Curry-Restaurant in Tokio: Das Rezept des Bombenbauers

Von Sonja Blaschke

Wer sich mit Sprengstoff auskennt, kommt auch mit scharfen Gewürzen zurecht. Das scheint zumindest die Geschichte eines enorm populären Curry-Restaurants in Tokio zu beweisen: Der Einwanderer, der die Spezialität des Hauses erfand, war ein verfolgter Attentäter.

Japan: Curry-Palast in Tokio Fotos
Sonja Blaschk

Der Empfang ist laut und herzlich. Schon im Vorraum des Restaurants Repas tönt den Gästen ein "Irasshaimase - herzlich willkommen!" entgegen. Auf roten Samt gebettet, regen hier täuschend echte Plastik-Nachbildungen der Gerichte in Porzellan- und Silbergeschirr den Appetit an. Darüber hängen statt kitschiger Indien-Souvenirs edel gerahmte Schwarz-Weiß-Fotos. Ein etwas gedrungener Mann in Jackett und Rock, der so gar nicht japanisch aussieht, blinzelt darauf durch kleine runde Brillengläser. Mit ihm fing alles an.

Der Empfangschef führt die Besucher an ihren Platz. Mit einem für alle Anwesenden unüberhörbaren "Wir haben Kundschaft!" löst er aufs Neue eine "Irasshaimase"-Welle unter den Kellnerinnen in ihren weißen Blusen und blauen Schürzenkleidern aus.

Das Repas gehört zum Schlemmerhaus Nakamuraya, das sich auf "Youshoku" spezialisiert hat, Speisen ausländischen Ursprungs, die gerne ein bisschen japanisiert werden. Chinesische Knödel und russische Borschtsch-Suppe stehen auf der Karte - doch echte Kenner bestellen das Nakamuraya-Curry für rund elf Euro. Ein Gericht mit Geschichte, denn das Originalrezept brachte vor etwa 80 Jahren ein indischer Bombenbauer nach Japan, der mit Gewürzen noch besser als mit Sprengstoff umgehen konnte.

Dass seine heutigen Nachfolger in der Küche den Geschmacksnerv der japanischen Kunden treffen, zeigt sich an der bunt gemischten Klientel, die von Studenten im lässigen Freizeitdress bis zu teuer gekleideten Geschäftsleuten reicht.

Zwischen Einkaufsmeile und Rotlichtmilieu

Im siebenstöckigen Nakamuraya-Haus befinden sich sechs Restaurants, eine Konditorei und ein Feinkostladen. Es liegt direkt neben einer Gucci-Filiale am Ostausgang des Stadtteils Shinjuku, einer lauten Mischung aus Einkaufsmeile, Rotlichtmilieu, Love-Hotel-Viertel und Business-Distrikt im Herzen Tokios. Eine Rolltreppe neben dem Eingang führt direkt zum Repas im ersten Obergeschoss.

Bei der Inneneinrichtung harmoniert das dunkelbraune Holz der Raumteiler mit dem Hellbraun der Tische und dem Rotbraun der lederbezogenen Bänke. An hellgelben Wänden hängen moderne Drucke, in der Mitte des Lokals zieht ein ausladendes Gesteck dunkelroter und weißer Kunstblumen die Blicke auf sich.

So auswechselbar elegant das Dekor, so unverwechselbar ist das Nakamuraya-Geschmackserlebnis. Dafür ist Chefkoch Tsuyoshi Ishizaki zuständig. Zwölf Stunden steht der 47-Jährige täglich am Herd. Der Repas-Küchenchef ist schon sein halbes Leben bei Nakamuraya. Zuerst arbeitete er einen Stock höher, im französischen, etwas gehobeneren Restaurant Régal. Aber sein Faible für die Vielseitigkeit von Gewürzen ließ ihn in die Curry-Küche wechseln. Er mag seine Arbeit: "Ich bleibe noch mindestens bis zum 100-jährigen Jubiläum unseres Currys". Das ist in 17 Jahren.

