Chinesischer Nationalpark: Blaue Lagune von Jiuzhaigou

Von Philipp Mattheis

Grellblaue Seen, zu Eis erstarrte Wasserfälle: Aus Märchen kennt in China jedes Kind die Gewässer von Jiuzhaigou. In dem Nationalpark toben Affen, zwitschern Vögel und lärmen Gäste. Zu Besuch in einem Naturschutzgebiet, das auf Ökotourismus setzt - und damit scheitern muss.

Chinesischer Nationalpark Jiuzhaigou: Söhne des Meeres Fotos
Philipp Mattheis

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Vom Ufer des Tigersees winkt ein Pandabär, er umarmt eine junge Chinesin. Grinsend spreizt Studentin Yue aus Chengdu die Finger zum Victory-Zeichen, hinter ihr spiegeln sich im Wasser die Gipfel des Min-Shan-Gebirges. Yues Freundin drückt auf den Auslöser. Dann befreit sich die 21-Jährige aus den Pranken des Pandas, schnappt sich einen Laowai, einen Ausländer, hakt sich ein, lächelt. Wieder ein Foto. Der Panda und der Laowai sind Yues am häufigsten fotografierten Motive an diesem Tag. Der Panda ist ein Mensch im Plüschkostüm, der Ausländer echt.

Den Nationalpark von Jiuzhaigou könnte sich ein Fantasyfilm-Regisseur ausgedacht haben, so unwirklich schön ist die Landschaft in der chinesischen Provinz Sichuan: Überall rauscht Wasser, mal sprudelt es zwischen Sträuchern hervor, mal stürzt es mit Getöse aus 30 Meter Höhe hinab. Jetzt im Winter sind aus manchen der unzähligen Wasserfälle bizarre Eisskulpturen gewachsen. Die Luft ist kalt und dünn, nur ab und zu trägt sie einen Hauch von Pinienharz mit sich.

Auf den 72.000 Hektar des Nationalparks gibt es nicht nur Plüschpandas, sondern auch echte Bären, außerdem Stumpfnasenaffen, Blauschafe sowie 140 Vogelarten. Im Zharu-Tal wachsen 40 Prozent aller in China vorkommenden Pflanzen - doch der Grund, warum jedes Jahr mehr als drei Millionen Menschen in den Park strömen, sind seine Gewässer.

Die Seen von Jiuzhaigou leuchten in hellem Blau, Türkis und Grün. Nichts trübt den Blick auf den Grund des Tigersees, die Rinde eines im Wasser liegenden Baumstamms ist bis ins kleinste Detail erkennbar. Eine Reinheit, die man sonst nur in der Südsee hat - oder im Chlorwasser. "Die Seen sind so klar wie Swimmingpools", sagt Yue. So klar, dass sie nur einem Märchen entspringen können.

Seen wie 114 Spiegelsplitter

Der Legende nach verdankt Jiuzhaigou seine Schönheit einem Scherbenhaufen: Die Fee Woluo Semo schaute einst in einen mit Wind und Wolken polierten Spiegel, als ein böser Geist auftauchte. Vor Schreck ließ sie das Teil, ein Geschenk ihres Geliebten Dage, fallen. Es zersplitterte und stürzte ins Tal hinab, wo sich die 114 Stücke in Seen verwandelten.

Jedes chinesische Kind kenne die bunten Park-Bilder und das Märchen dahinter, sagt Nicole Tan, eine kanadische Reiseveranstalterin mit chinesischen Wurzeln. Tan arbeitet seit vielen Jahren in der Tourismusbranche. Sie verkauft sowohl Reisen an Westler als auch an Chinesen und erlebt bei jeder Tour, wie sehr sich die Reisegewohnheiten ihrer internationalen Kundschaft unterscheiden: Während sich Urlauber aus den USA und Europa echte Naturerlebnisse wünschen, das Ökosystem und die Kultur der Einheimischen verstehen wollen, bleiben die Chinesen immer bei ihrer Gruppe. "Erst ganz langsam beginnt sich so etwas wie Individualtourismus zu entwickeln", sagt Tan.

"Chinesische Touristen sind zufrieden, wenn sie schnell ein Foto von einer Sehenswürdigkeit machen und dann weiterfahren", sagt auch Kieran Fitzgerald, Marketingleiter des Parks. Ginge es nach ihm, soll sich das ändern, Fitzgerald kämpft für nachhaltigen Tourismus. "Die meisten Besucher haben wenig Kenntnis von der tibetischen Kultur hier", sagt er. "Wir wollen aber zeigen, wie eng verbunden mit der Natur die Menschen hier leben."

Seit 2009 bietet der Park Touren abseits des Besucherstroms an. Die Ökotouren führen durch das Zahru-Tal mit seiner vielfältigen Pflanzenwelt und zum 4500 Meter hohen heiligen Berg Zha Yi Zha Ga. Auf den Routen besichtigen die Ökotouristen buddhistische Tempel und Dörfer, die so abgeschieden sind, dass sich außer ihnen niemand hierher verirrt.

