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Bergtour in Iran: Durch Schwefeldämpfe zum Gipfel

Von Tom Khazaleh

Chlorgestank, Schwefeldämpfe und Atemnot in 5671 Meter Höhe: Eine Besteigung des Damavand in Iran ist anspruchsvoller, als der einfache Schuttpfad hinauf vermuten lässt. Ein Selbstversuch am höchsten Berg des Nahen Ostens.

Gipfeltour in Iran: Schwefeldämpfe, Chlorgestank - und Atemnot Fotos
Tom Khazaleh

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Sturmböen peitschen über die karge Mondlandschaft, die dünne Luft lässt den Atem rasen, starke Schwefeldämpfe irritieren die Lunge. Husten, Krächzen, immer wieder Husten. "Hier, du musst eine Knoblauchzehe unter die Nase halten, das hilft gegen den Schwefel", rät der 28-jährige Milad aus Teheran den zwei deutschen Bergtouristen hoch oben auf dem Dach Persiens.

Nur 80 Kilometer nordöstlich von Teheran steht einer der höchsten freistehenden Berge der Welt: der 5671 Meter hohe Damavand. Wer sich dorthin aufmacht, den erwarten die ersten Hindernisse in der Regel bereits zu Hause. "Wie bitte, Urlaub in Iran? Ist das nicht zu gefährlich?"

Iran ist sicherlich kein klassisches Urlaubsziel, doch seit dem Rücktritt von Präsident Mahmud Ahmadinedschad im Sommer 2013 steigt die Zahl der Besucher rasch an. Sie wollen nicht nur kulturelle Schätze wie Persepolis und Isfahan besuchen, sondern auch die Bergwelt erkunden. Iran durchziehen riesige Gebirgsketten mit über 40 Viertausendern, einigen Gletschern und dem gewaltigen Vulkan Damavand.

Für die meisten beginnt das Bergabenteuer in der Millionenmetropole Teheran. Vor allem der Norden mit seinen endlosen Einkaufstraßen zeigt eine moderne, durchaus westlich anmutende Großstadt. "Woher kommt ihr? Deutschland? Ein tolles Land! Willkommen bei uns in Iran!" - Deutschland ist beliebt bei den Iranern.

"Climbing Damavand? No."

Der Ausgangsort für die Damavand-Besteigung ist Polur, ein kleines Örtchen, rund zwei Stunden Busfahrt von Teheran entfernt. Etwas außerhalb steht ein großes Gebäude der iranischen Bergsteigerföderation. Hier kann man nicht nur übernachten, hier befindet sich auch eine riesige Kletterhalle, in der gerade junge iranische Höhlenkletterinnen für ihre Trainerausbildung üben. Klettern, Bergsteigen und Wandern boomt seit Jahren in Iran - auch bei Frauen.

Ganz andere Interessen hat der stämmige Fahrer, der Bergsteiger mit seinem Geländewagen bis zum Ende der wilden Schotterstraße bringt. Das wichtigste Statement des Mannes, der mit seinem Hemd und den feinen Gesichtszügen so gar nicht in die staubige Berggegend passt: "Kebab - yes, Whisky - yes. Climbing Damavand - no." Woher er den Whisky im streng islamischen Iran bekommt, bleibt sein Geheimnis.

Das Ende aller Annehmlichkeiten heißt Gusfandsara, ein ungemütlicher, staubiger Parkplatz auf rund 3000 Meter Höhe. Eine Moschee steht mitten im Nichts, sie dient in erster Linie als einfache Unterkunft für Touristen. Ab hier geht es zu Fuß die letzten fast 2700 Höhenmeter weiter. Einheimische packen die Rucksäcke der Bergtouristen auf Maultiere. Von einsamer Bergromantik ist nichts zu spüren. Es ist Donnerstag, der erste Tag des Wochenendes, und Karawanen an Iranern kämpfen sich den langsam ansteigenden Schuttpfad hinauf.

Seit 2012 bietet eine neu errichtete, große Berghütte auf 4200 Meter Höhe Unterschlupf. Eine 16-köpfige Gruppe aus Estland wartet auf ihr Abendessen, ein deutscher Student sortiert seine Ausrüstung, und die vielen iranischen Wanderer unterhalten sich beim Tee. Iranerinnen sind nur sehr wenige hier oben zu sehen, manche aber ohne Kopftuch. Was in der Stadt unvorstellbar wäre, wird am Berg etwas lockerer gesehen.

