Chinesisch für Anfänger Sind alle Chinesen Konfuzianer?

Buddhismus, Taoismus, Konfuzianismus – manch einem Chinesen fällt die Entscheidung schwer. Ja, muss man sich denn überhaupt entscheiden? SPIEGEL ONLINE erklärt, warum die Chinesen das mit der Religion nicht so eng sehen.

Von Françoise Hauser


"Was glauben eigentlich die Chinesen?" will die Wissenschaft wissen und lässt die Menschen befragen. Das Ergebnis, exakte Prozentzahlen geordnet nach den Kategorien Buddhismus, Taoismus und Konfuzianismus, ist freilich nicht das Papier wert, auf dem es gedruckt ist. Denn es ist jeden Tag anders.

Längst hat sich eine chinesische Volksreligion entwickelt, die sich nicht an die Grenzen zwischen den einzelnen Schulen hält und nur einer Definition gehorcht: der eigenen. Und die variiert nun mal nach Tagesform. Den Weg zur Erkenntnis muss der Mensch ohnehin selbst finden - einen allgemeingültigen Heilsweg gibt es in den ostasiatischen Religionen nicht.

Wie am Büfett pickt sich jeder die transzendentalen Häppchen heraus, die ihm am vielversprechendsten scheinen. Abends im Mondlicht, bei einem Nachbarschaftsschwätzchen vor der Haustür, würden sich wahrscheinlich viele als Taoisten bezeichnen. Das taoistische Bestreben, eins zu werden mit dem Universum, das ist in den betulichen Stunden des Tages ein wirklich attraktives Ziel.

Für Menschen in schwierigen Lebenssituationen, Kranke und Alte mag der Buddhismus eine größere Rolle spielen, denn nur er lockt mit Erlösung und Paradies. In konkreten Problemfällen wiederum ist der Volkstaoismus eine gute Referenz: Wie eine große Behörde sind die Götter hierarchisch eingeteilt, wobei jedem eine genaue Position samt Arbeitsgebiet zufällt.

Geschickte Gläubige wenden sich mit ihren Bitten übrigens nicht gleich an den Abteilungsleiter: Die Chance, bei einer unteren Charge erhört zu werden, ist schließlich viel größer. Trägt ein niederer Gott das Anliegen an hoher Stelle vor, wird es wahrscheinlich sogar noch schneller erledigt.

Götter auf dem Prüfstand

Am chinesischen Pantheon geht es daher zu wie auf der Arbeitsvermittlung: Nur wer positive Referenzen vorweisen kann, hat die Chance auf ein Engagement. Chinesen sind in der Wahl ihrer Götter anspruchsvoll – und erheblich pragmatischer als der Westen: Hat sich ein Gott in einem bestimmten Fachgebiet bewiesen, ist unwichtig, in welcher Religion er beheimatet ist.

Vor der Universitätsaufnahmeprüfung pilgern die Studenten daher scharenweise in den Konfuziustempel, schließlich gilt der alte Philosoph als Experte in Bildungsfragen. Wer wollte nicht einen ausgewiesenen Fachmann auf seiner Seite wissen? Besonders dort, wo die chinesische Kultur hautnah mit anderen Religionen in Kontakt kommt, finden neue Elemente den Weg in die Volksreligion: So nehmen die Chinesen Singapurs immer wieder auch indische Gottheiten, die sich als besonders effizient erwiesen haben, in ihre Tempel auf.

Die chinesische Haltung gegenüber göttlichen Ansprechpartnern ist dabei recht selbstbewusst: Ein bisschen Demut ist sicher dabei, bedingungslose Anbetung ohne Gegenleistung jedoch gehört nicht dazu. Wer regelmäßig opfert, will Ergebnisse sehen - auch die Götter stehen in der Pflicht: Kommt der lokale Dorfgott den Bitten der Gläubigen trotz gebührender Verehrung nicht nach, kann es passieren, dass die Gemeinschaft den Tempel verschließt und für Monate oder Jahre den Kontakt zum Dorfgott abbricht. Soll der er doch sehen, wo er bleibt!

Nützt dies nicht, kann er sogar abgesetzt werden und ein geeigneterer Kandidat auf den Posten gehoben werden. Auswahl gibt es genug: Um die 10.000 Götter kennt der Taoismus. Wie viele es ganz genau sind, weiß niemand, denn etliche von ihnen werden nur regional verehrt.

Und was ist mit Konfuzius? Die Frage "Sind Sie Konfuzianer?" stürzt Chinesen in tiefe Verwirrung. Ja, nein, schon irgendwie… Kaum ein Philosoph hat so tiefe Spuren hinterlassen wie der kleine Gelehrte, dessen strikte Morallehre die Gesellschaften Ostasiens entscheidend geprägt hat. Ein Gott ist er freilich nicht.

Trotzdem gibt es zahlreiche Konfuzius-Tempel, jedoch keine Priesterschaft, die ihm dient. Wo genau Konfuzius zwischen Diesseits und Jenseits angesiedelt ist, ist eigentlich auch nicht der Überlegung wert. In vielen taoistischen Tempeln findet sich auch ein kleiner Konfuzius-Schrein, genauso wie eine Buddha-Halle. Viele Gläubige machen gleich die große Runde und zünden allen ein Räucherstäbchen an.



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