Downtown Las Vegas Comeback der Glitzerschlucht

Lange Zeit verblasste Las Vegas' alte Kernstadt neben dem gigantischen Neon-Lichtermeer des Strips. Mit Tradition und jungen Typen drängt Downtown jetzt zurück ins Rampenlicht der Glitzerstadt.

Von Emanuel Eckardt


Am Swimmingpool des "Golden Nugget" schießen die Badegäste durch das Haifischbecken. Nur wenige Zentimeter Kunststoff trennen sie vor den Raubfischen mit den scharfen Zähnen, die gelassen ihre Bahn ziehen. Abends, zur Happy Hour, wird die durchsichtige Röhre geschlossen. Am Pool, der den blau illuminierten Tank umschließt, werden Drinks serviert. Kein anderes Hotel in Las Vegas hat so einen Pool.

Das "Golden Nugget" ist das Glanzstück unter den Downtown-Hotels, seit Steve Wynn vor 35 Jahren den Klassiker an der Fremont Street in die Finger bekam. Der Casinoboss steckte Millionen in die Renovierung des alten Casinos, tauchte Säle und Fluchten in Weiß und Gold, hellte sie auf mit Lichterketten und errichtete einen Showroom, in dem Frank Sinatra in den Achtzigern seine einzigen Downtown-Auftritte ablieferte.

Downtown Las Vegas hatte die Frischzellenkur bitter nötig. Hier fing alles an, hier bunkerten die Lokomotiven der Union Pacific frisches Wasser. Hier entstanden die ersten Spielhöllen, die ersten Casinos, strahlten die Lichter von "Glitter Gulch", der Glitzerschlucht, in den Nachthimmel. Aber nach dem ersten großen Boom geriet die Keimzelle der Stadt ins Abseits, verblasste neben dem Strip, der südlich der Stadtgrenzen die Lichter setzte und an dem ständig neue, schönere, größere Themenhotels eröffneten. Die Glitzerschlucht sah ziemlich alt aus, war eher der Lumpensammler, Sammelbecken der Low-Budget-Touristen, die vor allem trinken und spielen wollten, die weniger an Shows und teuren Shopping-Malls interessiert waren.

Kaum mehr als drei Kreuzungen

Die historische Stadtmitte drohte zum Hinterhof zu werden. Vegas für Arme, Glitter Gulch für Kleingeld mit billigen Hotelzimmern, in denen sich niemand allzu lange aufhielt, denn die Musik spielte in den Casinos, in den Maschinenhallen der einarmigen Banditen, an den Roulette-, Blackjack- und Pokertischen.

Doch eines hat Downtown dem Strip voraus: Nur hier ist Las Vegas Stadt. Auch wenn es kaum mehr als eine Straße mit drei Kreuzungen ist, die Stadtmitte ist ausbaufähig, hat die Chance, mehr zu sein als eine Ansammlung von Hotels, als eine Aneinanderreihung künstlicher Welten. Deshalb war es eine gute Idee der zehn Downtown-Hotel- und Casinobosse, die Fremont Street in eine überdachte Fußgängerzone zu verwandeln.

Ein heißer Tag. Draußen steigt das Thermometer auf 108 Grad Fahrenheit (42 Grad Celsius). Heißer, trockener Wüstenwind raubt den Atem, als hätte man sich in einem Backofen verirrt, höchste Gebläsestufe. Weiße Sonne bräunt und gart.

Unter dem halbrunden Dach über der Fremont Street bei "Starbucks" ist es vergleichsweise erfrischend, Sonne hat keinen Zugang, und die weit offenen Türen der Casinos blasen klimatisierte Innenluft auf die Flaniermeile. Sin City, Stadt der Sünde, sie sündigt lustvoll und bedenkenlos, verschwendet Wasser, Strom und Energie. Klimaanlagen fauchen angestrengt, kühlen Spielhallen, Restaurants und Hotelzimmer auf gefühlte 18 Grad herunter. Der Sommer in Las Vegas ist immer gut für eine Erkältung.

Bei "Starbucks" sind die Blechtische Logenplätze für den Blick auf die amerikanische Menschheit in allen Farben und Schattierungen. Die Welt zieht vorbei, Latinos, Asiaten und Afrikaner, Cowboys und späte Hippies, Muscleshirt-Athleten und Junkfood-Amerikaner mit Bagelbäuchen, watschelnde Vierteltonner und bettelarme Tagediebe. Vor dem "Mermaid Casino" stehen langbeinige Girls in grellen Straußenfederkostümen, Seejungfrauen, die Coupons verteilen.

Fremont Street wird zum Showroom

Plötzlich donnern Motoren, teilt sich die Menge für eine Karawane brutal aufgemotzter Kraftfahrzeuge, die Teams von Red Bull, Bill McBeath und Terrible Herbst Motorsports ("The best bad guys in the West") lassen es krachen, Racing Trucks, wild lackierte Offroad-Wüstenwühler rollen auf den roten Teppich, die Fahrer signieren Fanposter. Das Publikum steht Schlange.

Die Fremont Street, historisches Herzstück von Downtown, ist zum Showroom geworden. Und was für einer! Wenn es Nacht wird, verlöschen die Lichter der Casinos, wird der Himmel zum programmierten Ereignis. Über das Deckengewölbe laufen Filme, rollen Würfel, tanzen Showgirls. "The biggest big screen on the planet", eine Straße unter Dach, und dieses 457 Meter lange Dach ist ein Großbildschirm, eine Fläche mit 12,5 Millionen LED-Birnen, 4,2 Millionen Pixeln und 16,8 Millionen Farben, ein gigantisches Programm, dazu ein überirdischer Sound, der mit einer halben Million Watt aus hochragenden Lautsprecherbäumen vom Donnerhimmel auf die Menge herabregnet, die in vieltausendfachem Staunen nach oben starrt bis der Nacken schmerzt.

Die Stadt hat ihre Mitte zurückerobert, einen Ort, um Neujahr zu feiern. Dann versammelt sich hier eine halbe Million Menschen, spielt die Fremont Street in derselben Liga wie der Times Square in New York.

Die Show kostet nichts. Das ist der Kick. Zimmer sind auch billig zu haben in Downtown, Doppelzimmer gibt es ab 26 Dollar die Nacht, und im "Fremont Hotel" lockt das "Paradise Buffet" unter Palmen. 5,99 Dollar und "all you can eat", mit einer Fleischbrutzelstation von nahrhaft erstaunlicher Breite. Der Gast soll sein Geld ins Casino tragen. Glücksspiel ist immer noch das Leitmotiv in Downtown Las Vegas. Der Sound in den Spielhallen ist unverändert, Ring-a-Ding-Ding, 24 Stunden am Tag, das unverwechselbare vielstimmige Gluckern, Glucksen und Hämmern elektronisch programmierter Drehorgeln, diese ewig klingelnden Registrierkassen, die sauer verdientes oder schwer ergaunertes Geld in die Tresore der Casinos schaufeln. Und in Las Vegas geht es um viel, viel Geld: 39 Millionen Besucher bescheren dem Stadtkämmerer allein durchs Glücksspiel jährlich acht Milliarden Dollar, fast die Hälfte der städtischen Einnahmen.



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