zu bedanken, wenn sie anderen einen Gefallen tun konnten.

13. Tag: Dodoma / Tansania
"Wir sollten um die Wolken herum fliegen, aber wir müssen mittendurch."

Wir wollen hoch in den norden von Tansania, an den Rand des Ngorongorokraters. Wir müssen eine Zwischenstation einplanen: Es ist Karonga, eine Stadt im Norden von Malawi, wo wir Zoll machen und tanken wollten.

Doch es gibt kein Benzin. Wir sind ratlos. Dann rechnen wir: Wie weit sind wir geflogen, was haben wir verbraucht, wie viel Benzin haben wir noch in unseren Tragflächen? Iringa, die nächste Stadt - das müssten wir schaffen. Sie liegt auf unserer Route, ein Flughafenzeichen auf der Karte macht uns Hoffnung. Kaum haben wir den Malawisee hinter uns gelassen und die erste Bergkette erreicht, spielen beide GPS-Geräte verrückt. Wir fliegen rückwärts, behauptet das satellitengesteuerte Navigationssystem. Iringa müssen wir nach der Karte finden - und zwar auf geradem Weg. Das Benzin reicht nicht aus, um Wolkenbänke zu umfliegen oder darüber zu steigen. Und wenn hinter der Wolke ein Berg kommt? Ein Tropengewitter schüttelt unsere kleine Cessna durch, reißt uns nach oben, nach unten, es hagelt, blitzt und kracht, wir sind mitten im Hexenkessel.

Mitten im Dschungel

Ein durstiger Elefant in der Nähe der "Mvuu Lodge"
Gerd George

Ein durstiger Elefant in der Nähe der "Mvuu Lodge"

Zum ersten Mal wird mir bewusst, dass dieser Flug mehr ist als ein Abenteuer. Dass jeden Moment das Benzin ausgehen kann. Dass wir dann noch fünf Kilometer segeln, aber runtermüssen, notlanden, irgendwo zwischen den Bergen mitten im Dschungel. Wir haben noch nicht mal etwas zu essen dabei. Endlich ist Iringa in Sicht. Benzin? Fehlanzeige. Aber wir haben Glück. Der Flughafenchef kennt einen Farmer, der ein paar Fässer auf seinem Hof lagert, und der Farmer kennt jemanden, der sie transportieren kann.

Erleichtert, mit voll getankten Tragflächen, fliegen wir in die Hauptstadt Dodoma. Tansania ist so groß wie Frankreich, Deutschland und die Niederlande zusammen, aber Dodoma besteht gerade mal aus drei staubigen Straßen. Im Tower sitzt ein betrunkener Zollbeamter, der befiehlt, dass ich Formulare abmalen soll, um sie danach auszufüllen. So was passiert uns immer wieder. Formulare! Und dann die Gebühren, immer in bar zu bezahlen. Wir brauchen viel Bargeld auf dieser Reise. Für landing fees, navigation fees, departure fees, die Liste ist endlos. Der Beamte bietet an, ein Taxi zum Hotel zu besorgen. Allein der Anruf kostet 20 Dollar. Etwas überrascht sind wir dann, als er das Taxi selber fährt.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Fernweh
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback