China Der Tanz der Matriarchinnen

Sie leben im "Land der Töchter": Bei den Mosuo im Südwesten Chinas bestimmen die Frauen die Geschicke des Dorfes. Das Volk kennt keine Hochzeit, sondern "Besuchsehen". Die Dörfer leben zunehmend vom Tourismus - nicht zuletzt weil männliche Besucher auf unkomplizierte Sexabenteuer hoffen.

Aus Lige berichtet Stephan Orth


Lige - Zwei große Schritte nach rechts, drei auf der Stelle, rechtes Bein in die Luft. Zwei große Schritte, drei auf der Stelle, innehalten. Mit stolz zur Seite gerecktem Kinn bewegen sich die Mosuo-Frauen in ihren blauen, roten und gelben Seidentrachten um das Feuer. Seitwärts, Pause, seitwärts, Hand in Hand mit der Nachbarin. Die Männer des Dorfes schauen von Holzbänken aus zu. Nicht, weil sie schüchtern sind - die ersten Durchgänge des Jiachuoti-Tanzes gehören allein den prächtig herausgeputzten Damen mit ihren weißen Röcken und zopfartig geflochtenen schwarzen Perücken.

Im Dorf Lige am Lugu-See haben die Frauen das Sagen. Seit mehr als 1500 Jahren lebt das Volk in den nördlichen Bergen der Yunnan-Provinz, unweit der östlichen Ausläufer des Himalajas, die nach Tibet führen. In der unwegsamen Bergregion weitgehend von der Außenwelt abgeschottet, hat sich im "Land der Töchter" eine weltweit einzigartige Sozialstruktur entwickelt.

Mehr als die Hälfte der etwa 30.000 Mosuo im Südwesten Chinas leben bis heute im Matriarchat. Die Familienzugehörigkeit richtet sich nach der Abstammungslinie der Mutter, Frauen bestimmen die Geschicke ihrer Clans und Dörfer, verwalten das Familienvermögen und schlichten Streit. Schon in der Sprache wird die Geschlechterhierarchie deutlich: Der majestätische Granitfelsen, der mit seinen über 3600 Metern Höhe dem Dorf abends Schatten spendet, wird in der ganzen Region als Heiligtum verehrt und heißt "Ganmu", "weiblicher Berg", während die umliegenden kleineren Hügel als "männliche Berge" bezeichnet werden. Große Bäume gelten als weiblich und kleine als männlich. "Xie na mi", Muttersee, nennen die Mosuo den lebensspendenden Lugu.

Ehe für eine Nacht

Nach dem zweiten Lied strömen die Tänzerinnen zur Mitte des offenen Innenhofes, um sich an dem rostigen Feuerkessel zu wärmen. Dann ertönen Flöten und Trommeln aus den Lautsprechern, schmerzhaft schrill setzt das euphorische Falsett einer Sängerin ein, die Stimme überschlägt sich zur jahrhundertealten Melodie. Zwei riesige Hunde, einer schwarz und einer weiß mit wollknäuelartigen Fellen, balgen im Takt der Musik.

Sogar die Hunde kriegen mehr Aufmerksamkeit ab als die braungebrannten Männer, die jetzt betont lässig ihre Zigaretten wegschnipsen und sich in einer separaten Reihe aufstellen. Mit Jeans, Turnschuhen und Cowboyhüten wirken sie trotz bunter Seidenponchos weit weniger spektakulär als die Tänzerinnen mit ihren Perlenketten und regenbogenfarbenen Gürteln.

Junge Mosuo-Männer kommen in Lige selten so früh wie an diesem Abend dazu, mit den Frauen zusammenzusein. Wenn kein Tanz ist, sind sie nur nachts willkommen in den "Blumenzimmern", den Gemächern der Frauen, tagsüber kehren sie in die Häuser ihrer Familien zurück. "Besuchsehe" nennt sich das. Um den daraus eventuell resultierenden Nachwuchs kümmern sich die Geschwister und Tanten mütterlicherseits.

