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Couchsurfing in Iran: Bikiniparty in der heiligen Stadt

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Wer junge Iraner zu Hause besucht, lernt viel über ihre heimlichen Gesetzesbrüche. Alkohol, Sex, Drogen - eine ganze Generation lebt ihre Sehnsüchte im Verborgenen aus.

Couchsurfing im Iran: Sehnsüchte unter Strafe Fotos
Stephan Orth

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Die Bikiniparty steigt außerhalb der heiligen Stadt Maschhad. Wir fahren mit Kaymans* Oldtimer-Jeep hin: ein Cabrio, Baujahr 1983, keine Windschutzscheibe, Motorengeräusch wie ein Traktor. Ein auffälligeres Gefährt könnte man kaum auswählen für die Anreise zu einer verbotenen Geheimveranstaltung, da hilft auch die Militärfarben-Lackierung nichts.

Er hält vor einem metallenen Eingangstor, das nach "Passwort, bitte" und Preisboxer-Türsteher aussieht, aber sofort aufschwingt, um uns reinzulassen. Im dahinter verborgenen Garten wachsen Maulbeerbäume, das Tor schlägt hinter uns zu.

Wir parken hinter zwei anderen Autos auf einem Schotterweg. Trancemusik wummert aus einem Peugeot 206. "Hast du Weed dabei? Hast du Wodka?", fragt ein Mann. Er wirkt zu füllig für einen Preisboxer, würde aber mit seinen vielen Tattoos als Gangster-HipHopper keine schlechte Figur machen.

Iran also. Islamische Republik, Mullah-Staat, Bastion konservativer Schiiten. Ein Land, in dem Alkoholgenuss mit 80 Peitschenhieben bestraft wird und Wiederholungstätern gar der Tod durch den Strick droht. Doch wo überstrenge Regeln gelten, steigt der Anreiz, sie zu brechen. Ich war zwei Monate unterwegs und wohnte als Couchsurfer bei Einheimischen, um herauszufinden, wie ihr Leben aussieht, wenn der Staat nicht zuguckt.

Offiziell ist es Iranern verboten, Fremde bei sich aufzunehmen, wenn diese sich nicht innerhalb von 24 Stunden bei der örtlichen Polizei melden. Der Staat befürchtet, dass Spione auf diese Art unerkannt durchs Land reisen könnten. Laut Auswärtigem Amt wurden schon Deutsche des Landes verwiesen, weil sie sich per Internet Privatunterkünfte organisierten.

Die Nachbarn dürfen nichts hören

"Ich rechne jeden Tag damit, dass die Polizei vor meiner Tür steht", sagt der Grafikdesigner Saeed aus Shiraz, 700 Kilometer südlich von Teheran. "Aber bis dahin werde ich so viele Gäste haben, wie ich will. Ich fühle mich einsam, wenn mal drei Tage niemand zu Besuch ist."

Der 20-Jährige hat buschige Augenbrauen und wirre Haare und lächelt fast ununterbrochen. Er ist absoluter Couchsurfing-Junkie, allein in den vergangenen drei Monaten hatte er 45 Gäste. "Sei leise und sprich kein Englisch auf der Straße, sonst hören das die Nachbarn", sagt er, als wir mit dem Auto eines Freundes vor seiner Wohnungstür halten.

Saeed macht in einem Samowar schwarzen Tee. Eine enge Küchenzelle trennt die beiden Zimmer der schlauchartigen Wohnung. Auf Regalen liegen Muscheln aus dem Persischen Golf, ein Zauberwürfel, Jonglierbälle und eine beträchtliche Sammlung ausländischer Münzen. Cents, Pence, Lire, Rupien, Pesos. Saeed träumt davon, selbst einmal per Anhalter durch Europa zu reisen. Doch dafür muss er erst den Militärdienst absolvieren, vorher bekommt er keinen Reisepass.

Die gläserne Haustür ist mit Alufolie blickdicht verklebt. Nach hinten raus hat die Wohnung ein Fenster, das mit Pappe abgedeckt ist, und eine Tür zu einem Innenhof, verborgen hinter einem dunkelroten Vorhang. Ein typisches iranisches Apartment, komplett vor neugierigen Blicken von draußen geschützt. Denn was zu Hause passiert, widerspricht oft dem, was der totalitäre Staat per Gesetz von seinen Bürgern verlangt.

