Dominikanische Republik: Rausch unter Palmen

Von Martin Cyris

Hängematten, Bachata-Rhythmen, sieben Millionen Palmen: Kein Ort der Dominikanischen Republik ist so karibisch wie Las Terrenas. Der Rum allerdings vermiest Reisenden schon mal den sonnigen Tag. Zum Glück gibt es ein Gegenmittel - Heidis Zaubertrank aus Noni-Früchten.

Las Terrenas: Deutsche Sülze, dominikanische Sonne Fotos
Martin Cyris

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Hans hat ein Problem: Zu seinen Kopfschmerzen gesellt sich nun auch noch Kopfzerbrechen. Darüber, wieso ihm am Vorabend keine Deutschenwitze in den Sinn gekommen sind. "Glaubst es, mir is' keiner mehr eing'fallen!" Der Österreicher war mit einer Gruppe Deutscher unterwegs, auf einer feuchtfröhlichen Tour durch die Kneipen von Las Terrenas. Fröhlich vor allem für die Deutschen, die über die Ösis scherzen.

Immerhin, feucht war es auch für Hans*. Nun hält er sich den Schädel und hofft auf einen schnellen Restabbau des dominikanischen Rums. "Hier, das ist gesund", sagt Heidi und reicht ihm ein Glas frisch zubereiteten Fruchtsaft. Heidi betreibt die Cafeteria La Banana in der Calle del Carmen. Ihr Lebenselixier wird dort öfter benötigt.

Deutsch ist inoffiziell die zweite Amtssprache in der Straße, Heidis Laden der Treffpunkt für die teutonische Gemeinde in dem kleinen Ort in der Dominikanischen Republik. Morgens trifft man sich auf einen Filterkaffee und die erste Zigarette, mittags auf ein Schnitzel oder Tellersülze. Bei schlechtem Wetter spielen die Gäste Mensch-ärgere-dich-nicht oder Mau-Mau.

Bei schlechtem Allgemeinbefinden verabreicht Heidi selbst hergestellten Saft. Hauptbestandteil sind Noni-Früchte, die im reifen Zustand ranzig und verfault riechen. Doch Heidi kennt die Tricks der Einheimischen, die aus den Noni einen leckeren Drink mixen. Sie wohnt schon seit 15 Jahren in Las Terrenas.

Vom Fischerdorf zum Freiluftmuseum

"Damals gab es genau zehn Autos und 15 Motorräder im Dorf", erinnert sie sich, während fast im Sekundentakt Mofas, Jeeps und Quads an ihrem Café vorbeiknattern. "Damals" war Las Terrenas noch ein unbedeutendes Fischerdorf auf der Halbinsel Samaná im Nordosten der Republik.

Fischerboote gibt es noch immer. Aber auch viele neue Bars, Restaurants, Supermärkte, kleine Hotels, Diskotheken, Freiluftgalerien haitianischer Künstler und was Touristen sonst noch alles brauchen: Souvenirhändler, Juweliere, Apotheken. Vieles davon ist in der Hand von Franzosen, Kanadiern und Italienern.

Internationales Multikulti-Flair umgibt den Ort. In einer der Strandbars spielen Franzosen Boule, während der Koch italienische Pizza in den Ofen schiebt. Kids schlabbern dänisches Eis, eine Horde englischer Backpacker fläzt auf loungebraunen Sofas und eierförmigen Sitzmöbeln und schnabuliert frischestes Fischcarpaccio. Ein Haus weiter schaukeln bunte Hängematten im Wind. Café-del-Mar-Atmosphäre.

Alles mindestens drei Nummern kleiner als etwa in Punta Cana oder Puerto Plata. Aber auch echter. Trotz der Einflüsse ist Las Terrenas sehr karibisch geblieben. Im Dorfkern, nur wenige hundert Meter von den Filetstücken und Spekulationsobjekten am Strand entfernt, läuft das Leben unverfälscht dominikanisch ab. Man erlebt die Einheimischen in ihrem Alltag - und nicht nur mit künstlichem Dienstlook und Dienstlächeln wie in den Pauschalghettos.

Unter freiem Himmel werden Mofas repariert, Obsthändler verkaufen Orangen und Bananen direkt von der Ladefläche. Hühner picken Verwertbares vom Gehweg und zwischen den Häusern und Hütten wuchern wilde Kürbisse. Aus den colmados, den Tante-Emma-Läden, wummert Musik. Meistens Bachata oder Reggaeton, nicht selten in ohrenbetäubender Lautstärke.

Potenztrunk und Klöße

Wer von dem wuseligen Treiben auf der Straße erschöpft ist, dem hilft womöglich Mama Juana. Der hochprozentige Kräutertrunk wird direkt auf der Straße verkauft und ist ein Allheilmittel: gegen Nierenleiden, Bluthochdruck, Potenzschwäche.

