Diner in Cambridge "Champagner und Hummerschwänze, bitte!"

Hamburger und Pancakes für alle! Wie Raffi und Ritchie, zwei Armenier aus Syrien, zu überzeugten Amerikanern wurden, die sieben Tage in der Woche von morgens bis abends arbeiten. Für ihre Gäste ist das Diner Leo's eine soziale Institution in Cambridge geworden.

Von Henryk M. Broder


Charly ist schon 72 Jahre alt, arbeitet noch immer in einem Geschäft für Herrenkonfektion am Harvard Square und führt ein geregeltes Leben. Seit 25 Jahren kommt er täglich zweimal zu Leo's und sitzt immer auf demselben Platz an der Theke. Morgens zwischen 8 und 9 Uhr zum Frühstück und abends zwischen 17 und 18 Uhr zum Dinner. Sonntags geht er vormittags in die Kirche, und wenn er dann mittags nach Hause kommt, wärmt er das Essen auf, das er am Vortag von Leo's mitgenommen hat. Meistens eine große Portion Hühnersuppe mit Nudeln.

Charly ist nicht verheiratet, er kann nicht kochen, zum Einkaufen fehlt ihm die Muße. Aber er weiß, was sich gehört. Sobald er aufgegessen hat, bringt er Teller, Tasse und Besteck auf den Abstellplatz hinter der Theke und bedankt sich: "Thank you, Raffi." Und Raffi antwortet: "Take it easy, Sir Charles!" Jeder Gast ist anders. Freddy, der Postbote, bestellt jedes Mal: "Champagner und Hummerschwänze, bitte!" Dann stellt Raffi eine Flasche "Nantucket Nectar" vor Freddy auf die Theke und haut einen doppelten Cheeseburger auf die Herdplatte. Wer zu Leo's kommt, weiß was ihn erwartet: Hamburger, French Fries, Pancakes, Sandwiches, Cold Plates und eine große Auswahl Home Made Soups, solides Essen zu kleinen Preisen.

Frühstück ("Eggs and Home Fries") gibt es schon ab drei Dollar, das teuerste Gericht ("Fried Scallops and Cole Slaw") kostet gerade elf Dollar. Im Preis inbegriffen ist ein Service, wie man ihn in den vielen schicken Lokalen rund um den Harvard Square in Cambridge nicht bekommt: Eine persönliche Begrüßung und ein "How you doin' today?", das wirklich so gemeint ist.

Mit Aznavour verwandt – wie alle Armenier

Leo's, "established 1949", ist ein klassischer Diner, wie sie in Amerika inzwischen selten geworden sind, eine altmodische Alternative zu Starbucks, KFC und Wendy's. Die Theke geht U-förmig durch den ganzen Raum, die Gäste können dem Koch bei der Arbeit zuschauen, an der Wand hängen Fotos von Prominenten, die schon mal bei Leo's gegessen haben: Der Musiker Peter Wolf, Ex-Ehemann von Faye Dunaway, der Schauspieler Ben Affleck, Red Auerbach, der Manager der Boston Celtics. Einer, der noch nie bei Leo's war, schaut trotzdem von der Wand in den Raum: Charles Aznavour. Der Sänger ist ein Armenier, und das sind auch die Brüder Raffi und Ritchie, die Besitzer von Leo's. "Wir sind sogar mit Aznavour über mehrere Ecken verwandt", sagt Raffi, "aber das behaupten alle Armenier."

Leo's ist mehr als ein Diner. Es ist eine Seite im amerikanischen Bilderbuch. Die Großeltern von Raffi und Ritchie flohen nach dem Völkermord an den Armeniern 1915 aus der Türkei nach Aleppo in Syrien. Raffi wurde 1958 in Aleppo geboren, sein kleiner Bruder Ritchie zwei Jahre später. 1974 wanderte die Familie in die USA aus, "auf der Suche nach einem besseren Leben". Zu Hause wurde Armenisch, Arabisch und Türkisch gesprochen, Englisch lernten die Jungs auf der Straße und in der Schule.

Nach der High School jobbten beide als Tellerwäsche und Hilfskellner bei "Tommy's Lunch". Eines Tages hörten sie, dass der Besitzer von Leo's seinen Laden verkaufen wollte. "Der Preis war 85.000 Dollar, wir hatten 3000 angespart." Die 82.000, die ihnen fehlten, schwatzten sie Freunden und Verwandten ab. "Wir haben es gemacht, ohne eine Ahnung zu haben, wie es geht." Seit dem 2. Oktober 1982 gehört Leo's den Brüdern Raffi und Ritchie. Das geborgte Geld haben sie längst zurückgezahlt, Ritchie steht in der Küche, Raffi ist der Frontmann, er bedient die Gäste. Vor drei Jahren hat er eine Armenierin aus dem Libanon geheiratet, Ritchie "ist noch zu haben", er kümmert sich um die Eltern, die inzwischen alt und gebrechlich sind.

Die alte Heimat ist weit weg

Vom Tellerwäscher zum Millionär haben sie es nicht geschafft, aber sowohl Raffi wie Ritchie finden, dass sie es trotzdem weit gebracht haben. Sie arbeiten sieben Tage in der Woche von morgens bis abends, Ferien machen sie nur zwischen Weihnachten und Neujahr, und auch dann nur abwechselnd. In einem Jahr Raffi, im nächsten Ritchie. Raffi will dieses Jahr mit seiner Frau nach Las Vegas fahren. Oder nach Puerto Rico. Lange halten sie es ohne Arbeit nicht aus. "Wenn ein Gast ein paar Tage nicht kommt, rufen wir bei ihm zu Hause an. Und wenn einer verreisen oder ins Krankenhaus muss, sagt er uns vorher Bescheid, damit wir uns keine Sorgen machen."

Raffi und Ritchie, zwei Armenier aus Aleppo in Syrien, sind Amerikaner aus Überzeugung. "Amerika war gut zu uns." Und deswegen sind sie jetzt gut zu Amerika. Sie gehen wählen und sie zahlen ihre Steuern pünktlich. Armenien, die alte Heimat, ist weit weg. Vor sechs Jahren ist Ritchie nach Armenien gereist, zum ersten Mal. "Ein schönes Land, aber leben könnte ich da nicht." Manchmal werden Raffi und Ritchie trotzdem von der Geschichte eingeholt. Als Orhan Pamuk in diesem Jahr der Nobelpreis für Literatur verliehen wurde, war die armenische Gemeinde aus dem Häuschen. Denn Pamuk spricht offen über den Völkermord an den Armeniern vor 91 Jahren und nimmt dafür Verfolgung in Kauf. "Ist schon seltsam", sagt Raffi, "ein Türke bekommt den Nobelpreis, und die Armenier freuen sich."



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.