Karibikinsel Dominica: Die Faust ist für Freunde

Von Martin Cyris

Ohne Luxus, ohne Schnörkel und mitunter auch ohne fließend Wasser und Strom. Aber mit Mehrwert. Privatunterkünfte im Kalinago-Reservat auf Dominica geben Touristen wie Einheimischen neue Perspektiven. Ein Besuch bei den letzten Indianern der Karibik.

Homestay auf Dominica: Ein Rasta und die guten Schwingungen Fotos
Martin Cyris

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Kopfnicken begrüßt mich, ein scheues Lächeln. Dann folgt ein feuchter Händedruck. Zwangsläufig, denn mein Gegenüber ist nass bis auf die Haut. Barfuß steht er im aufgeweichten Seitenstreifen. Daneben ist ein buntes Holzschild, das auf sein Anwesen im Dschungel oberhalb der Straße hinweist: "Natural Vibes".

Es regnet in Strömen. Schon seit Tagen öffnet der Himmel schubweise seine Schleusen. Der üppige Norden von Dominica ist ein einziges schwülheißes Feuchtgebiet. Mein klatschnasses Gegenüber heißt Keith. Anfang 30, vom Volk der Kalinago, Plantagenbesitzer. Es geht einen steilen, jetzt sehr glitschigen Trampelpfad hinauf.

Oben angekommen empfangen uns Hunde und Hühner. Es dämmert bereits. Keith präsentiert den Vorratsgarten, die Freiluftküche, das Plumpsklo und meine Gästehütte. Selbstgebaut aus Palmzweigen. "Kalinago-Stil", erklärt Keith. Drinnen ist eine zusammengenagelte Liegestatt zu erkennen. Darauf eine dünne Matratze mit einem Laken und einem Moskitonetz. Der lehmige Boden ist aufgeweicht. Es raschelt. "Eidechsen ", sagt Keith.

Ich verstaue mein Gepäck - und frage mich, was mich geritten hat, das bequeme Hotel in der Hauptstadt Roseau gegen die Strohbude in der Pampa einzutauschen. Neugier? Abenteuerlust? Die Aussicht auf Natur pur?

Ohne fließend Wasser, aber mit Mehrwert

Die Vorfahren der Kalinagos kamen vor Jahrhunderten vom Festland auf diese grüne Insel, die zu den Kleinen Antillen gehört. Sie blieben bis heute - und sind die letzten Indianer der Karibik. Rund 3500 von ihnen leben im Nordosten Dominicas in einem Reservat, dem Kalinago Territory. Nach westlicher Wohlstandsbetrachung in oft einfachen bis ärmlichen Verhältnissen. Besuchern lächeln sie freundlich zu - und halten meistens freundlich Distanz.

Das noch recht junge Home-Stay-Programm, an dem ich teilnehme, bringt Kalinagos und Besucher aber jetzt einander näher. Es vermittelt Privatunterkünfte bei Einheimischen und gibt Einblicke in die uralte Kalinago-Kultur. Ohne Schnörkel, ohne Gekünstel, ohne touristisches Trara. Und mitunter auch ohne fließend Wasser und Strom. Aber mit Mehrwert. Denn die Privataufenthalte geben neue Perspektiven. Den Touristen, aber auch den jungen Einheimischen.

Ich kann nicht lange über meine Motivation grübeln, denn Keith ruft mich zu sich in die Outdoor-Lounge, bestehend aus Baumhälften. Er bastelt an einem Windlicht für meine Hütte. Dazu halbiert er eine Kerze mit einem stumpfen Messer und steckt sie in ein Einweckglas. Unterdessen nippe ich an meinem mitgebrachten, aber inzwischen kalt gewordenen Coffee to go, Kaffee zum Davonlaufen.

Wir sitzen unter einer Campingplane, an einem langen Holztisch. Er ist aus dem Gomme-Baum gefertigt. Daraus haben Keiths Vorfahren Kanus gebaut. Das leicht entzündliche Harz benutzt er, um Feuer zu entfachen und Mücken zu vertreiben. "Es hält böse Geister ab", sagt Keith.

