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Eisenbahnbau in Nahost: Scharons historische Schienen-Offensive

Von Andrea Hohendahl

Bisher ist Israel eine Autofahrernation, der Staat hat die Bahn jahrelang verkümmern lassen. Das soll sich nun ändern - Premier Ariel Scharon will Milliarden in die Schiene stecken. Sein ambitioniertes Ziel: ein ähnlich dichtes Eisenbahnnetz wie Deutschland zu betreiben.

Großbaustelle: Der Eisenbahnknotenpunkt Tel Aviv erhält eine neue Schienentrasse
Andrea Hohendahl

Großbaustelle: Der Eisenbahnknotenpunkt Tel Aviv erhält eine neue Schienentrasse

Tel Aviv - Wer im Zug zwischen Haifa und Tel Aviv eine Kamera auspackt, zieht rasch misstrauische Blicke auf sich. Im Abteil sitzen vor allem junge Soldatinnen und Soldaten. Sie wirken gestört, schauen nervös auf den Fotoapparat. Die Armee Israels verbietet es strikt, in der Öffentlichkeit Aufnahmen ihrer Angehörigen zu machen.

Die Mittagshitze draußen auf der Strecke ist drückend: 40 Grad Celsius im Schatten, eine Luftfeuchtigkeit von nahezu 95 Prozent. Das Zugabteil dagegen ist auf angenehme 20 Grad heruntergekühlt. Die Wehrdienstler sind noch aus einem anderen Grund so zahlreich im klimatisierten Abteil vertreten: Das Bahnfahren in Israel ist, anders als die Fahrt per Bus, für Soldaten kostenlos.

Auch Berufspendler schätzen die Zugfahrt auf der 80 Kilometer langen Strecke. Gerade einmal 37 Minuten benötigt der Intercity von Haifa nach Tel Aviv. Mit dem Auto, sagt Harel Even, Transportchef bei der israelischen Bahn, wären die Pendler von Stadtzentrum zu Stadtzentrum weitaus länger unterwegs - mindestens zwei Stunden. Vor allem die Straßen im Zentrum von Tel Aviv sind chronisch verstopft.

Ausnahmebahnhof: Reisende am Hauptbahnhof von Tel Aviv, im Hintergrund die Sykline
Andrea Hohendahl

Ausnahmebahnhof: Reisende am Hauptbahnhof von Tel Aviv, im Hintergrund die Sykline

Die Strecke zwischen den beiden Meeresstädten ist eine Ausnahme. Bisher ist Israel kein typisches Bahnland wie etwa Deutschland, Frankreich oder die Schweiz. Es ist ein Land des Individualverkehrs. Ein Grund liegt in der traditionellen Politik der Regierung - sie hat Jahrzehnte lang Milliarden von Euro in den Bau des Straßennetzes investiert und die Bahn vernachlässigt.

Prestige-Strecke eröffnet wieder

Mittlerweile hat die Regierung um Ministerpräsident Ariel Sharon eingesehen: Nur der Ausbau und die Modernisierung des Bahnsystems kann den völligen Kollaps des Straßenverkehrs verhindern. So fällt erstmals in der Geschichte des Staates Israel das Budget für die Bahn höher aus als jenes für Straßenbau. 36,2 Milliarden Schekel will die Regierung in den kommenden fünf Jahren in die Schiene investieren - das sind umgerechnet etwa 6 Milliarden Euro.

Schon ab April sollen wieder Züge zwischen Tel Aviv und Jerusalem rollen. Viele Israelis werden diesen Tag mit Freude begrüßen. Die Strecke zwischen den zwei Metropolen, Ende des 19. Jahrhunderts noch von den Türken gebaut, war einst das Herzstück der israelischen Bahn. 1993 musste sie eingestellt werden - zu schlecht war der Zustand der Linie. Die zahlreichen Tunnel waren gar akut vom Einsturz bedroht.

Regierungschef Scharon: Verstopfte Straßen entlasten
AP

Regierungschef Scharon: Verstopfte Straßen entlasten

Die Sanierung bot den Bahningenieuren eine spezielle Herausforderung: Der Zug muss zwischen der Küstenstadt und der Kapitale über 50 Kilometer gut 700 Höhenmeter bezwingen. Jahrelange mühselige Instandsetzungsarbeiten waren erforderlich.

Parallel dazu wird eifrig an einer Hochgeschwindigkeitslinie zwischen dem neuen Terminal am Tel Aviver Flughafen Ben Gurion nach Jerusalem gebaut. 2008 soll sich die Reisezeit zwischen der Kapitale und der Küstenstadt so um 45 Minuten reduzieren. Auf der herkömmlichen Linie mit ihren zahlreichen Kurven und Tunnels dauert die Reise heute noch eine Stunde und 15 Minuten.

