Ranger im Death Valley "36 Grad? Sorry, da muss ich lachen!"

Patrick Taylor arbeitet an einem der heißesten Orte der Erde, dem kalifornischen Death Valley. Der Ranger erzählt vom Überleben bei 47 Grad, Keksebacken im Auto und von Touristen, die Thermometer fotografieren.

Getty Images / National Geographic

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Wir haben gerade eine Hitzewelle in Deutschland, da wollte ich mit einem Experten sprechen.

Taylor: Ach ja, wie heiß ist es denn bei Ihnen?

SPIEGEL ONLINE: In dieser Woche sollen es teilweise bis zu 36 Grad Celsius werden.

Taylor: 36? Sorry, da muss ich lachen. Wir haben hier gerade 47 Grad Celsius.

SPIEGEL ONLINE: Okay, Sie haben gewonnen. Aber Sie leben auch an einem der heißesten Orte dieses Planeten, dem Death Valley.

Taylor: Tut mir leid, ich wollte mich auch nicht über Ihre Hitze lustig machen. Ich weiß, wie anstrengend hohe Temperaturen sein können. Im Death Valley wurde 1913 tatsächlich die höchste Temperatur gemessen, die es jemals gab: 134 Grad Fahrenheit (56,7 Grad Celsius) - damals sollen Vögel tot vom Himmel gefallen sein.

Ranger Patrick Taylor vor dem Besucherzentrum im Death Valley
Helen Holzknecht

Ranger Patrick Taylor vor dem Besucherzentrum im Death Valley

SPIEGEL ONLINE: Was war der heißeste Tag, den Sie erlebt haben?

Taylor: Ich arbeite seit fünf Jahren hier, einmal hatten wir einen Tag mit 53 Grad Celsius im Schatten. Temperaturen um die 50 Grad messen wir eigentlich jedes Jahr im Sommer, meist an drei bis vier Tagen hintereinander. Da will man wirklich nicht viel im Freien unternehmen. Bei den Sanddünen hier im Park haben wir mal unmittelbar über dem Sand 93 Grad gemessen.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht seltsam, sein Leben an einem Ort zu verbringen, der Tal des Todes heißt?

Taylor: So habe ich das noch gar nicht betrachtet. Mir gefällt es hier, vor allem in den Wintermonaten. Im Sommer ist es natürlich hart. Wenn Arbeiter körperlich tätig sind, müssen sie nach zehn Minuten Pause machen, eine halbe Stunde in den Schatten gehen oder in ein Fahrzeug mit Klimaanlage.

SPIEGEL ONLINE: Was machen Sie denn im Sommer in Ihrer Freizeit?

Taylor: Die verbringen wir Ranger meist in Gebäuden. Wir sind dann richtige Couch Potatoes, lesen Bücher, gucken fern. Manche gehen joggen, aber wenn dann nur in den Stunden vor Sonnenaufgang. Es gibt ein paar Pools, die sind natürlich sehr populär bei uns. Bricht allerdings irgendwo ein Feuer aus, pumpt die Feuerwehr das Poolwasser ab, um es zum Löschen zu verwenden. Das Trinkwasser aus den Wasserleitungen ist übrigens auch niemals kalt, die Wasserleitungen verlaufen nicht tief genug unter der Erde.

SPIEGEL ONLINE: Wie verhält man sich am besten, wenn es so heiß ist?

Taylor: In klimatisierten Räumen bleiben, also dem Hotelzimmer, dem Besucherzentrum, im Auto mit Klimaanlage. Wir tragen auch meistens lange Hosen und Hemden, dazu breitkrempige Hüte. Und natürlich trinken, trinken, trinken. Für jede Person sollte man mindestens sieben bis acht Liter Wasser im Auto mit sich führen. Auch bei kurzen Wanderungen sollte man mindestens drei bis vier Liter Flüssigkeit bei sich haben. Aber wir haben dennoch jedes Jahr viele Fälle, in denen Besucher mit einer Coladose in der Hand um die Mittagszeit herumlaufen und dann ein paar hundert Meter von ihren Autos entfernt nicht mehr weiter können.

SPIEGEL ONLINE: Wie gefährlich ist das?

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Death Valley: So geht Hitze!

Taylor: Leider sterben jedes Jahr Menschen. Die meisten davon aber kamen schon mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen wie Herzproblemen hierher. Oft ist es nicht das Death Valley, das tötet, sondern der Leichtsinn. Wenn wir Hitzeopfern helfen müssen, reicht das von kurzen Behandlungen, mit denen wir den Menschen Wasser und Kühle verschaffen bis zu Hubschrauber-Evakuierungen bei Hitzschlägen. Häufig sind die Besucher nur dehydriert, sie schaffen es schlichtweg nicht, genug zu trinken.