Zu den Einheimischen und den westlichen Residenten gesellen sich vermehrt Dominikaner aus anderen Landesteilen. Seit Ende Oktober liegt Las Terrenas nicht mehr am Allerwertesten der Welt, sondern gut angeschlossen an eine Schnellstraße, die zudem noch ein herrliches Küstenpanorama bietet: den Boulevard Turistico del Atlantico. Heidi bekommt den Gästezuwachs zu spüren: "Die Dominikaner lieben meine Klöße", sagt sie.

Aber sie lieben auch die Strände. Wer es lebhaft mag, trifft sich am Hausstrand von Las Terrenas, dem Playa Popy. Hier stapeln sich die Liegestühle, aber auch so manche Rum- und Eisteeflasche. In den Kofferräumen der Autos vibrieren die Boxen. Mit diesen Boomboxes werden ganze Strandabschnitte beschallt.

Sehr ruhig und beschaulich geht es dagegen westlich von Las Terrenas zu: Etwa an der Playa Las Ballenas, der herrlichen Playa Cosón und - der Name verpflichtet - der noch schöneren Playa Bonita. Der Strand ist beinahe unwirklich idyllisch. Palmen beschatten den feinen Sand, das türkisblaue Meer wogt in der Sonne. Kaum vorstellbar, dass in dieser Idylle ein Yachthafen geplant ist. Bei der Einweihung der Fernstraße phantasierte Präsident Leonel Fernandez davon, die Halbinsel Samaná zum "Monte Carlo der Karibik" zu machen.

Und das, obwohl das größte Kapital der Halbinsel die relativ unverbauten Landschaften sind. In der Bucht von Samaná tummeln sich von Januar bis März Grauwale, die Ufer säumen Palmenwälder. Auf rund 700 Quadratkilometer verteilt stehen sieben Millionen der Pflanzen. Eine Dichte, die weltweit ziemlich einmalig sein dürfte. Ziemlich einmalig ist auch der Salto de Limón, einer der romantischsten Wasserfälle der Karibik. Von Las Terrenas aus werden Ausflüge zu dem nur wenige Kilometer entfernten Naturspektakel angeboten.

Zweibeinige Schweine

Die Operation Yachthafen erscheint da völlig deplatziert. Auch, weil die Nordostküste auf zahlungskräftiges Segelpublikum im Großen und Ganzen gar nicht eingestellt ist. Trotz des Schnellstraßenanschlusses läuft das Leben wie eh und je ab: improvisiert, sorglos, nicht immer klinisch rein, ambulant.

Höchst stationär war dagegen, was das deutsche Fernsehen am Playa Cosón abzog: Dort wurden einige Staffeln für "Klinik unter Palmen" gedreht - mit Klausjürgen Wussow und Harald Juhnke. Das war 1997. Titel der Folgen: "Böses Blut", "Liebe, Lügen, Leidenschaften", "Schatten im Paradies".

"Damals, da liefen sogar noch Schweine auf der Straße herum", erzählt Heidi. "Heute laufen immer noch Schweine herum", entgegnet Manni*, der sich in der Zwischenzeit zum Frühschoppen hinzugesellt hat. "Zweibeinige", schiebt er hinterher. Mit den zweibeinigen Schweinen meint er nicht einmal jene Ferkel, die als Sextouristen in die Dominikanische Republik reisen. "Vertrauen kannst du hier niemandem", sagt Heidi. Betrügereien seien an der Tagesordnung, vor allem unter den Ausländern. "Ich könnte einige Geschichten erzählen."

Einer hat es getan: Pedro de Las Terrenas. Der Deutsche mit dem wohlklingenden Künstlernamen schrieb seine Erfahrungen in drei Büchern nieder. Titel: "Karibische Impressionen." In einer seiner Anekdoten beschreibt er, wie einst ein Landsmann einen Auftragskiller auf ihn ansetzte. Wegen Geld, das Pedro verliehen hatte. Wegen anderer Verbrechen wurde der Schurke inzwischen von Interpol nach Deutschland verfrachtet. In einer anderen Geschichte schildert Pedro, dass unbedarfte Ausländer mit bunten, karibischen Perlen im Haar von den Dominikanern doppelt abgezockt werden - einen berechtigten "Idiotenzuschlag" nennt er das.

"Hier brauchst du einen starken Charakter", sagt Heidi, "um dich über Wasser zu halten." Und man muss die Tricks der Einheimischen kennen. Nicht nur bei der Verwertung von Noni-Früchten.

* Namen von der Redaktion geändert

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