Curaçao: Afrika liegt in der Karibik

Von Harald Stutte

Die gestohlenen Kinder Afrikas haben ihre Heimat nie vergessen: Mit ihnen holten die Sklavenhändler auch die Lebensart des Schwarzen Kontinents auf die Karibikinsel Curaçao. Eine Nachfahrin der westafrikanischen Ashanti auf den Spuren ihrer Vergangenheit.

Bis zu ihrem 15. Lebensjahr war Elize Thodé ein Teenager wie viele andere auch auf der Welt. Mit Interessen für Klamotten, für Tanz und für den US-Hip-Hop-Star 50 Cent. Und natürlich für die karibische Salsa-Diva Izaline Calister, denn Elize lebt auf der zu den Niederländischen Antillen gehörenden Insel Curaçao, 70 Kilometer vor der Küste Venezuelas. Und Musik - das ist in der Karibik ein stets präsenter Teil des Alltags.

Doch vor etwa sechs Jahren, so erinnert sich die heute 21-Jährige, wurden all diese Dinge in ihrem Leben unwichtiger: Elize begab sich auf die Suche nach ihren eigenen Wurzeln. Sie wollte mehr über die Ursprünge ihrer karibischen Kultur erfahren, und das auf einer Insel, die seit 370 Jahren zum Königreich der Niederlande gehört und so stark europäisch geprägt ist, dass die Verwaltungshauptstadt aussieht wie ein vom Hurrikan in die Karibik gepustetes Stück Amsterdam.

In der Schule lernte Elize viel über holländische Geschichte, über Wilhelm von Oranien, den Herzog von Alba und Anne Frank. Zu Recht gilt das Schulsystem auf Curaçao als ebenbürtig mit den europäischen. Doch über das, was Elize tatsächlich interessierte, wurde in der Schule kaum gesprochen: zum Beispiel über die sogenannten Dreiecksfahrten, in deren Folge Millionen von Afrikanern aus ihrer Heimat geraubt und als Sklaven in die Neue Welt entführt wurden. Oder über die Arawak-Indianer, die bis zur spanischen Eroberung 1499 auf Curaçao lebten, oder über die rebellischen Maroons, die entflohenen Sklaven. Das grausamste Kapitel in der Geschichte ihrer heute so friedlichen Heimat wurde im Lehrplan nur marginal gestreift.

Elizes Vorfahren waren Ashanti

Und so begann Elize auf eigene Faust zu forschen, zunächst in ihrer eigenen Familie. Tanten und Onkel, vor allem aber ihre Großmutter entpuppten als schier unerschöpfliche Brunnen des Wissens. In guter afrikanischer Tradition war erlebte Geschichte von Generation zu Generation mündlich weiter gegeben worden, bis Fernseher diesen Quell spärlicher fließen ließen. Elizes Oma erzählte, dass die Vorfahren ihrer Familie von den Ashanti abstammten, einem einst wohlhabenden und stolzen Volk in Westafrika, und vor etwa 200 Jahren aus Afrika geraubt worden waren.

In vielen alltäglichen Dingen ihres Lebens entdeckte Elize afrikanische und indianische Einflüsse: in ihrer Sprache zum Beispiel, die Papiamento genannt wird – ein bunter Cocktail gemixt aus vielen Zugaben, aus spanischen, holländischen, indianischen, afrikanischen und englischen Elementen. Afrikanisch geprägt ist nicht nur die Musik der Insel, sondern auch Kleidung und Kunst, was in der Vorliebe der Menschen zu lebensfrohen Farben und großen Mustern seinen Ausdruck findet. Und ein bisschen Afrika steckt selbst in jeder Speisekarte: Eines der traditionellen Gerichte der Insel – Fungie, ein kalorienreicher Hirsebrei – hatte früher den einzigen Zweck, die nach der strapaziösen Atlantik-Überfahrt ausgemergelten Sklaven wieder zu Kräften kommen zu lassen.

Elize Thodés Neugierde führte sie irgendwann auch ins Museum Kura Hulanda im Herzen der Hauptstadt Willemstad - in das einzige Museum der ganzen Karibik, welches sich dem dunklen Kapitel Sklaverei widmet. Seit etwa einem Jahr arbeitet die 21-Jährige hier nun schon freiberuflich als Museumsführerin. Die Existenz des beeindruckenden Ausstellungsortes verdankt die Insel ausgerechnet einem Holländer – für Elize ist das ein Hauch von Wiedergutmachung für 230 Jahre Sklaverei. Jacob Gelt Dekker, ein zu Reichtum gekommener Geschäftsmann, hat privat eine beachtliche Sammlung afrikanischer Relikte zusammengetragen, die sich rund um das Thema Sklaverei drehen.