SPIEGEL ONLINE: Wie erkennt man einen Hitzschlag?

Taylor: Ist man zu lange der Hitze ausgesetzt, versagt das Kühlsystem des Körpers, die Körpertemperatur steigt auf über 40 Grad. Das Resultat sind Schwindelgefühle, Übelkeit, Muskelkrämpfe, Kopfschmerzen. Das Opfer kann keine klaren Sätze mehr formen, nicht mehr klar denken und beginnt, irrational zu handeln, zum Beispiel sich die Kleider vom Körper zu reißen. Wenn der Körper die Schweißproduktion einstellt, ist das ein sehr schlechtes Zeichen. Es folgen schwere innere Krämpfe, oft ein Koma.

SPIEGEL ONLINE: Eigentlich verwunderlich, dass Sie überhaupt Besucher im Sommer haben.

Taylor: Finde ich auch. Es gibt Tausende Menschen, die um die halbe Welt reisen, um die Hitze am eigenen Leib zu erfahren. Die meisten kommen aus Asien und Europa. Es sind vor allem viele Deutsche und Franzosen. Es ist diese extreme Landschaft und die extremen Temperaturen, die Touristen anlocken. Wir nennen die Sommermonate auch "European Season", die Europa-Saison. Das große Thermometer, das wir am Besucherzentrum aufgestellt haben, ist übrigens das meistfotografierte Motiv in Death Valley. Jeder will dokumentieren, dass er sich tatsächlich in dieser Hitze aufgehalten hat.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass man Eier auf dem Boden braten kann?

Taylor: Klar, es gibt viele Besucher, die mit Pfannen und Eiern ankommen, um sich ein Ei zu braten. Ein paar Kollegen im Besucherzentrum machen manchmal "Dashboard Cookies" oder "Dashboard Pizza", also Plätzchen oder Pizza, die sie auf einem Blech backen, das sie im Auto vorne auf das Armaturenbrett unter die Windschutzscheibe gelegt haben. Schmeckt prima. Ich persönlich benutze lieber einen Herd.

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insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
ofelas 23.07.2018
1. Trocken
Dort ist es trockende Hitze und hier feuchte. Das ist ein riesen Unterschied......
satissa 23.07.2018
2. Temperaturen
Naja, neulich in Riyadh waren es auch 47 Grad. Nichts besonderes. Bei einer Luftfeuchtigkeit von unter 5% ist das nicht unangenehm. Man muss nur ordentlich Wasser in sich hineinschütten. Es ist in jedem Fall angenehmer als 28 Grad in unseren Breitengraden mit hoher Luftfeuchtigkeit.
Layer_8 23.07.2018
3. Hitzepole
Golfregion, Südpakistan etc. sind auch ziemlich interessant im Sommer. Hinzu kommt noch die unerträgliche Monsunschwüle, welche immer noch da ist, obwohl sich die Regenwolken über der Wüste schon längst aufgelöst haben. Empfehlenswerte Touristenattraktion ist z.B. Moenjodaro im August. Stätte früher menschlicher Hochkultur in Pakistan am südlichen Indus. Tagsüber 50 Grad bei 100 Prozent Luftfeuchte. Was die Leute sonst noch dort machen: Tagsüber versucht man irgendwie zu schlafen und nachts wird gearbeitet.
hexenbesen.65 23.07.2018
4.
Es ist aber ein "kleiner" Unterschied, ob es 50 Grad hat, und es TROCKEN ist, oder 36 Grad und Saunaschwüle herrscht. Ist am Meer mit Wind genauso....da merkt man die 36 Grad nicht....in der Rheinebene aber sofort...da sind 30 Grad bei 70 % oder mehr Luftfeuchte extrem. Und die Amis kühlen ja alles bis auf knapp überm Gefrierpunkt runter....da hat jede noch so kleine Hütte ne Klimaanlage...Da kann man locker "draußen" 50 Grad haben....
fatherted98 23.07.2018
5. ja ja die Ranger...
....US Ranger....ich hab sie kennengelernt...meist ziemlich übergewichtig und niemals weiter als 20 Meter von ihrem Riesen-SUV entfernt...der natürlich im Stand läuft weil die Klima an ist und es schön kühl bleiben soll....leider keine Einzelfälle auf unserer Tour durch die Nationalparks. Immerhin waren sie meist freundlich....aber auf eine Art die doch sehr gewöhnungsbedürftig ist...die Herrschaften halten sich und ihren Berufsstand für das non plus ultra....warum blieb mir allerdings rätselhaft.
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