Deutsche Ingenieure in Medina: Schattenspender aus dem Ländle

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Millionen Gläubige strömen alljährlich nach Medina, die Prophetenmoschee kann die Massen nicht mehr fassen. Stuttgarter Ingenieure haben nun Hunderte hydraulisch ausklappbare Riesenschirme auf dem Vorplatz aufgestellt - und den saudi-arabischen Herrschern eine Menge Geld gespart.

Pilgerstadt Medina: Schirme für die Gläubigen Fotos
Bernhard Zand/DER SPIEGEL

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Christian Wagner steht auf dem Dach des Mövenpick-Hotels in Medina. Die Sonne brennt ihm ins Gesicht, die Klimaanlagen rasseln. Er schaut auf den Vorplatz der Prophetenmoschee hinunter: Alles ist weiß - die Sonne, der Mittagshimmel, der Marmor, fast ein ganzer Quadratkilometer davon. Nur ein kleine Schneise Grau durchschneidet ihn. Das ist der Schatten, den eine zur Probe aufgespannte Reihe von Sonnenschirmen wirft, die wie vier Pilze dort unten stehen. Auch sie sind weiß.

"Sehen Sie die Leute dort drüben?" fragt er. Ganz hinten betritt eine Gruppe von Pilgern den Platz, sie steuern direkt auf eines der Moschee-Portale zu. "Passen Sie auf. Gleich werden sie die Richtung ändern." Tatsächlich. Zuerst schert einer aus der Gruppe aus, dann folgen ihm die anderen, genau auf die graue Schneise zu. Kaum haben sie den Schatten erreicht, verlangsamt sich ihr Schritt, jetzt schlendern sie, sie fangen an zu sprechen. "Das sehe ich immer wieder gern", sagt Wagner. "Der Mensch sucht den Schatten."

Die Moschee von Medina al-Munawwarah, der "erleuchteten", der "strahlenden Stadt" im Hinterland des Hedschas, ist nach der Großen Moschee in Mekka die zweitheiligste Stätte des Islam. Nach Medina ist der Prophet im Jahr 622 ins Exil gegangen, als er sich mit den Mekkanern überwarf, mit diesem Datum beginnt die islamische Zeitrechnung. Von Medina aus schlug er seine ersten Schlachten, hier ist er beerdigt.

Und zu Medina, 350 Kilometer nordwestlich von Mekka, 150 Kilometer vom Roten Meer entfernt, haben die Muslime seit je ein besonderes inniges Verhältnis. Das hat zum einen mit der Gegenwart des Propheten zu tun - mancher prominente Saudi-Araber ließ sich hier beerdigen, so etwa 1988 Osama Bin Ladens genialisch-flamboyanter Bruder Salim, dessen Baukonzern das moderne Medina errichtet hat.

Zum anderen spielt auch das Lebensgefühl der Stadt eine Rolle: Männer wie Saudi-Arabiens legendären Ölminister Zaki Yamani trifft man während des Fasten- und Feiermonats Ramadan nicht im hektischen Mekka, sondern in Medina an. Medina verhält sich zu Mekka wie der Richmond Park zum Piccadilly Circus. Mekka ist laut, Medina still, Mekka ist eine dichte Stein- und Felsenmetropole, Medina eine Oasenstadt, ein Pilgerziel mit Wellness-Faktor.

"Kältesee" in der Moschee

Einen gewissen Anteil daran hat die Firma, für die der deutsche Techniker und Muslim Christian Wagner seit Jahren nach Medina reist. Schon Anfang der neunziger Jahre, als die Prophetenmoschee von 26.000 auf fast 120.000 Quadratmeter, eine Fläche von annähernd 16 Fußballfeldern, erweitert wurde, hatte das Stuttgarter Architekturbüro SL-Rasch eine für Sakralbauten bis dahin neue Idee entwickelt: fahrbare Kuppeln. Wenn die Hitze im Sommer unerträglich ist, schließen sie morgens das Dach des Gebäudes und öffnen es nachts, um laue Luft hereinzulassen.

