Wiederaufbau von Christchurch: HipHop aus der Waschmaschine

Von Alva Gehrmann

Christchurch wird nie wieder, wie es vor dem verheerenden Erdbeben war. Doch die Menschen in der neuseeländischen Uni-Stadt erfinden ihre Heimat Stück für Stück neu - mit kreativen Lückenfüller-Projekten, farbenfrohen Container-Läden und Versteigerungen von Haussprengungen.

Kreative Neuseeländer: Christchurch erfindet sich neu Fotos
Alva Gehrmann

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In der Ferne rumpelt, ächzt und kracht es. Gegen 21 Uhr graben sich Bagger mit wuchtigen Schaufeln und langen Armen in Beton, Stück für Stück wird ein mehrstöckige Gebäude zerlegt. Von der Terrasse der West Fitzroy Apartments in der Armagh Street hat man einen prächtigen Blick auf die Stadt, den angrenzenden Hagley Park - und die Abrissarbeiten einige Straßen weiter.

Die Baustelle ist eine von vielen Spuren jenes Erdbebens, das am 22. Februar 2011 um 12.51 Uhr Neuseelands zweitgrößte Stadt für immer veränderte. Bereits im September 2010 erschütterte ein Beben Christchurch und schädigte zahlreiche Gebäude. Damals starb niemand. Das Naturunglück vor anderthalb Jahren jedoch kostete insgesamt 185 Menschen der Canterbury-Region das Leben. Ein Trauma für die Südinsel und die ganze Nation.

Noch immer zählen Teile der Innenstadt zur sogenannten Red Zone, zum gesperrten Bereich. Dennoch ist der größte Teil Christchurchs für Besucher mittlerweile wieder zugänglich, viele Museen sind geöffnet. Paul Lonsdale, Mitinitiator von Re:START, war es wichtig, dass das Zentrum so schnell wie möglich wieder zum Leben erweckt wird. Das Projekt hat die farbenfroh gestrichenen Seefracht-Container in der Cashel Street initiiert, in denen 27 Firmen seit Oktober 2011 ihre temporären Geschäfte errichtet haben: Modeläden, einen Computer-Store, Bankfilialen, Schuh- und Geschenkläden.

Die Fußgängerzone ist mit Blumenbeeten dekoriert, Sträucher wurden zu kunstvollen Elefanten oder anderem Getier zurechtgestutzt. "Was mich sehr freut, ist, dass auch viele ältere Menschen und Eltern mit ihren Kinder zu uns kommen", sagt Lonsdale. "Das heißt, die Menschen glauben wieder, dass die Gegend sicher ist." Das Büro des Re:START-Managers befindet sich natürlich ebenfalls in einem Container. Direkt nebenan stehen kleine Imbissbuden - sie verkaufen Sushi, Gyros und Bratwürste von "Fritz's Wieners - Bavarian style".

Kaffeetrinken im Container-Café

Die meisten Geschäfte gehörten schon früher zur City Mall in der Cashel Street, nur ein Laden ist neu gegründet: "Hapa". Mitinhaberin Maureen verkauft hübsche neuseeländische Design-Objekte. Sie ist stolz, beim Re:START-Projekt dabei zu sein, selbst wenn die Schiffscontainer nicht für ewig hier bleiben werden. Immerhin lässt sich ihr robuster Laden später problemlos an einen anderen Ort verfrachten.

Zahlreiche Menschen schlendern an diesem Nachmittag durch die Fußgängerzone, sie sonnen sich auf den Bänken oder sitzen im zweistöckigen Container-Café. Wo auch immer sie verweilen, überall sieht und hört man die Abrissarbeiten weiterer Baustellen. Am Ende der Container-Straße stößt man wieder auf die Red Zone. Am Zaun hängen getrocknete Rosen und Mitleidsbekundungen. Für Ablenkung sorgen dann aber in der Nähe Straßenkünstler, wie eine junge Opernsängerin.

Der Besuch Christchurchs bereitet ein Wechselbad der Gefühle - einerseits freut man sich über die neuen Projekte, und andererseits weiß man, dass fast jeder Bewohner persönlich von der Naturkatastrophe betroffen ist. Sei es, dass jemand aus dessen Familie oder Bekanntenkreis gestorben ist oder das Zuhause zerstört wurde. Dennoch sollen 98 Prozent der Bürger in Christchurch geblieben sein.

Auch für den Schriftsteller Carl Nixon stand nie zur Debatte, nach den verheerenden Erdbeben seine Heimat zu verlassen. Mit seiner Frau und den beiden Kindern lebt er im Viertel St. Martins, im Süden der Stadt. Der 45-Jährige hatte Glück, sein Wohnhaus blieb unbeschadet, anders als das seiner Mutter. Bei ihr geht ein Riss durch das Gebäude - bis heute haben die Behörden noch nicht entschieden, ob es repariert werden kann oder abgerissen werden muss. "Immerhin kann meine Mutter weiter dort leben", sagt Nixon, "tausende Hausbesitzer sind in derselben Lage, etliche Häuser sind komplett unbewohnbar."

Tanzen gegen den Kummer

An diesem Tag sitzt Carl Nixon im Boatsheds Café am Avon River, der Fluss schlängelt sich durch Christchurch. Nixon mag das historische Café, einer seiner Lieblingsorte wird jedoch für die nächsten Jahre geschlossen bleiben: das Arts Centre. Der neugotische Bau, in dem sich früher die Universität befand, beherbergte unter anderem das Court Theatre. "Da habe ich als Student in einer Improvisationstruppe mitgespielt", erinnert er sich. Heute steht vor dem Komplex ein großer Schutzzaun.

