Eiswüstentour in Alaska: Kalte Füße in Coldfoot

Auf der Jagd nach Fotomotiven auf dem nördlichsten Highway der Welt: Bei minus 33 Grad wird eine Alaska-Expedition zur Belastungsprobe für Mensch und Material. Michael Martin kämpfte sich zum kältesten Ort Nordamerikas durch - und geriet in einen Blizzard.

Alaska: Auf dem Dalton Highway zum Ozean Fotos
Jörg Reuther

Auf dem Weg zum Gepäckband des Flughafens begegne ich zwei Eisbären. Zwei prächtige ausgestopfte Exemplare bewachen den Eingang eines McDonalds-Restaurants: Keine Frage, ich bin in Alaska.

59 Stunden habe ich für die Anreise aus München gebraucht. Probleme an der Klimaanlage der Boeing, eine außerplanmäßige Zwischenlandung an der Ostküste und ein unauffindbarer Passagier in Seattle sorgten für jede Menge Verzögerungen.

Mein Reisepartner Thilo Moessner ist schon vorher hingeflogen, er holt mich am Flughafen von Anchorage mit einem U-Haul-Möbelwagen ab. Auf der Ladefläche steht eine Holzkiste mit meinem Motorrad, das per Frachtmaschine nach Amerika kam. Er hat es schon beim Zoll abgeholt. Mein Plan ist es, im Rahmen meines Fotoprojekts "Planet Wüste" den Dempster-Highway in der kanadischen Arktis mit dem Motorrad zu befahren. Vorher wollen wir aber den Dalton Highway kennenlernen, der in Alaska zum Arktischen Ozean führt.

Bei klarem, eisig kalten Winterwetter fahren wir los in Richtung Fairbanks, der zweitgrößten Stadt Alaskas. Bald taucht der Mount McKinley, mit 6194 Metern der höchste Berg Nordamerikas, am Horizont auf. In dem kleinen Ort Willow richtet die ländliche Bevölkerung gerade einen Renntag aus. Bärenstarke Motorschlitten treten gegen Motorräder, Quads und Motorbobs an. Es geht darum, 1000 Yards in möglichst kurzer Zeit zurückzulegen.

In Fairbanks trifft mein Freund Jörg Reuther mit dem Flugzeug aus München ein, und wir tauschen bei der Autovermietung "Go North" den Möbelwagen gegen einen für den arktischen Winter ausgerüsteten Monstergeländewagen. Wir finden schnell heraus, dass die Plakette "5,7 Liter" am Kotflügel nicht den Durchschnittsverbrauch, sondern den Hubraum darstellt. Immerhin passt die 400 Kilogramm schwere Holzkiste mit dem Motorrad auf die Ladefläche. Das soll nämlich erst später in Kanada zum Einsatz kommen.

Ein Highway für den Ölhandel

Der 640 Kilometer lange Dalton Highway beginnt nördlich von Fairbanks und führt über die Brooks Range bis zum Arktischen Ozean. Er wurde 1975 in nur fünf Monaten gebaut, um die Ölbasis in Prudhoe Bay zu versorgen und ist erst seit 1991 für jeden befahrbar. Keine Fernstrasse der Welt liegt nördlicher als der Dalton Highway.

Wir verlassen Fairbanks um 6 Uhr morgens bei Dunkelheit, bald sind die letzten Häuser verschwunden, nach einer Stunde Fahrt biegen wir in den Dalton Highway ein. Ein Polarlicht steht als grüner Bogen am Himmel, die Dämmerung lässt im Februar in Alaska noch lange auf sich warten. Erst kurz bevor wir den Yukon erreichen, geht die Sonne auf und taucht die märchenhafte Winterlandschaft in ein unwirkliches, rosafarbenes Licht.

Auf der einzigen Yukon-Brücke Alaskas überqueren wir den im Sommer majestätischen, aber jetzt gefrorenen Fluss. Die Bäume sind mit dicken Eiskrusten überzogen, die sich kontrastreich gegen den tiefblauen Himmel abheben. Trotz einer Temperatur von minus 33 Grad und eisigen Wind können wir alle drei vom Fotografieren und Filmen nicht genug bekommen.

Ankunft in der Arktis

60 Kilometer weiter nördlich passieren wir den Polarkreis, wir sind in der Arktis! Bald darauf erreichen wir Coldfoot. Das ehemalige Minencamp bietet im Winter die einzige Tankstelle auf dem Dalton Highway und hält den Minustemperaturrekord Amerikas. 1989 wurden dort unfassbare 63 Grad unter Null gemessen. Auf dem Parkplatz brummen die Motoren von einem Dutzend Trucks, die jeden Tag zu Hunderten den Dalton Highway befahren, um Treibstoff, Ersatzteile und Konsumgüter nach Deadhorse zu bringen.

Coldfoot markiert den Beginn der Brooks Range, einem von Ost nach West verlaufenden Ausläufer der Rocky Mountains. Die bewaldete Hügellandschaft der letzten 400 Kilometer ist einer spektakulären Hochgebirgsszenerie gewichen, die tief stehende Nachmittagssonne beleuchtet gerade noch die Bergspitzen, während die Täler bereits im eisigen Blau der Winterdämmerung liegen.

Doch von Westen naht ein Blizzard, vor dem bereits an der Tankstelle in Coldfoot mit Aushängen gewarnt wurde. Trotzdem wollen wir das gute Licht nutzen und folgen dem Dalton Highway hinauf zum 1422 Meter hohen Atigun-Pass. Im letzten Licht fotografieren wir, bis uns fast die Hände erfrieren, dann geht es den Pass vorsichtshalber wieder hinunter. Nachtquartier finden wir in dem winzigen Nest Wiseman bei der deutschen Familie Hicker, die selbst eine alte Goldsucherhütte bewohnen und drei gemütliche Blockhäuschen vermieten.

