Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Digitale Nomaden auf Kreuzfahrt: "All-inclusive ist schon geil"

Von Theresa Lachner

Acht Tage Kreuzfahrt von Gran Canaria nach Brasilien für 148 Euro, das klingt nach supergünstigem Oma-Urlaub. Doch an Bord sind hundert digitale Nomaden: Sie arbeiten, networken - und haben Spaß dabei.

Zur Autorin
  • Lvstprinzip
    Theresa Lachner ist freie Journalistin, betreibt den Blog www.lvstprinzip.de und ist seit drei Jahren als Digitalnomadin in der ganzen Welt unterwegs. Ihre Lieblingsorte zum Leben und Arbeiten sind Saigon, Berlin und Tarifa.
  • Zum Lvstprinzip-Blog
Natha sitzt mit seinem Laptop im Poolbereich und schreibt Produktbeschreibungen für seinen Onlineshop. Er will dort Dinge anbieten, die beim Reisen mit Handgepäck nützlich sind, und steht kurz vor dem Launch. Doch schnell wird er abgelenkt von lauter Musik und von der brasilianischen Lebensfreude des Animationsteams: Die Zumba-Session beginnt, begleitet von lauten "Oooi! La Tigra!"-Rufen und ein paar begeistert mitfauchenden Senioren.

Entnervt klappt Natha den Laptop zu, muss dann aber grinsen, weil die Situation so absurd ist. Der 23-jährige Elektroniker aus Plüderhausen bei Stuttgart ist es als digitaler Nomade gewohnt, an ungewöhnlichen Orten zu arbeiten, doch so etwas hat er noch nicht erlebt.

Schluss mit der Maloche. WLAN ist hier mitten auf dem Atlantik sowieso zu teuer und zu langsam, um besonders viel Business zu machen. Die meisten von uns haben es längst aufgegeben und schunkeln zu den Zumba-Rhythmen mit. Digitaler Entzug mit All-inclusive-Drinks. Wie zur Hölle sind gerade wir hier gelandet?

Facebook ist an allem schuld - genauer gesagt der Link zu einem Billigreise-Angebot in der Gruppe "Webworktravel - Digital Nomad Network": acht Tage Transatlantik-Kreuzfahrt von Gran Canaria nach Brasilien für 148 Euro. Dazu der Kommentar: "Let's go :)" Ein "Repositioning Cruise", bei dem es der spanischen Reederei Pullmantur hauptsächlich darum geht, die "Sovereign" samt Besatzung einmal quer über den Ozean an touristisch interessantere Winterziele zu bringen. Deswegen ist die Nummer für uns auch billiger, als zu Hause zu bleiben.

Hoffentlich Wasser im Pool

"Wir haben das alle einfach gebucht, ohne irgendeinen Plan, was uns hier erwartet. 'Repositioning Cruise' kann halt alles bedeuten. Ich habe einfach nur gehofft, dass überhaupt Wasser im Pool ist und hier nicht die ganze Zeit renoviert wird", sagt Johannes Voelkner, der hinter der ganzen Aktion steckt.

Als Betreiber der größten deutschen Facebook-Gruppe für Menschen, die ortsunabhängig arbeiten, will er vor allem Gleichgesinnte zusammenbringen. "2011 war ich alleine auf Reisen und habe einige Menschen getroffen, die als digitale Nomaden gelebt und gearbeitet haben. Ich habe damals einfach nicht verstanden, warum das nicht viel mehr Leute machen", so beschreibt er seine Motivation.

Nun finden sich in seiner Gruppe Menschen, die genau darauf Lust haben: reisen, arbeiten, produktiv sein - und Spaß dabei haben. Die andalusische Kitesurfing-Stadt Tarifa hat Voelkner bereits zur europäischen Digitalnomadenhochburg gemacht. Und jetzt schippern mehr als hundert von uns gemeinsam über den Atlantik. Mit Wasser in allen vier Pools, wohlgemerkt.

Wir? Das sind Unternehmer, Programmierer, Onlinehändler, Grafiker, Blogger wie ich, Marketingmenschen und Journalisten, aber auch Anwälte, Coaches und Musiker. Menschen zwischen 23 und 50, die in ihren Berufen und Charakteren fast nicht unterschiedlicher sein könnten - aber von der gemeinsamen Leidenschaft angetrieben werden, während der Arbeit die Welt zu sehen. Jeder Job, der sich online von unterwegs erledigen lässt statt mit Aktentasche und Anzug im Büro, ist ein potenzieller Digitalnomadenjob. Und für einige an Bord ist diese Kreuzfahrt der ultimative Tritt in den Hintern, sich endlich voll auf diesen Lebensstil einzulassen.

Fotostrecke

7  Bilder
Luxus-Herbergen auf dem Wasser: Die neuen Giganten der Meere
Maren aus Hamburg ist zufällig in unserer Gruppe gelandet. Gerade erst hat sie ihren Marketingjob bei einer Plattenfirma gekündigt, eigentlich wollte sie einfach so lange durch Lateinamerika reisen, bis das Geld aufgebraucht ist. Doch die Energie hier steckt sie an: "Ich konnte mir sowieso noch nie so richtig vorstellen, ein Backpackerleben zu führen und einfach nur von Hostel zu Hostel zu tingeln. Seit ich euch alle kenne, will ich nur noch als Digitalnomadin reisen und arbeiten."

Apartments statt Hostel, Slow Travel statt Sightseeing und die ewige Suche nach solidem WLAN statt des hundertzwanzigsten Wasserfalls: Die Reisegewohnheiten der meisten Digitalnomaden unterscheiden sich deutlich von denen klassischer Backpacker. Und auch auf die ewig selben Dialoge von "Where are you from?" über Akzente-Raten bis hin zu "Und was hat die Tour gekostet?" haben die meisten von uns schon länger keine Lust mehr. Stattdessen geht es in Nomadenkreisen meist um Morgenroutinen, Effizienz-Lifehacks, PageViews und Conversion Rates. Neuerdings auch für Maren: Sie bastelt nun fleißig an ihrem Musik-Reiseblog.

"Wie easy ist das bitte?"

Inspiration gibt es an Bord ja genug: Um vor lauter Internet-Entzug nicht verrückt zu werden, halten wir uns mit insgesamt 35 Workshops und zwei Konferenzen bei Laune. Die Bandbreite reicht vom Portugiesisch-Grundkurs über Emotional Branding, Travelhacking und eine HTML-Einführung bis hin zur Lean-Start-up-Methode. Organisator Johannes ist begeistert: "Wie easy ist das bitte, hier eine Konferenz zu organisieren? Du musst einfach nur zur Rezeption gehen und nett fragen!"

Obwohl die Events eigentlich nur für uns gedacht sind, machen sich auch ein paar der übrigen 700 Mitreisenden in den Vorträgen eifrig Notizen. "Hat das was mit Mindfulness zu tun, was ihr da macht?", fragt ein älterer Brite, als wir nach meinem Schreibworkshop unsere Ängste in tausend Papierschnipseln in den Atlantik regnen lassen. "Sehen jedenfalls schön aus, eure Sorgen. Wie Schmetterlinge!"

Und wie geht es den sonst so hocheffizienten, super-individualistischen Digitalnomaden mit der entschleunigten All-inclusive-Rundumbetüdelung? Buffet, Boxspringbetten und um 22 Uhr in die Broadway-Show statt fernab vom Lonely-Planet-Trampelpfad in fremde Kulturen einzutauchen?

"Es ist seltsam, das zu realisieren, aber All-inclusive ist schon irgendwie geil", findet Johannes. "Für uns ist das eigentlich die beste Art zu leben, weil wir uns dann um nichts mehr kümmern müssen und so richtig produktiv sein können - solange wir keine Drink Packages dazubuchen, versteht sich."

Er plant schon die nächsten Digitalnomadentrips: "Am besten in einer Art Travel Club, der dann im Kollektiv entscheidet, wo es hingeht. Sansibar ist zum Beispiel im Juni richtig günstig". Wer selbstständig ist, hat mit Reisen in der Nebensaison kein Problem. Für Mai steht erst mal die kollektive Rückreise an: Die nächste Nomad Cruise führt von der Karibik zurück nach Europa.

Richtig hart gearbeitet hat übrigens auf der Überfahrt vor lauter Zumba und All-inclusive-Drinks am Ende natürlich fast niemand. "Aber Networking ist ja schließlich auch Arbeit", findet Johannes.

Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern
Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 107 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. meine herren
anton schlnner 22.12.2015
herzlichen glückwunsch. eine gruppe "weltverbesserer" trifft sich um innovative geschäftsideen auszutauschen. oh ein travelblog... geil. und was mit gepäck... das gibt es bestimmt noch nicht. kein internet an bord? egal, man kann sich ja auch während sinnfreien workshops besser fühlen als die looser in hostels. ich fass es nicht
2. nun ja ...
schnellfisch 22.12.2015
... wenn man die wichtigsten und schönsten Dinge im Leben verpassen will (tiefe, starke Beziehung zu einem Partner, Kinder, Freunde), kann dieser Lebensstil sicher eine Weile helfen, die dann zwangsläufig entstehende innere Leere zu vergessen.
3.
monteclara 22.12.2015
Es kommen in letzter Seit immer mehr Artikel von Jungjournalisten das Leben rein aus deren Sicht beschreiben. Inhaltlich merkt man leider erst nach der Hälfte, dass mangels belastbarer Info es wieder sinnlos war es zu lesen. Gibt es für solche Artikel nicht jetzt Bento?
4. Geisterschifffahrt...
ackermart 22.12.2015
gegen den Strom der hart wahren Ökonomie. Natürlich hält man sich dabei für das Geistship oder den Ghost-Chip der Ökonomie.
5.
spon-49j-k5ri 22.12.2015
Oh Gott oh Gott. Also selbst als jemand auf der jüngeren Seite der Mitzwanziger muss ich sagen: was ein Schwachsinn! So hat jetzt niemand gar nix geschafft. Nichts fürs Unternehmen, nix für die Erholung. Lohnt sich nur für Blogger weil man drüber schreiben kann. Aber naja kann ja jeder arbeiten wie es ihm passt
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Wer erfand die moderne Kreuzfahrt? Wie wehren sich Passagiere gegen Piraten? Und auf welchem Schiff gehen besonders viele Geister um?

Testen Sie im SPIEGEL-ONLINE-Quiz, ob Sie ein echter Kreuzfahrt-Kenner sind!