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Curaçao: Holland unter Palmen

Aus Willemstad berichtet Henryk M. Broder

Niederländisch als Amtssprache, hohe Lebenserwartung, keine Bettler, Pina Colada mit Eierkuchen. Und das ganze Jahr über blauer Himmel. Das ist Curaçao. Die Idylle wissen auch holländische Ruheständler wie Klaas zu schätzen - nur die Gewöhnung an das Nichtstun fiel schwer.

Klaas sitzt in der Lobby des Hotels Van Der Valk in Willemstad, nuckelt an einer Pina Colada und liest den "Amigoe", die älteste Zeitung der Niederländischen Antillen, 1884 gegründet. Klaas könnte auch den "Telegraaf" lesen, der täglich aus Amsterdam eingeflogen wird, aber da steht "zu viel über Holland" drin. Also liest er lieber im "Amigoe", was auf Curaçao, Aruba und den anderen Antillen-Inseln los ist.

Für Holland hat der "Amigoe" nur eine Seite täglich übrig, wobei die Auswahl der Meldungen ein wenig beliebig erscheint. Die Regierung der Provinz von Nord-Brabant hat sich gegen den Bau eines Einkaufszentrums in einem Naturschutzgebiet ausgesprochen, in Maasdijk wurde das erste Hotel für polnische Arbeitsmigranten eröffnet, und die öffentlich-rechtliche TV-Anstalt NOS hat die Übertragungsrechte für die Spiele der Champions League erworben.

Klaas lässt das alles kalt. Er hat die Niederlande vor fünf Jahren verlassen, nachdem er seine Softwarefirma für gutes Geld an einen Konkurrenten verkauft hatte, "aber nicht genug, um davon in Amsterdam leben zu können". Statt nach Hengelo oder Uitgeest zu ziehen, wo die Mieten billiger sind, zog er gleich nach Willemstad.

Denn Klaas ist über 50, und "Senioren", die sich auf Curaçao niederlassen, zahlen auf alle Einnahmen nur zehn Prozent Steuer. So hat er mehr von dem Geld, das er günstig und ziemlich sicher angelegt hat.

Für Curaçao spricht auch, "dass man hier wie in Holland leben kann, nur unter blauem Himmel und Palmen". Die Amtssprache ist Holländisch, in jedem Supermarkt bekommt man holländische Produkte, von Bitterballen über Pindakaas bis zum Gemberkoek von Peinenburg. "Es wird alles eingeflogen", sogar die Kartoffeln und die Apfelsinen, denn auf Curaçao gedeihen nur die Bitterorangen, aus denen der gleichnamige Likör hergestellt wird.

Eierkuchen, in Pina Colada getaucht

Klaas hat einen festen Tagesablauf. Er steht spät auf, frühstückt im "Gouden Hoekje" - immer einen Milchkaffee und einen "Appelflap" - und geht dann rüber ins Van Der Falk, um in der vollklimatisierten Lobby den Nachmittag zu verbringen, mit Pina Colada und "Amigoe". Das Van Der Falk war früher das höchste und feinste Hotel auf Curaçao, mit 15 Stockwerken ist es immer noch das höchste, aber längst nicht mehr das feinste. Vor einigen Jahren hat es den Besitzer gewechselt, jetzt wird es Etage um Etage renoviert.

Die Lobby, schmal und lang gezogen wie eine U-Bahn-Station, ist immer noch ein Treffpunkt der holländischen "Ex-Patriots", die ab und zu unter sich sein möchten. Klaas hat sich mit dem Besitzer einer holländischen Bäckerei angefreundet, der schon lange auf Curaçao lebt. Der bringt öfter "Gevulde Koek", "Cocos Koek" und "Eierkoek" vom Vortag mit.

"In Pina Colada getunkt, schmecken sie am besten", sagt Klaas. Gegen vier Uhr nachmittags, wenn die Hitze langsam nachlässt, wagt sich Klaas wieder ins Freie. Er geht auf der schattigen Seite der Waterfortstraat, überquert den Wilhelminapark und kommt über die Columbusstraat zu der alten Markthalle am Hafenkai.