"Let's have some vibes"

Von der Feuerstelle quillt Rauch herüber, und Keith beginnt zu erzählen. Die Plantage habe er von seinem Vater übernommen. Der handelte noch vor wenigen Jahren mit Bananen, bis die Preise auf dem Markt verfielen. Mächtige Bananenstauden zeugen von dieser Ära.

Keith dagegen setzt nicht auf Monokultur und wirtschaftliche Abhängigkeit. Er ist Selbstversorger. Er baut allerlei Früchte und Gemüse an, verkauft hier und da ein bisschen. Was er zum Kauen braucht, wirft die Natur buchstäblich ab: Kokosnüsse, Papayas, Mangos, Passionsfrüchte. Trinkwasser schafft er kanisterweise aus einem Fluss heran. "Die Natur gibt uns alles", sagt Keith.

Er sei ein Rasta. Also ein Anhänger der jamaikanischen Glaubensrichtung Rastafari. In der Regel zu erkennen an dem langen, verfilzten Kopfschmuck und dem hemmungslosen Konsum von Reggae-Musik. Und an einer ansonsten konsumfernen, vegetarischen Lebensweise.

Bei aller Schlichtheit: Keith besitzt heute mehr als vor drei Jahren. Nicht zuletzt eine persönliche Zukunft. Damals hing er auf der Straße herum, nahm Drogen. Heute lebt er gesundheitsbewusst, naturverbunden, hat Kontakt zu Touristen. "Ich möchte einfach leben", sagt er doppeldeutig.

Er gähnt. "Brother", sagt er, "let's have some vibes." Frei ins Deutsche übersetzt: Probier's mal mit Gemütlichkeit. Die zentrale Weisheit aus dem weltberühmten Dschungelbuch. Keith zieht sich dazu in seine Hütte zurück. Feierabend?

Denkste. Ich liege schon im Halbschlaf, als Keith anfängt, auf eine Trommel einzuschlagen. Er stößt wilde Rufe und Urlaute aus. Dicke Regentropfen plumpsen auf mein Strohdach. Willkommen im Dschungelcamp. Um aber potentielle Besucher nicht abzuschrecken: Niederschläge fallen hier zwar regelmäßig, aber die Sonne kommt weiß Gott nicht zu kurz. Prima Gedeihklima für tropische Früchte.

Kokosbrot mit Kaffee

"Die Home-Stays helfen uns, unsere Traditionen zu bewahren", sagt Dangleben, Manager eines Kalinago-Kulturzentrums, über meine Unterkunft, "aber auch unsere Würde." Denn es würden sich neue Einnahmequellen erschließen. Zu viele seien noch abhängig von der wenig ertragreichen Landwirtschaft. Der Begriff Kalinago sei heutzutage immer weniger eine ethnische denn eine soziale Kategorie. Ein Synonym für die Unterschicht auf Dominica.

Das Kulturzentrum namens Barana Aute im Örtchen Crayfish River verwaltet die Homestays. "Die Besucher wollen authentische Erfahrungen", sagt Dangleben. Es sind verschiedene Kategorien im Angebot, von der schlichten Strohhütte bis zum Zimmer mit Bad und WC. "Doch es werden fast nur die einfachen Unterkünfte nachgefragt", sagt er. Die typischen Urlauber auf Dominica sind Individualtouristen. Vor allem Wanderer auf dem Waitukubuli National Trail checken ein. Der Fernwanderweg führt durch das Kalinago Territory.

Am nächsten Morgen blitzt die Sonne durch die Wolken. Keith steht an einem altertümlich anmutenden Holzgebilde: ein Pflock mit einem Hebel. Damit presst er Zuckerrohr aus. Er reicht mir ein beschlagenes Glas, um die süße Flüssigkeit zu trinken. Er nickt eifrig: "Gesünder als ein Softdrink, oder?"