"Nach Liebe und Revolution" schmecke das Curry, heißt es in der Werbung von Nakamuraya. De facto schmeckt das Curry erst einmal weniger süß als in Deutschland. Es ist schärfer, aromatischer und voller im Geschmack. "Die Gründer des Lokals wollten authentisches indisches Curry anbieten, das Japanern schmeckt ", erklärt Ishizaki. So darf japanischer Reis als Beilage nicht fehlen. Aber nicht in der typischen Reisschale, sondern etwa zwei Zentimeter hoch über die gesamte Fläche eines flachen Tellers verteilt.

Die Currysauce mit Hühnchen und Gemüse gießt Ishizaki vorsichtig in eine silberne Sauciere und stellt sie links daneben. Auf der anderen Seite platziert er einen halbmondförmigen Portionsteller. "Hier, probieren Sie mal!" Ganz schön scharf, Mango- und Zwiebel-Chutney haben es echt in sich. Die eingelegten Schalotten und salzigen Gurken darin schmecken angenehm säuerlich.

"Ohne Koriander geht gar nichts!"

Das Geheimnis des Nakamuraya-Currys ist das richtige Mischverhältnis einer Reihe von Gewürzen. In Ishizakis Mix, der vor Gebrauch erst einmal drei Monate reifen muss, sind Kreuzkümmel, Zimt, grüner Kardamom, Gewürznelke, schwarzer, roter und weißer Pfeffer, Anis, Gelbwurzel, Bockshornklee und Koriander. "Das wichtigste Gewürz ist der Koriander, ohne ihn geht gar nichts!", findet er. "Sie können aber auch fertiges Currypulver aus dem Supermarkt kaufen", verrät der Chefkoch.

Die duftenden Kostbarkeiten sind sensibel: "Die Gewürze verlieren schnell ihren Geschmack. Wir kochen und servieren immer am selben Tag", betont Ishizaki. Täglich bereiten sie zwei Sorten zu - das klassische Nakamuraya-Curry sowie das etwas runder schmeckende Korma-Curry.

Der gutgelaunte Küchenchef, der durch eine feine, goldumrandete Brille blinzelt, möchte eine über 80 Jahre alte kulinarische Tradition weiterführen: "Wenn ich einen Fehler mache, würde so viel verloren gehen, was seit langer Zeit bewahrt wurde."

Seine Aufgabe sei es, bei veränderter Qualität der Zutaten das gleiche Geschmackserlebnis zu kreieren, das die Gründer des Nakamuraya, das Ehepaar Aizo und Kokkou Soma, bei der ersten Kostprobe gehabt haben mussten. Der Koch damals war ein politischer Flüchtling aus Indien namens Rash Bihari Bose. Die Somas versteckten ihn vier Monate in ihrem Hinterzimmer, ein Stammkunde hatte für ihn gebürgt. "Vielleicht war es das Schicksal, das sie zusammenbrachte", sagt Chefkoch Ishizaki mit einem Augenzwinkern. "Wenn sich die Somas und Bose nicht kennengelernt hätten, wären wir heute nicht hier."

Fluchthelfer-Paar mit hübscher Tochter

Für beide Seiten erwies sich die Begegnung damals als Glücksfall: Für das Ehepaar, weil Boses Curryrezept später den Grundstein für das heutige Millionenimperium Nakamuraya legen sollte. Das "echte indische Curry" löste einen regelrechten Curry-Boom in Tokio aus, heute erwirtschaften bei Nakamuraya mehr als 2000 Mitarbeiter in verschiedenen Filialen und Fabriken mehr als 300 Millionen Euro Umsatz im Jahr.

Bose seinerseits hätte kaum bessere Fluchthelfer treffen können - die zudem noch eine hübsche älteste Tochter hatten. 1918 heirateten er und die zwölf Jahre jüngere Toshiko. Sie war die Liebe seines Lebens.

Er hatte großes Glück, trotz seiner zweifelhaften Vergangenheit in die Familie aufgenommen zu werden. In Indien hatte er Sprengkörper gebaut, mit einem davon hätte ein Komplize fast Lord Hardinge getötet, den damaligen Vizekönig des Landes. Das Attentat schlug fehl, die Verschwörer wurden verhaftet und hingerichtet - alle außer Bose, der sich 1915 unerkannt nach Japan einschiffen konnte.