Wassermelone am Pool

Manche machen im Internet ihre Grenzüberschreitungen öffentlich, etwa auf der Facebook-Seite "My Stealthy Freedom", wo sich Frauen ohne Schleier präsentieren, oder mit dem berühmt gewordenen "Happy"-Tanzvideo aus Teheran. Das ist nur die Spitze des Eisbergs: Mehr als 60 Prozent der Iraner sind unter 30, und viele von ihnen haben ein paar Geheimnisse.

  • Zum Beispiel Ehsan aus Marivan in Kurdistan, nicht weit von der Grenze zum Irak. Ehsan produziert Rotwein, 600 Liter pro Jahr. "Wenn ich erwischt werde, bekomme ich ein Jahr Gefängnis für jeden Liter", sagt er. Sein Wein schmeckt hervorragend. Trocken, fruchtig, leichte Brombeernote. Zum Abschied füllt er mir eine Wasserflasche mit seinem Rebensaft auf, ein nicht ganz ungefährliches Gepäckstück.
  • Zum Beispiel die Domina Yasmin aus Teheran. Sie hat es in der iranischen Sadomaso-Szene zu einer gewissen Berühmtheit gebracht, weil sie im Internet Bilder von verbotenen Spielen mit ihrem Sklaven in den Wäldern Nordirans veröffentlichte. Ich habe vier Nächte bei ihr gewohnt und hatte einige Mühe, die Angebote eines Freundes auszuschlagen, mich doch einmal als Sklave zu versuchen.
  • Zum Beispiel Shahin aus Hamedan, der privat zugibt, den gesamten Islam für großen Unsinn zu halten. Laut Scharia werden Muslime, die sich vom Glauben lossagen, mit dem Tod bestraft.

Und natürlich die jungen Leute in Mashhad auf ihrer Gartenparty. Die Mädels springen in Bikinis in den Pool, die Jungs machen Fotos von ihnen, es wird viel gelacht. Würde ein Staatsbeamter sie so erwischen, kämen alle ins Gefängnis.

Das Gras hat Kayman übrigens vergessen, Alkohol hat auch keiner dabei. Wir planschten herum, essen Wassermelone und rauchen Bahman-Zigaretten. Es ist die unschuldigste Party der Welt, umgeben von einem vier Meter hohen Betonzaun.

(*sämtliche Namen wurden geändert)


Mehr über die Iran-Reise von Stephan Orth erfahren Sie in seinem Buch "Couchsurfing im Iran" (Piper-Verlag).

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insgesamt 10 Beiträge
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1.
nomenestomen1 09.03.2015
würde mich aber auch interessieren wie sich die mullahs vergnügen der glaube dient denen ja nur zum volk dumm halten da würde ich lieber einer nsdap beitreten als dieser religion
2. Weder, noch ...
felding 09.03.2015
Zitat von nomenestomen1würde mich aber auch interessieren wie sich die mullahs vergnügen der glaube dient denen ja nur zum volk dumm halten da würde ich lieber einer nsdap beitreten als dieser religion
Weder noch ist hier die bessere Alternative. Ideologien, egal welcher Couleur, sind immer noch am besten im Mülleimer aufgehoben. Menschen tun überall letztendlich das was ihnen Spaß macht und solange sie keinem Dritten damit schaden, geht es diesen Dritten einen feuchten Dreck an was Hans und Hanna mit ihrem Leben anfangen.
3. Dumm halten
ffmfrankfurt 09.03.2015
ist vielleicht etwas übertrieben, aber Glaube verhindert mit Sicherheit stets den Blick auf die Realität. Die meisten Gläubigen merken das nur nicht. Ansonsten: scheint ein interessantes Buch zu sein
4. 60% der Iraner sind unter 30 Jahre alt!
gerd33 09.03.2015
60% der Iraner sind unter 30 Jahre alt!. Das ist genau die Gruppe, die das Potenzial hat, die klerikalfaschistische Diktatur der Mullahs in den nächsten 10 Jahren zu stürzen. Und eine solche Gruppe wird den aufgezwungenen Islam verachten und sich humanistischen Idealen zuwenden - und nicht mehr den Lehren eines "Propheten" aus den 6./7. Jahrhundert oder überlieferten Fabeln anhängen. Der Islam erreicht (endlich) sein Zeitalter der Aufklärung - nur dank der weltumspannenden Kommunikationsmöglichkeiten wesentlich schneller als seinerzeit das Abendland. Wir werden sehen: in wenigen Jahrzehnten wird Religion jeder Art nur noch eine Schrulle von wenigen Sonderlingen sein.
5. so schnell wird das wohl nichts
vrag_naroda 09.03.2015
Zitat von gerd3360% der Iraner sind unter 30 Jahre alt!. Das ist genau die Gruppe, die das Potenzial hat, die klerikalfaschistische Diktatur der Mullahs in den nächsten 10 Jahren zu stürzen. Und eine solche Gruppe wird den aufgezwungenen Islam verachten und sich humanistischen Idealen zuwenden - und nicht mehr den Lehren eines "Propheten" aus den 6./7. Jahrhundert oder überlieferten Fabeln anhängen. Der Islam erreicht (endlich) sein Zeitalter der Aufklärung - nur dank der weltumspannenden Kommunikationsmöglichkeiten wesentlich schneller als seinerzeit das Abendland. Wir werden sehen: in wenigen Jahrzehnten wird Religion jeder Art nur noch eine Schrulle von wenigen Sonderlingen sein.
aber der Artikel macht Hoffnung. Denn in der Tat ist es heute so, daß die Globalisierung trotz ihrer Nachteile auch etliche Vorteile mit sich bringt, denn diese jungen Leute schauen sich in der Welt um bzw. sehen sie sich im Internet an und stellen fest, daß das, was Sie wollen, woanders ganz normal möglich ist. Irgendwann werden diese Regimes von der unterdrückten, da herrschaftsfeindlichen "Modernisierung" der Gedankenwelt überrollt werden. Übrigens: Das Bedürfnis frei von Zwang zu leben, ist so alt wie die Unterdrückung selbst und ensteht nicht erst durch Einwirkung von "äußeren Mächten" wie uns einige Kommentatoren hier gerne bei anderen Themen (Ukraine, Naher Osten) versuchen weiß zu machen.
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Fläche: 1.648.195 km²

