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Zum Tod von Extremsportler Dean Potter: Der Vogelmensch

Ein Nachruf von

REUTERS

Lebensgefahr war für den Extremsportler Dean Potter Lebensinhalt. Im Austesten menschlicher Grenzen suchte er spirituelle Erfahrungen, um der Natur ganz nah zu sein. Jetzt starb der 43-Jährige bei einem Wingsuit-Sprung.

"Wenn ich fliege, beobachte ich oft den Schatten am Boden - der sieht aus wie ein schwarzer Rabe. In diesen Momenten bin ich ein Rabe." So beschrieb Dean Potter einmal seine Empfindungen, wenn er mit dem Wingsuit von einem Felsen sprang und für ein paar Sekunden oder Minuten das Gefühl hatte, fliegen zu können. Hunderte Absprünge hat der US-Amerikaner gewagt, im Yosemite-Nationalpark, in Lauterbrunnen in der Schweiz, aus Hubschraubern Tausende Meter über dem Boden.

Am Samstag flog der 43-jährige Dean Spaulding Potter zum letzten Mal über seinem Schatten: Nach dem Absprung vom 2300 Meter hohen Taft-Point-Felsen im Yosemite-Park wollte er einen engen Spalt zwischen zwei Felsen passieren. Er und sein Begleiter, der 29-jährige Graham Hunt, verfehlten die Schlüsselstelle und prallten gegen den Stein. Am Sonntag wurden die Leichen der beiden Extremsportler entdeckt.

Auf Potters Facebook-Seite gehen seitdem Kondolenzbekundungen aus aller Welt ein. Sein Alleinstellungsmerkmal war, dass er gleich in mehreren Spielarten des Extremsports zur Weltspitze gehörte: Free-Solo-Klettern, Slacklining, Wingsuit-Fliegen und Base-Jumping. Und "Free Base", seine eigene Erfindung - eine Kletterdisziplin, bei der ihn nur ein Fallschirmrucksack retten kann, wenn er von der Wand stürzt.

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Dean Potter: Volles Risiko über dem Abgrund (Fotostrecke von 2011)
"Dean Potter hat sich schon mit Magie beschäftigt, als es Harry noch nicht gab", schrieb mal ein US-Journalist. "Dean war ein Visionär in vielen Disziplinen", notierte der bekannte Kletterer Conrad Anker in einer Kondolenzbotschaft auf Facebook. Der deutsche Extrembergsteiger Alexander Huber, der einige Touren mit dem US-Amerikaner machte, nannte ihn "einen der einflussreichsten Kletterer, der diverse Highlights gesetzt hat". Potter selbst bezeichnete sich als "Outdoor-Künstler". Immer wieder betonte er, wie wichtig ihm die Verbindung zur Erde und zur Natur sei, die er bei seinen Abenteuern spürte.

Dieser Künstler hat einige Szenarien geschaffen, die sich ins kollektive Gedächtnis der Outdoor-Begeisterten eingebrannt haben:

Tierschützer hielten das erwartungsgemäß für keine gute Idee, doch Potter scherte sich nicht darum, was andere für eine gute Idee halten. Er übertrat Regeln, machte seine eigenen Regeln: Am Delicate Arch in Utah, einem spektakulären Stein-Torbogen, sorgte er 2006 für eine Kontroverse, weil er trotz eines Kletterverbotes auf die brüchige Felsstruktur stieg. Er verlor deshalb seinen Hauptsponsor und entschuldigte sich später.

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Dean Potter: Ein Leben für das Risiko
Auch dem tödlichen Unfall am Samstag ging ein Regelbruch voraus: Die hochriskanten Base-Jumps sind im Yosemite-Nationalpark nicht erlaubt, seit Jahren hatte sich Potter für eine Legalisierung eingesetzt.

Todesnähe als spiritueller Moment

Trotz der immer größeren Öffentlichkeit, die Potter erreichte, machte er oft deutlich, dass es ihm nicht primär um Geltungsdrang und Anerkennung ging. Er suchte vielmehr Grenzerfahrungen, um Menschenmögliches auszutesten, und erlebte die Todesnähe als einen spirituellen Moment, in dem er mit der Natur oder gar dem Universum verschmelzen konnte.

"Wenn du weißt, dass du tot bist, wenn du einen Fehler machst, führt das zu einer super-intensiveren Wahrnehmung. Man gibt sich so viel Mühe wie nie zuvor im Leben", sagte Potter 2011 beim Bergsportfestival IMS in Südtirol. Er war jemand, der ständig Adjektive benutzte, denen er ein "super" voranstellte: Superfokussiert. Superkonzentriert. Superintensiv.