Hätten ihn die japanischen Behörden entdeckt und nach Indien ausgeliefert, hätte dies seinen sicheren Tod bedeutet. "Fünf Jahre lang hat er sich an 17 verschiedenen Orten versteckt! So ein Leben kann ich mir kaum vorstellen", sagt Ishizaki. Vorsichtig rührt er in seinem Curry-Kochtopf, die ersten von etwa 600 Portionen pro Tag zubereitend.

Versteckspiel in Japan

Ob die junge Toshiko damals eine Vorstellung davon hatte, auf was sie sich einließ? Sie versteckte sich zusammen mit Bose, brachte einen Jungen und ein Mädchen zur Welt. Die junge Familie kam erst zur Ruhe, als Bose 1923 die japanische Staatsbürgerschaft annehmen konnte. Ein Happy End? Nur für kurze Zeit. Die Gesundheit Toshikos hatte durch das unstete Leben gelitten, sie starb im März 1925 mit nur 28 Jahren. Bose lehnte zeitlebens jedes Angebot auf eine erneute Heirat ab.

Aus Liebe zu der Verstorbenen und ihrer Familie blieb Bose bei den Somas. Er half ihnen in der Bäckerei und verfolgte als Journalist und Autor weiterhin sein Lebensziel der Unabhängigkeit Indiens von der britischen Kolonialmacht. 1927 eröffneten die Somas das Lokal Tea Room - mit Boses Curry auf der Speisekarte.

Erstmals gab es damit authentisches indisches Curry in Japan, nicht nur Curry europäischer Prägung, das nach der Öffnung Japans Ende des 19. Jahrhunderts ins Land gekommen war. Trotz des achtfach höheren Preises verkaufte sich Boses Gericht "wie verrückt", heißt es auf der Firmen-Website.

Japaner lieben Curry in allen Variationen

"Ich hätte ihn gern kennengelernt", sagt Ishizaki über Bose. Der Inder starb im Januar 1945, kurz vor seinem 60. Geburtstag und zweieinhalb Jahre, bevor sein Traum von der indischen Unabhängigkeit in Erfüllung ging.

Das Nakamuraya ist japanisch geführt, indische Mitarbeiter gibt es heute keine. Ihr erstes indisches Lokal sollte die japanische Hauptstadt erst 1949 bekommen: Nair's Restaurant, am Rande des noblen Einkaufsviertels Ginza. Der Gründer, A. M. Nair, kannte Bose, denn er hatte ebenfalls aktiv für die indische Unabhängigkeit gekämpft. Das Leben von "Nair-san" wird derzeit verfilmt.

Mittlerweile gibt es über 800 indische Lokale in Japan. Zusätzlich bieten unzählige Gaststätten die japanische Curry-Version an, die wie Gulasch aussieht, und mit Würfeln aus Currypulver sowie Mehlschwitze gekocht wird. Japaner lieben Curry in allen Variationen - und egal ob mit Reis, Nan-Brot, in Nudelsuppe oder in Gebäck. Das gilt auch für Chefkoch Ishizaki. Nicht nur im Restaurant, auch zu Hause koche er gerne mit der scharfen Gewürzmischung. Er ist überzeugt: "Curry macht Sie vom Magen aus gesund!"

