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Ein Tag in Kapstadt: Afrika leuchtet

Von Elke Naters

Kapstadt muss man sich nähern wie einer Geliebten: Lächle sie an, dann lacht sie zurück. Alle Widersprüche und Vorurteile lässt sie vergessen. Sie zeigt Temperament und Vielfalt, verwöhnt mit Szene-Glamour und edelster Küche. Sie kostet Energie – und macht glücklich.

Stell dir vor: eine Stadt voller Leben. Am Meer. In den Bergen. Mit einem Blick über die halbe Welt. Farben, Licht, Musik, bunte Menschen. Kultur, Natur, Lärm, Stille. Alles an einem Ort zur gleichen Zeit. Gibt es nicht, muss erst noch erfunden werden! Irrtum. Ist alles schon da: in Kapstadt!

Es gibt keine schönere Stadt, keine wildere, keine, die so viele Widersprüche in sich vereint. Jeder, der aus Kapstadt kommt, erzählt eine andere Geschichte. Hüte dich, diese Stadt schlecht gelaunt und voller Vorurteile zu besuchen! Behandele sie wie eine Geliebte! Lächle sie an, dann lacht sie zurück! Und ertrage geduldig ihre Launen, wenn der Southeastern an deinen Haaren und Nerven zerrt!

Wo nur anfangen? Am besten an der Ostküste vor der Stadt. In Muizenberg, wo die Sonne aufgeht, das Meer lockt. Der kleine Küstenvorort ist eine charmante Mischung aus Malerisch und Runtergekommen. Aus Surfshops, Backpackerhotels, Cafés. Hier an der False Bay ist der Himmel blitzblau, rollen die perfekten Anfängerwellen sanft an den Strand - wer hier das Surfen nicht lernt, lernt es nirgendwo.

Eigentlich wollte ich mich nur umsehen, aber die Leute vom "Surfshack" überreden mich zu einer Stunde. Sie kamen vor zehn Jahren hierher, weil die Industrieluft im Hinterland ihre Kinder krank gemacht hatte. Sie eröffneten den Shop und eine Surfschule für Mädchen, als ihre Tochter zu surfen begann - das einzige Mädchen in den Wellen. Inzwischen ist sie 16, reist um die halbe Welt zu Wettbewerben. "Aber", mahnt die Mutter, "nur, wenn die Schule nicht darunter leidet! Die Tochter hockt hinter dem Tresen am Computer und stöhnt über den Hausaufgaben: Shakespeare, "Romeo und Julia", wer braucht das schon?

"Paddelpaddelpaddelpaddel!!"

Die Surfschule bietet inzwischen ein Jedermannprogramm, vor allem für Familien. Aus dem Wasser kommt gerade eine Gruppe gut gelaunter Hausfrauen um die 40, die ihre erste Stunde hatten. Eine Geburtstagsparty. Was die können, kann ich auch! Wetsuit gegen kaltes Wasser und Surfboard kann man leihen. Mein Surflehrer Dave gibt eine kurze Sicherheitseinweisung, pflichtgemäß warnt er vor Haien: Hier sind die "Great Whites" zu Hause, sie haben sogar Namen - einer heißt Submarine. Menschenfleisch steht üblicherweise nicht auf ihrem Speiseplan, auch wenn man letztes Jahr von einer alten Dame, die zu weit hinausgeschwommen war, nur noch die Badekappe fand. Dave beruhigt mich: Oben in den Bergen sitzt ein Mann mit Ferngläsern. Sieht er einen Hai, bedient er eine Sirene, und es bleibt genug Zeit, um ans Ufer zu kommen.

Dave zeigt mir am Strand, wie ich aufs Brett aufspringen muss, wie ich die Hände schützend über den Kopf lege, sobald ich vom Board falle. Dann geht es ins Wasser. Ich paddele aufs Meer hinaus, bringe mich in Position, warte auf die Welle. Plötzlich ruft Dave: "paddelpaddelpaddelpaddel!!", und ich spüre, wie die Welle mich erfasst, mich anschiebt. Ich versuche, auf die Beine zu kommen, schaffe es nur auf die Knie, aber das ist mir egal. Auf allen Vieren gleite ich über das Wasser und schreie vor Glück.

Surfen ist großartig. Und brutal anstrengend. Im Surfshop warten eine warme Dusche und eine heiße Schokolade, der Atlantik ist auch in der heißen Jahreszeit grundsätzlich eiskalt. Wem das Wellensurfen nicht genügt, der kann windsurfen in Misty Cliffs bei Scarborough oder kitesurfen an der Westküste, wo der Wind mit 100 Stundenkilometern bläst: Das Formel-1-Revier der Surfer nennen sie es. Auch sonst gibt es reichlich Möglichkeiten für einen Endorphinkick. Rund um Kapstadt kann man sich austoben, das Angebot reicht von A wie Abseiling (am Seil vom Tafelberg herunter) bis W wie Wakeboarding (Snowboarding auf Sanddünen).

Schräge Songs auf selbst gebauter Gitarre

Glücklich und hungrig fahre ich wenige Kilometer weiter nach Kalk Bay, dorthin, wo sich Kapstadts Boheme vom Stadtleben erholt. Die hübschen kleinen Häuser wurden vor über hundert Jahren steil an den Berg gebaut. Lazy afternoon - am Hafen esse ich Fischtatar, sehe den Anglern zu, wie sie nichts fangen. Ein Fotograf kommt mit drei schwarzen Models und einem Haufen weißer Assistentinnen, die an deren Kleidern rumzupfen. Die Mädels stellen sich auf dem Pier in Pose. Im Hintergrund nimmt eine Frau in geblümter Schürze einen Fisch aus. Schwarze Jungs spielen auf einer selbst gebauten Gitarre aus Brettern und Schnüren und singen schräge Songs. Einer der Sänger trägt seine Kleider verkehrt herum: die Bomberjacke mit dem orangefarbenen Futter nach außen und die nach links gekehrten Taschen hängen aus der Jeans - African street style.

