Kreuzfahrt zum Ende der Welt Kap Hoorn, das Wilde

Schiffshohe Wellen, gefährliche Strömungen: Beschaulich ist eine Kreuzfahrt vor Feuerland nicht. Dafür gibt es Gletscher, Magellan-Pinguine und das gefährlichste Kap der Welt zu sehen. Und dazu wird Champagner serviert.

Angela Böhm

Kapitän Jaime Barrientos ist entspannt. Ein paar Windböen, die mit 150 km/h daherfegen und Wellenberge vor sich auftürmen, sind für ihn noch Routine. Schließlich haben es Orkane hier schon auf 265 km/h gebracht.

"Wir versuchen es", sagt er. Gerade bahnt sich die Sonne einen Spalt durch die dunklen Wolken. Die Zeitanzeige auf der Brücke springt auf 6.45 Uhr. Ganz nah scheint das Ende der Welt. Das wollen die 200 Weltenbummler an Bord unbedingt betreten, auch wenn die See stürmt.

Kap Hoorn macht seinem Ruf alle Ehre. Wild vereinigen sich Atlantik und Pazifik vor der Felsspitze, die fast senkrecht 450 Meter ins Meer abbricht. Danach kommt nur noch die Antarktis. In einer geschützten Bucht liegt die Treppe, die auf einen 250 m hohen Basaltfelsen in der Nähe der Kapspitze führt. Vor ihr tänzeln die Wellen langsam aus. Dahin aber muss die "Stella Australis" erst mal kommen.

Mit aller Fahrkunst versucht der Kapitän, dem Wind und der gefährlichen Strömung zu trotzen. Die drängen das chilenische Expeditionsschiff verdammt nah an die Felswände. "Wenn das bloß nicht endet wie bei der 'Costa Concordia' vor der Insel Giglio im Mittelmeer", sagt Sabine, Unternehmerin aus München. Auf das Frühstück haben fast alle verzichtet.

Die ganz Standfesten torkeln im Windschatten hinaus auf das kleine Deck am Heck, um sich nichts entgehen zu lassen. 800 Wracks und mehr als zehntausend tote Seeleute sind in der eisigen Tiefe auf dem größten Schiffsfriedhof der Welt begraben. Nach einer Stunde Warten dreht der Wind ums Kap Hoorn noch weiter auf. Und die "Stella Australis" endgültig ab.

Die Route der "Stella Australis" durch Feuerland - Höhepunkt der Schiffsreise: Kap Hoorn
Angela Böhm

Die Route der "Stella Australis" durch Feuerland - Höhepunkt der Schiffsreise: Kap Hoorn

"Das Schiff muss die Wellen jetzt schräg ansurfen", sagt Johannes. Er kennt sich aus. Der Manager aus Nordrhein-Westfalen hat den Motorbootführerschein. "Jede siebte Welle rollt noch gewaltiger daher", gibt er zum Besten. So wie im US-Thriller "Papillon": Als Steve McQueen auf der Teufelsinsel immer wieder die Wellen zählte, um schließlich mit seinem Floß auf der siebten, der höchsten, der Gefangenschaft zu entfliehen.

Ein subantarktischer Märchenwald

Das Häuflein Abenteuerlustiger hat es da bequemer auf seinem Beobachtungsposten in den champagnerfarbenen Ledersofas am Bug. Sechs Meter hohe Brecher donnern über die Reling, fegen wie in einer Waschmaschine über die streifenfreien Panoramafenster des Yamana-Salons.

Wer es hier aushält, der muss einen unverwundbaren Magen haben. Zerfetzt weht die Schiffsflagge am Heck. Sechs lange Stunden taumelt das Schiff auf seinem Weg zurück vom Kap Hoorn.
Dem Höhepunkt der fünftägigen Kreuzfahrt, die vorbei an schmelzenden Gletschern durch die zerklüfteten Fjorde Feuerlands begann.

Vor fast 500 Jahren hatte der portugiesische Seefahrer Ferdinand Magellan hier wochenlang die sichere Passage vom Atlantik zum Pazifik gesucht. Nur graue Schwaden von versteckten Lagerfeuern sah Magellan bei seiner Entdeckungsreise 1520 in den Himmel steigen. "Land des Rauches" taufte er die Gegend. Erst später wurde daraus Feuerland.

Heute ist es ein Niemandsland. Siedler aus Europa rotteten die Ureinwohner aus. Nur wenige überlebten. Auch ihre Nachfahren sind inzwischen ausgestorben. Schnell wieder verabschiedet haben sich die Einwanderer aus der unwirtlichen Gegend.

Geblieben ist eine spektakuläre, unberührte Natur. Nach feuchtem Moos und wilden Beeren duftet es in der Ainsworth-Bucht. Ein subantarktischer Märchenwald, an dessen Bäumen weiße Büschel im Winde wehen, reckt sich in den Himmel. Vor einem Jahrhundert war der Boden noch mit einer dicken Eisschicht überzogen. Langsam pirschen sich die Zodiacs - so heißen die kleinen Schlauchboote, mit denen die Passagiere auf Entdeckungstour gehen - an die Tucker-Inseln heran.

Faul aalen sich dort Magellan-Pinguine in den Sonnenstrahlen. Heerscharen von Kormoranen krächzen entlang der felsigen Küste gegen das Rauschen der Wellen an. Selbst die steife Brise kann den Geruch ihres Guanos nicht in Luft auflösen. Gott sei Dank tragen die Schlauchboote um ihren Bug ein Kettenhemd aus zentimeterdicken Stahlringen.