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insgesamt 7 Beiträge
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1. Ach herrje
Ein netter Netter 05.07.2010
Wenn Westler über Japan schreiben, kann einfach nichts Gutes dabei herauskommen. Wie in jedem anderen Artikel auch werden absolute Randerscheinungen, die in Japan kaum jemand kennt, zum absoluten Knüller aufgeblasen, nur damit wieder eine Seite im SPIEGEL gefüllt ist. Was ist der Grund, um über ein Curry-Restaurant in Tokyo zu berichten? Weil die Autorin es schon für eine Leistung hält, in Tokyo mal was Anderes gegessen zu haben als Sushi? Liegt die Latte wirklich so niedrig?
2. Fertigmischung aus dem Supermarkt.
FastFertig 05.07.2010
"Eine praktische Alternative ist eine - möglichst hochwertige - Fertigmischung aus dem Supermarkt." Vielleicht in Japan, nicht in Deutschland. Ich weiß nicht, was in dem Curry aus dem Supermarkt drin ist, aber es hat eher mit Sägemehl als mit Curry zu tun. Es ist leider so, dass alles was in Deutschland als "scharf, feurig, pikant" angeboten wird, nicht über den Geschmack von ausgekochten Socken hinauskommt. Es ist auch so, dass so gut wie alle Restaurants in Deutschland mit diesem Curry kochen. Denn egal welches Gericht (vorsicht scharf) man bestellt, jeder der Curry mag würde das Fehlen desselben bemängeln. So ist eine Mehrheit der Deutschen mit ihrem ungewürtzen Essgewohnheiten im allgemeinen daran Schuld, dass Leute wie ich, die Curry gerne scharf essen, dieses hier in Restaurants nur beim dritten Besuch bekommen, wenn der Koch einem das Überleben zutraut oder man muss sich das Curry in versteckten Ecken auf den Märkten bei einem richtigen Curry-Dealer selbst besorgen. Von daher lässt die Empfehlung "eine Fertigmischung aus dem Supermarkt" darauf schließen, dass hier jemand einen Artikel über Curry geschrieben hat, ohne zu wissen was ein Curry ist.
3. Orientalismus
johndoe2 05.07.2010
Zitat von Ein netter NetterWenn Westler über Japan schreiben, kann einfach nichts Gutes dabei herauskommen. Wie in jedem anderen Artikel auch werden absolute Randerscheinungen, die in Japan kaum jemand kennt, zum absoluten Knüller aufgeblasen, nur damit wieder eine Seite im SPIEGEL......
Wie gut, das Sie wissen, was man in Japan kennt! Und was ist mit der SPON Leserschaft? Natürlich war auch vor Erscheinen des Artikels jedem und jeder der Stellenwert von Curry in der japanischen Ess-Kultur bewusst? Ich habe mich und Japaner schon lange gefragt, was die Ursache für die Curry Popularität hier ist und fand den Artikel informativ und ansprechend. Jede Wette, das es Japaner ebenso sehen. Wenn Sie welche kennen, fragen Sie mal...
4. Kenner Fail
ozu 05.07.2010
Zitat von Ein netter NetterWenn Westler über Japan schreiben, kann einfach nichts Gutes dabei herauskommen. Wie in jedem anderen Artikel auch werden absolute Randerscheinungen, die in Japan kaum jemand kennt, zum absoluten Knüller aufgeblasen, nur damit wieder eine Seite im SPIEGEL gefüllt ist. Was ist der Grund, um über ein Curry-Restaurant in Tokyo zu berichten? Weil die Autorin es schon für eine Leistung hält, in Tokyo mal was Anderes gegessen zu haben als Sushi? Liegt die Latte wirklich so niedrig?
Wie bitte? Beinahe jede Restaurantkette, jedes noch so kleine Teishoku-ya, ja selbst französische Restaurants haben hier Curry auf der Karte und ich habe noch keine Bäckerei ohne das obligatorische Karei-pan zu Gesicht bekommen. Vielleicht selbst nochmal ein bisschen recherchieren, bevor man der Autorin an die Gurgel springt. Zumal dieser Artikel tatsächlich KEINER derjenigen ist, die sich belanglose Kuriositäten herauspicken und aufblasen, was Ihnen zu recht als unangenehmer Standard der Japanberichterstattung aufgefallen zu sein scheint. Ich frage mich trotzdem warum aus Tetsuko plötzlich Toshiko wurde.
5. Curry = Curry?
DerZauberer 05.07.2010
Zitat von FastFertig"Eine praktische Alternative ist eine - möglichst hochwertige - Fertigmischung aus dem Supermarkt."
Ich will und muss in dasselbe Horn blasen - der deutsche Supermarkt-Curry hat mit Indien und dem Geschmack des indischen Curry (was ja Ausgangspunkt für das Rezept ist) GAR NICHTS und zwar wirklich GAR NICHTS zu tun. Deutsches Supermarkt-Curry ist der extremst milden und eingeenglischten britischen Curry-Variante nachempfunden. Wer es halbwegs richtig machen will und nicht selber Gewürze einzeln kaufen, rösten und mörsern will, der verwendet indische Currypaste (!) aus dem Asia-Laden. Dann schmeckt's. Mir das Rezept mit Currypulver vorzustellen, erweckt hingegen schlichtweg kaltes Grausen.
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