Lange Zeit verschloss sich Potter, der zum Kern des Yosemite-Abenteurerkollektives "Camp 4" gehört, den Regeln der kommerziellen Verwertung von Abenteuern. Er nahm nur in geringem Rahmen Sponsorenverträge an und lebte jahrelang in einer Art Wohnwagen. Zuletzt wurde er in dieser Hinsicht offener, ließ sich von Adidas sponsern, außerdem von einem Versicherungsunternehmen und einem Energieriegelhersteller. Letzterer zog sich jedoch bald wieder zurück, weil er Potters Abenteuer als zu riskant empfand, um sie mit der Marke verbinden zu wollen.

Seine letzte Facebook-Nachricht veröffentlichte Potter am 14. Mai. Sie enthält einen kurzen Film, der einen Raben auf Potters Veranda zeigt. Dazu schrieb er: "Der Rabe nimmt sich ein Ei… Ich weiß, manche Menschen sagen, man sollte keine wilden Tiere füttern, aber ich sehe die Dinge ein bisschen anders und genieße die Gesellschaft wilder Lebewesen, besonders an ruhigen einsamen Tagen. In diesem Fall ist es eher, als hätte man einen langjährigen Nachbarn zu Besuch zum Frühstück." Der Videoclip ist nur zehn Sekunden lang. Am Ende fliegt der Rabe aus dem Bild, und die Veranda ist verwaist.

Dean Potter
Der Extremsportler wurde 1972 im US-Bundesstaat New Hampshire geboren.

2002: Route "Supercanaleta", Fitz Roy, Patagonien: Erste Solo-Begehung.

2006: "Heaven", Glacier Point, Yosemite Valley: Erste Solo-Begehung.

2008: "Deep Blue Sea", Eiger-Nordwand, Schweiz: Erste Solo-Begehung im Free-Base-Stil.

August 2009: Rekord am Eiger in der Schweiz: Längster Basejump mit knapp drei Minuten.

November 2010: Speedkletter-Rekord an der "Nose" am El Capitan, Yosemite Valley: Mit Sean Leary in 2 Stunden, 36 Minuten und 45 Sekunden zum höchsten Punkt der 1000 Meter hohen Wand.

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1. Tscha.
hup 18.05.2015
Er ist gestorben wie er gelebt hat und wie er es sich vermutlich gewünscht hat. Trauer kommt natürlich nicht auf bei jemand der öffentlichkeitswirksamen wiederholten Beinahe-Selbstmord zu seinem Beruf erkoren hat - Berufsrisiko halt. Was aber wirklich ärgerlich ist, ist dass sich Leute in Gefahr begeben mussten um die Leichen von ihm und seinem Kompagnon aus den Felsen eines Naturschutzgebietes zu kratzen. Sich einfach über die Regeln in einem Naturschutzgebiet hinwegzusetzen weil man sich seinen Abenteuerspielplatz nicht vorschreiben lassen will ist egoistisch und prototypisch für Egomanen: Alles muss sich deren ausgefallenen Spaßbedürfnissen unterordnen, ob das die Umwelt stört (und zerstört) ist ihnen wurscht, sie brauchen ihren täglichen Adrenalinfix, sonst spüren sie nichts mehr.
2. Angekommen
Krass357mag 18.05.2015
"Todesnähe als spiritueller Moment" Angekommen würde ich sagen. Und so lange niemand anderes dabei zu Schaden gekommen ist ok so.
3. Was für ein Unsinn...
quittenmarmelade 18.05.2015
...supertot kann ich dazu nur sagen. Leider wächst die Szene junger "todesmutiger" Menschen, auch Dank insbesondere eines Energy-Drink-Herstellers, ständig an. Wer sich derartigen Erfahrungen hingeben möchte, dem sollte man keine Träne nachweinen und auch einen positiven Nachruf widmen. Das ist verantwortungslos und zynisch!
4.
michaelandretter 18.05.2015
Dean Potter lebte sein Leben so wie er wollte und richtig empfand. Daher hat er meine Hochachtung. Er gefährdete damit nie andere und dies gab ihm das Recht so zu leben. Wenn ich aber an seine Videos zurück denke, dann lösten diese in mir immer gemischte Gefühle aus. Einerseits Bewunderung, aber auf der anderen Seite kam mir Potter auch wie ein Getriebener vor. Ein Getriebener der glaubte, sein Glück haupsächlich in Extremen finden zu können. Mich macht sein Tod traurig, auch wenn ich insgeheim seit langem mit dieser Nachricht gerechnet habe.
5. Wenn ich mir so etwas:
curiosus_ 18.05.2015
Unbelievable Wingsuit Cave Flight! Batman Cave, Alexander Polli (https://www.youtube.com/watch?v=8L8UCfxmtSw) anschaue, dann wundere ich mich warum man da nicht öfters Ausfälle zu beklagen hat. Eine Böe von der Seite, und knapp daneben ist auch daneben.
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