Couchsurfing: Sofakunde auf Japanisch

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Weltweit bieten Couchsurfer kostenlose Unterkünfte im Internet an, in Japan verstoßen sie damit gegen gesellschaftliche Normen. Das Misstrauen gegen Online-Bekanntschaften ist groß - und viele Besucher aus der Fremde tapsen von einem Knigge-Fettnäpfchen ins nächste.

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Couchsurfing in Japan: Fettnäpfchen nicht ausgeschlossen
Kyoko hat ständig Besuch. In ihrer kleinen Dreizimmerwohnung in der Nähe der Bahnhaltestelle Ueno im Nordosten Tokios bringt die 32-Jährige ihre Gäste auf einer Wohnzimmercouch, auf dem Boden oder in einem kleinen Extra-Schlafzimmer mit Futon unter. Die Besucher aus Schweden, Singapur, Australien, Brasilien, Kanada und vielen anderen Ländern sieht die Bilanzbuchhalterin aus Tokio zum ersten Mal, wenn sie auf der Türschwelle stehen. Denn sie bietet eine kostenlose Bleibe im Internet-Reiseportal Couchsurfing.com an.

"Einige meiner besten Freunde habe ich so kennen gelernt", erzählt Kyoko. Sie trägt ein buntes Blumenkleid und bereitet in der Kochnische Toast mit heißem Apfelbrei und Hagebuttentee vor. An der Wand hängen indonesische Holzmasken neben einem rosa Kimono.

In Taiwan, Guam und Vietnam machte Kyoko Gegenbesuche bei früheren Gästen. Obwohl sie ständig Fremde zu sich einlädt, ist sie auf eigenen Reisen überraschend vorsichtig. "Ich traue mich nicht, selber zuerst Leute anzuschreiben", gibt Kyoko zu.

In westlichen Ländern hat sich "Couchsurfen" längst als neue Reiseform der Backpacker-Szene etabliert - mehr als 1,6 Millionen Mitglieder des Portals organisieren sich Gratis-Unterkünfte und Begegnungen mit Ortskundigen über das Internet. Die meisten sind zwischen 18 und 35 Jahre alt, 79 Prozent der Couchsurfer leben in Europa oder Nordamerika.

Unverschämt trifft mega-höflich

In Japan dagegen gibt es nicht viele einheimische Gastgeber wie Kyoko. Im Vergleich zu anderen großen Industriestaaten ist die Zahl von 2700 Mitgliedern, die ein Sofa oder Futon für Gäste anbieten, ziemlich mickrig, ein Großteil davon sind zudem gaijin - Ausländer. Das liegt nicht nur daran, dass die meisten Japaner unter 35 noch bei ihren Eltern leben. Mit dem Berufsalltag und auch mit den strengen gesellschaftlichen Normen des Landes ist diese Art der Gastfreundlichkeit schwer vereinbar.

"Japaner haben große Angst davor, fremde Leute kennen zu lernen", sagt Fumi aus Tokio. Normalerweise werden neue Kontakte über gemeinsame Freunde geknüpft. Fumi selbst hat diese Angst nicht: Die 25-Jährige organisiert in der Hauptstadt Restaurantbesuche und Kochabende mit Couchsurfern und führt Besucher durch die Nachtclubs des Ausgehviertels Roppongi. Bei solchen Treffen erlebt sie immer wieder Missverständnisse. "Manche Ausländer sind verdammt unverschämt im Vergleich zu den übermäßig höflichen Japanern", sagt Fumi.

Es ist hier nun einmal nicht üblich, direkt Kritik zu äußern oder Wünsche der Gäste abzuschlagen. So etwas deutet man hier viel vorsichtiger und meist mit einem freundlichen Lächeln an, vielen Besuchern fehlt die Antenne für die Zwischentöne und Feinheiten der Kommunikation. "Die Gastgeber sagen nicht, wenn sie etwas nervt, weil sie zu höflich sind", sagt Fumi. Und so merken manche Besucher gar nicht, wie sie von einem Benimm-Fettnäpfchen ins nächste stolpern.

Sie kommen ohne Entschuldigung zu spät, tapsen mit Straßenschuhen ins Zimmer, statt in die Hauspantoffeln zu wechseln, denken nicht an das kleinste Mitbringsel - allesamt Dinge, die kein japanischer Gast wagen würde. "Japaner sind extrem gastfreundlich und kümmern sich rührend um Besucher, aber manche Couchsurfer nehmen das nicht an und wollen nur einen Gratis-Schlafplatz", sagt Fumi.

Vielen Ausländern ist zum Beispiel nicht klar, wie wichtig für die Japaner Pünktlichkeit ist. Kyoko etwa hat nur zehn Urlaubstage im Jahr, arbeitet oft an Wochenenden und bis in die späten Abendstunden, da ist jede freie Minute enorm kostbar. Wenn nun ein europäischer Rucksacktourist monatelang durch Asien reist, weil er gerade Semesterferien hat, lebt er mit seinem Übermaß an Freizeit in einer völlig anderen Welt. "Die meisten Japaner sind einfach zu beschäftigt, um lange auf andere zu warten oder Freizeit für egoistische Reisende zu opfern", sagt Fumi.

