Eiscamp "Zum Polarkreis": Das Restaurant am Ende der Welt

Extrem ruhige Lage in einsamer Natur: Wer eine ganz besondere Unterkunft sucht, sollte mal eine Nacht auf dem Inlandeis Grönlands verbringen. Stephan Orth preist ein exklusives Zelt-Hotel, das in keinem Reiseführer steht. Einen Haken hat die Idylle jedoch.

Eiscamp "Zum Polarkreis": Zimmer: gut, Lage: extrem Fotos
SPIEGEL ONLINE

Hier geht's zur großen Reise-Weltkarte

Den Klängen des Windes lauschen, die Weite der Landschaft genießen, sauberste Luft atmen: Die völlige Kargheit von Grönlands Inlandeis bietet fernab vom Massentourismus beste Möglichkeiten zum Abschalten vom Alltagsstress.

Trotzdem steht in keinem Reiseführer das idyllische Zeltcamp "Zum Polarkreis", das sich an historisch interessanter Stätte befindet. Oder besser: befand. Denn leider existierte diese Unterkunft nur für eine Nacht - als Zwischenstopp auf einer Expedition. Die Schönheiten dieses Ortes möchten wir Ihnen trotzdem nicht vorenthalten.

Geschichte: Erstmals wird eine hier angesiedelte Unterkunft im Jahr 1912 von Arktispionier Alfred de Quervain in seinem Buch "Quer durchs Inlandeis" erwähnt. Dort heißt sie "Camp 26". Vor allem die Aussicht auf eine Bergkette im Nordosten wird vom Verfasser sehr gelobt. Prompt taufte er sie wegen ihrer Schönheit nach seiner eigenen Heimat "Schweizerland".

Lage: Ostgrönland, 66 29,9 Grad Nord, 39 43,2 Grad West, 1850 Meter über dem Meer.

Verpflegung: Eine riesige Auswahl an Energieriegeln, Schokoladensorten und Tütengerichten steht bereit. Besonders empfehlenswert sind Chili con Carne ("Schmeckt super, macht aber furchtbare Blähungen." Wilfried K., Geodät), der Rindfleisch-Gourmettopf und die Gorgonzola-Spinatsuppe. Als Dessert wird Mousse au Chocolat gereicht, dessen Konsistenz und Qualität allerdings stark von der Tagesform des Kochs abhängt. Zubereitet wird alles mit viel Liebe im saubersten Wasser, das man sich vorstellen kann - direkt aus dem Inlandeis geschmolzen. Zu jeder Mahlzeit wird als Sättigungsbeilage Pemmikan in den Geschmacksrichtungen Röstzwiebel, Chili oder Schinken serviert.

Zimmer: Zur Auswahl stehen die Räume Red und Yellow, die jeweils Platz für zwei Personen bieten und mit neun Zentimeter dicken Luxus-Daunenluftmatratzen ausgestattet sind. Red ist ein Tunnelzelt und etwas geräumiger, Yellow ein kuscheliges Kuppelzelt (ideal für Paare), das bei Wind etwas weniger Lärm macht. Bettwäsche kann nicht vor Ort entliehen werden. Dringend empfohlen wird ein Schlafsack mit einem Komfortbereich in den zweistelligen Minusgraden.

Sanitäre Einrichtungen: Hier müssen Abstriche im Vergleich zu üblichen Hotelstandards einkalkuliert werden. Dusche und Waschbecken fehlen komplett, als Ersatz werden auf Wunsch Feuchtigkeitstücher auf Ölbasis gereicht. Die Toilette hat drei Wände weniger als üblich und ist unbeheizt.

Sport und Freizeit: Hervorragende Möglichkeiten für Kiteskiing und Langlauf (Loipen nicht gespurt). Für Kraftsportler ist das Bergauf-Ziehen eines 100 Kilogramm schweren Pulkaschlittens ein empfehlenswerter Workout, der viele Muskelgruppen beansprucht. Golf-Fans können ein Loch in den Schnee bohren und sich abends kleine Schneebälle zurechtlegen. Am nächsten Morgen sind die steinhart gefroren und bestens für Abschläge mit dem Ski-Schläger geeignet.

Wellness: Auf Wunsch kann das geräumige Küchenzelt mit zwei Benzinkochern auf etwa zehn Grad Celsius beheizt werden. Für eine unvergessliche Sauna-Erfahrung wälzt man sich anschließend nackt im Schnee. Mit Inlandeiswasser zubereitete Tees sollen eine besonders wohltuende Wirkung haben.

Einkaufen: Der nächste Supermarkt ist zehn Tagesreisen entfernt. Vor Ort hat sich deshalb ein reger Tauschhandel entwickelt ("Hey, deine Hühnchencurry-Portion hatte mehr Fleisch als meine, kriege ich dafür deine Salami-Ration?" "Wer tauscht Pfefferminz-Schokolade gegen eine Sorte, die schmeckt?").

Sehenswürdigkeiten: Die in zweistündiger Handarbeit per Säge und Schaufel entstandene Schneemauer gehört zu den schönsten, die dieses Jahr in Grönland gebaut wurden. Für Erinnerungsfotos bietet sich der exakt 90 Meter entfernte Polarkreis an. Überhöhte Erwartungen an die Szenerie könnten allerdings enttäuscht werden: Das Eis sieht dort nicht anders aus als 50 Kilometer weiter in beliebiger Richtung.

Kultur: Niemand wird Sie daran hindern, eine Bach-Kantate anzustimmen oder ein Gedicht aufzusagen.

Fauna und Flora: Mit beidem kann in etwa 500 bis 1000 Jahren gerechnet werden, wenn der Eispanzer im Süden Grönlands komplett abgeschmolzen ist.

Klima: Im Sommer kalt, im Winter sehr kalt.

Anreise: Pulka-Express, zehn Tage ab Tasiilaq in Ostgrönland. Keine öffentlichen Verkehrsmittel.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Fernweh
RSS
alles zum Thema Auf Skiern durch Grönland
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
  • Zur Startseite

Fotostrecke
Grönland-Durchquerung: Pioniertat einer Schweizer Expedition

Buchtipp

Fotostrecke
Expedition im Grönlandeis: Gewaltmarsch im Zickzack
Fotostrecke
Grönland-Expedition: Ab ins Inlandeis

Fotostrecke
Extremtour durch Grönland: Die schwierigsten Passagen