Am nächsten Morgen geht es ein weiteres Mal den Atigun-Pass hinauf. Auf der Passhöhe markiert ein Schild den nördlichsten Baum auf dem Dalton Highway. Wir haben die arktische Baumgrenze erreicht, nördlich davon breitet sich die Polarwüste aus. In Wiseman hatten wir den deutschen Botaniker Reiner Zimmermann kennengelernt, der uns das Phänomen der polaren Baumgrenze erklärte: Vor allem die zu kurze Vegetationsperiode des Sommers ist der Grund, warum Bäume weiter nördlich nicht mehr gedeihen. Dazu kommt aber auch der mechanische Abrieb der Schneekristalle sowie der Wildverbiss. Offensichtlich aufgrund des Klimawandels verschiebt sich die Baumgrenze langsam nach Norden.

Durch den Tiefschnee zu Moschusochsen

Wir fahren über ausgedehnte, völlig baumfreie Schneefelder, die von schroffen Bergketten gesäumt werden. Ich genieße die weiten Blicke und das besondere Licht und bin froh, wieder in der Wüste zu sein. Auf dem nördlich der Brooks Range beginnenden North Slope entdecken wir in der Ferne eine Herde Moschusochsen, zu denen wir uns eine Stunde im Tiefschnee durchkämpfen und mit Bildern aus geringer Distanz belohnt werden.

Kaum erreichen wir völlig ausgelaugt wieder das Auto, bricht der Blizzard los. Im heftigen Schneegestöber folgen wir vorsichtig dem Dalton Highway, eine Orientierungshilfe ist die Trans-Alaska-Pipeline, welche die Ölfelder am Arktischen Ozean mit dem eisfreien Hafen von Valdez im Süden Alaskas verbindet. Seit 1977 schossen etwa 13 Milliarden Barrel durch die 1,22 Meter dicke Pipeline, die drei Gebirgszüge und 500 Flüsse überquert. Doch die Ölvorräte in der Prudhoe Bay gehen zur Neige, längst wird in Alaska nach neuen Ölfeldern gesucht.

Noch lassen Förderkosten von 300 Dollar pro Barrel Rohöl die Pläne unwirtschaftlich erscheinen, aber dennoch fordern große Teile der amerikanischen Wirtschaft, dass US-Präsident Obama das Moratorium weiterer Ölbohrungen vor Alaska aufhebt, das er nach dem Öldesaster im Golf von Mexiko erlassen hat.

Nach zwei Stunden Fahrt im weißen Schneesturm erreichen wir Deadhorse. Dort endet der öffentliche Teil des Dalton Highways, die letzten Kilometer zur Küste dürfen nicht befahren werden. Hier leben in Containern mehrere tausend Menschen, die auf den Ölfeldern der Prudhoe Bay arbeiten. Wir kommen in einem so überteuerten wie überheizten Hotel unter. Dort warten wir auf das Ende des Sturms.

Fotostrecke

11  Bilder
Fotograf Michael Martin: Wüsten im Fokus

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. q(o_o)p
Agate_Power 15.02.2011
Wenn ich das so lese kriege ich Fernweh... Danke fuer die tollen Bilder.
2. Eiswüstentour in Alaska
stormiwerna 14.03.2011
Wo bitte ist für den Autor Alaska? Als Trucker in Kanada habe ich nichts gegen Biker, die da irgendeine Art von Herausforderung suchen. Warum nicht. Aber mit dem Pickup hinterherfahren und dann, wenns zu kalt wird, das Bike wieder zu verladen und im geheizten Pickup weiterzufahren, dass ist für mich Schickimickibiking. Ausserdem hat der Autor die Gefahren des Nordens nicht wirklich verstanden. Ein Blizzard mit Whiteout ist kein Kaffekränzchen. Jedes Jahr sterben Leute, die nur zum Holzholen in die Scheune gegangen sind und den Weg zurück nicht mehr gefunden haben und erfrohren sind. Solche Warnungen zu ignorieren kommt mir vor wie die Zugspitze mit Badelatschen zu besteigen. Ausserdem das alte Leid. Gute Fotografen sind schlechte Schreiber.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Fernweh
RSS
alles zum Thema Michael Martin
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 2 Kommentare
Zur Person
Elfriede Martin

Michael Martin, 1963 geboren, ist Diplom-Geograf und renommierter Wüstenfotograf. Der Münchner hat seit seinem 17. Lebensjahr 150 Wüstenreisen unternommen und darüber mehr als 20 Bücher veröffentlicht, darunter auch das in sechs Sprachen erschienene "Die Wüsten der Erde".

Martins neues Projekt: ein Vergleich zwischen Eis- und Trockenwüsten. Dafür besucht er die wichtigsten Eiswüsten der Nord- und Südhalbkugel und ihre Bewohner. Er wird mit Hunde- und Motorschlitten, per Schiff und Flugzeug und - wo immer möglich - mit dem Motorrad unterwegs sein.
www.michael-martin.de


"Planet Wüste" - Die Tour
Fotostrecke
Wüstentour in Saudi-Arabien: Suche nach dem salzigen Nass

Forum
Michael Martin
Faszination Wüste: Michael Martin hat sein Leben der fotografischen Erkundung der heißesten und kältesten Regionen der Welt verschrieben. Teilen Sie seine Leidenschaft? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
Buchtipp

Michael Martin:
30 Jahre Abenteuer
225 farbige Abbildungen.

Frederking u. Thaler; 286 Seiten; 39,90 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen.