Dorob-Nationalpark in Namibia: Sandberge an der Skelettküste

Edelweiße, Glockenblumen und Oryx-Antilopen - wenn es in der Namib-Wüste regnet, wirkt sie ungewohnt belebt. Der gesamte Küstenstreifen Namibias steht nun unter Naturschutz, dennoch ist die karge Landschaft ein bedrohtes Paradies.

Dorob-Nationalpark in Namibia: Bedrohtes Paradies Fotos
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Es ist ein diesiger Morgen, vereinzelte Nebelschwaden wehen noch über die weite Fläche aus Lehm und Stein nördlich des kleinen Fischerdorfs Henties Bay. Mit dem Wind kriecht die klamme Kälte bis unter die dicke Skijacke. Außer einer Gruppe Springböcke, die auf der Flucht immer wieder in den hellen Himmel am Horizont springt, bietet die Namib im Nordwesten Namibias auf den ersten Blick wenig Erwärmendes. "Das ist wahrscheinlich der kälteste Tag, an dem ich je unterwegs war", gibt Touristenführer Rolly Thompson zu, scheucht seine Gäste aber trotzdem immer wieder aus dem beheizten Geländewagen.

Der im Dezember 2010 eröffnete Dorob-Nationalpark ist das letzte Verbindungsstück zwischen dem Skelettküste-Nationalpark und dem Namib-Naukluft-Nationalpark. Gemeinsam mit dem Sperrgebiet-Nationalpark in den Diamantengebieten im Süden steht entlang des gesamten, 1572 Kilometer langen Küstenstreifens damit ein Gebiet von 107.540 Quadratkilometern unter Schutz. Namib-Skelettküste-Nationalpark soll das Gesamtkunstwerk heißen.

Wer über die schnurgeraden Salt Roads an der Skelettküste brettert, jene mit Meerwasser verdichteten Lehmstraßen, die im Nebel tückisch und schmierig werden können, dem erschließt sich der Naturschutzeifer der Namibier zunächst nicht unbedingt. Der Name des Nationalparks scheint die Gegend ausreichend zu beschreiben: Dorob ist der Sprache der Nama entlehnt und steht für "trockenes Land".

Der geländegängige Minibus stoppt an einem kegelförmigen Hügel aus Felsgeröll, der als einzige Erhebung weit und breit aus der Ebene ragt. Thompson wirkt mit seinem gepflegten bleichweißen Bart, der übergroßen Sonnenbrille und dem beigefarbenen Krempenhut wie ein englischer Gentleman auf Expeditionsreise, allerdings einer, der sich bereits bestens auskennt.

Edelweiß in Afrika

Mit einem Stein in der Hand klimpert er ein Liedchen auf den metallisch klingenden Felsen und erzählt, dass die Afrikaner die freistehenden Hügel "Koppie Alleen" nennen - einsame Gipfel. Eigentlich treffend, doch ganz so "alleen" ist "Koppie" gar nicht: An seinem Hang wächst eine Pflanze, die mit ihrer Schönheit völlig deplatziert wirkt. Kleine, flauschige Blätter, von einem silbrigen Netzschleier umgeben, dazu schneeweiße Blüten, deren Kern wahlweise in Magenta oder Orange leuchtet - ein Südwester Edelweiß.

"Die haben wir seit Jahren nicht gefunden, sie brauchen etwas Feuchtigkeit", freut sich Thompson. In diesem Jahr hat es mal wieder geregnet - und der trockene Nationalpark offenbart seinen Reiz. Rote Glockenblumen schließen sich an, dann tiefer im Inland dichte Grasflächen und Talerbüsche, die ihren Namen von den fast kreisrunden, fleischigen Blättern haben.

In guten Jahren laben sich daran die Springböcke und Oryx-Antilopen. Dass es hier einmal mehr Wasser gegeben haben muss, deutet eine verlassene Damara-Siedlung an, von der nur noch die prächtigen, dunkelroten Felsmalereien und ein paar Steinkreise - vermutlich die steinernen Fundamente der Rundhütten - erhalten sind.

Durch das unübersichtliche Gewirr der kaum erkennbaren Schotterpisten, vorbei an jahrtausendealten Welwitschias - der mächtigen, windzerzausten Nationalpflanze Namibias - und weit rankenden Bittermelonen-Feldern, die selbst das Wild in der Regel verschmäht, geht die Entdeckungsreise weiter. "Wenn man hier draußen so steht, können die Gedanken wandern", sagt einer der Gäste plötzlich unverhofft in die überwältigende Stille. Wie wahr.

Der Weg in Richtung Hölle

Menschen können sich dort allerdings auch verlaufen. Der Park ist noch nahezu unerschlossen, es gibt nur einen einzigen Wegweiser, und der zeugt lediglich vom trockenen Humor der Afrikaner. Ein doppelseitiger Pfeil ist darauf zu sehen mit dem Hinweis "Moer Toe" - zu Deutsch: Fahr zur Hölle.

