Eiswüsten-Blog Im Tiefschnee zum Inferno

Einmal einem Vulkan beim Ausbruch zuschauen - das will sich der Fotograf Michael Martin auf Island nicht entgehen lassen. In seinem Eiswüsten-Blog auf SPIEGEL ONLINE zeigt er Aufnahmen des Spektakels.

Michael Martin

Tagelang wehte ein heftiger Schneesturm an der Ostküste Grönlands, an eine Abreise war nicht zu denken - doch als ich heute verschlafen den Vorhang meines winzigen Zimmers aufziehe, erwartet mich eine Überraschung. Es hat aufgeklart, heute komme ich hier weg! Gegen zehn Uhr landet der Helikopter der Air Greenland auf einem Hügel oberhalb von Ittoqqortoormiit.

Ich klettere zusammen mit sechs französischen Bergsteigern in den Helikopter, draußen winken Silas und sein Bruder, meine Inuit-Freunde, zum Abschied. Wir fliegen an dem zugefrorenen Fjord entlang, dann über eine Bergkette und steuern einen winzigen Punkt in der arktischen Wüste an: Constable Point, den einzigen Flugplatz im Umkreis von 800 Kilometern. Kurz nach unserer Landung setzt - mit fünf Tagen Verspätung - die Propellermaschine der Air Iceland auf dem vereisten Rollfeld auf, das Gepäck wird vom Hubschrauber ins Flugzeug umgeladen und schon bin ich wieder in der Luft.

Noch einmal genieße ich die blau-weißen Gletscher Grönlands aus der Luft, aber bald schon haben wir die Ostküste verlassen und ich schlafe erschöpft ein. Eine starke Erkältung, die ich mir bei der Jagd mit Silas zugezogen hatte, macht mir zu schaffen. Der Gedanke an den ausbrechenden Vulkan auf Island lässt mir trotzdem keine Ruhe. Könnte ich ihn nicht vielleicht abends kurz besuchen, bevor ich am nächsten Mittag über Kopenhagen nach München zurückfliege?

Um 16 Uhr landen wir auf dem Stadtflughafen von Reykjavik. Minuten später bin ich im Flughafen-Hotel am Check-in und frage trotz meiner Erkältung nach Touren zum Vulkan. "A group left 15 minutes ago", teilt mir die russische Rezeptionistin mit. Ich bitte sie, den Fahrer anzurufen, damit die Gruppe am Ortsausgang von Reykjavik auf mich wartet. Ich werfe mein Gepäck ins Zimmer, schnappe mir die Kamera- und Filmausrüstung und springe in ein Taxi.

Kein freundlicher Empfang im Auto

Der Fahrer ist der richtige Mann für meinen Plan, die Reisegruppe einzuholen. Er fährt einen 300 PS starken Cadillac, schimpft unterwegs dauernd auf die schlechte Qualität neuer Mercedes-Modelle und gibt vor allem Gas. Die Gruppe wartet nicht mehr am Stadtrand, aber 40 Kilometer östlich von Reykjavik taucht der weiße Ford Econoline der Reisegruppe auf der Landstraße vor uns auf.

Das Auto ist nicht zu verfehlen mit seinen riesigen Ballonreifen und seiner martialischen Aufmachung. Im Stil amerikanischer Straßenkrimis, durch Überholen und gleichzeitiges Schneiden, bringt der Taxifahrer den Fahrer des Fords zum Stehen. Der Fahrer hat Humor und lacht über meine Last-Minute-Aktion. Im Bus empfängt mich allerdings eisiges Schweigen. Die acht Touristen hatten meinetwegen eine halbe Stunde im Auto warten müssen, bis sie den Fahrer dazu brachten, ohne mich weiterzufahren. Erschöpft klettere ich in die Kabine und sinke auf einen der weich gepolsterten Sitze.

Nach zwei Stunden Fahrt biegen wir noch vor der Stadt Vik nach Norden ab. Plötzlich eine Straßensperre, vor der sich schon zehn Fahrzeuge stauen. Die Verkehrsbehörde kontrolliert, ob es sich um lizenzierte Tourveranstalter handelt. Findige Isländer versuchten in den letzten Wochen die Wirtschaftskrise dadurch zu meistern, dass sie Touristen einsammelten und zum Vulkan brachten.