Das Resultat: ein wohltuender "Kältesee", der zusammen mit einer riesigen Klimaanlage den Aufenthalt in der Moschee zum Vergnügen macht. Viele Pilger verlassen sie oft stundenlang nicht, manche übernachten sogar auf dem mit Teppichen ausgelegten Boden.

Doch selbst die Erweiterung der Moschee reicht heute nicht mehr aus, die Massen der Pilger unterzubringen, die nach dem Hadsch, der jährlichen großen Pilgerfahrt, von Mekka nach Medina kommen. Sie beten draußen, unter freiem Himmel. Das mochte in den vergangenen Jahren noch hingehen, als der Hadsch in die kühlen Wintermonate fiel, der letzte auf Mitte November. Von nun an aber rückt die große Pilgerfahrt, dem Mondkalender folgend, mit jedem Jahr zehn Tage näher an den Sommer heran. Abhilfe war geboten.

Auf einen Latte ins Mövenpick

Die Stuttgarter überzeugten König Abdullah und seinen Chefbaumeister, Salim bin Ladens Bruder Bakr, mit einer eleganten Idee: Statt einer neuerlichen, diesmal unweigerlich ins Gigantische ausartenden Erweiterung der Moschee schlugen sie vor, den riesigen Vorplatz zu nutzen und mit hydraulisch ausklappbaren Riesenschirmen zu versehen. Insgesamt 250 davon haben sie aufgestellt, jeder davon gut 20 Meter hoch und in aufgespanntem Zustand 25 mal 25 Meter groß. Da die Schirme oben exakt abschließen, ist damit eine zusätzliche Schattenfläche von mehr als 150.000 Quadratmetern gewonnen, mehr als die gesamte Fläche der Moschee.

Die Schirme sind mit einem Kunststoff bezogen, der so tragfest ist, dass die Monteure bequem auf den Segelflächen stehen, ja sogar herumspazieren können; auf der Unterseite sind sie blass hellblau bedruckt, so dass sie den Eindruck einer großen Halle erwecken. Vor allem aber lassen sie sich je nach Temperaturverhältnissen öffnen und schließen. Nur drei Minuten dauert es, dann sind die Schirme abends zugeklappt und verschwinden, jeder für sich, in einer schlanken Säule. Aus der Segeltuchhalle über dem weißen Marmor werden 250 Laternenmasten, in denen sich aufwendige Technik verbirgt - bis am nächsten Morgen erneut die Sonne aufgeht und auf die Stadt herunterbrennt.

Vier Jahre lang hat das Stuttgarter Unternehmen an dem Millionenauftrag gearbeitet. Auf dem aktuellen Google-Earth-Satellitenbild von Medina sind, Stand Mai 2009, erst 56 Schirme zu sehen; gut ein Jahr später, in diesem Sommer, war der letzte Schirm aufgespannt.

So anspruchsvoll der Auftrag war - an den Bedingungen gemessen, unter denen seine Kollegen gerade an der Turmuhr von Mekka bauen, hatte Christian Wagner in Medina eine schöne Zeit: Er wohnte draußen am Rande der Oasenstadt. Und wenn ihn bei der Arbeit dürstete, ging er ins Mövenpick oder ins Oberoi Hotel auf einen Latte rüber, wenn ihm die Hitze unerträglich wurde, nahm er ein Bad im Kältesee. Das muss sich rumgesprochen haben. Sein nächster Auftrag ist in Mekka.