Gute Akklimatisierung hilft beim Aufstieg

Ein Mann aus Singapur hat die Höhenluft an dem eher einfach zu begehenden Berg unterschätzt. Der 24-jährige Student fühlt sich hundeelend und muss absteigen. Der Luftdruck in einer Schlafhöhe von 4200 Meter Höhe ist bereits so gering, dass Übelkeit, Kopfschmerzen und Appetitlosigkeit drohen. Daher sollte man unbedingt direkt vorher andere hohe Berge besteigen oder entsprechend mehr Tage am Damavand selbst einplanen und sich dann langsam an die Höhe gewöhnen.

Es dauert nicht lange, und die Iraner suchen das Gespräch mit den ausländischen Gästen und bieten ihnen Pistazien, Äpfel und Süßigkeiten an. "Wir freuen uns, dass ihr hier seid. Wir sind keine schlechten Menschen, wir sind nicht wie unsere Regierung", sagt Mohammed. Eine Botschaft, die sie immer wieder hören.

Um 4 Uhr morgens gehen die Ersten bereits los Richtung Gipfel. Während Teheran noch bei 36 Grad Celsius ächzt, friert vor der Hütte das Wasser. Es ist kalt und windig. Turnschuhe und Jeanshosen sieht man nicht, die meisten Iraner haben Trekkinghosen und Winterjacken an. Auf 5000 Meter Höhe ist in der Ferne ein gefrorener Wasserfall zu sehen. Die Luft wird dünner, die Schritte langsamer. Eine iranische Fünf-Mann-Gruppe kämpft sich langsam den Schutthang hoch. Ein Mann muss sich immer wieder setzen.

Schwefeldämpfe: Der Gipfel ist kein Ort fürs Picknick Zur Großansicht
Tom Khazaleh

Schwefeldämpfe: Der Gipfel ist kein Ort fürs Picknick

Je höher die Wanderer kommen, desto mehr erinnert die Gegend an eine Mondlandschaft. Der Boden schimmert gelb, aus Löchern schießen beißende, stinkende Schwefeldämpfe, der Wind tobt bei minus fünf Grad Celsius. Im oberen Bereich des Berges liegt die meiste Zeit des Jahres Schnee und Eis, nur im Spätsommer oder frühen Herbst ist davon so gut wie nichts zu sehen.

Schwefel- und Chlorgestank am Gipfel

Endlich, alle fünf Mann der iranischen Gruppe haben den Gipfel erreicht - nach sechs Stunden Aufstieg. Sie fallen sich um den Hals und machen Fotos. Nach und nach schleppen sich auch die Esten Richtung Gipfel. Müde, aber glücklich. Die Gipfelkuppe mit drei Felsblöcken im Halbkreis wirkt wie eine von Menschenhand errichtet Mauer. An einem der Felsen sind persische Schriften und ein totes Ziegenskelett befestigt. Im riesigen Vulkankrater liegt Schnee.

Das Dach Persiens ist ein faszinierender Ort - aber es stinkt nach Chlor, nach faulen Eiern, und atmet man zu viel Schwefel ein, glaubt man zu ersticken. Aber da gibt es ja den Trick mit dem Knoblauch.