Ferien im Couchsurfing House

Viel beschäftigt ist auch der 46-jährige Immobilienunternehmer Shoji, der in Rokujizo, einem Vorort von Kyoto, eine leerstehende Wohnung komplett für Besucher zur Verfügung stellt. "CouchSurfing House" steht am Eingang, drinnen ist auf zwei Stockwerken Platz für bis zu zehn Gäste, eng gedrängt auch mehr, die nebeneinander auf Tatami-Matten und Matratzen schlafen können.

Shoji wohnt direkt gegenüber und schaut nur ab und zu abends nach der Arbeit in der Wohnung vorbei. Die Wände sind mit vielfarbigen Filzstift-Dankesnachrichten und Zeichnungen von Gästen aus Dutzenden Ländern verziert. "Irgendwann mache ich eine Weltreise mit meiner Moto Guzzi, und dann werde ich alle besuchen, die hier waren", sagt Shoji.

Er breitet einen Stadtplan vor den gaijins aus Spanien, Australien, Rumänien, Österreich und Deutschland aus und erklärt, wo die schönsten Tempel der Stadt sind. In seinem eigenen Tempel der Gastfreundschaft fühlt sich Shoji sichtlich wohl in der internationalen Runde, aufmerksam lauscht er Ken und Shelley aus Adelaide, die von Flussfahrten auf dem Mekong und Motorrad-Touren in Kambodscha erzählen.

Als Mann hat es Shoji leichter als viele Japanerinnen, sich bei Couchsurfing als perfekter Gastgeber zu präsentieren. Denn als Frau ist es gesellschaftlich verpönt, männliche Besucher zu Hause aufzunehmen. Das wäre selbst unter besten Freunden nicht angebracht, bei Internet-Bekanntschaften wäre es ein Skandal. "Ich bin Apothekerin, keine Prostituierte", antwortet etwa Rie aus Tokio, wenn man(n) vorsichtig nachfragt, ob ein Schlafplatz zur Verfügung steht. Sie nimmt nur weibliche Gäste auf.

Ein Treffen mit ihr dagegen ist möglich, aber an Bedingungen geknüpft: "Du darfst meinen Freunden nichts von Couchsurfing erzählen", bittet sie. "Gib dich lieber als Studienfreund von Stan aus den USA aus, der war letztes Jahr hier - dann ist das schon okay." Stan ist in Wahrheit auch Couchsurfer. Er stellte sich damals ihren Freunden als Mitarbeiter einer Non-Profit-Organisation vor.

Dreadlocks und Indianerfedern

Kyoko hat diese Bedenken nicht mehr. Sie schaut sich die Profile der Leute sehr genau an, bevor sie jemanden einlädt, achtet darauf, ob jemand positive Bewertungen von anderen Sofasurfern hat. Viele ihrer Freunde reisen selbst viel, manche sind ebenfalls Couchsurfer, und sie haben sich daran gewöhnt, dass sie häufig Besucher mitbringt. Bisher hatte sie etwa 80 Couchsurfer zu Besuch, einmal schliefen fünf gleichzeitig auf Futon, Sofa und Boden.

Heute übernachtet hier Mathieu aus Frankreich, ein Zwei-Meter-Riese mit Dreadlocks, Indianerfeder im Haar und Bärenzahn-Kette. Auf seinem Sweatshirt ist eine vielarmige indische Gottheit abgebildet, barfuß sitzt er auf Kyokos Blumenmuster-Sofa. Der 32-jährige Anthropologe tourte per Anhalter durch Europa und Asien und lebte eineinhalb Jahr in Equador bei Angehörigen des Guaymi-Stammes. Jetzt will er in Japan für ein paar Jahre in einem Tempel sesshaft werden und von einem Meister lernen, wie man japanische Schwerter schmiedet. "Schwerter haben eine Seele", ist Mathieu überzeugt, seine raue Stimme ist um einiges lauter als die der Japanerin.

Auch wenn beide gleich alt und beide farbenfroh gekleidet sind, der Kontrast zwischen Mathieu und der zierlichen Buchhalterin Kyoko könnte kaum größer sein. Ohne Couchsurfing wären sie sich wohl niemals über den Weg gelaufen.

Ob sie jemals einen wirklich unangenehmen Besucher hatte? "Nur einmal - ein Typ, der eine ziemlich arrogante Art hatte. Aber er blieb zum Glück nur eine Nacht", sagt Kyoko. "Und Freunde von mir haben erlebt, dass Gäste einfach nicht kamen, obwohl sie vorher zugesagt hatten." Deshalb bittet Kyoko jeden Gast vorher, mehrfach zu bestätigen, dass er wirklich zum vereinbarten Termin kommt.