Das "Plasa Bieu" ist die antillische Alternative zu allen Abarten der Nouvelle Cuisine. Sieben Garküchen servieren kalorienreiche einheimische Speisen auf großen Tellern zu kleinen Preisen. Die Gäste sitzen wie in einem Bierzelt an Kantinentischen, essen und kommunizieren miteinander. Die Bedienungen tragen Kittelschürzen und Plastikhauben über den Haaren. "Ich musste mich erst dran gewöhnen", sagt Klaas, "fein ist das nicht, aber es schmeckt."

Klaas brauchte auch mehr als ein Jahr, um sich an die Mühen des Nichtstuns zu gewöhnen. Er hat eine große Sammlung von DVDs aus Holland mitgebracht, "Casablanca", "High Noon", "Psycho", neue Filme leiht er sich in einer Videothek in der Jupiterstraat aus. "Es gibt hier alles."

Trennung im Guten

Einiges allerdings gibt es nicht, zum Beispiel Bettler. Atypisch für eine Karibik-Insel ist auch, dass über Preise nicht verhandelt wird. Weder auf dem Markt, noch in den Geschäften. Es gibt auch kaum Analphabeten, mehr als 95 Prozent der erwachsenen Curaçaoaner können lesen und schreiben. Die Lebenserwartung liegt für Frauen bei 73, für Männer bei 77 Jahren. Über 300 Jahre holländische Präsenz haben viele positive Spuren hinterlassen.

Erst am 15. Mai dieses Jahres haben die Insulaner in einem Referendum für eine weitgehende Unabhängigkeit von den Niederlanden gestimmt: 52 Prozent waren dafür, 48 Prozent dagegen: Curaçao soll Ende 2010 ein selbständiger Teilstaat innerhalb des Königreichs der Niederlande werden.

Die Nachbarinsel Aruba im Westen hat diesen Status schon seit 1986, Bonaire im Osten möchte als "Gemeinde mit besonderem Status" mit dem Mutterland verbunden bleiben. Man trennt sich im Guten - und findet gleich wieder zueinander.

Klaas will jetzt Papiamentu lernen, die Sprache der Eingeborenen, eine Mischung aus Spanisch und Portugiesisch mit niederländischen und englischen Einsprengseln. Sie klingt ein wenig nach Kindergarten und Sandkasten, ist aber hoch entwickelt und nicht leicht zu erlernen. Auf Aruba und Bonaire wird ebenfalls Papiamentu gesprochen, allerdings sind es andere Dialekte.

"Man kann es hier aushalten", sagt Klaas, die Temperaturen liegen das ganze Jahr über bei 30 Grad Celsius, die Regenzeit ist kurz, die Luftfeuchtigkeit erträglich. Das Beste aber sind die Menschen: Nachkommen von Kolonialisten und Sklaven, die sich miteinander vermischt haben, Christen, Moslems, Juden, Animisten - "und keiner sagt dem anderen, wie er leben soll".

Tatsächlich scheint Curaçao ein Beweis dafür zu sein, dass Multikulti möglich und dass Pragmatismus eine Tugend ist. Um die Prostitution aus der Stadt zu verbannen, hat man in der Nähe des Flughafens ein Freudendorf gebaut, das wie eine Familien-Wellness-Anlage aussieht: Campo Alegre.

Bunte Bungalows stehen zwischen Palmen und Kakteen, jedes der 150 Zimmer hat eine Klimaanlage, eine Hausordnung regelt, was die Kunden dürfen und die Mädchen nicht müssen. Jeden Dienstag ist Damentag, da dürfen die Herren mit Begleitung kommen, manche nutzen die Gelegenheit, um ihren Frauen zu zeigen, wie ordentlich es im Campo Alegre zugeht.

Auch Klaas war schon mal hier, allerdings nur, versichert er, um sich einen Wet-T-Shirt-Contest anzusehen.

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