Chinesisch für Anfänger Warum schreiben Chinesen mit Zeichen?

Ganz ehrlich – wäre es für die Chinesen nicht viel effizienter, ein Alphabet statt ihrer Zeichensprache einzuführen? Mit nur 26 Buchstaben statt 50.000 Zeichen? Alles Geheimniskrämerei, vermutet der Westen. SPIEGEL ONLINE erklärt, warum er falsch liegt.

Von Françoise Hauser


Ein kurzer Blick auf eine chinesische Zeitung genügt, und der Westler ahnt: Das schaffe ich nie! Zugegeben: Es dauert eine Weile, Chinesisch zu lernen. Jahre, wenn nicht Jahrzehnte des intensiven Studiums braucht es, um nicht schon am Schriftbild sofort als Ausländer identifiziert zu werden. Rund 50.000 Zeichen kennt das Chinesische, um die 10.000 davon sind aktiv im Gebrauch.

3000 sollte man kennen, um problemlos Bücher und Zeitschriften lesen zu können. Die offizielle Analphabetengrenze liegt jedoch bei 2000 Zeichen in der Stadt und 1500 auf dem Land. Sprich: Wer diese Anzahl von Zeichen beherrscht, kann den Alltag bewältigen, eine lokale Tageszeitung lesen und allgemeine Briefe schreiben und beantworten.

Jedes einzelne Zeichen ist dabei einzigartig, quasi wie ein Bild – und einzeln zu erlernen. Auch die Aussprache ist ihnen nicht zu entnehmen, die muss der Schüler mühsam memorisieren. Das klingt nach enormem Lernaufwand. Und ist es auch.

Eindeutig mehrdeutig

Fragt sich: Warum hängen die Chinesen an ihrem komplizierten System? Weil sie müssen!

Rund 400 lautliche Silben in vier verschiedenen Tonhöhen werden im Chinesischen verwendet (zum Vergleich: im Deutschen sind es rund 10.000). Kein Wunder, dass irgendwie immer alles gleich klingt. Auch für chinesische Ohren. Oft sieht man auf der Straße zwei Freunde im Gespräch, die blitzschnell in der Luft herumfuchteln. Mit Gestik hat das nichts zu tun, eher schon mit Untertiteln: Zum besseren Verständnis malen sie sich die Zeichen in die Luft – erst geschrieben sind viele Sätze absolut eindeutig.

Dabei gab es durchaus Bestrebungen die "feudalen" und "rückständigen" Schriftzeichen endgültig abzuschaffen. Ganz zu recht vermuteten die Kommunisten der fünfziger Jahre darin eine Haupthürde bei der Alphabetisierung der Landbevölkerung. Eine allgemeine Umschrift musste her, das "Pinyin", das auch heute in allen Wörterbüchern und Lehrmaterialien benutzt wird.

Die Zeichen ersetzen konnte es freilich nicht: So vieldeutig waren die Texte, dass sie eher als Rätselspaß denn als Lektüren dienten. Will der Lernende beispielsweise die Bedeutung des chinesischen Wortes "man" nachschlagen, ist die Auswahl groß: langsam, verheimlichen, voll, zufrieden und überfließen sind nur einige der verschiedenen Übersetzungen. Schriftlich hingegen gäbe es keine Verständnisschwierigkeiten, denn jede der verschiedenen Bedeutungen wird bei gleicher Aussprache anders geschrieben.

Diese Eigenschaft des Chinesischen erweist sich auch im Umgang mit den vielen Lokaldialekten und Sprachen Chinas als durchaus praktisch. Kantonesen und Sprecher des Hochchinesischen mögen sich zwar verbal kaum verstehen, können aber im Notfall ganz wunderbar per Stift und Papier miteinander kommunizieren. Kein Wunder, dass an diesem System seit mehr als 2000 Jahren im Grunde nichts Substantielles mehr geändert wurde.

"Furz die Ente"

Anbetracht der langen Zeichentradition stellt sich jedoch die Frage: Wie ist es möglich, mit einem jahrtausendealten "Bildersatz" moderne Errungenschaften abzubilden? Lassen sich Wörter wie Telefon und Computer mit einer Sprache darstellen, die noch vor der Erfindung des Stroms ihren letzten Schliff erhielt?

Ursprünglich ist das Chinesische eine einsilbige Sprache. Das heißt: Jede Silbe wird durch ein Zeichen ausgedrückt und hat eine eigene Bedeutung. Neue Wörter wurden daher meist aus Kombinationen gebildet. Nach und nach entwickelten sich im Chinesischen so eine große Anzahl mehrsilbiger Wörter, die eine eindeutige und differenzierte Sprache erlaubten.

Gab es bereits ein passendes Wort, wurde dies umgedeutet: Aus Blitz "dian" wurde so Strom, der sich wiederum zusammen mit dem Gehirn "nao" zu Strom-Gehirn zusammenschloss: Der Computer war geboren. Auch die Blitz-Sprache (Telefon), der Feuer-Wagen (Zug), der Dampf-Wagen (Auto) und das Hand-Gerät (Handy) wurden so gebildet.

Andere neue Worte, vor allem Namen, werden einfach nur durch Lautmalerei abgebildet. Yidali (Italien), Luomaniya (Rumänien) und Falankefu (Frankfurt) sind nur einige Beispiele dafür. Diese Methode hat jedoch Tücken: Zwar lässt sich jedes erdenkliche Wort ins Chinesische transferieren, so dass es laut vorgelesen dem ausländischen Namen ähnelt. Die Zeichen jedoch behalten ihre Bedeutung.

Da kann es passieren, dass ein Ahnungsloser ein Leben lang den Slogan "Furz die Ente" spazieren trägt, nur weil seine Freundin Pia heißt und der Tatowierer eine unglückliche Zeichenkombination gleicher Aussprache wählte. Da fragt sich: Warum schreiben Europäer mit Zeichen? Und lassen sie sich auch noch tätowieren?



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