Eisenbahnromantik: Mit "1001 Nacht" von Istanbul nach Damaskus

Über 2400 Kilometer rattert der Sonderzug "1001 Nacht" aus der Türkei nach Syrien. Die Fahrt durch das Grün der Ebenen und schier endlose Olivenplantagen ist zugleich eine Reise durch die Vergangenheit: über die Gleise der legendären Bagdadbahn, vorbei an Kreuzritterfestungen und römischen Theatern.

Damaskus - Gemächlich rollt der Zug vom türkischen Bahce ins syrische Aleppo. Für die knapp 160 Kilometer braucht der Sonderzug "1001 Nacht" einschließlich Grenzabfertigung gut zehn Stunden. Mehr als 40 Stundenkilometer lassen die alten Gleise nicht zu. Die Touristen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz nehmen es aber gelassen: Nach der rasanten Fahrt durch die Türkei ist jetzt Gelegenheit, die Landschaft vor dem Hintergrund schneebedeckter Gipfel des Amanos-Gebirges zu fotografieren.

Sonderzug "1001 Nacht" auf einer Brücke der Bagdad-Bahn in Nordsyrien: Endloses Rattern auf alten Gleisen
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Sonderzug "1001 Nacht" auf einer Brücke der Bagdad-Bahn in Nordsyrien: Endloses Rattern auf alten Gleisen

Dies ist der letzte Abschnitt, dem der Zug exakt der legendären Bagdadbahn folgt. Ihr Bau wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts von deutschen Ingenieuren in Angriff genommen. Das Deutsche Reich wollte damit seinen Einflussbereich ausdehnen, während der Sultan in Konstantinopel (Istanbul) an den Bahnbau die Erwartung knüpfte, sein zerbröselndes Osmanisches Reich stabilisieren zu können. Es entstanden Hunderte Brücken und Viadukte, in das zerklüftete Taurus-Gebirge mussten 40 Tunnel gegraben werden. Der Erste Weltkrieg unterbrach den Bau. Erst 1940 ließ der Irak die Strecke vollenden, einen geregelten Zugverkehr zwischen Syrien und Irak gab es jedoch nur selten.

Seit dem Einstieg am Istanbuler Bahnhof Haidar-Pascha haben die Reisenden schon 1200 Kilometer in ihren Schlafwagen zurückgelegt. Ein Abstecher führte sie nach Kappadokien, um in eine der seltsamen, in weichen Tuffstein gegrabenen unterirdischen "Städte" hinab zu steigen. Dort sollen schon zu Zeiten der Hethiter und dann der Römer und Byzantiner Tausende Menschen Zuflucht vor einfallenden Feinden gefunden haben. Auch die frühen Christen haben hier mit kleinen und größeren unterirdischen Kirchen Beeindruckendes hinterlassen.

Die Enge der syrischen Schlafwagen aus Görlitzer Produktion des Jahres 1982 und ihre nicht eben luxuriöse Sanitärausstattung sind auch für den an Erlebnisreisen orientierten Eisenbahnromantiker etwas gewöhnungsbedürftig. Dennoch sind die Betten nicht unbequem, und auch das Geratter des Zuges auf teils stark erneuerungsbedürftigen Schienen kann ihm kaum die gute Laune nehmen.

Zitadelle von Aleppo thront über der Stadt

Die Fahrt des "1001 Nacht" bietet den Zuggästen so manch interessanten Einblick in die einst vom Christentum stark geprägte Region - in Syrien noch mehr als in der Türkei. Wie die Hauptstadt Damaskus kann sich Aleppo rühmen, eine der ältesten ununterbrochen besiedelten Städte der Welt zu sein. Sie beherbergt noch heute viele arabische und armenische Christen. Die Anhänger der verschiedenen christlichen Konfessionen sollen heute knapp zehn Prozent der syrischen Gesamtbevölkerung ausmachen.

Auf einem Hügel inmitten der Stadt thront die Zitadelle von Aleppo, die als imposanteste Festungsanlage der arabischen Welt gilt. Und nur wenige Kilometer außerhalb der Drei-Millionen-Stadt vermitteln die Ruinen des berühmten Simeonsklosters einen Eindruck von der einstigen Pracht christlicher Baukunst. Seinen Ruhm verdankt das Kloster dem heiligen Simeon, dem ersten Säulenheiligen der Kirchengeschichte.

Historische Lokomotive vor dem Istanbuler Bahnhof Haidar-Pascha: In Istanbul begann der Bau der Bagdad-Bahn
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Historische Lokomotive vor dem Istanbuler Bahnhof Haidar-Pascha: In Istanbul begann der Bau der Bagdad-Bahn

Nach Aleppo führt die Reise kreuz und quer durch Syrien - zunächst an die im 12. und 13. Jahrhundert von den Kreuzfahrern unterworfene Mittelmeerküste. Am südlichsten Ausläufer des Ansariye-Gebirges erhebt sich der Krak des Chevaliers, den Historiker als eine der großartigsten mittelalterlichen Burgen preisen. Die vom Johanniterorden über fast 130 Jahre gehaltene Kreuzritterfestung gilt bei den Arabern als steinernes Mahnmal für den Expansionsdrang Europas, offenbart sich dem Touristen dennoch in einem sorgfältig restaurierten Zustand.

Die anschließende nächtliche Fahrt mit dem Zug führt in die Oasenstadt Palmyra, deren Blütezeit mit dem Vordringen der Römer nach Syrien begann. Die Ruinen des Baal-Tempels, des römischen Theaters oder der Säulenstraßen lassen noch heute den Reichtum der einstigen Handelsmetropole an der äußersten Ostgrenze des Römischen Reiches erahnen. Hier lässt sich stundenlang wandeln, begleitet von Scharen aufdringlicher Verkäufer von Postkarten, billigem Schmuck und anderen Souvenirs.

Das endlose Lichtermeer von Damaskus

Die 2400 Kilometer lange Zugreise endet in Damaskus. Und hier ist Schluss mit der Wanderung durch die Vergangenheit - die syrische Hauptstadt mit ihrem Verkehrschaos, dem unaufhörlichen Hupkonzert der Autofahrer und dem dichten Gedränge auf dem Basar nimmt die weit gereisten Zugfahrer in Beschlag. Fünf Millionen Einwohner sollen derzeit in Damaskus leben. Aber ganz genau wisse man das nicht, sagt der Reiseführer. Irgendwann habe man wohl aufgehört zu zählen. Auf dem Sightseeing-Programm stehen nun die prächtige Omayyaden-Moschee, der quirlige Hamidiye-Suk, das Nationalmuseum und das Mausoleum Saladins, des Bezwingers der Kreuzritter.

Und am Abend, nach dem Alltagstrubel, auch eine Fahrt auf den "heiligen Berg" Kasyun mit seiner herrlichen Aussicht auf das endlose Lichtermeer der Metropole. Taxis sind in Damaskus spottbillig. Sie sind allgegenwärtig und gewissermaßen der öffentliche Nahverkehr, den es ansonsten de facto nicht gibt.

Von Herbert Hansch, ddp

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