Likör aus ungenießbaren Orangen

Dekker wählte Curaçao als Standort für sein Museum, da die größte Insel der Niederländischen Antillen einst der bedeutendste Umschlagplatz afrikanischer Sklaven weltweit war. Der clevere Geschäftssinn der Holländer verschaffte ihr im 16. Jahrhundert den zweifelhaften Rekord. Diese hatten das trockene und vegetationsarme und damit scheinbar wertlose Eiland 1634 von den Spaniern übernommen. So endeten frühe Versuche, hier Orangen anzubauen, im Fiasko. Die Früchte waren klein, bitter, ungenießbar. Ihre einzige Verwertungsmöglichkeit: die Destillation eines Likörs aus den getrockneten Schalen. Seitdem mixt die Welt Cocktails mit einem Likör namens Curaçao, ohne je viel über diese Insel erfahren zu haben.

Die Holländer begannen ihre zunächst wenig ertragreiche Errungenschaft Curaçao zu "vergolden", indem sie die Insel zu einem gigantischen Sklavenmarkt ausbauten. Fast drei Monate waren die Schiffe von der westafrikanischen Küste mit ihrer menschlichen Fracht unterwegs. Ein Kapitän war glücklich, wenn 85 Prozent der Afrikaner die Überfahrt überlebten, denn das versprach einen satten Gewinn. Nicht selten kam es aber vor, dass die Hälfte der Sklaven vor dem Eintreffen in der Neuen Welt an Entkräftung starben.

Doch selbst daran verdienten die Holländer noch, denn sie hatten eine Versicherung erfunden, die die Schiffseigentümer bei Sklavenverlust entschädigte. Curaçao hatte alsbald den Ruf einer gigantische Drillanstalt für die Verschleppten: Die Afrikaner wurden hier zunächst aufgepäppelt, dann diszipliniert und für die Plantagenarbeit in Brasilien, auf Kuba, in Surinam oder den Südstaaten der USA ausgebildet. Mit grausamen Regeln: Einem Sklaven, der einmal floh, wurden die Achillessehnen durchtrennt, beim zweiten Mal wurde ein Bein amputiert.

"Mama Afrika" lebte weiter

Der Weg, den die auf der Insel eingetroffenen Sklaven bis zum Markt zu laufen hatten, verläuft heute mitten durch das Herz des Museums Kura Hulanda. Auf dem weitläufigen Platz steht ein großes Steinmonument, welches die Form Afrikas hat. "Mama Afrika" nannte der schwarze Künstler Nell Simon diesen Gedenkstein. Er soll an die unzähligen Opfer dieses Völkerraubes erinnern. Schätzungsweise eine halbe Million Afrikaner durchliefen bis 1863, dem offiziellen Ende der Sklaverei, die Torturen auf Curaçao.

Schmiedeeiserne Ringe, Ketten und Streckvorrichtungen in der Sammlung zeugen von den Qualen, welche die geraubten Menschen zu erleiden hatten, - und vom Bestreben ihrer Peiniger, den Willen der Afrikaner zu brechen. Doch das gelang ihnen nur bedingt. Und so ist eine der Botschaften des Museums: Die gestohlenen Kinder Afrikas haben ihre Heimat nie vergessen. "Mama Afrika" lebte weiter. Die holländischen Sklavenhändler holten auf ihre entvölkerten Inseln auch afrikanische Lebensart, heute darf man das guten Gewissens Lebensfreude nennen.

In der Karibik weiß man erst in unseren Tagen zu schätzen, welch gewaltiges Potential in diesem Cocktail der Kulturen steckt. Die afrikanischen Einflüsse sind karibikweit Impulsgeber: in Musik, Küche, Mode, Kunst, Livestyle. Und die karibischen Länder leben gut davon, auch Curaçao. Der Tourismus, zumeist im hochbezahlten Segment, ist auf den Inseln der größte Wirtschaftsfaktor. Der Lebensstandard ist zumeist höher als im Rest Lateinamerikas.

Stolz auf die afrikanischen Wurzeln

Für Elize Thodé ist die Arbeit im Museum Kura Hulanda nicht nur ein Job, sondern eine Herzensangelegenheit. Sie will die lange Zeit verdrängte dunkle Seite ihrer heute so lebensfrohen Heimat einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machen. Vor allem möchte sie erreichen, dass die Menschen der Karibik stolz auf ihre afrikanischen sowie indianischen Wurzeln sind. Denn noch immer gilt als chic, was europäisch oder amerikanisch ist.

Elizes Reise in die eigene Geschichte geht indes weiter. Nächste Station wird Holland sein. Im Herbst beginnt sie ein Studium an der Universität in Rotterdam. Elize sagt, das Forschen in der eigenen Geschichte habe ihr Selbstbewusstsein gestärkt: "Erst heute weiß ich, dass unsere Vorfahren Kämpfer waren, die sich nicht bedingungslos in die Sklaverei begeben haben. Und das macht mich unendlich stolz."

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