Übernachtet wird in Zelten mitten in der Wildnis, wo ein Führer seinen Abenteuertouristen auch mal erklärt, welche Pflanzen man essen kann. "Die Führer können die Spuren der Tiere identifizieren, sie wissen, welche Heilpflanzen welche Wirkung auf den Körper haben, und sie machen die Teilnehmer mit der Kultur und den Gebräuchen der Tibeter bekannt", erklärt Kieran Fitzgerald.

"Früher haben wir den Müll der Touristen gegessen"

Jiuzhaigou (gesprochen: "Dschiutschaigou) liegt eine knappe Flugstunde von Chengdu entfernt, der Zehn-Millionen-Metropole im Westen Chinas. Rasant erhebt sich das tibetische Hochplateau aus dem Sichuan-Becken. Der Flughafen von Songkan liegt auf 3500 Höhenmetern. Die Luft ist dünn, auf der 90-minütigen Busfahrt vom Flughafen zum Park inhaliert eine chinesische Urlauberin alle zehn Minuten aus ihrer Sauerstoffflasche. Hier endet das China der Han-Chinesen, das der Tibeter beginnt.

Jiuzhaigou bedeutet übersetzt Neun-Dörfer-Tal. Heute leben noch rund 1000 Tibeter in sieben der Ansiedlungen, zwei der Dörfer sind verlassen. Im 200 Kilometer entfernten Aba kam es in der ersten Januarwoche dieses Jahres zu Unruhen, nachdem sich ein tibetischer Mönch selbst angezündet hatte - der elfte Fall seit 2008. Auch in der Nachbarprovinz Qinghai kam es zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen tibetischen Demonstranten und der Polizei. Die Einheimischen im Jiuzhaigou-Tal jedoch scheinen kaum Interesse an Protesten zu haben - aus gutem Grund.

Seitdem das Gebiet 1982 zum Nationalpark und 1992 zum Unesco-Naturerbe erklärt wurde, ist den Bewohnern die Landwirtschaft untersagt. Sie leben nun vom Tourismus. "Die Tibeter erhalten sieben Yuan von jedem verkauften Eintrittsticket", sagt Kieran Fitzgerald - das entspricht rund 90 Cent. "Außerdem ist nur den Einheimischen erlaubt, Snacks und Souvenirs zu verkaufen." Zu Letzteren zählen vor allem Schmuck, Schals und Mützen in Form eines Pandakopfs.

"Früher haben wir den Müll der Touristen gegessen", sagt ein tibetischer Student auf Englisch mit antrainiertem amerikanischem Akzent, "heute hat jede Familie ein Auto." Er trägt eine Jacke aus roter Seide und einen Cowboyhut. Tatsächlich parkt vor jedem zweiten der bunt verzierten Holzhäuser ein Mittelklassewagen.

Der Preis für den Aufstieg in die neue Mittelschicht bringt einen gewissen Verlust an Authentizität mit sich. Wer eines der traditionellen Häuser besichtigen will, wird von einer alten Tibeterin empfangen, die Besucher ins "Familienmuseum" führt. Sie setzt einen gusseisernen Kessel auf die Feuerstelle des Wohnzimmers. Während man auf einer mit bunten Kissen gepolsterten Bank Platz nimmt, erklärt sie, dass die Frauen früher stets in einer unbequemen Hockposition verharren mussten, um möglichst schnell aufspringen und den Mann bedienen zu können. Anschließend steigt die Frau in ihren neuen Audi und braust die Bergstraße davon.

Hinter dem Dorf beginnt ein Wanderweg. Hier, abseits der Besucherströme, starten sowohl die Ein- als auch die Dreitagestouren für Ökotouristen. "Jeder, der hier war, liebt es", sagt Kieran Fitzgerald. Und in der Tat erlebt man die wahre Schönheit von Jiuzhaigou erst bei einer geführten Wanderung in der Kleingruppe.