Bevölkerung: 79,476 Mio.

Hauptstadt: Teheran

Staatsoberhaupt und Religionsführer:
Ajatollah Ali Chamenei

Staats- und Regierungschef:
Hassan Rohani

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia

Republik Iran
Land
REUTERS
Die Islamische Republik Iran ist mit einer Fläche von rund 1,7 Millionen Quadratkilometern fünfmal so groß wie Deutschland. Das Land besitzt nach Russland die zweitgrößten Erdgasreserven der Welt, beim Erdöl steht Iran auf Platz drei und ist derzeit nach Saudi-Arabien der größte Produzent innerhalb der Opec.
Politik
dpa
Seit der Islamischen Revolution von 1979 haben der Revolutionsführer, aktuell Ajatollah Ali Chamenei (Bild), und der Wächterrat die größte Macht im Staat. Der Wächterrat kontrolliert die Kandidaten für Wahlen. Der Regierungschef ist der gewählte Präsident - seit August 2013 Hassan Rohani.
Leute
Corbis
Iran hat rund 75 Millionen Einwohner. Auf dem Uno-Index menschlicher Entwicklung (HDI) für 179 Staaten belegt Iran Platz 76 (Deutschland ist auf Platz 5). Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 73 Jahren (zum Vergleich: Die Lebenserwartung in Deutschland liegt bei 80 Jahren).
Wirtschaft
REUTERS
Die Wirtschaftsleistung pro Kopf betrug 2008 laut einer Schätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) rund 5200 Dollar. Begünstigt vom hohen Ölpreis wuchs die Wirtschaft zuletzt um etwa sechs Prozent. Neben der Arbeitslosenquote, die laut inoffiziellen Schätzungen bei etwa 30 Prozent liegt, ist die Inflation eines der größten wirtschaftlichen Probleme. 2008 soll sie bei fast 30 Prozent gelegen haben, für 2009 rechnet der IWF mit 25 Prozent. Im Jahr 2005 machten Teherans Ausgaben für das Militär laut Uno-Statistiken 5,8 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung aus (Deutschland: 1,4 Prozent).
Menschenrechte
REUTERS
Nach China ist Iran das Land, in dem die meisten Todesurteile vollstreckt werden. Laut Amnesty International wurden 2009 mindestens 388 Menschen hingerichtet, das waren 42 Hinrichtungen mehr als im Vorjahr. Der Uno zufolge saßen 2007 pro 100.000 Einwohner 214 Menschen im Gefängnis (in Deutschland sind es 95). Korruption ist in Iran weit verbreitet. Auf dem weltweiten Index von Transparency International nimmt Iran 2009 bei 180 beobachteten Staaten den 168. Rang ein (Deutschland: 14).