In der Allee der Gletscher
Angela Böhm

In der Allee der Gletscher

"In München steht ein Hofbräuhaus, oans, zwoa, gsuffa", brüllt es aus den Lautsprechern in der Sky-Lounge der "Stella Australis". Die Kellner wuseln mit Bier und Würstl von Tisch zu Tisch. Willkommen in der "Allee der Gletscher". Zur Begrüßung spannt sich ein leuchtender Regenbogen wie eine Brücke über das tiefe Dunkel des Wassers. Backbord wälzt sich der Alemania breit hinunter zum Meer. Champagner perlt in den Gläsern zu Édith Piafs "Je ne regrette rien" - "Ich bereue nichts".

Verschleppt nach London

"Mein Name ist 007", stellt sich der Mann am Ruder vor. Ein Gefühl von Sicherheit soll das seinen Zodiac-Gästen vermitteln. Gleich wird er durch die scharfkantigen Eisschollen steuern. Die dümpeln wie ein breiter Verteidigungsring vor dem Pia-Gletscher, der mit den grauen Wolken verschmilzt. Sein Zwillingsgletscher nebenan hat schon das Zeitliche gesegnet. Nur ein gigantischer Geröllhaufen blieb.

Die blaue Zunge des Francia schafft es längst nicht mehr bis zum Meer. Das Sterben der Gletscher, die Folge der Klimakatastrophe, wird nirgendwo so deutlich wie hier, wo sich sechs Eisriesen wie zum warnenden Appell aufreihen. Italia, Espania, Romanche, Hollandia, ihre Entdecker hatten ihnen einst die Namen ihrer Heimat gegeben. Irgendwann werden sie verschwunden sein.

So wie die Indianer in der Wulaia-Bucht, dem letzten Stopp. Mit flauem Magen und Schwindelgefühl geht es auf einem ihrer alten Pfade über glitschige Felsen steil nach oben. Von dort sind die vielen weißen Gipfel zu sehen, die aus dem Meer aufsteigen. Jahrtausende Jahre lebten die Ureinwohner hier. Ein kleines Museum in einem einsamen Haus erzählt ihre Geschichte. Vier von ihnen wurden 1830 vom englischen Kapitän Robert FitzRoy verschleppt. Als sogenannte Weltsensation führte er sie in London vor.

Einer von ihnen war Jemmy Button, das Vorbild für Michael Endes Kinderbuchfigur "Jim Knopf". Mit schwungvoller Unterschrift überreicht Kapitän Jaime Barrientos seinen gebeutelten Kreuzfahrern zum Abschied eine Urkunde. "Für das Erreichen von Kap Hoorn, dem südlichsten Punkt der Welt." Eine Art Tapferkeitsmedaille zum Einrahmen. Und zum Beweis für alle daheim in der Mitte der Welt, dass man tatsächlich an deren Ende war.

Angela Böhm/srt/beh

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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
Max Super-Powers 12.02.2015
1.
Eine solche Kreuzfahrt möchte ich auch noch mal machen, bevor sie den Deckel über mir zunageln. Der Südzipfel Südamerikas hat es mir schon lange angetan. Atemberaubende Bilder übrigens. Vielen Dank dafür!
Victor Salomakhin 12.02.2015
2. optionaler Betreff
Im Artikel heißt es statt "Klimawandel" (nicht mehr aufregend genug?) jetzt "Klimakatastrophe". Immerhin haben sich unsere Autoren den Trip ans Ende der Welt nicht nur leisten können, sie haben mit diesem kleinen Freizeitspaß auch ganz wesentlich zur "Katastrophe" beigetragen, indem sie jede Menge CO2 für den Flug und eine Vergnügungsfahrt mit dem Dampfer in die antarktische Luft gepustet haben. Meine Empfehlung: Moralinsaure Begriffe wie "Klimakatastrophe" sind durchaus auch in Reisereportagen angemessen, aber bitte nur von Leuten, die im Urlaub mit dem Fahrrad an die Ostsee fahren, und zwar zum Zelten.
Chile14 12.02.2015
3. traumhaft!
Wir hatten Anfang Februar 14 das Privileg die Expedition mit der Stella Australis zu erleben. Im Gegensatz zum Autor des Artikels konnten wir nach Kap Hoorn bei Sonnenschein ausbooten. Oben auf dem Felsen, am Denkmal, peitschte uns der Wind den Regen horizontal entgegen. Seefest muss man nur für Kap Hoorn sein, die übrige Fahrt geht durch die Fjorde. Erwähnen sollte man auch die informativen Vorträge - englisch oder spanisch- an Bord!
candido 12.02.2015
4. Traumhaft
Diese Traumreise habe wir uns bereits 2008 auf der Mare Australis unter dem Kommando von Kapitän Enrique Rauch gegönnt. Neben den hochinteressanten Vorträgen und Landausflügen genossen wir in vollen Zügen den Konfort in den großzügigen Kabinen, alle mit Blick auf das Wasser. Vor Cape Horn war übrigens Flaute. Tolle Landschaften, eine unvergessliche Reise.
kai Spaicher 12.02.2015
5. Die Gegend ist so schön, da müss Ihr noch mehr Bilder sehens der Gegend sehen:
Wir haben die Strecke mit einem Kreuzfahrtschiff zurückgelegt. Das Wetter war traumhaft: wir haben Eindrücke gesammelt, die wir so schnell nicht vergessen. Hier gibt es Bilder von Kap Hoorn http://reisebilder.marotte.de/Bilder/KapHorn/index.html Ein paar mehr Gletscher der Gletscherallee: http://reisebilder.marotte.de/Bilder/Gletscherallee/index.html Und das sind Eindrücke von der Fahrt durch den Beagle-Kanal http://reisebilder.marotte.de/Bilder/Beagle-Kanal/
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