Weiter zu Konrad nach Green Point, im Herzen von Kapstadt, einem typischen Einwanderer: Er, Filmemacher aus Berlin, ist seit fünf Jahren mit der Südafrikanerin Lydia verheiratet. Sie arbeitet als freie Journalistin. Konrad hat seinen Job bei Lufthansa gekündigt, dort saß er mit anderen Deutschen - "überqualifizierte Aussteiger aus allen Berufen, wirklich interessante Leute" - in einem engen Büro, kontrollierte am Bildschirm die Gewichtsverteilung im Gepäckraum deutscher Flugzeuge. Gab er in Kapstadt sein Okay, konnte die Maschine in Frankfurt starten.

Konrad hat wie viele Kapstädter den Beruf gewechselt. Zurzeit arbeitet er an seiner neuen Karriere: Konrads wahre Leidenschaft sind Käsekuchen - er ist auf der Suche nach der perfekten Torte und froh, wenn jemand kommt, um zu probieren. So sitzen wir in der großen Küche des viktorianischen Hauses und suchen nach einer Idee, wie er seinen Kuchen vermarkten könnte.

Konrads Jobwechsel hat politische Gründe: Durch die Quotenregelung werden seit Ende der Apartheid Schwarze und Coloureds bei qualifizierten Jobs bevorzugt. Viele junge Weiße wandern deshalb nach England, Kanada, Australien aus. Die einzige Möglichkeit, hier bleiben zu können - also Geld zu verdienen -, ist ein eigenes Business. Konrads Schwiegereltern wollen den beiden ein Haus in Europa kaufen, denn wie viele weiße Kapstädter vom alten Schlag sehen sie keine Zukunft für ihre Kinder in Südafrika. Konrad und Lydia sind da anderer Meinung: Nichts auf der Welt wird sie aus Kapstadt wegbringen!

Städtisches Modedesign, inspiriert von traditionellen Gewändern

Sally ruft an, wir verabreden uns im "Vida e caffeé" auf der Kloof Street im Stadtteil Tamboerskloof. Noch vor drei Jahren waren die Straßen hier nachts menschenleer, allenfalls bevölkert von finsteren Gestalten. Jetzt sind die Straßencafés und Bars des Viertels am Samstagabend voller Menschen: schöne, junge, reiche Schwarze in teuren Autos, weiße Surfer in Flipflops mit sonnengebleichten Dreadlocks, eine Gruppe moslemischer Mädchen schnattert am Nebentisch. Hier zeigen sich das stolze schwarze Afrika und ein nicht minder verzagtes weißes, das keine Berührungsängste mehr kennt.

Sally ist 27, hat ein abgeschlossenes Wirtschaftsstudium hinter sich. Sie spricht drei Sprachen, betreibt mit einer Freundin eine Cateringfirma, hat einen Winzer geheiratet: all das macht sie in Südafrika heute zur Prinzessin. Und so sieht sie auch aus in ihrem Kleid von "Sun Goddess". Afro-urban aesthetic wird die Mode der südafrikanischen Designer genannt. Städtisches Design, inspiriert von traditionellen Gewändern der Zulu, San, Xhosa.

Sally kommt gerade von einer Hochzeit. Ausnahmsweise hat sie dort nicht gekocht, sondern gegessen. Sally kocht für VIPs und Kapstadts Oberschicht. Für den alten Geldadel in Constantia, bei dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint: in prächtigen Kolonialvillen für dürre ältliche Ladys, die ihr nicht in die Augen sehen und sie behandeln wie deren Vorfahren vor hundert Jahren ihre Bediensteten.

Oder sie wird engagiert von den Neureichen in Clifton und Camps Bay: Leute, die ihr Geld in den Medien, mit Immobilien verdienen, in kreativen Berufen arbeiten. "Jünger, sehr viel angenehmer. Leute mit Stil und Geschmack", sagt Sally. "Die haben begriffen, dass man Menschen egal welcher Stellung oder Hautfarbe respektiert." Sie erzählt von einem Wettkochen für Leonardo DiCaprio, der in Südafrika drehen wird und nach dem richtigen Caterer sucht. Das Namedropping-Spiel ist auch in Kapstadt hip.

Zum Sundowner nach Camps Bay

Wir fahren nach Camps Bay, weil Goldfish heute Abend im "Baraza" spielt. Das Duo ist angesagt, gilt als das kommende große Ding in der Elektromusik, auch wenn Camps Bay nicht unbedingt der Ort ist, an dem man nachts ausgeht. Hier treffen sich die Reichen zum Sundowner und alle, die gern das Geld oder nur die Sonne untergehen sehen wollen. Die beiden Musiker vermischen klassische Instrumental- und elektronische Musik zu einem ganz eigenen Afro-Jazz-House.

Letzte Woche, als sie im "Opium" - Kapstadts größter und angesagtester Disco - spielten, tobte das Haus. Heute tanzt nur ein einsamer junger Mann zwischen den Tischen. Wir brechen auf, um einen Absacker im "Hemisphere" zu trinken, einer Bar im 31. Stock des ABSA-Bankgebäudes. Der Dresscode ist streng: "No Jeans, no T-Shirts". Und der Blick durch die Panoramfenster auf das nächtliche Kapstadt ist atemberaubend.

Unten auf der Erde unterhält sich der Parkwächter mit einem Tänzchen auf der leeren Straße. "Have a beautiful night, ladies!" ruft er uns nach.

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Kapstadt: Bummeln, Surfen, Entspannen