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Forum - Sind Islam und Moderne vereinbar?
insgesamt 879 Beiträge
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1.
Kontra, 18.12.2010
Zitat von sysopAuch Religionen unterliegen dem Wandel, werden reformiert und passen sich in Lehre und Praxis dem Leben an. Häufig wird dem Islam das Verharren in nicht zeitgemäßen Forderungen und Inhalten vorgeworfen, was zu Konfrontationen und Missverständnissen führt. Sind Islam und Moderne vereinbar?
Religion ist was für's Mittelalter und hat in der Moderne nichts zu suchen und der Islam im Besonderen, Prädikat besonders rückständig.
2. ja und nein
Klapperschlange 18.12.2010
Zitat von sysopAuch Religionen unterliegen dem Wandel, werden reformiert und passen sich in Lehre und Praxis dem Leben an. Häufig wird dem Islam das Verharren in nicht zeitgemäßen Forderungen und Inhalten vorgeworfen, was zu Konfrontationen und Missverständnissen führt. Sind Islam und Moderne vereinbar?
Nach unseren Politikern, ja, nach Volkes Meinung, nein!
3.
muhareb 18.12.2010
Zitat von KlapperschlangeNach unseren Politikern, ja, nach Volkes Meinung, nein!
Die Frage war ob Islam und Moderne vereinbar sind, nicht was irgendwelche Leute dazu meinen. Die Frage ist nun eigentlich gar nicht zu beantworten, solange man "Moderne" nicht definiert. Sind doch Organistionen wie die "Muslimbruderschaft" auch eben Ergebnis der Moderne, und, noch wichtiger, übernehmen sie ja auch Ideolgien der Moderne wie den Antisemitismus, vermischen ihn mit koranischen Versatzstücken und haben ein Amalgam, dass theoretisch nicht weniger eliminatorisch antisemitisch ist wie der Nationalsozialismus, alleine die Möglichkeiten fehlen. Aber da wird ja auch -nicht zuletzt mit Hilfe der deutschen Wirtschaft, dran gearbeitet.
4. Ist Religion Privatsache?
++arthur 18.12.2010
Klar, müssen die Menschen mit sich selbst ausmachen. Bis jetzt wirkt der von Menschen in der Öffentlichkeit vertretene, propagierte Islam aber für mich noch Rückständig. Liegt vielleicht auch an einer verzerrten Mediendarstellung. Allerdings sind die Länder in denen "streng nach dem Islam" gelebt wird für mich abstoßend. Man sollte hier in Deutschland auch endlich anfangen Religion & Staat zu trennen. Ein Vorschlag: nur noch einen gemeinsamen Ethikunterricht statt verschiedene Religionsunterrichte. Das könnte man noch damit kombinieren, dass Religionsunterrricht, in der Form wie er jetz existiert, nur noch als freiwilliges Zusatzfach oder später 8./7. klasse als Wahlfach unterrichtet wird. An Grund-, Haupt-, Realschulen & Gymansien. Theologisches Studium könnte so trotzdem angestrebt werden. Die klassen 2.3.4., in denen die Kinder noch sehr jung sind, sind stark prägend. Religion würde durch diesen Vorschlag nicht austerben. Und in dem neuen gemeinsamen Ethikunterricht könnten trotzdem die schönen/moralischen Lehren aus Bibel, Koran, Tanach gelehrt werden. Ohne auf irgendwelche Konflikte eingehen zu müssen. Kirchengang (am Schulanfangjahr) freiwillig! und noch folgendes "Diese _schleichende Rechristianisierung der Politik läuft unserer Verfassung zuwider_. Ein weltanschaulich neutraler Staat muss zwischen religiösen Fragen einerseits, ethischen Fragen andererseits präzise unterscheiden. Erinnert sich noch jemand, dass die Demokratie gegen den erbitterten Widerstand der Kirchen erkämpft wurde? Menschenwürde ist eben keine Erfindung des Christentums, sondern geht auf die antiken Stoiker zurück. Und die Menschenrechte wurden in der Französischen Revolution gegen eine »gottgewollte« Monarchie durchgesetzt. Noch bis in die 1950er Jahre nannten deutsche Kleriker die Menschenrechte eine »liberalistische Verirrung«, und Papst Benedikt spricht von einer bloßen »Lehre«." http://www.zeit.de/2010/44/Das-ist-mir-heilig PS: Ansonsten möcht ich mich noch allen Religionskritikern anschließen. Und sagen: Die Kirche war schon immer der Feind der (modernen) Wissenschaft.
5. .
fâni 18.12.2010
Die Muslime nennen die Zeit des Propheten "Asr-saadat" - "Zeit der Glückseeligkeit". Islamische Gesellschaften brauchen sich der Moderne nicht anzupassen. Sie müssen sich auf ihre islamischen Wurzeln besinnen, auf die reine Lehre des Quran und der Hadithen. Sie müssen sich ihrer Diktatoren entledigen, natürlich auch die Besatzungsmächte loswerden, sich vom Wahabbismus distanzieren und endlich dem Rat des Propheten, sich nicht aufzuspalten (oder aufspalten lassen), sondern sich zu einen, folgeleisten.
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Mekka: Pilgerziel für Millionen
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Über eine Milliarde Menschen leben in der islamischen Welt, zwischen Mauretanien und Indonesien gelten besondere Verhaltensregeln. Kennen Sie auf Reisen den guten Ton des Orients?

