Disko-Bucht in Westgrönland: Rushhour im Eisfjord
In Grönlands Westen sorgt uralter Gletscherschutt für ein spektakuläres Naturereignis. Tausende Eisberge schwimmen im tiefblauen Ilulissat-Fjord, ein Anblick, der niemanden kaltlässt - auch nicht den eiserprobten Fotografen Michael Martin.
Von den Fensterplätzen im Flugzeug sieht man, dass Grönland kein einziger Eisklumpen ist: Der grüne Küstenstreifen ist immer wieder von Fjorden durchzogen. Dahinter ragt das grönländische Inlandeis auf, das bis zu 3000 Meter dick ist. Kurz vor der Landung in Ilulissat überfliegen wir einen Fjord, der auch im Hochsommer voller Eis ist - es ist das Ziel unserer einwöchigen Reise.
August ist Ferienzeit in Bayern. Ich konnte meine Kinder überzeugen, dass Grönland eine echte Alternative zu Italien ist, und so sitze ich zusammen mit meiner Tochter Gina, 23, und meinem Sohn David, 15, in einer Dash 7, einer feuerroten Propellermaschine, die uns in die Disko-Bucht fliegt.
Ich habe meinen Kindern versprochen, diesmal nicht zu zelten, sondern ein Hotel zu nehmen - keine schlechte Entscheidung angesichts der sommerlichen Mückenplage. Der Blick von unserem Zimmer im "Arctic Hotel" fällt auf die Disko-Bucht, in der Hunderte Eisberge schwimmen - ihretwegen sind wir gekommen.
Zu dritt schleppen wir die schwere Foto- und Videoausrüstug durch den weitläufigen Ort, der mit nur 4500 Einwohnern der drittgrößte Grönlands ist. Nördlich des Ortszentrums steigt die Dorfstraße zum ehemaligen Hubschrauberlandeplatz an und führt an Hunderten Hundehütten vorbei, vor denen Schlittenhunde dösen. Ihre Zeit kommt im Winter, wenn viele Bewohner von Ilulissat auf die Jagd gehen. Ihre Zahl übersteigt sogar die der Einwohner des 380 Kilometer nördlich des Polarkreises gelegenen Ortes.
Stau der Eisberge
Vom "Old Heliport" führen verschiedene Wanderwege zum Eisfjord, dessen größten Eisberge bereits über die Felskante ragen. Wir laufen einen blau markierten Weg entlang und kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Der Blick wird mit jedem Hügel, den wir erklimmen, immer spektakulärer. Tausende Eisberge liegen im sieben Kilometer breiten und 40 Kilometer langen Fjord vor uns, ineinander verkeilt und festgefroren. Einen Kilometer westlich liegt die Mündung des Fjords, dort schwimmen Eisberge frei im tiefblauen Meer und beginnen ihre lange Reise auf dem Ozean.
Die Eisberge, die sich vor uns auftürmen, haben bereits einen langen Weg hinter sich: 650 Kilometer entfernt setzt sich Eis im Inneren Grönlands in Bewegung und wird an die Küsten gepresst, unter anderem über den Sermeq-Kujalleq-Gletscher zum Ilulissat-Eisfjord. Alle zwei bis vier Wochen kalbt der Gletscher und gibt gewaltige Eisblöcke frei. Sie bewegen sich langsam nach Westen und erreichen nach 12 bis 15 Monaten den Mündungsbereich des Fjords - wo sie auf eine große Ansammlung an Bruchstücken stoßen.
Der spektakuläre, weltweit einzigartige Stau der Eisberge hat zwei Gründe. Zum einen gilt der Sermeq-Kujalleq-Gletscher am Beginn des Illulissat-Eisfjords als der produktivste Gletscher der nördlichen Hemisphäre. Zum anderen hindert eine submarine Moräne, die von einem lange zurückliegenden Gletschervorstoß stammt, große Eisberge am Verlassen des Fjords, weil durch die Moräne die Wassertiefe nur noch 260 Meter beträgt.
Nur die kleineren Eisberge oder abgebrochenen Stücke eines Giganten treiben ins offene Meer. Doch selbst diese Stücke sind noch groß genug, dass manche auf ihrer langen Reise übers Meer erst auf der Höhe von New York City schmelzen.
Kinokulisse und Kutterfahrt
Unser Wanderweg führt der Küste entlang in den Fjord hinein. Ich kann den Blick von den Eisbergen kaum lösen. Ab und zu knackt und kracht es im Eis, wenn Stücke von Eisbergen abbrechen oder gar ganze Eisberge zerbersten. Selbst meine Kinder, die sich bei mancher Bergtour in den heimischen, bayerischen Alpen als völlig resistent gegenüber schönen Landschaften gezeigt haben, sind schwer beeindruckt und fotografieren noch mehr als ich. Die Wanderroute dürfte zu den spektakulärsten der Welt zählen. Umso mehr wundere ich mich, dass wir trotz perfekter Wetterverhältnisse stundenlang keiner Menschenseele begegnen.
Zurück in Ilulissat ist das anders. Der Ort ist die Hochburg des Grönlandtourismus und profitiert bis heute davon, dass in der Nähe die Drehplätze des Kinofilms "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" liegen. Die meisten Besucher vertrauen sich den wenigen örtlichen Reiseagenturen an, die zahlreiche, leider meist völlig überteuerte Touren anbieten. Dabei sind Wanderungen auf eigene Faust bei entsprechender Umsicht und Ausrüstung problemlos möglich und auch erlaubt. Die Gefahr, auf einen Polarbären zu treffen, ist im Gegensatz zu Spitzbergen minimal.
Die Tour mit dem noch besten Preis-Leistungs-Verhältnis ist die jeden Abend stattfindende Bootsfahrt durch die Eisberge. Gemeinsam mit sieben anderen Passagieren besteigen wir einen alten Fischkutter, der uns um 21 Uhr bei schon tief stehender Sonne in die Fjordmündung bringt. Die Bedingungen zum Fotografieren sind perfekt: glasklares Licht, wolkenloser Himmel, fünf Grad Celsius.
Zu meiner Freude zieht auch noch Nebel auf, in den unser Kutter bald eintaucht. Nur noch schemenhaft zeichnen sich die Eisberge gegen den Himmel ab, manchmal blitzt die Sonne hindurch.
Als wir wieder aus dem Nebel auftauchen, schaltet der Kapitän für eine halbe Stunde den Dieselmotor ab, wir treiben lautlos zwischen den Eisbergen. Sie schimmern orangefarben auf dem tiefblauen Meer, im Westen steht die Sonne eine Stunde vor Mitternacht nur noch knapp über dem Horizont.
Plötzlich taucht ein schiffsförmiger Eisberg auf, der in mir eine Assoziation zur "Titanic" weckt - es bleibt zum Glück der einzige Moment, der an das 1912 versunkene Passagierschiff erinnert.
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- Freitag, 12.08.2011 – 15:29 Uhr
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Michael Martin, 1963 geboren, ist Diplom-Geograf und renommierter Wüstenfotograf. Der Münchner hat seit seinem 17. Lebensjahr 150 Wüstenreisen unternommen und darüber mehr als 20 Bücher veröffentlicht, darunter auch das in sechs Sprachen erschienene "Die Wüsten der Erde".
Martins neues Projekt: ein Vergleich zwischen Eis- und Trockenwüsten. Dafür besucht er die wichtigsten Eiswüsten der Nord- und Südhalbkugel und ihre Bewohner. Er wird mit Hunde- und Motorschlitten, per Schiff und Flugzeug und - wo immer möglich - mit dem Motorrad unterwegs sein.
www.michael-martin.de
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