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Amazonas-Abenteuer in Peru: Dschungelcamp in echt

Dschungel-Campingtour in Peru: Abenteuer mit Anakonda Fotos
Corbis

Anakondas, Kaimane, Lianenschlingen: Auf einer viertägigen Tour im peruanischen Urwald lauern einige Gefahren. Doch der Zauber des Dschungels entschädigt für Ameisenbisse und Wanderungen im Platzregen.

Asuncion Perez säbelt sich durch dichtes Schilf. Mit der Machete bahnt er uns den Weg, fällt ein paar riesige Colocasia-Pflanzen und legt ihre Stämme als Brücke über einen Bach. Das Ziel ist ein See, auf dem die schönste Wasserpflanze der Welt wächst: Victoria amazonica, die Amazonas-Riesenseerose. Dutzende der grünen Teller bedecken das Wasser, manche mit einem Durchmesser von zwei Metern. Dazwischen leuchten zartrosa Blüten.

Es ist nur eins von vielen wunderbaren Wildniserlebnissen bei diesem viertägigen Trip in den Regenwald Perus. Das Naturgebiet lockt immer mehr Rucksackreisende und Pauschalurlauber an. Rings um die 400.000 Einwohner zählende Stadt Iquitos wurden in den vergangenen zehn Jahren Lodges in den Wald gebaut, eine Flotte von Kreuzfahrtschiffen schippert heute über die Flüsse des Amazonasgebiets.

Doch ich entscheide mich für die abenteuerlichere Art, diesen Flecken Erde kennenzulernen: eine Camping-Tour. Dschungelextremerfahrungen liegen im Trend - und es muss ja nicht immer in Australien sein, wie bei der Trash-TV-Serie "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" .

Mein Miniabenteuer beginnt mit der Fahrt ins 100 Kilometer entfernte Nauta. Am Ufer des Marañon liegt eine Flotille von Langbooten vertäut, die Touristen ins Naturreservat Pacaya-Samiria bringt. Träger schleppen kistenweise Limonade an Bord, Berge von Bananen, palettenweise Eier. Mein Guide Perez, 50, ist in dem Wirrwarr verschwunden und kauft noch letzte Vorräte ein.

Urwaldcamp auf dem Bohnenfeld

Als alles verladen ist, tuckern wir den Marañon stromabwärts. Das Ufer zieht in hübscher, tropengrüner Eintönigkeit vorbei. Ibisse lauern in der Böschung, Geier kreisen am Himmel. Nach einer Stunde biegt das Boot rechts in den Río Ucayali. Und bald darauf stößt die erste Rückenflosse aus dem braunen Wasser. Flussdelfine!

Der Kapitän drosselt den Motor, schnell sind wir eingekreist von einer Delfinschule. In allen Richtungen tauchen die Säuger mit dem hellrosa Bauch und der langgezogenen Schnauze auf und gleiten elegant durchs Wasser. Wir hören sie deutlich aus- und einatmen. Ein Jungdelfin macht direkt vor dem Boot einen Luftsprung.

Wir bleiben eine Viertelstunde, dann wirft der Kapitän wieder den Motor an und steuert in Richtung Basislager. "Auf der Insel rechts bauen die Leute Melonen, Papayas, Reis und Tomaten an", sagt Perez. "Aber nur von September bis Dezember. Danach steigt der Fluss so stark an, dass alles, was wir hier sehen, überflutet ist."

Die Häuser der Dörfer stehen deshalb auf hohen Stelzen - anders als der Unterstand, der die kommenden Tage mein Zuhause sein wird: ein windschiefes Gebälk, darauf ein Dach aus Palmblättern. Als Urwaldcamp geht es nur mit viel gutem Willen durch: Es steht auf dem Bohnenfeld des Kapitäns. Und auch die Frachtschiffe mit der großen roten Aufschrift "Vorsicht Brennstoff! Nicht rauchen!", die am Lager vorbeifahren, schmälern das Dschungelgefühl.