"Leidenschaft ist vergänglich, aber der Bund der Familie hält ewig", sagt Naji. Die 22-Jährige lebt mit Großmutter, Mutter, mehreren Onkeln und Tanten und sechs Geschwistern in einem Haus. Auch wenn Letztere teils verschiedene Väter haben, nennt Naji sie ihre Brüder und Schwestern. Seit sie mit 13 Jahren beim Neujahrsfest die Kleidung einer Erwachsenen bekam, hat sie ihr eigenes Zimmer und darf auch selber nächtlichen Besuch empfangen.

Idyllische Lage: Das Dorf Lige am Lugu-See
Fotos: Google Earth; Karte: SPIEGEL ONLINE

Idyllische Lage: Das Dorf Lige am Lugu-See

Die Mosuo lehnen im Gegensatz zu den meisten anderen Kulturen die Hochzeit als Stützpfeiler des sozialen Zusammenlebens ab: Zur Familie gehört, wer mit der Mutter blutsverwandt ist. Väter spielen eine untergeordnete Rolle, ein wohlhabender Mann hat, anders als in Peking oder Shanghai, keine Vorteile bei der Partnersuche. Bis heute existiert bei den Mosuo ein System, in dem die Partnerwahl nicht von Besitz und Macht beeinflusst wird – und auch nicht an familiäre Pflichten gekoppelt ist.

Die nördliche Yunnan-Provinz zählt zu den idyllischsten Gegenden Chinas. Jährlich zunehmender Tourismus bringt viel Geld in die Region, die Mosuo zählen dank der Besucher zu den reichsten der 55 Minderheiten der Volksrepublik. 20 Yuan (etwa zwei Euro) kostet der Eintritt für die abendlichen Tanz-Shows, so viel wie ein üppiges Abendessen für zwei – ein gutes Geschäft. Das 170-Einwohner-Dorf Lige hat zwei Jugendherbergen und mehr als ein Dutzend Hotels, das Hämmern von Baustellen ist bis weit auf den See zu hören.

Tourismus-Marketing zielt auf einsame Männer

Manch männlicher Tourist hofft, bei Tanzshows und Abendessen am Lugu-See einen Haufen liebeswütiger Amazonen anzutreffen, ein Shangrila der freien Liebe ohne lästige Konsequenzen. Schon auf der achtstündigen Hinfahrt aus Lijiang blicken mehrere alleinreisende Chinesen verträumt auf den Bus-Fernsehschirm, auf dem ein Promotionvideo des Tourismusverbands eine Mosuo-Frau bei Kerzenschein mit Herrenbesuch in ihrer Holzhütte zeigt.

In der Werbewelt besteht das Leben der Mosuo neben nächtlicher Hingabe hauptsächlich darin, zu tanzen und zu singen und in bunten Trachten in altmodischen "Schweinetrog"-Holzkanus über den See zu rudern. Die Mosuo spielen gerne in diesen Vermarktungsvideos mit, weil der Tourismus den Wohlstand in die Dörfer bringt.

Zwei große Schritte vor, drei auf der Stelle, innehalten. Als bei der Show auch die Besucher aufgefordert werden, sich in den Kreis der Tanzenden einzuklinken, ist der Zeitpunkt günstig: "Wenn du beim Tanz die Hand etwas drehst und mit den Fingerspitzen die Handinnenfläche der Frau neben dir berührst, heißt das, du hast Interesse an ihr", sagt Naji.

Allerdings ist es im Dorf nicht angesehen, sich mit Fremden einzulassen. "Die Frauen hier sind nicht so leicht zu haben, viele sind über Jahre oder sogar Jahrzehnte dem gleichen Partner treu." Wer deshalb seine Erwartungen enttäuscht sieht, dem bleiben als Trost zumindest ein paar Erinnerungsfotos mit dem unvermeidlichen Victory-Zeichen aus Zeige- und Mittelfinger. In der Pause werden die Hübschesten unter den Tänzerinnen im Blitzlichtgewitter umlagert wie Popstars.

Die Tanz-Show endet immer mit einer Art Gesangswettbewerb zwischen Publikum und Tänzern, wobei unter viel Gelächter und Gemurmel abwechselnd Lieder intoniert werden – traditionelle und moderne chinesische Weisen, je lauter und frecher, desto besser. Wie so oft wird das auch heute wieder ein ungleicher Kampf werden – mit dem Gegröle der bierseligen Urlaubermeute können es die sanften Stimmen der Mosuo nicht aufnehmen.



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