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insgesamt 12 Beiträge
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1. Würde gerne dorthin reisen
kilroy-was-here 30.10.2014
Der Bericht lädt geradezu dazu ein. Aber als Frau? Zuviele Einschränkungen. Als ich früher fürs business in diesem wirklich schönen Land war konnte ich über eine Einladung dorthin reisen. Aber jetzt? Als Rentnerin - zu kompliziert...
2.
herr wal 30.10.2014
„Je höher die Wanderer kommen, desto mehr erinnert die Gegend an eine Mondlandschaft. Der Boden schimmert gelb, aus Löchern schießen beißende, stinkende Schwefeldämpfe, der Wind tobt bei minus fünf Grad Celsius.“ Dann ist das doch das geeignete Trainingsgelände für Astronauten! Wer sich hier erfolgreich durchgekämpft hat, dem können auch auf dem Mond die giftigen Schwefeldämpfe und der tobende eisige Wind nichts mehr anhaben.
3. Chlorgestank?
horstborschtsch 30.10.2014
Wo soll der denn herkommen? Auf der Erde kommt Chlorgas natürlich nur in winzigen Spuren vor.
4. Guter Artikel
kurzschlussingenieur 30.10.2014
Ich habe einmal Iraner kennengelernt, seitdem unzählige Reiseberichte durch den Iran gelesen und kann es kaum erwarten ihn irgendwann selbst zu bereisen. Nur am Kleingeld mangelts noch. Es ist sehr erfrischend hier einen positiven Beitrag zur IR zu lesen. Achja und : "Wir sind keine schlechten Menschen, wir sind nicht wie unsere Regierung" Das ist gut, die meisten Deutschen nämlich auch nicht.
5. Schöner Artikel
baruntse 30.10.2014
Wir waren im März d.J. mit Skiern genau auf der Route, 3 Personen, alles selbst organisiert.Tolles Land, extrem nette und hilfsbereite Menschen. @kilroy-was-here: Erst kürzlich berichtete eine Journalistin hier in Spiegel online von einer Reise "als Frau alleine im Iran". Das Land ist sicher, alles sind hilfsbereit und suchen förmlich den Kontakt zu "unserer Welt". Außerdem ist die Infrastruktur viel besser als erwartet. Wir konnten auf der Hütte über Smartphone Wetterberichte abfragen, mit Teheran telefonieren wg. Wetterlage usw. Das macht so eine Bergtour viel sicherer als z.B. in Nepal (Unglück Annapurna-Trek vor einigen Tagen). Ich kann jedem nur halbwegs erfahrenen Traveler raten, hinzufahren. @kurzschlussingenieur: Die Kosten waren überschaubar, Linienflug Lufthansa.
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Fläche: 1.648.195 km²

Bevölkerung: 79,476 Mio.

Hauptstadt: Teheran

Staatsoberhaupt und Religionsführer:
Ajatollah Ali Chamenei

Staats- und Regierungschef:
Hassan Rohani

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Republik Iran
Land
REUTERS
Die Islamische Republik Iran ist mit einer Fläche von rund 1,7 Millionen Quadratkilometern fünfmal so groß wie Deutschland. Das Land besitzt nach Russland die zweitgrößten Erdgasreserven der Welt, beim Erdöl steht Iran auf Platz drei und ist derzeit nach Saudi-Arabien der größte Produzent innerhalb der Opec.
Politik
dpa
Seit der Islamischen Revolution von 1979 haben der Revolutionsführer, aktuell Ajatollah Ali Chamenei (Bild), und der Wächterrat die größte Macht im Staat. Der Wächterrat kontrolliert die Kandidaten für Wahlen. Der Regierungschef ist der gewählte Präsident - seit August 2013 Hassan Rohani.
Leute
Corbis
Iran hat rund 75 Millionen Einwohner. Auf dem Uno-Index menschlicher Entwicklung (HDI) für 179 Staaten belegt Iran Platz 76 (Deutschland ist auf Platz 5). Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 73 Jahren (zum Vergleich: Die Lebenserwartung in Deutschland liegt bei 80 Jahren).
Wirtschaft
REUTERS
Die Wirtschaftsleistung pro Kopf betrug 2008 laut einer Schätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) rund 5200 Dollar. Begünstigt vom hohen Ölpreis wuchs die Wirtschaft zuletzt um etwa sechs Prozent. Neben der Arbeitslosenquote, die laut inoffiziellen Schätzungen bei etwa 30 Prozent liegt, ist die Inflation eines der größten wirtschaftlichen Probleme. 2008 soll sie bei fast 30 Prozent gelegen haben, für 2009 rechnet der IWF mit 25 Prozent. Im Jahr 2005 machten Teherans Ausgaben für das Militär laut Uno-Statistiken 5,8 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung aus (Deutschland: 1,4 Prozent).
Menschenrechte
REUTERS
Nach China ist Iran das Land, in dem die meisten Todesurteile vollstreckt werden. Laut Amnesty International wurden 2009 mindestens 388 Menschen hingerichtet, das waren 42 Hinrichtungen mehr als im Vorjahr. Der Uno zufolge saßen 2007 pro 100.000 Einwohner 214 Menschen im Gefängnis (in Deutschland sind es 95). Korruption ist in Iran weit verbreitet. Auf dem weltweiten Index von Transparency International nimmt Iran 2009 bei 180 beobachteten Staaten den 168. Rang ein (Deutschland: 14).
Chronik
Aufstieg von Mohammed Resa
AFP
Im Zweiten Weltkrieg gilt der monarchische Staat Iran als Freund der Achsenmächte. Britische und sowjetische Truppen besetzen daher 1941 das Land. Resa Schah muss abdanken. Die Alliierten inthronisieren seinen Sohn Mohammed Resa . Wegen seiner proamerikanischen Reformpolitik gerät der Schah erstmals 1963 in die Kritik von Ajatollah Ruhollah Chomeini, einem damals hochrangigen religiösen Führer, den die Regierung ein Jahr später in die Türkei abschiebt. Chomeini geht schließlich in den Irak. Dort bleibt er 13 Jahre und entwickelt er das Staatsmodell des islamischen Staates. Mit seiner repressiven Politik und seinem dekadenten Herrschaftsstil bringt der Schah eine wachsende Opposition aus sehr unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Schichten gegen sich auf.
Ajatollah Chomeini und die islamische Revolution
Getty Images
1978 mobilisieren Liberale und Konservative, Säkulare und Religiöse, Linke und Rechte Massenproteste gegen den Schah. Zur Leitfigur des Protests wird Ajatollah Chomeini. Den landesweiten Streiks und Massendemonstrationen in Teheran schließen sich Hunderttausende an. Armee und Polizei gehen teilweise brutal gegen die Demonstranten vor. Dennoch enden die Proteste mit dem Sturz des Schahs am 16. Januar 1979. Nach Chomeinis Rückkehr aus dem Exil in Frankreich, wohin er 1978 gedrängt worden war, spricht sich die Bevölkerung in einem Referendum für die Islamische Republik aus, deren oberster Führer der Großajatollah selbst wird.

