Chinesisch für Anfänger Warum versinkt Peking in Staubstürmen?

Pekings Staubstürme sind legendär: Jedes Frühjahr hüllen sie die Stadt innerhalb von Minuten in eine Wolke aus feinem Sand und bringen das öffentliche Leben zum Erliegen. SPIEGEL ONLINE erklärt, woher der gelbe Flugstaub kommt.

Von Françoise Hauser


Eigentlich gibt es am Lössboden wenig auszusetzen: Er ist fruchtbar und leicht zu bearbeiten, ja sogar Wohn- und Lagerhöhlen lassen sich mit einfachsten Werkzeugen in seine butterweichen Wände graben. Als Flugstaub aus den innerasiatischen Steppen wird er seit Jahrtausenden in die chinesische Tiefebene getragen, wo er sich bis zu 300 Meter hoch ablagert.

Ohne den Löss wäre die chinesische Hochkultur vielleicht gar nicht erst entstanden. Dort, wo der Gelbe Fluss in die Tiefebene einschwenkt, steht die literarisch viel bemühte "Wiege der chinesischen Kultur", liegen alle Hauptstädte des frühen chinesischen Kaiserreichs, befinden sich die ältesten Relikte des Reichs der Mitte.

Das Gelb der Kaiser, des Gelben Meeres und des Gelben Flusses - all dies leitet sich von der Farbe des Lössbodens ab, der die chinesische Kultur entscheidend prägte. Und das Alltagsleben in der Hunderte von Kilometer entfernten Hauptstadt Peking. Heute noch. Denn: So wie die Lösspartikel kommen, werden sie auch wieder abgetragen - mit dem Wind.

Jeden Frühling, wenn bis zu 100 km/h schnelle Stürme aus dem Inland gen Peking ziehen, werden die Einwohner der Stadt daran erinnert, dass ihre Hauptstadt nicht nur am Rande einer Wüste liegt, sondern Nordchina auch mit enormen Erosionsproblemen zu kämpfen hat: Blitzschnell und ohne Vorwarnung verschwindet Peking in einem Wirbel gelben Staubs, der die Sicht innerhalb von Sekunden auf wenige Meter reduziert und noch Stunden später zwischen den Zähnen knirscht.

Regen wäscht Boden weg

Material dazu bekommt der Pekinger allemal: Ein Sandsturm im April 2006 beispielsweise verteilte innerhalb eines Tages rund 300.000 Tonnen Sand und Staub über der Hauptstadt. Mittlerweile stöhnen selbst Japan und Korea über die Staubstürme, die sich bis weit über Peking hinaus bemerkbar machen.

Ein Blick auf die Satellitenkarte Chinas zeigt schnell, wie es zu den verheerenden Stürmen kommen kann: Einst bewaldet, war das chinesische Hauptsiedlungsgebiet entlang des Gelben Flusses schon zu Beginn unserer Zeitrechnung quasi komplett abgeholzt. Was übrigblieb, wanderte in den folgenden Jahrhunderten in den Ofen oder wurde als Baumaterial gebraucht.

Heute liegt der Lössboden über große Strecken blank. Die heftigen Sommerregen waschen den Boden wie Seife von den Hängen - kein Wunder, dass auch der Wind mühelos seine Fracht bis nach Peking tragen kann. Insgesamt ist rund ein Viertel der Fläche Chinas von der Desertifikation betroffen.

Eine Mauer gegen die Wüste

Bereits Ende der siebziger Jahre wurde die chinesische Regierung auf dieses Problem aufmerksam und rief das Projekt "Große Grüne Mauer" ins Leben - das weltweit größte Umweltprogramm. Das Ziel: Eine 4500 Kilometer lange und 100 Kilometer breite Barriere aus Bäumen soll die Erosion stoppen und die Ausbreitung der Wüste Gobi verhindern.

Insgesamt sieht die Große Grüne Mauer bis zum Jahr 2050 Aufforstungen auf einer Fläche von rund vier Millionen Quadratkilometern vor. Bis sich die ersten Erfolge einstellten, dauerte es freilich einige Jahre. Erst 2005 gelang es, das Ruder herumzureißen: Seither verringert sich die von der Desertifikation betroffene Fläche wieder leicht.

Ohnehin ist der Lössstaub nur ein Teil des Pekinger Luftproblems. Solange ein leichter Wind durch die Hauptstadt weht, stutzt der Ausländer - ist doch gar nicht so schlimm, wie alle sagen! An windstillen Tagen jedoch verdichtet sich der morgendliche Parkhausmief schnell zu einem fast greifbaren Smog, der die Lungen rasseln lässt.

Kein Wunder, dass anlässlich der Olympischen Spiele allerhand Luftverbesserungsprogramme ins Leben gerufen wurden: Betriebe der Schwerindustrie und chemische Fabriken wurden verlagert oder modernisiert, die öffentlichen Busse größtenteils auf Gas umgerüstet, neue Abgasrichtlinien für Pkw eingeführt und ein neuer Grüngürtel rund um die Hauptstadt angelegt.

Mit Erfolg: 246 Smog-freie Tage, sogenannte Blue Sky Days, registrierte die Pekinger Stadtregierung in 2007. Zum Vergleich: Noch 1998 war der blaue Himmel lediglich an hundert Tagen zu sehen. Ob der Effekt von Dauer ist, wird sich freilich noch zeigen müssen.



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