Anschließend raspelt er eine Kokosnuss, um daraus Kassav zu backen, das traditionelle Kokosbrot. Es duftet nach gerösteten Kaffeebohnen. Der Kaffee auf Dominica ist eine Wucht, aber selbst in größeren Supermärkten nicht immer leicht zu bekommen. Doch Keith hat genügend Bohnen in der Vorratsdose. Im Anbaugebiet schmeckt das Gebräu unvergleichlich intensiv.

"Die Faust ist für Freunde"

Zeit für die Morgentoilette. Keith schickt mich zum Fluss. Ein kleiner Trampelpfad führt dem Rauschen des Wassers entgegen. Zwei große braungelbe Landkrabben kreuzen meinen Weg und zeigen ihre blitzblanken Scheren. Ich lege mich in eines der Naturbecken, die sich im Fluss bilden. Davon gibt es auf Dominica viele.

Das Wasser spült den Stress der feuchten, beschwerlichen Anreise hinweg. Um mich herum nur Dschungel. Einsamkeit. Tropisches Postkartenambiente. Träumt davon nicht jeder, wenn es in Deutschland nasskalt und winterlich ist? In diesem Moment sind die Hauptstadt Roseau und das bequeme Hotel schon ganz weit weg. Und Deutschland noch viel weiter.

Nach drei Tagen bekomme ich zum Abschied die geballte Faust. Achtsam, aber sehr männlich berühren sich unsere Hände. Ein Grußritual auf Dominica. "Händeschütteln ist was für Fremde", sagt Keith, "die Faust ist für Freunde."