Umso mehr genieße ich das Abendessen auf dem Boot. Das Licht wird golden, die Nacht kommt schnell in den Tropen. Der Kapitän, der auch für uns kocht, serviert Fisch und Reis. Ein ausgezeichnetes Dinner, serviert in Logenlage. Über Fluss und Urwald geht die Sonne unter und lässt die Ränder der Wolken rot glühen.

Anakonda und Indio-Viagra

Am nächsten Tag landet ein Kahn an, zwei Männer mit Kettensägen steigen aus und grüßen fröhlich. "Sie schneiden nur Holz, um sich Häuser zu bauen", sagt Perez und hackt sich wieder durchs Unterholz. Pacaya-Samiria ist ein Naturschutzgebiet. Das Röhren der Kettensägen begleitet uns weit in den Wald. Das Wandern ist mühsam, immer wieder muss man sich unter Ästen hindurch ducken, verfängt sich ein Schuh in einer Lianenschlinge, ritzen Dornen die Haut. Der Schweiß strömt.

Hunderte Jahre alte Ficus-Bäume breiten ihr Blätterdach über uns aus, Bromelien hängen von den Ästen, die meterhohen Brettwurzeln schlängeln sich in alle Richtungen durch die Erde. Schwarze Hornwehrvögel starten mit schwerem Flügelschlag und empört oinkend, als wir ans Ufer eines Sees treten. Perez zeigt auf eine Rinne in der Erde. "Das war eine Anakonda. Die Spur ist frisch, von diesem Morgen." Er stochert mit seiner Machete im Schlamm herum. "Irgendwo hier hat sie sich vergraben. Komm her!"

Perez erklärt amüsiert, dass Anakondas lieber Wasserschweine und Enten fressen als Gringos. Und der Baby-Kaiman, der sich kurz darauf zeigt, hat offenbar auch mehr Angst vor Menschen und schwimmt schnell davon.

Auf einer Lichtung präsentiert Perez einen Strichcode von Narben auf seinem Unterarm. "Als ich ein Junge war, hat mir mein Großvater das Gift eines Frosches gespritzt, damit ich stark werde." Mutige Touristen würden sich auch einen Schuss von dem "Indio-Viagra", wie Perez das nennt, gönnen - für 150 Soles pro Spritze, umgerechnet fast 40 Euro. Die ultimative Dschungelprüfung. Er zählt seine Narben, sieben Injektionen. Deshalb könne er zehn Stunden durch den Wald laufen, ohne müde oder durstig zu werden.

Perez ist ein Schwätzer, aber er kennt den Wald und spürt auch die scheuesten seiner Bewohner auf. Den Nachtaffen, der an einem Ast hängt und dösig herabschaut. Den Ameisenbär, der sich in einen Baumstamm gekrallt hat. Und den Brüllaffen, der besonders schwer zu finden ist. Zuerst sehe ich nichts in dem grünen Wimmelbild, dann erkenne ich ein rotes Köpfchen. "Er ist der Anführer", wispert Perez. Der Patriarch einer Gruppe von fünf bis sechs Affen. Wir lassen dem Alphatier seine Ruhe und stapfen zurück.

Dunkle Wolken quellen am Himmel. "Nein, heute regnet es nicht", sagt Perez. Minuten später fallen dicke Tropfen. Ich rutsche auf einem Baumstamm aus. Ameisen beißen in meine Hand, als ich mich abstütze. Wir stapfen weiter, erschöpft und triefend. Ich habe meine Lektion gelernt. Der Regenwald ist wunderschön. Aber er ist nicht mein Revier.

