Ecuador: Wo Vulkane knutschen

Ecuador, Land der vier Welten: So nah Anden, Amazonas, Pazifik und Galapagos liegen, so wenig haben ihre Menschen und ihre Natur gemein. Autor Bjørn Erik Sass ließ sich von dem Land am Äquator leicht erobern – und fühlte sich während seiner Reise bisweilen selbst wie ein Konquistador.

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In Ecuador kann eine einfache Kartoffelsuppe tolle spätkoloniale Gefühle auslösen. Das klingt vielleicht nicht sehr modern, aber dafür fahre ich auch nicht nach Südamerika. Dazu muss man wissen, dass ich ganz armselig Spanisch spreche. Deshalb reise ich mit Carlos. Carlos spricht Englisch und fährt einen Jeep; so bringt er mich sicher an die hübschesten Flecken Ecuadors, von den Bergen in den Dschungel und an die Küste, er übersetzt und erklärt, worauf es ankommt in seinem Land.

Die ersten zwei Tage spaziere ich mit Carlos durch Quito. Ich höre von den Zivilisationen der Chimú und Chibcha, von den Kämpfen der Quitu-Cara gegen die Inka, von heldenhaften indianischen Generälen und goldgierigen Konquistadoren. In dieser kurzen Zeit gehe ich in mehr Kirchen als zu Hause in vielen Jahren, ich freue mich über rettende Jungfrauen mit Flügeln, rächende Engel und tonnenweise Blattgold, denn fade Funktionalität gibt es in Quitos Kirchen nicht.

Überwältigt jubele ich an einem Montagmittag beim Wachwechsel an der Plaza Grande Rafael Correa zu: Der Präsident der Republik winkt von der Balustrade herab. Für Carlos eine prima Gelegenheit, mir die wichtigsten Lebensdaten und Liebesaffären der ecuadorianischen Staatsführer seit der Unabhängigkeit darzulegen. Alles sehr spannend. Und so ist es bestimmt nur die Höhe, die mich erschöpft: Quito liegt auf 2 800 Meter, das sind 2 780 Meter mehr als mein Kieler Schlafzimmer im Dachgeschoss.

"La redención es en Cristo Jesús!– Christus ist die Erlösung!", ruft ein Laienprediger und zeigt dazu in den Himmel. Seiner Hand ist anzusehen, dass sie noch mehr Ackerkrumen als Bibelseiten gewendet hat. Ich glaube ihm jedes Wort, denn wie die meisten seiner Landsleute ist er tadellos frisiert; er trägt schwere Stiefel und einen Schlips zu seinem karierten Hemd. Auch darum ist Ecuador ein großartiges Land: Wenn ein Mann hier zum Friseur geht, machen sie aus ihm keine japanische Comic-Figur. Stattdessen verpassen ihm würdige Barbiere einen klassischen Haarschnitt, und mit reichlich Brillantine ziehen sie einen Scheitel, schärfer als die Äquatorlinie. Wahrscheinlich sind sie deshalb so entspannt. Das Haar sitzt perfekt.

Vulkansex und Kartoffelsuppe

Nach diesem großstädtischen Einstieg findet Carlos, mir täte frische Luft gut. So fahren wir auf der Panamericana hinaus ins Land. Da wimmelt es dann rechts und links von Vulkanen, und Carlos kennt zu jedem mindestens eine Geschichte. Zum Schnee etwa, den wir auf dem Gipfel des Cotacachi sehen, sagt Carlos: "Schau, Vater hat letzte Nacht einen Besuch gemacht!" Das klingt nach einer tief spirituellen Legende. Carlos zeigt auf einen zweiten Vulkan: "Das ist Taita Imbabura, Vater Imbabura. Cotacachi ist eine Frau. Wenn ihr Gipfel Schnee trägt, hat Imbabura sie in der Nacht zuvor bestiegen." Die sanfte Grundstimmung, in die Ecuador einen ganz schnell bringt, vielleicht auch mein anhaltender Höhenkoller, verhindern, dass ich erröte. Wenn es irgendwo passt, dass zwei Berge miteinander schlafen und später in den Wolken kuscheln, dann hier.

Sex macht hungrig, selbst beim Zugucken. Zeit für die Kartoffelsuppe. Die gibt es überall in Ecuador, sie heißt locro, und meine erste hatte ich in der Hacienda La Cienega. Deutsche Touristen müssen dorthin, weil Alexander von Humboldt sich auf diesem Gut vor mehr als zweihundert Jahren einen Tag lang erholte. So stehe ich vor dem Bett, in dem er schlief, streiche über den Tisch, an dem er vielleicht schrieb, schaue vom Balkon hinüber zum Cotopaxi und dann die Allee-Einfahrt hinunter. In der Ferne sehe ich das Landvolk fleißig auf den Feldern arbeiten.