Chronik
Aufstieg von Mohammed Resa
AFP
Im Zweiten Weltkrieg gilt der monarchische Staat Iran als Freund der Achsenmächte. Britische und sowjetische Truppen besetzen daher 1941 das Land. Resa Schah muss abdanken. Die Alliierten inthronisieren seinen Sohn Mohammed Resa . Wegen seiner proamerikanischen Reformpolitik gerät der Schah erstmals 1963 in die Kritik von Ajatollah Ruhollah Chomeini, einem damals hochrangigen religiösen Führer, den die Regierung ein Jahr später in die Türkei abschiebt. Chomeini geht schließlich in den Irak. Dort bleibt er 13 Jahre und entwickelt er das Staatsmodell des islamischen Staates. Mit seiner repressiven Politik und seinem dekadenten Herrschaftsstil bringt der Schah eine wachsende Opposition aus sehr unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Schichten gegen sich auf.
Ajatollah Chomeini und die islamische Revolution
Getty Images
1978 mobilisieren Liberale und Konservative, Säkulare und Religiöse, Linke und Rechte Massenproteste gegen den Schah. Zur Leitfigur des Protests wird Ajatollah Chomeini. Den landesweiten Streiks und Massendemonstrationen in Teheran schließen sich Hunderttausende an. Armee und Polizei gehen teilweise brutal gegen die Demonstranten vor. Dennoch enden die Proteste mit dem Sturz des Schahs am 16. Januar 1979. Nach Chomeinis Rückkehr aus dem Exil in Frankreich, wohin er 1978 gedrängt worden war, spricht sich die Bevölkerung in einem Referendum für die Islamische Republik aus, deren oberster Führer der Großajatollah selbst wird.

Die Außenpolitik Chomeinis wendet sich vor allem gegen die USA und Israel. Am 4. November 1979 besetzen islamische Kräfte die amerikanische Botschaft und nehmen mehr als 50 Geiseln, die erst nach 444 Tagen wieder freikommen. Chomeini billigt die Aktion. Die Beziehungen zu den USA erreichen ihren Tiefpunkt. Unterstützt von den USA überfällt der Nachbarstaat Irak am 22. September 1980 Iran. In dem folgenden acht Jahre langen Krieg zwischen den beiden Ländern sterben etwa eine Million Menschen.
Phase der Islamisierung
REUTERS
Im Laufe des Kriegs treibt die Regierung die Islamisierung des Landes voran. Für Frauen gilt eine strenge Kleiderordnung, in öffentlichen Verkehrsmitteln die Geschlechtertrennung. Chomeini lässt linksgerichtete politische Häftlinge ermorden, vor allem Anhänger der Volksmudschahidin, die noch während der Revolution auf Seiten Chomeinis standen.

1989 stirbt der religiöse Führer. Der Expertenrat, ein Gremium aus höchsten religiösen Sachverständigen, ernennt Ajatollah Ali Chamenei zum Nachfolger. In den Folgejahren hat Iran stark unter zunehmender Korruption zu leiden. Die Liberalisierung der Wirtschaft bleibt weitgehend wirkungslos. Bereits 1995 verhängen die USA erste wirtschaftliche Sanktionen, weil Iran nach US-Auffassung den internationalen Terrorismus unterstützt.
Vom Reformer Chatami zum Hardliner Ahmadinedschad
AFP
Der als liberaler Geistlicher geltende Mohammed Chatami gewinnt 1997 die Präsidentschaftswahl. Seine innenpolitischen Reformbemühungen geraten allerdings ins Stocken, da er versucht, zu viele politische Lager zusammenzubringen, und die nach wie vor einflussreichen konservativen Hardliner erheblichen Widerstand leisten. Im Juni 2005 erobert der frühere Bürgermeister Teherans und konservative Hardliner Mahmud Ahmadinedschad das Amt des Präsidenten. Außenpolitisch sorgt er vor allem durch Vorantreiben eines Atomprogramms und harsche verbale Angriffe gegen Israel für Ärger. Infolge seiner Wiederwahl als Präsident im Sommer 2009 kam es wegen Unregelmäßigkeiten zu wochenlangen Massenprotesten, die teils brutal niedergeschlagen wurden. Zahlreiche Demonstranten wurden getötet, Hunderte Menschen verhaftet.
Entspannung gegenüber dem Westen
Bei der neuerlichen Präsidentenwahl im Sommer 2013 durfte Ahmadinedschad nach zwei Amtszeiten nicht erneut antreten. Es siegte der als gemäßigt geltende Kandidat Hassan Rohani, der seitdem mildere Töne nach außen anstimmt. Der Westen und Iran einigen sich im November auf einen "Gemeinsamen Aktionsplan" im Streit um das iranische Atomprogramm.