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Islam
Geschichte
Der arabische Begriff "Islam" bedeutet "Unterwerfung", gemeint ist "unter den Willen Gottes". Er bezeichnet die jüngste der drei monotheistischen Weltreligionen. Der Islam entstand im siebten Jahrhundert auf der arabischen Halbinsel im heutigen Saudi-Arabien. Schon bald nach dem Tod des Propheten Mohammed stieg das islamische Reich zur Weltmacht auf.

Islam , Christentum und Judentum eint Vieles, zum Beispiel die zentrale Bedeutung der Beziehung zwischen Gott, dem Schöpfer, und dem Menschen, seinem Geschöpf. Auch spielen viele aus dem Alten und Neuen Testament bekannte Propheten eine Rolle im Islam.

Die fünf Säulen des Islam sind das Glaubensbekenntnis, das fünfmalige tägliche Gebet, die Spende an die Armen, das Fasten im Monat Ramadan und die Pilgerfahrt nach Mekka .

Über eine Milliarde Menschen bekennen sich zum Islam, in über 50 Staaten stellen Muslime die Mehrheit die Bevölkerung. Rund zehn Prozent der Muslime sind Schiiten, fast alle übrigen Sunniten.
Koran
"Koran" bedeutet in etwa "Das Vorzutragende" und beschreibt die Summe der Offenbarungen, die der Prophet Mohammed von Gott empfing - übermittelt durch den Erzengel Gabriel.

Bald nach dem Tod des Propheten (632 n. Chr.) begannen die Versuche, aus den bis dahin vor allem mündlichen Überlieferungen einen gemeinsamen, authentischen und schriftlich kodifizierten Koran zu kompilieren - ein Unternehmen, das erfolgreich war, denn heute gibt es zwar noch einige abweichende Lesarten des Koran, aber im Wesentlichen beziehen sich alle Muslime, egal ob Sunniten oder Schiiten, auf denselben Text.

Der Koran ist in Suren gegliedert, die wiederum aus Versen bestehen. Der Koran ist nach Länge der Suren geordnet - aber auch eine zeitliche Ordnung lässt sich einigermaßen sicher rekonstruieren. So unterschieden sich die sehr früh geoffenbarten Suren stilistisch und inhaltlich deutlich von den späteren, die weniger poetisch sind und zahlreiche klare Anweisungen enthalten.

Nach orthodox-islamischer Vorstellung ist der Koran (anders als die Bibel ) die wörtliche Rede Gottes - er ist deswegen unveränderlich und überall und zu jeder Zeit gültig. Das heißt aber nicht, dass er nicht der Interpretation zugänglich wäre: Zahllose islamische Gelehrte haben dem Koran in 14 Jahrhunderten immer wieder neue Facetten abgerungen und ihn für das tägliche Leben anwendbar gemacht.
Mohammed
Mohammed war der Empfänger des Koran : Ihm erschien der Erzengel Gabriel, er gab Gottes Offenbarung an die Mekkaner weiter. Die freilich wollten von der aufrührerischen neuen Lehre zunächst nichts wissen und ihren Polytheismus nicht aufgeben. Mohammed verließ seine Heimatstadt daraufhin und zog mit seinen ersten Unterstützern ins rund 300 Kilometer entfernte Yatrib, das spätere Medina. Dort stieg Mohammed bald zum Führer seiner stetig wachsenden Gemeinde auf. Schließlich schlossen sich auch die Mekanner dem Islam an.