"Ich gehe nur noch selten ins Stadtzentrum, das ist zu deprimierend. Dafür blüht das Leben in unseren Wohnvierteln auf." Auch in New Brighton, wo sein gerade auf Deutsch erschienener Roman "Rocking Horse Road" (Weidle Verlag) spielt, halfen die Bürger einander - zum Beispiel, indem sie kurz nach dem Beben spontan Wasser und Lebensmittel für die Wohnungslosen organisierten.

Die Community hält zusammen, das gilt auch für das Viertel Sydenham, nicht weit vom Zentrum entfernt. Hier haben die Organisatoren von Gap Filler, auf Deutsch Lückenfüller, vor wenigen Monaten auf einer freien Fläche ihr Zehn-Quadratmeter-Haus bezogen, in dem sich ihr neues Büro befindet. Gebaut wurde es mit Hilfe von Freiwilligen und zum Teil aus Holzbalken zerstörter Häuser.

Gegründet hat sich Gap Filler kurz nach dem ersten großen Erdbeben im September 2010. Mit Konzerten und Lesungen schufen sie an brachliegenden Orten temporäre kreative Projekte. "Wir wollten den Menschen Mut machen, ihnen eine Freude bereiten", sagt Mitbegründerin Coralie Winn. Anfangs arbeiteten sie und ihre Freunde ausschließlich ehrenamtlich, inzwischen wird das Projekt unter anderem von der Stadt und Creative New Zealand finanziell unterstützt.

Dance-O-Mat auf dem Parkplatz

Die 31-jährige Australierin, die schon seit einigen Jahren in Neuseeland lebt, war früher unter anderem beim Arts Centre tätig. Den 22. Februar 2011 überlebte sie nur knapp: Als es losging, versuchte Winn, durch die Vordertür ihres Hauses auf die Straße zu gelangen. Doch die Erde bebte so stark, dass sie die Tür nicht öffnen konnte. Also floh Winn in die Küche zum Hinterausgang.

"Ich erinnere mich noch, wie lichtdurchflutet plötzlich der Raum war - die Außenwände waren einfach weg", erzählt sie. "Als ich draußen stand, merkte ich, dass der Weg vor meinem Haus voller Ziegelsteine lag. Vermutlich wären mir einige davon auf den Kopf gefallen." So oft sie diese Geschichte schon erzählt hat, man spürt, dass Winn dieses Erlebnis immer noch sehr nahe geht.

Und doch war für die Kreativdirektorin von Gap Filler und ihre Freunde schnell klar, dass sie gerade jetzt weitermachen wollen. Zum Beispiel mit einem überdimensionalen Schachbrett oder dem Dance-O-Mat. Wer zwei Dollar in die umgebaute Waschmaschine wirft und dort seinen MP3-Player oder iPhone anstöpselt, kann 30 Minuten lang einen großen Platz mit seiner Musik beschallen. Bei ihrer Stippvisite probt an dem Ort, wo früher eine Autovermietung stand, gerade eine HipHop-Gruppe.

"Jeder Bürger hat die Möglichkeit, sich bei uns zu beteiligen und seine Ideen einzubringen", sagt Coralie Winn. Den Machern ist es wichtig, dass all ihre Projekte temporär sind, und sie nicht die Lösung für die brachliegenden Orte sein sollen.

Rote Knopf in der Auktion

Die angedachten Lösungen stellte Premierminister John Key vergangene Woche vor. Der Aufbauplan für das zentrale Geschäftsgebiet sieht neben mehr Grünflächen und Fahrradwegen auch ein großes Konferenzzentrum sowie ein überdachtes Sportstadium mit 35.000 Sitzplätzen vor. "Ich bin beeindruckt von dem mutigen Rahmen", sagt Schriftsteller Carl Nixon. "Es gibt uns eine Vision, das ist wichtig. Jetzt müssen wir nur noch daran arbeiten, wie man das bezahlen soll." Coralie Winn stimmt ihm zu und ergänzt: "Ich frage mich, ob kleine und kurzzeitige Aktivitäten immer noch Teil der Stadt sein können, sobald all die großen und funkelnden Häuser gebaut sind."

Doch bevor es an die Zukunftsvision geht, müssen zunächst die zerstörten Gebäude abgerissen werden - das könnte noch bis Ende 2013 dauern. Immerhin kann eine Sprengung auch Gutes bewirken. In einer Auktion hatte eine Gruppe von Abrissfirmen insgesamt 22.600 Neuseeland-Dollar (rund 14.900 Euro) dafür gezahlt, bei der Implusion des 14-stöckigen Radio Network House den Knopf drücken zu dürfen. Sie gaben einem krebskranken Sechsjährigen die Möglichkeit, dies zu tun. In 7,7 Sekunden fiel das Haus in sich zusammen. Das gespendete Geld wird nun genutzt, um die Fassade des historischen Isaac Theatre Royal zu restaurieren.

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1. Christchurch? Von Wiederaufbau keine Rede
independent68 10.08.2012
Das Problem ist, das Neuseeland das Personal (vor allem mangelt es an der Ausbildung und Arbeitsmoral) und die Technologie nicht hat um Infrastrukturprojekte zu planen und auszuführen. Da werden ein paar billige, energieverschwendende Baucontainer (die landesweit auch als „Einfamilienhäuser“ verkauft werden) aufgestellt und bunt angemalt und das ganze wird dann als moderne Architektur und Lebensweise verkauft um Touristen anzulocken, die für einen Kaffee im Plastikbecher dann 3 Euro bezahlen sollen. So schlängelt man sich durch in Neuseeland mit 30% Jugendarbeitslosigkeit, fast so wie in Griechenland.
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