Der jüngste Fall, in dem der Witz beinahe bitterer Ernst geworden wäre, liegt nur ein Jahr zurück. Touristen waren mit ihrem Geländewagen auf eigene Faust tief in die Wüste vorgedrungen und auf einem Irrweg schließlich mit leerem Tank liegengeblieben. "Als man sie fand, hatten sie kaum noch Wasser", erzählt der ansonsten stets zu einem Witz aufgelegte Thompson, erstmals an diesem Tag mit wirklich ernster Miene.

Ganz so bedrohlich geht es im südlichen Teil des Dorob-Nationalparks nicht zu, die Sandpisten durch die Dünen-Landschaft zwischen Swakopmund und Walvis Bay dürfen ohnehin nur von den Tourguides befahren werden, und davon gibt es inzwischen so viele, dass Irrgänger beste Chancen hätten, rechtzeitig entdeckt zu werden.

Christopher Nel ist einer der Pioniere des ökologisch orientierten Dünen-Tourismus. Fünf Stunden lang erspäht er Chamäleons, gräbt Geckos und Räderspinnen aus dem Sand oder stöbert scheue Sandvipern anhand ihrer unscheinbaren Spuren auf. "Die Tropfen sind feiner, die Tiere sind kleiner", bringt Nel die Zusammenhänge des Ökosystems der Küstendünen auf den Punkt. Finden will er sie trotzdem und springt dafür immer wieder plötzlich aus seinem Jeep, um einer Fährte nachzugehen.

1000 Fotos gegen die Zerstörung

Nel kämpft gegen das Image der Küstendünen als tote Sandberge an. Er erklärt, wie der Wind nährstoffreiche Biomasse aus dem Inland in die Wüste trägt, und der stetige Morgennebel die nötige Flüssigkeit zu diesem trockenen Mix liefert - nur zehn Millimeter des jährlichen Niederschlags sind Regen. Der 42-jährige Familienvater liebt den Lebensraum Wüste und kämpft für den Erhalt seines einzigartigen Arbeitsplatzes.

Der bisherige Hauptfeind: Quadbike-Fahrer. Die vierrädrigen Motorräder sind beliebte Action-Spielzeuge für Erwachsene, mit verheerenden Folgen: "Die Namib ist die am meisten zerstörte Wüste der Welt", sagt Nel. 1000 Fotos hat er gemacht, um das zu belegen. Als die Politiker im fernen Windhuk ihm nicht glauben wollten, organisierte er ein Flugzeug und nahm eine Delegation mit auf einen Panorama-Flug. Die Aufnahmen sind verblüffend und erschreckend zugleich: Selbst alte Ochsenwagen-Spuren der ersten Siedler sind in den sensiblen Flechtenfeldern zwischen den Dünen noch klar zu erkennen, daneben die ewig wiederkehrenden Schleifen der Quads.

Die Namib braucht Schutz, denn das trockene Paradies ist bedroht. Das wird jedem deutlich, der sich ihr ein paar Tage lang näher widmet. "Der Nationalpark sollte helfen", sagt Nel vorsichtig, wartet aber noch auf Taten. "Sie müssen jetzt nur jemanden erwischen und ein Exempel statuieren, dann wäre es vollbracht", fordert er die Parkbehörde zum Durchgreifen gegen Quad-Fahrer auf.

Doch das ist nicht das einzige Problem. Rolly Thompson schaut den Springböcken hinterher, wie sie weit vor dem Auto mit ihren typischen Schausprüngen immer wieder senkrecht in die Luft gehen und dann rasant gen Horizont entschwinden. Die Szene wirkt idyllisch, ist es aber nicht. "Das zeigt mir, dass hier immer noch illegal gejagt wird, vermutlich aus Autos", sagt Rolly traurig. Sonst würden die Tiere nicht so früh fliehen.

Christian Selz, dpa

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1. Was ist dieser Park wert?
christian77 16.02.2012
Zitat von sysopTMNEdelweiße, Glockenblumen und Oryx-Antilopen - wenn es in der Namib-Wüste regnet, wirkt sie ungewohnt belebt. Der gesamte Küstenstreifen Namibias steht nun unter Naturschutz, dennoch ist die karge Landschaft ein bedrohtes Paradies. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,815486,00.html
Die Minengesellschaften beuten diesen "Park" gnadenlos aus. Insbesondere die Urangewinnung ist hier zu nennen. Diese wird von Jahr zu Jahr erweitert. Geplant ist zusätzlich ein riesiger Chemiepark bei Swakopmund. Bei Düne7 soll ein großes Kohlekraftwerk gebaut werden. Mad Max wird mit gewaltigem Aufwand im Park neuverfilmt. Da werden selbst Panzer eingesetzt! Christian
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