Mohammed war Prophet, Richter, Heerführer und Herrscher in einer Person. Aber anders als etwa Jesus für die Christen ist er nach islamischer Ansicht weder sündenfrei noch mehr als ein Mensch gewesen. Gleichwohl gilt er den Muslimen als das beste Vorbild. Außer dem Koran sind die Sammlungen von Mohammeds Taten und Aussprüchen deshalb wichtige Texte für die islamische Glaubenspraxis und Rechtsfindung.

Mohammed entstammte einem verarmten Zweig eines wichtigen mekkanischen Stammes, den Koreischiten. Schon bevor ihm der Engel Gabriel erschien, soll er sich regelmäßig als Eremit zum Kontemplieren und Meditieren zurückgezogen haben - eine damals nicht völlig unübliche Praxis. Mit welchen anderen religiösen Vorstellungen Mohammed vertraut war, ob er Umgang mit christlichen oder jüdischen Religionsgelehrten hatte, ist ungewiss. Aber Mohammed war auch Kaufmann, er begleitete Karawanen, zum Beispiel in den syrischen Raum. Es ist wahrscheinlich, dass er dabei mit einer Vielzahl von Glaubensvorstellungen in Berührung kam.
"Corpus Coranicum"
Das Projekt "Corpus Coranicum", das an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften angesiedelt ist, hat sich drei große Aufgaben gestellt: Zum einen soll die Entstehungsgeschichte des Korantextes nachvollzogen und dokumentiert werden. Dabei soll es auch darum gehen, frühe Handschriften mit Koranfragmenten auszuwerten und unterschiedliche Lesarten des Korantextes darzustellen. Zum Zweiten wird eine Datenbank von "Texten zur Umwelt des Koran" erstellt. Diese sogenannten Intertexte sollen helfen, das geistige Klima zu rekonstruieren, in dem der Koran entstand. Schließlich sollen die neuen Daten und Erkenntnisse in einem Buchprojekt zusammengeführt und gedeutet werden.

Das Projekt wird geleitet von der Berliner Professorin Angelika Neuwirth; die Arbeitstelle besteht derzeit aus vier Wissenschaftlern.
"Intertexte"
Mit diesem Begriff beschreiben Neuwirth und ihr Team Texte, die sich zu bestimmten Passagen des Korantextes in Beziehung setzen lassen - dabei kann es sich um alttestamentarische Texte handeln, aber auch um christliche, christlich-apokryphe, altarabische, hellenistische oder noch andere Texte handeln. Es geht allerdings ausdrücklich nicht darum, vermeintliche Quellen des Koran zu identifizieren - sondern eher die "Kontrastfolie" (Neuwirth) zu dem, was der Koran sagt.

Ein Beispiel für einen Intertext: "Sprich: Er ist Gott, einer", heißt es in der 112. Sure des Koran. Neuwirth setzt diese Stelle in Beziehung zum Alten Testament, Deuteronomium 6,4: "Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einer".

Hier könne man sehen, wie der Koran Altes aufgreift, um Neues zu sagen, meint die Islamforscherin. So werde in der 112. Sure keine bestimmte Gemeinschaft mehr adressiert, wie zuvor noch die Juden ("Israel") in der alttestamentarischen Passage. Sondern es stehe da, in denkbar karger, aber umso deutlicherer Form: "Er ist Gott, einer".

Zugleich sei in diesem Fall durchaus von einer bewussten Anspielung des Koran auf Deuteronomium 6,4 auszugehen. Denn das Arabische "ist an dieser Stelle grammatikalisch geradezu falsch", so Neuwirth - dafür aber analog zu der hebräischen Passage gebildet.