Auf die Frage, wer ihr verrücktester Couchsurfer bisher war, muss sie nicht lange nachdenken. "Der da", sagt sie, grinst breit und deutet auf Mathieu.

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insgesamt 11 Beiträge
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1. Japan
mooksberlin 13.01.2010
Da werden ja wieder ganz alte Zöpfe geflochten. Klar ist die typische alleinstehende Japanerin in den 30igern total verklemmt und wohnen die meisten Japaner bis zur Hochzeit bei Mutti weil es einfach einfacher ist, wenn man die Wäsche gemacht bekommt und das Essen auf dem Tisch steht. Man gibt sein Gehalt lieber für unnütze Statussymbole und Luxusreisen ins Ausland aus, anstatt einen eigenen Hausstand zu gründen. Es gibt allerdings viele 100.000 junge Japaner, die im Ausland studiert und gelebt haben und mit den westlichen Gepflogenheiten vertraut sind. Und nicht jeder arbeitet dort 14 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche. Mehr und mehr Japaner arbeiten nur Teilzeit oder haben gar keinen Job, bzw. sind unabhängig wohlhabend und müssen deshalb gar nicht gross arbeiten. Vielleicht nennt es sich nicht immer "couchsurfing" aber ich habe viele Freunde und Bekannte die während ihrer Japanreisen privat und kostenlos bei Japanern untergekommen sind und die kulturellen Klippen gut umschifft haben.
2. Pasporta Servo
Mutige 13.01.2010
Coach Surfing ist uralt - und z.B. unter Pasporta Servo von den Esperantisten aus der aganzen Welt seit Zig Jahren so praktiziert. Aber das könnt ihr selber im Internet nachlesen. Man lernt tatsächlich viele nette Leute kennen...
3. Dem ist nichts mehr hinzuzufuegen...
orosee 13.01.2010
Zitat von mooksberlinDa werden ja wieder ganz alte Zöpfe geflochten. ... privat und kostenlos bei Japanern untergekommen sind und die kulturellen Klippen gut umschifft haben.
... ausser das mal wieder alte Klischees und Allgemeinplaetze mit einer ansonsten interessanten Nachricht zusammen verpackt werden. Genial dazu die Bilder der Geishas und der Teezeremonie - in Deutschland begegnet man ja auch ueberall Lederhosentraegern, Oktoberfest ist das ganze Jahr und zum Essen gibt es immer Sauerkraut und Wurst. Ganz wichtig der Tip: Wer ins Ausland geht, sollte mit anderen Gepflogenheiten rechnen! Naja, vielleicht ist der sogar immer noch wichtig.
4. am deutschen wesen........
st_anja 13.01.2010
Zitat von orosee... . Ganz wichtig der Tip: Wer ins Ausland geht, sollte mit anderen Gepflogenheiten rechnen! .....
gerade die meisten deutschen haben damit in japan (vermutlich nicht nur da) ein problem damit. es ist doch volkssport kopfschüttelnd ein land zu besichten und sich dadurch toll zu fühlen. der spon-artikel ist also genau für ein deutsches publikum zugeschnitten. ich nutze zwar nicht das couchsurfing, kam aber schon in den genuss privat bei japanern zu wohnen. ich wurde selten mit so einer herzlichkeit und gastfreundschaft empfangen und aufgenommen. von distanziertheit kan nicht die rede sein. selbst wenn man durchs land reist und sich einigermassen aufgeschlossen zeigt, ist es kein problemn mit japanern ins gespräch zu kommen. sie sind sehr interessiert und man wird eigentlich ständig angesprochen - das geht natürlich nicht, bei dauerhaften kopfschütteln und ignorantem verhalten der japanischen sitten des gastgeberlandes. ger eigentlich kulturschock ist, wenn man nach einiger zeit unter japanern wieder auf deutsche touristen trifft. da ist dann wieder fremdschämen angesagt. auch bei diplomatischen hinweisen, kapieren diese gäste dann nicht, dass sie etwas falsch gemacht haben und nicht die japaner.
5. Meiner Erfahrung nach wird in Japan...
ChuckThePlant 13.01.2010
...erstaunlicherweise auch nur mit Wasser gekocht... In den Grossstädten ist es ähnlich anonym wie überall sonst auch. Auf dem Land (entweder Kyushu oder das Berginland) ist es dann auch nur noch kleinstädtisch und dörflich, mit den gleichen Vor- und Nachteilen, wie bei 'uns'... Da kann man dann schon mal in einer Jugendherberge landen, in der der Herebergsvater ziemlich relaxt den Tag verbringt und meist in Motorradzeitschriften blättert. Und wer freundlich und mit etwas Rücksicht auftritt, wird niergendwo in irgendwelche Probleme geraten.
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