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1. Alles hat zwei Seiten
iskrit 27.12.2012
Es gibt auch hier wie immer mehrere Seiten der Medaille: Auf Dominica - besonders im Nordosten um Marigot, Wesley und Calibishie - werden in steter Regelmäßigkeit Touristen überfallen, vergewaltigt und ausgeraubt (natürlich nur Weiße!). Die Polizei bezeugt ihr Bedauern, mehr macht sie aber auch nicht. Es handelt sich um eine Insel mit etwa 72000 Einwohnern, von denen sich die meisten über wenige Ecken kennen. Das sogenannte Paradies ist keines mehr, auch wenn Bildbände einen das glauben lassen wollen. Nette Touristen-Attraktionen wie Wacky Rollers oder sogar die Aereal Tram haben dicht gemacht. Spinner mit Macheten lauern einem sogar auf dem Fußweg zum Emerald Pool auf... . Die Einheimischen beklagen sich, dass sie nachts die Haustüren abschließen müssen und sogar Kommunionsfeiern überfallen werden...
2.
expat_ja 27.12.2012
Zitat von iskritEs gibt auch hier wie immer mehrere Seiten der Medaille: Auf Dominica - besonders im Nordosten um Marigot, Wesley und Calibishie - werden in steter Regelmäßigkeit Touristen überfallen, vergewaltigt und ausgeraubt (natürlich nur Weiße!). Die Polizei bezeugt ihr Bedauern, mehr macht sie aber auch nicht. Es handelt sich um eine Insel mit etwa 72000 Einwohnern, von denen sich die meisten über wenige Ecken kennen. Das sogenannte Paradies ist keines mehr, auch wenn Bildbände einen das glauben lassen wollen. Nette Touristen-Attraktionen wie Wacky Rollers oder sogar die Aereal Tram haben dicht gemacht. Spinner mit Macheten lauern einem sogar auf dem Fußweg zum Emerald Pool auf... . Die Einheimischen beklagen sich, dass sie nachts die Haustüren abschließen müssen und sogar Kommunionsfeiern überfallen werden...
Ich war im November 2007 auf Dominica. Ein verlängertes Wochenende mit Freunden. War billig und nicht weit von Antigua (damaliger Wohnsitz). Wir haben wenig wirklich Touristisches (ausser dem Wasserfall, dessen Namen ich vergessen habe besucht) und sind mehr um die Insel herumgekurvt, haben an diversen Cookshops und Bars in der Pampa angehalten und haben den Regenwald auf eigene Faust erforscht. Ich habe die Menschen als sehr freundlich und offenherzig empfunden. In Roseau habe ich mich aber persönlich eher unwohl gefühlt. Da hat man abends schon eine Reihe unangenehmer Gestalten gesehen. Ich kann nicht beurteilen, ob sich die Kriminalität wirklich inselweit so schlimm entwickelt hat. Aber es ist wohl wie überall in der Karibik. Wenn es wirklich dunkel wird, ist man entweder im Touristenbunker, oder wie ich zu Hause und schliesst ab.
3. es gibt ein sicheres land in der karibik
tom-pex 28.12.2012
Zitat von expat_jaIch war im November 2007 auf Dominica. Ein verlängertes Wochenende mit Freunden. War billig und nicht weit von Antigua (damaliger Wohnsitz). Wir haben wenig wirklich Touristisches (ausser dem Wasserfall, dessen Namen ich vergessen habe besucht) und sind mehr um die Insel herumgekurvt, haben an diversen Cookshops und Bars in der Pampa angehalten und haben den Regenwald auf eigene Faust erforscht. Ich habe die Menschen als sehr freundlich und offenherzig empfunden. In Roseau habe ich mich aber persönlich eher unwohl gefühlt. Da hat man abends schon eine Reihe unangenehmer Gestalten gesehen. Ich kann nicht beurteilen, ob sich die Kriminalität wirklich inselweit so schlimm entwickelt hat. Aber es ist wohl wie überall in der Karibik. Wenn es wirklich dunkel wird, ist man entweder im Touristenbunker, oder wie ich zu Hause und schliesst ab.
nicht überall: auf cuba ist man (und fühlt sich) sicher. zumal auf dem land. merkwürdigerweise wird das einzige wirklich sichere land amerikas von unseren medien immer wieder äußerst ungerecht geschmäht und unsere regierungen machen den cubanern das leben unnötig schwer - nur weil sich deren regierung weigert, dem kapitalistischen mainstreamzu folgen.. aber nach dominika wollte ich schon immer mal - gerade wegen der letzten überlebenden kariben. dazu hat der artikel immerhin wieder lust gemacht: ich wusste gar nicht, dass man sogar bei ihnen wohnen kann. insoweit: gute promotion, gute arbeit.. :)
4. Pottwale und Fluch der Karibik mit Johnny Depp
jenskuhfs 28.12.2012
Dominica ist noch ein Geheimtipp. Ich war aus beruflichen Gründen da, die Insel und Pottwale zu fotografieren. Johnny Depp hat große Teile von Fluch der Karibik dort gedreht. Er war meist auf dem Schiff, statt im Hotel. Eine Deutsche betreibt die Sister Sea Lodge, wo er manchmal abends zu Gast war. Ich mag die Wasserfälle und intakten Urwald auf der Insel. Anfang jeden Jahres kommen Pottwale vor die Küste von Dominica und sind recht einfach im offenen Wasser zu finden. Selbst Modeling, aber mit Photo taken under permit, war möglich. Es ist sonst eigentlich unplanbar mit einem Model und Walen Fotos zu machen. Scheinbar fühlen sich die Tiere so wohl vor der Küste von Dominica, dass selbst nervige Unterwasserfotografen, Touristen und Kreuzfahrtschiffe, deren Laune nicht drüben lässt. Auch zu empfehlen ist das Kubuli Bier, wegen dem frischen Wasser auf der Insel. http://www.gettyimages.de/Search/Search.aspx?contractUrl=2&language=de&assetType=image&excludenudity=false&p=dominica kuhfs#
5. Medizinische Hilfe für Dominica
marysylvester 30.12.2012
Es gibt mehrere Probleme in Dominica – ein Problem ist die medizinische Versorgung. Deswegen versucht der Verein Dominica Hilfe e.V. aus Freiburg die Situation vor Ort zu verbessern. Der Verein unterstützt seit sechs Jahren das Provinzkrankenhaus in Marigot mit medizinischen Hilfsmitteln. Spenden, sowie neue Mitglieder sind wegen der hohen Transportkosten immer willkommen. Auch in Dominica soll Frieden sein, damit man die schöne Landschaft und die netten Leute genießen kann. http://www.dominica-charity.org
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