Die Außenpolitik Chomeinis wendet sich vor allem gegen die USA und Israel. Am 4. November 1979 besetzen islamische Kräfte die amerikanische Botschaft und nehmen mehr als 50 Geiseln, die erst nach 444 Tagen wieder freikommen. Chomeini billigt die Aktion. Die Beziehungen zu den USA erreichen ihren Tiefpunkt. Unterstützt von den USA überfällt der Nachbarstaat Irak am 22. September 1980 Iran. In dem folgenden acht Jahre langen Krieg zwischen den beiden Ländern sterben etwa eine Million Menschen.
Phase der Islamisierung
REUTERS
Im Laufe des Kriegs treibt die Regierung die Islamisierung des Landes voran. Für Frauen gilt eine strenge Kleiderordnung, in öffentlichen Verkehrsmitteln die Geschlechtertrennung. Chomeini lässt linksgerichtete politische Häftlinge ermorden, vor allem Anhänger der Volksmudschahidin, die noch während der Revolution auf Seiten Chomeinis standen.

1989 stirbt der religiöse Führer. Der Expertenrat, ein Gremium aus höchsten religiösen Sachverständigen, ernennt Ajatollah Ali Chamenei zum Nachfolger. In den Folgejahren hat Iran stark unter zunehmender Korruption zu leiden. Die Liberalisierung der Wirtschaft bleibt weitgehend wirkungslos. Bereits 1995 verhängen die USA erste wirtschaftliche Sanktionen, weil Iran nach US-Auffassung den internationalen Terrorismus unterstützt.
Vom Reformer Chatami zum Hardliner Ahmadinedschad
AFP
Der als liberaler Geistlicher geltende Mohammed Chatami gewinnt 1997 die Präsidentschaftswahl. Seine innenpolitischen Reformbemühungen geraten allerdings ins Stocken, da er versucht, zu viele politische Lager zusammenzubringen, und die nach wie vor einflussreichen konservativen Hardliner erheblichen Widerstand leisten. Im Juni 2005 erobert der frühere Bürgermeister Teherans und konservative Hardliner Mahmud Ahmadinedschad das Amt des Präsidenten. Außenpolitisch sorgt er vor allem durch Vorantreiben eines Atomprogramms und harsche verbale Angriffe gegen Israel für Ärger. Infolge seiner Wiederwahl als Präsident im Sommer 2009 kam es wegen Unregelmäßigkeiten zu wochenlangen Massenprotesten, die teils brutal niedergeschlagen wurden. Zahlreiche Demonstranten wurden getötet, Hunderte Menschen verhaftet.
Entspannung gegenüber dem Westen
Bei der neuerlichen Präsidentenwahl im Sommer 2013 durfte Ahmadinedschad nach zwei Amtszeiten nicht erneut antreten. Es siegte der als gemäßigt geltende Kandidat Hassan Rohani, der seitdem mildere Töne nach außen anstimmt. Der Westen und Iran einigen sich im November auf einen "Gemeinsamen Aktionsplan" im Streit um das iranische Atomprogramm.


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