Ich müsste jetzt sagen, wie froh ich bin, dass die früher riesigen Latifundien längst aufgelöst und an arme Bauern verteilt worden sind. Aber das fällt schwer in dieser Umgebung. Auf dem Weg durch die Hacienda deuten die Zimmermädchen einen Knicks an, und die Gärtner nehmen den Hut vom Kopf. Kann aber auch sein, dass ich mir das nur einbilde im beginnenden Gutsherrenwahn.

Um den auszukosten, mache ich einen Ausritt. "Un caballo por el señor!" – Ein Pferd für den Señor!", ruft die Empfangsdame einem alten Mann zu. Das schmeichelt mir, denn zu Hause nennt mich niemand Señor, und ich fühle mich meist auch nicht so. Minuten später sitze ich mit meinem Panamahut und meinem dunkelblauen Poncho aus Otavalo auf einem Pferd. Sehr vorsichtig, um nicht herunterzufallen, denn das wäre nicht gut für mein neues, vornehmes Selbstbild.

Die Luft mit Rosenduft aus den nahen Gewächshäusern erfüllt, in der Ferne diese grandiosen Berge, knarzendes Sattelleder, am Wegesrand grüßen freundlich die campesinos – meine Aristokratenfantasien werden immer schlimmer. Bis zum Essen geht das so, ich sitze vor silbernen Kerzenständern, ein Mädchen mit knöchellanger Schürze und bunt bestickter Bluse bringt die Kartoffelsuppe, und als sie mit umwerfendem Augenaufschlag "buen provecho, señor" haucht, fühle ich endgültig, dass ich dieses Land erobert habe.

Der El-Condor-Pasa-Schock

Die locro, mit Käse und Avocado, ist lecker, und scharf genug ist sie auch. Aber am Nebentisch sitzen Mexikaner. Also sagt Carlos: "Manche sagen, mexikanischer Chili sei der schärfste. Ich mag ihn nicht. Ich denke, Chili aus Ecuador ist der beste!", und er kippt sich großzügig Ají-Chili-Sauce in die Schüssel. Wenig später muss er viel husten, aber das liegt daran, dass er eine andere Zigarettenmarke als sonst raucht. Sagt er.

In die Jetztzeit komme ich dank der Musik-Combo wieder zurück, die das Mittagessen untermalt. Dazu muss ich sagen, dass ich total auf diese Flöten- und Gitarrefolklore stehe. Muss mich immer bös zusammenreißen, nicht loszuheulen. So lange sie nicht "El Condor pasa" spielen. Davon wird mir schlecht. Nach den ersten Tagen in Ecuador fühle ich mich aber sicher: Alles Mögliche höre ich, Bryan-Adams-Coverversionen, die Beatles, nur niemals, niemals mein Schreckstück. Bis zu diesem Nachmittag in der Hacienda Cienega. Da kommt es gleich als Erstes. Und mit einem Schlag ist es aus mit meinem latifundista-Wahn.

Dass ich keinen echten Kondor zu sehen bekomme, erklärt Carlos übrigens so: Einst gab es in Ecuador die meisten Kondore Südamerikas. Doch dann betrog eine Frau ihren Mann und blieb die ganze Nacht fort. Wo bist du gewesen?, fragte er. Der Kondor hat mich fortgetragen, sagte sie. Der Mann schlug alle Kondore tot, die er fangen konnte. Den Rest haben die Spanier zum Sport erlegt.

So reisen wir durchs Land. Nachts brennen auf Feldern hoch am Hang Rodefeuer, und ich denke an Cañari-Mondopfer, morgens schaue ich der Sonne zu, wie sie hinter Gaswolken spuckenden Bergen hervorkriecht, und habe die Inka im Kopf. An den Marktplätzen versuche ich mir zu merken, wo genau die Hüte in welcher Form getragen werden, und freue mich über die schwarzhaarigen Frauen, die so gar keine Angst vor Farbe haben, die reichlich Goldschmuck zu roten Capes anlegen und gerade zwei Fingerbreit rosa Unterkleid unter grünen Röcken hervorblitzen lassen.

Den Männern sehe ich beim Ecuavolley zu. Ecuavolley ist die hiesige Variante des Volleyball, mit drei Spielern und einem – Vorsicht! – Fußball gespielt. "More fun", sagt Carlos. Nach dem Match haben alle knallrote Handgelenke und ein paar Jungs stecken bündelweise Dollars in die Hosentaschen, denn auf ein anständiges Ecuavolley-Spiel wird immer gewettet.

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