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1. das alte problem
autocrator 15.02.2012
ja, es ist mal wieder das alte problem. Was tun mit den chinesischen menschenmassen? "Ökotourismus an die chinesischen gegebenheiten anpassen" - hört sich zwar schön an, aber was heisst das konkret? 3 mio. chinesen als besucher uns vor jedem 2. haus ein mittelklassewagen ... was, wenn "die" chinesen wohlhabender werden, mehr reisen, aus den 3 mio. 9 oder 12 mio. besucher werden, die alle laut sind, abfall hinterlassen, die beköstigt und deren exkremente entsorgt werden müssen? Und wen nicht vor jedem 2. haus ein auto, sondern wie bei uns im westen vor jedem haus 2 autos stehen? Der (inakzeptable, widersinige und rücksichtslose) extensive ressourcenverbrauch der westlichen welt kann für die "chinesischen gegebenheiten" keine lösung sein. "wenn die chinesen morgen beschließen gras zu essen, dann wird gras auf der welt knapp" sagte irgendjemand mal weise vorausschauend.
2. Warum so fern wenn es ganz nah
blob123y 15.02.2012
Zitat von sysopPhilipp Mattheis Grellblaue Seen, zu Eis erstarrte Wasserfälle: Aus Märchen kennt in China jedes Kind die Gewässer von Jiuzhaigou. In dem chinesischen Nationalpark toben Affen, zwitschern Vögel und lärmen Gäste. Zu Besuch in einem Park, der auf Ökotourismus setzt - und damit scheitern muss. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,815258,00.html
etwas aehnliches aber wesentlich besseres gibt. Das Natuerschutzgebiet um die Langbahtseen nahe Ebensee in Oberoesterreich schaut von der Anlage sehr aehnlich aus ist jedoch optisch um einen ganzen Quantensprung besser.
3. China vs. Bayern/Salzburger Land
schon,aber 15.02.2012
Zitat von blob123yetwas aehnliches aber wesentlich besseres gibt. Das Natuerschutzgebiet um die Langbahtseen nahe Ebensee in Oberoesterreich schaut von der Anlage sehr aehnlich aus ist jedoch optisch um einen ganzen Quantensprung besser.
Sie sind mir zuvorgekommen und – es geht sogar noch näher. Aber das verrate ich hier nicht.
4. Lieder Nein
sogenannterexperte 15.02.2012
Zitat von blob123yetwas aehnliches aber wesentlich besseres gibt. Das Natuerschutzgebiet um die Langbahtseen nahe Ebensee in Oberoesterreich schaut von der Anlage sehr aehnlich aus ist jedoch optisch um einen ganzen Quantensprung besser.
ich weiß zwar nicht was Sie mit "optisch um einen Quantensprung besser" meinen, aber ich muss Ihnen widersprechen.Jiuzhaigou ist "besser". Jiuzhaigou lässt sich nicht mit einen in dem Alpen gelegenen Bergsee vergleichen. So etwas werden Sie in Europa leider nicht finden. Bambuswälder auf 3000m Höhe mit aufsteigenden dichten Nadelwäldern. Sich gefühlte 1000m hohe Felswände herabstürzende Wasserfälle. Mehr Wasserfälle. Fleißende Täler durch Büsche und Wälder. Wie Corallen aussehende Baumstämme, konserviert durch Kalk, im algenfreien, kristallklarem Wasser. Paradisvögel lassen sich füttern. Ich hab sogar auf 2500m Baumwolle wachsen sehen. Jiuzhaigou lässt sich auch mit dem Auto aus Chengdu erreichen. Vorrausgesetzt man hat starke Nerven und Vertrauen in chinesische Fahrer. So sieht man aber noch viel mehr. Passiert man anfangs das Erdbeebengebiet Sichuans (2008), trifft man auf seiner Reise unzählige Dörfer mit seinen unterschiedlichen Minderheiten. Muss man gesehen haben. Wer Interesse hat, einfach mal nach "Somewhere in Sichuan" auf youtube suchen.
5. Nun kenne ich die Alpenseen nicht
fareast 15.02.2012
Zitat von sogenannterexperteich weiß zwar nicht was Sie mit "optisch um einen Quantensprung besser" meinen, aber ich muss Ihnen widersprechen.Jiuzhaigou ist "besser". Jiuzhaigou lässt sich nicht mit einen in dem Alpen gelegenen Bergsee vergleichen. So etwas werden Sie in Europa leider nicht finden. Bambuswälder auf 3000m Höhe mit aufsteigenden dichten Nadelwäldern. Sich gefühlte 1000m hohe Felswände herabstürzende Wasserfälle. Mehr Wasserfälle. Fleißende Täler durch Büsche und Wälder. Wie Corallen aussehende Baumstämme, konserviert durch Kalk, im algenfreien, kristallklarem Wasser. Paradisvögel lassen sich füttern. Ich hab sogar auf 2500m Baumwolle wachsen sehen. Jiuzhaigou lässt sich auch mit dem Auto aus Chengdu erreichen. Vorrausgesetzt man hat starke Nerven und Vertrauen in chinesische Fahrer. So sieht man aber noch viel mehr. Passiert man anfangs das Erdbeebengebiet Sichuans (2008), trifft man auf seiner Reise unzählige Dörfer mit seinen unterschiedlichen Minderheiten. Muss man gesehen haben. Wer Interesse hat, einfach mal nach "Somewhere in Sichuan" auf youtube suchen.
aber ich denke, Sie haben mit Ihrem Kommentar recht. War letztes Jahr im April eine Woche dort und es war hinreisend. Mit Abstand das Beste, was ich an Parks in China gesehen habe. Ausserdem muss ich dem Autor ein wenig widersprechen, denn der Park mit seinem Shuttleservice und seinen befestigten Wegen ist schon sehr oekologisch aufgezogen. Die Zahl der Leute war zumindest im April nicht hoeher als z.B. in Yosemity in Kalifornien, die Infrastruktur war aber um klassen besser.
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Ökotourismus in Jiuzhaigou
Mehr Informationen über den Ökotourismus in Jiuzhaigou gibt es auf der Webseite des Nationalparks. Buchen kann man die Ein- bis Dreitageswanderungen per E-Mail (ecotourism@jiuzhai.com) oder telefonisch unter der Nummer 0086 837 773 7811.
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