Urlaubsziele im Vergleich

Florian Sanktjohanser/dpa/jus

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insgesamt 7 Beiträge
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1. Ach ja, ein ...
Pelao 21.01.2016
... wahrer Held, der hier von der Entdeckung des Amazonas-Einzugsgebietes erzählt ... nicht erwähnt hat er den entbehrungsreichen Verzicht auf Internet ... das vielleicht nur lauwarme Bier und die körperliche Belastung durch all die Malaria und Gelbfieber-Prophylaxen, der er sich zu unserer Erbauung hat über sich ergehen lassen. … Versucht es doch mal mit einfacher aber wirklich interessanter Reisberichterstattung …
2.
agaroo 21.01.2016
Vor genau 6 Jahren waren wir auch genau in dieser Ecke. 5 Tage Dschungel. Am Anfang war der Respekt riesig, der Regenwald mit all seinen unbekannten Gefahren sogar sehr angsteinflößend, aber mit der Zeit wurde diese so fremde Umgebung immer vertrauter. Es war auf jeden Fall eine sehr interessante Erfahrung, an die wir noch viele Jahre denken werden. Und es macht bewusst, wie weit wir uns in der zivilisierten Welt von der Natur entfernt haben.
3.
Celegorm 21.01.2016
Zitat von Pelao... wahrer Held, der hier von der Entdeckung des Amazonas-Einzugsgebietes erzählt ... nicht erwähnt hat er den entbehrungsreichen Verzicht auf Internet ... das vielleicht nur lauwarme Bier und die körperliche Belastung durch all die Malaria und Gelbfieber-Prophylaxen, der er sich zu unserer Erbauung hat über sich ergehen lassen. … Versucht es doch mal mit einfacher aber wirklich interessanter Reisberichterstattung …
Reiseberichterstattung wird also interessanter, wenn irgendein urbaner Jammerlappen über den "entbehrungsreichen" Verzicht aufs Internet jammert? Also bitte. Natürlich ist der durchschnittliche Reisejournalismus oft eher "sponsored content" und verkauft schöne Illusionen, allerdings würde das kaum besser, wenn man es mit "Leidensberichten" eines arrogant-ignoranten Wohlstandsbürgers anreichert, der für einmal nicht das volle Verwöhnprogramm abkriegt. Kritische Aspekte wären wenn schon eher in anderen Bereichen wichtiger und manches wird immerhin ja in dem Artikel angetönt, etwa die Frachtschiffe, die die Urwaldatmosphäre ruinieren oder die illegalen Holzfäller. Ansonsten gilt: Ein Bier mag noch so lauwarm sein, selten schmeckt es besser als irgendwo in der weitgehend unberührten Natur nach einer harten Wanderung durch Regenwald, Wüste oder auf Berge..
4. Wunderbare Ecke
zusel 21.01.2016
Auch ich war vor ein paar Jahren für eine Woche abseits der 4*-Touristenlodges in der Gegend rund um Iquitos. Schöne Entschleunigung ohne Strom. Und den Primärurwald erleben zu können war ein echtes Erlebnis. Die verschiedenen Strukturen von Überschwemmungsgebiet des Amazonas zu höher gelegenem Dschungel, die Unmenge an Tieren und die wenigen menschen und wie sie dort leben. Beeindruckend auch der nächtliche Tierlärm und der Kontrast dazu im stillen Morgengrauen. Ich möchte dort erneut hin, diesmal dann jedoch zur Regenzeit.
5. Dschungelcamp
amazonas 21.01.2016
Inwiefern hat denn der junge Abenteurer direkt Kontakt zu der einheimischen Bevölkerung gehabt?, wenn er schon etwas herablassend den guía einen Schwätzer nennt anstatt dankbar zu sein, einen sachkundigen Einheimischen gefunden zu haben! Insgesamt sieht man an dem Artikel, dass es ein Reisebericht ist, von einem Touristen, der eine allererste Einführung zu Land und Leute bieten möchte. Es ist ein erster Kontakt und eine interessante Alternative zum Künstlichen und weltfremdem "Dschungelcamp". Für interessierte Leser, die sich gerne einmal intensiver mit Peru beschäftigen möchten, kann ich u.a. die website: www.elcomercio.com.pe empfehlen
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