Seit seinem Ausbruch am 21. März haben über 25.000 Manchen den Vulkan Fimmvorduhals im Gebiet des Eyjafjallajökull-Gletschers besucht. Manche steigen von Flojtshild fünf mühsame Stunden auf, andere lassen sich an klaren Tagen mit dem Helikopter zum Vulkan fliegen. Die meisten jedoch fahren über den Gletscher mit speziellen Geländewägen, Motorschlitten oder Quads zum Vulkan. An normalen Tagen ist das machbar, doch ich scheine auf dieser Reise schlechtes Wetter anzuziehen. Es schneit heftig, als wir nach zehn Kilometern Geröllpiste den Gletscherrand erreichen. Die ersten beiden der etwa 25 Kilometer über den Gletscher sind gut befahrbar, doch dann setzt tiefer Neuschnee ein, der uns immer wieder festfahren lässt.

Um Mitternacht am Krater

Der Fahrer fährt zum ersten Mal die Tour und bekommt das Auto oft nur mit Hilfe anderer Fahrzeuge und mit einem langen Abschleppseil wieder frei. So groß die Reifen auch sind, das Automatikgetriebe und eine offensichtliche Untermotorisierung bringen das Auto an seine Grenzen. Er ist dankbar für meinen Vorschlag, die Luft aus den Reifen zu nehmen - ein alter Sahara-Fahrer-Trick, um weiche Sandpassagen zu bewältigen. Das hilft tatsächlich auch im Tiefschnee, aber wir brauchen letztlich doch 5 Stunden über den Gletscher. Erst kurz vor Mitternacht erreichen wir den Vulkan. Dort ist die Hölle los.

20 Autos parken vor einem Hügel, oben stehen hundert Menschen und schauen gebannt zum Krater. Ich schleppe Film- und Fotokameras den Hügel hoch und bin auch sofort fasziniert vom Anblick des Lava speienden Vulkans. Ohne Unterbrechung schießen Lavafontänen in die Höhe, begleitet von Dampfwolken und lautem Zischen.

Die völlige Dunkelheit lässt leider die Umgebung kaum erkennen. Zum Glück verweht der heftige Wind ab und zu die Dampfwolken, welche zu verwaschenen Bildergebnissen führen würden. Trotz Fiebers und körperlicher Schwäche belichte ich Bild um Bild und filme mit der Videokamera. Irgendwann merke ich, dass ich der einzige Verbliebene auf dem Hügel bin. Ich drehe mich um und sehe nur noch das Auto meiner Reisegruppe, daneben den Fahrer, der mich heftig gestikulierend zum Aufbruch drängt.

Um 4.30 Uhr morgens sind wir zurück in Reykjavik. Ich bin körperlich am Ende und muss den Aufzug nehmen, um mein Hotelzimmer im ersten Stock zu erreichen. Um 13.15 soll mein Flug nach Kopenhagen gehen, ich freue mich auf den Abend zu Hause in München. Doch ich hätte es ahnen können - mein Flug ist um vier Stunden verspätet, ich muss doch noch eine Nacht in Kopenhagen verbringen. Immerhin: Allein das Badezimmer meines von Icelandair bezahlten Hotelzimmers ist größer als mein Unterschlupf in Ittoqqortoormiit, in dem ich zehn Tage ausgeharrt hatte.

