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23. November 2012, 06:51 Uhr

Skifahren in Colorado

Prickelt wie Champagner

Der Pulverschnee von Steamboat Springs ist weltberühmt: Skifahrer finden in dem Ort im US-Bundesstaat Colorado optimale Bedingungen - und Meteorologen ein Wetterphänomen. Nur eine Winterfreude ist hier so gut wie unmöglich.

In Steamboat Springs verlieren sie nicht viele Worte, um den Begriff Champagne-Powder zu erklären. Sie zeigen es einfach. Manche schlagen die Tür ihres eingeschneiten Autos zu - und der Schnee landet komplett auf der Straße. Andere werfen diesen einfach in die Luft und zählen die Sekunden, bis er wieder am Boden ankommt. Je länger es dauert, desto besser ist der Schnee. Aber nur wenn die Kristalle für einen kurzen Moment scheinbar in der Luft schweben - dann ist es Champagner-Pulverschnee.

Den Begriff Champagne-Powder gibt es schon seit den frühen fünfziger Jahren. Damals war hier ein Ranger namens Joe McElroy an einem sonnigen Tag im Pulverschnee unterwegs und sagte angeblich zu seinen Freunden: "Das Zeug prickelt unter meiner Nase wie Champagner."

Der Wintersportort Steamboat Springs in Colorado darf sich als Home of Champagne Powder Snow bezeichnen. Man ließ sich den Begriff rechtlich schützen und lockt damit seit Jahrzehnten Skifahrer und Snowboarder an. Der Wintersportort liegt in den Park-Range-Bergen im US-Bundesstaat Colorado, am südlichen Ausläufer der Rocky Mountains, einer Gegend, die trocken, kalt und sonnig ist.

Steamboat Springs Skigebiet erstreckt sich über zahlreiche bewaldete Hügel. Die Gipfel auf 3200 Metern erinnern an den Schwarzwald. Aber das gehört alles zur Champagne-Powder-Optik. Die weite und weitgehend felsen- und steilwandfreie Landschaft setzt den Schnee, der hier überall liegen bleibt, besonders effektvoll in Szene.

Wie in Zuckerguss getaucht

An diesem Morgen ist es wieder eiskalt, in der Nacht hat es noch ein paar Zoll dazugeschneit. Für einen Gast aus Europa ist der Schnee phantastisch. Die Einheimischen wirken gelangweilt, sagen, das sei auf einer Skala von eins bis zehn gerade mal eine vier - und bleiben zu Hause. Sie schnallen die Ski nur an, wenn ein Blizzard tagelang über die Pisten hinweggezogen ist und nichts als Weiß zurückgelassen hat.

Das Storm Peak Laboratory steht am höchsten Punkt des Skigebiets an der Bergstation des Morningside-Lifts. Hier beginnen viele der schönsten Tiefschneeabfahrten. Das Gebäude, in dem sich die Wetterstation befindet, ist von Wind und Kälte gezeichnet, ebenso wie die gekrümmten und einseitig mit Schnee überzogenen Bäume. Vieles sieht aus wie in Zuckerguss getaucht.

Die Tür öffnet ein Mann mit einem dicken Fleecepulli und einer großen Hornbrille: Dr. Doug Lowenthal. Hier oben forscht er zusammen mit Meteorologen, Mikrobiologen, Chemikern und Geografen an Wetterveränderungen, Klimawandel und Schneefallmustern. Seltsame Geräusche erfüllen den Raum, die Laptops sind mit Klebeband an Metallgestellen befestigt, und rechts an der Wand hängt ein Poster, auf dem die Kristallformen des Schnees dargestellt sind.

Schneeballschlacht unmöglich

"Das hier ist die perfekte Wetterstation", erklärt Ian McCubbin, Lowenthals Kollege, und steigt durch eine Luke auf das Dach der Station. "Wir können die Stürme, die über uns hinwegfegen, in Echtzeit beobachten. Wir sitzen mitten in den Wolken und haben Forschungsbedingungen, wie man sie sonst nur in einem Flugzeug hat."

Wolken, die es über die Rocky Mountains bis nach Steamboat geschafft haben, sind über die Wüsten Kaliforniens, Nevadas und Utahs gezogen und haben dort neunzig Prozent ihrer Feuchtigkeit verloren. Dann bleiben sie an den Park-Range-Bergen hängen. Auf über 3000 Metern Höhe kühlen sie extrem schnell ab, und das Wasser schockgefriert in ihnen. "Der Schnee hier hat bei uns nur sechs bis acht Prozent Feuchtigkeit", sagt Ian. So einfach ist die wissenschaftliche Erklärung für den Champagne-Powder. Normal seien zehn Prozent Feuchtigkeit auf der Welt.

Huevos, Snooze Bar und Rooster heißen die Abfahrten von der Wetterstation, und ganz gleich, wo man abfährt, früher oder später kommt dieser Moment, wenn man mit Schwung von der planierten Piste in den knietiefen Schnee zwischen den Bäumen hineinsteuert. Normalerweise würde einen der Tiefschnee abrupt verlangsamen oder gar zu Fall bringen - in Steamboat Springs allerdings merkt man keinen Unterschied, fährt einfach ungebremst weiter und zieht eine wirbelnde Scheewolke hinter sich her.

Das Stadtzentrum von Steamboat Springs selbst liegt noch ein bisschen weiter unten im Tal. An der Hauptstraße, der Lincoln Avenue, gibt es Cowboyhutläden, Saloons und die üblichen Fast-Food-Restaurants. Männer mit furchigen Gesichtern parken ihre Pickups am Wegesrand. Oder sie reiten gleich mit dem Pferd durch die Straße. Rein statistisch müssten ein paar von ihnen Olympiateilnehmer sein. Denn neben Home of Champagne-Powder bezeichnet sich Steamboat auch als Skitown, U.S.A.. Keine andere amerikanische Stadt hat mehr Olympioniken hervorgebracht. Es gibt hier Skischanzen, Loipen, eine Alpine Academy und Trainingshänge für die Buckelpisten-Nationalmannschaft.

Nur eine ganz simple Schneeballschlacht funktioniert in der Stadt der Olympiasieger und des Champagnerschnees leider überhaupt nicht. Man kann kneten, wie man will, der Schnee rieselt einfach so durch die Finger. Das ist dann wohl der einzige Nachteil des Champagner-Powder.

Andreas Lesti/SRT

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