Konkurrenz für den Suezkanal

"Wenn wir hier in Israel etwas machen, dann richtig", sagt Bahn-Manager Harel Even entschlossen. Bis zum Jahr 2012 könnten die Passagierzahlen der israelischen Bahn auf 72 Millionen klettern - das geht aus einer Machbarkeitsstudie der Unternehmensberatung Mercato hervor.

Transportchef Even: "Positive wirtschaftliche Auswirkungen"
Andrea Hohendahl

Transportchef Even: "Positive wirtschaftliche Auswirkungen"

Die Ausbaupläne der Bahn tragen den Titel "New Deal", benannt nach dem Wirtschaftsplan von US-Präsident Franklin D. Roosevelt aus den dreißiger Jahren. Eines der wichtigsten Projekte im Katalog: eine neue Güterlinie von der Hafenstadt Eilat am südlichen Zipfel Israels nach Ashdod zum Mittelmeer.

Die Idee dahinter ist einleuchtend: Israel möchte eine Alternative zum von Ägypten betriebenen Suezkanal bieten. "Haben wir einmal die Linie errichtet und die nötige Infrastruktur beschafft, können wir Frachtgüter aus Fernost schneller und sicherer importieren, als dies über den herkömmlichen Seeweg der Fall ist. Auch politisch wären wir weniger stark von Ägypten abhängig", sagt Harel Even.

Abenddämmerung im Pendlerzug: Intercity zwischen Haifa und Tel Aviv
Andrea Hohendahl

Abenddämmerung im Pendlerzug: Intercity zwischen Haifa und Tel Aviv

Auch die Elektrisierung des Schienennetzes soll sukzessive bis 2009 abgeschlossen sein. Bis heute verkehren sämtliche Züge mit qualmenden Diesellokomotiven. Allein dieser Kostenpunkt wird in den Planungen auf rund 390 Millionen Euro veranschlagt. Parallel dazu soll sich im Güterbereicht die Menge der beförderten Fracht von gegenwärtig 8000 Kilotonnen bis 2009 mehr als verdoppeln.

Sicherheitskontrollen wie auf dem Flughafen

Transportchef Even lässt keinen Zweifel daran, dass der Kleinstaat Israel mit seinen rund sechs Millionen Einwohnern ein derart dichtes und modernes Eisenbahnsystem benötigt. "Je mehr Siedlungen wir an das Netz anbringen, desto kürzer wird die Distanz zum Finanzzentrum Tel Aviv. Dies hat auch positive wirtschaftliche Auswirkungen." Wichtig sei auch, die verstopften Straßen und Autobahnen zu entlasten.

Güterwaggons vor Wohnblock in einem Vorort von Beer Sheva: Frachtmenge mehr als verdoppeln
Andrea Hohendahl

Güterwaggons vor Wohnblock in einem Vorort von Beer Sheva: Frachtmenge mehr als verdoppeln

Die Streckenpläne der Bahn sehen auch Routen in einige Siedlungen vor, die heute in den besetzten Gebieten liegen: Erez im nördlichen Gaza-Streifen und Oz Shalom am südlichen Rand von Gaza-Stadt. Auch die palästinensische Stadt Hebron im Westjordanland soll ans Eisenbahnnetz angeschlossen werden. Zugleich jedoch schottet Israel durch seinen Mauerbau die palästinensischen Gebiete im Westjordanland immer stärker ab.

Harel Even äußert sich vorsichtig zu diesem Thema: "Diese Ortschaften wurden in den Plan aufgenommen, als wir noch Friedensgespräche mit den Palästinenser führten." Die Regierung warte mit dem Bau der besagten Linien solange ab, bis die Gespräche auf beiden Seiten wieder aufgenommen würden. Er dementiert aber, dass mit dem Bau der Linien gar nicht mehr zu rechnen sei.

Wie beim Fliegen nehmen es die Israelis auch beim Bahnfahren sehr genau mit der Sicherheit. Die Sicherheitskontrollen beim Betreten der Bahnhöfe sind fast so minutiös wie die am Flughafen von Tel Aviv. Restlos alle Gepäckstücke werden auf explosive Inhaltsstoffe geröntgt, dazu kommen Leibeskontrollen mit Metalldetektoren.

Ist man einmal an den Einlasskontrollen vorbei, kann man sich frei und unbehelligt im Bahnhofsareal bewegen. Auch hier allerdings gilt: Fotografieren ist untersagt. Wie das Militär fürchtet sich auch die Bahn vor "Spionagefotografen", die ihre Bilder an potenzielle Terroristen weiterreichen könnten.

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