Forum - Faszination Wüste - welche Reiseerfahrungen haben Sie gemacht?
insgesamt 59 Beiträge
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Seite 1
aat 22.02.2010
1. Reiseerfahrungen in der Wüste...
Zitat von sysopFaszination Wüste: Michael Martin hat sein Leben der fotografischen Erkundung der heißesten und kältesten Regionen der Welt verschrieben. Teilen Sie seine Leidenschaft? Welche solcher Reiseerfahrungen haben Sie gemacht?
...habe ich natürlich keine, da das nicht mein Ding ist. Ich ziehe aber meinen Hut vor jemandem, der es geschafft hat als Langhaardackel ein Dutzend Sponsoren zu finden, die ihm sein Reiseleben finanzieren, um richtiger Arbeit entgehen zu können. Wenigstens er kann am Ende seines Lebens sagen: Ich habe nur das gemacht, was mir Spaß gemacht hat. Das kann wahrlich nicht jeder...
WildWebWalker 27.02.2010
2. "Gesponserter Langhaardackel"
Mensch, aat, da ist dir wohl zu später Stunde der Neid aus den Fingern geflossen. Etwas mehr Respekt bitte vor dem Mut und der Fähigkeit, mit ungewöhnlichen Ideen sein Leben zu meistern und anderen Menschen die Augen zu öffnen, damit den Horizont zu erweitern! Würde dir auch nichts schaden, einen Vortrag von MM zu erleben.
Huuhbär, 27.02.2010
3.
Zitat von sysopFaszination Wüste: Michael Martin hat sein Leben der fotografischen Erkundung der heißesten und kältesten Regionen der Welt verschrieben. Teilen Sie seine Leidenschaft? Welche solcher Reiseerfahrungen haben Sie gemacht?
Wunderschöne und fazinierende Erlebnisse mit Mensch, Tier und Sand.
Transmitter, 27.02.2010
4. Fata Morgana
Zitat von sysopFaszination Wüste: Michael Martin hat sein Leben der fotografischen Erkundung der heißesten und kältesten Regionen der Welt verschrieben. Teilen Sie seine Leidenschaft? Welche solcher Reiseerfahrungen haben Sie gemacht?
In der Wüste Sahara sah ich Sand. Unglaublich viel Sand. Bis zum Horizont Sand, Sand und nochmals Sand. Am Himmel eine riesige, gleissend weisse Sonne. Und es war verdammt heiß. Nichts, was Schatten spendete, weit und breit nichts. Doch, in einigen Kilometern Entfernung, war eine kleine, grüne Oase zu erkennen. Ein kühler Teich, Gras darum herum, ein paar Dutzend Palmen, die wohltuenden Schatten spendeten. Ein dezent angebrachtes Schildchen verriet, um was es sich handelte. "Steueroase" stand darauf. Völlig ausgetrocknet, verschwitzt und verklebt, dem Dursttod nahe, lief ich auf diesen kleinen, grünen, schattigen Ort zu, als sich plötzlich der Himmmel verdüsterte und ein riesiger Arsch erschien. Dieser Arsch schiss die kleine Oase unvermittelt zu. Aber so, das nichts, aber auch nichts mehr von dem Teich, den Palmen und dem grünen Gras zu erkennen war. Nur noch Scheisse. Ein riesiger Berg Scheisse. Und Zack: Sofort war der Riesenarsch wieder weg. So plötzlich, wie er erschienen war. Wer rechtzeitig genau hinsah, konnte gerade noch den oberen Rand einer dreckig-grauen Baumwoll-Unterhose erkennen in welchen eingestickt zu lesen war: Peer Steinbrück - Finanzminister der Teutonen. Und dann war da nur noch wieder diese Sonne. Riesig! Gleissend weiss. . .
matthias51 27.02.2010
5. Fürsorgliche Frage
Zitat von TransmitterIn der Wüste Sahara sah ich Sand. Unglaublich viel Sand. Bis zum Horizont Sand, Sand und nochmals Sand. Am Himmel eine riesige, gleissend weisse Sonne. Und es war verdammt heiß. Nichts, was Schatten spendete, weit und breit nichts. Doch, in einigen Kilometern Entfernung, war eine kleine, grüne Oase zu erkennen. Ein kühler Teich, Gras darum herum, ein paar Dutzend Palmen, die wohltuenden Schatten spendeten. Ein dezent angebrachtes Schildchen verriet, um was es sich handelte. "Steueroase" stand darauf. Völlig ausgetrocknet, verschwitzt und verklebt, dem Dursttod nahe, lief ich auf diesen kleinen, grünen, schattigen Ort zu, als sich plötzlich der Himmmel verdüsterte und ein riesiger Arsch erschien. Dieser Arsch schiss die kleine Oase unvermittelt zu. Aber so, das nichts, aber auch nichts mehr von dem Teich, den Palmen und dem grünen Gras zu erkennen war. Nur noch Scheisse. Ein riesiger Berg Scheisse. Und Zack: Sofort war der Riesenarsch wieder weg. So plötzlich, wie er erschienen war. Wer rechtzeitig genau hinsah, konnte gerade noch den oberen Rand einer dreckig-grauen Baumwoll-Unterhose erkennen in welchen eingestickt zu lesen war: Peer Steinbrück - Finanzminister der Teutonen. Und dann war da nur noch wieder diese Sonne. Riesig! Gleissend weiss. . .
Was haben Sie den eingenommen? Zuviel Kamelkot geraucht?
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