Drei Vielreisende erzählen "Der Augenblick, der mein Leben veränderte"

Manchmal muss man weit weg fahren, um bei sich anzukommen. Und dann ist die Erkenntnis da, auf die man lange gewartet hat. Drei Vielreisende erzählen von diesem Augenblick, den sie in Thailand, der Mongolei und in Nepal hatten.

Von

REUTERS

Es gibt ganz unterschiedliche Gründe für eine Reise: Manchmal will man sich einfach nur zwei Wochen vom stressigen Arbeitsalltag erholen, ausschlafen, faul am Strand liegen, Kräfte tanken. Um danach wieder in sein altes Leben zurückzukehren, mit dem man zufrieden ist.

Doch manchmal reist man auch in ferne Länder, um etwas über sich selbst zu erfahren. Weil man in seinem Leben an einen Punkt gekommen ist, an dem es nicht mehr recht weitergeht. Man braucht Abstand zum Alltag, und zwar richtig - um zu begreifen, wer man ist und was man wirklich will im Leben. Bin ich zufrieden? Lebe ich wirklich das Leben, das ich führen möchte? Und, falls nein, was muss ich ändern?

Mit viel Glück findet man auf diesen Reisen genau die Antwort, die man gesucht hat. Diesen einen Moment, diese eine Begegnung - die alles verändert. Es passiert oft ganz leise: ein Satz, ein kurzer Augenblick. Der aber eine gewaltige Kraft entwickeln kann. Plötzlich sieht man ganz klar. Und man weiß: Ab jetzt wird alles anders.

Drei Menschen erzählen von diesem einen Augenblick auf ihrer Reise, nach dem ihr Leben nicht mehr so war wie zuvor...



Yogi Kashinath brachte Helge Timmerberg bei, entspannter zu werden
Helge Timmerberg

Yogi Kashinath brachte Helge Timmerberg bei, entspannter zu werden

Keine Angst mehr haben - so wie der Yogi

"Ich begleite den Yogi Kashinath auf seiner Pilgerwanderschaft durch das Annapurna-Massiv in Nepal. Ein klassischer Asket. Erst 33, aber sehr stark. Seit seinem 13. Lebensjahr murmelt er einen Haufen verschiedener Mantras zu verschiedenen Tageszeiten, ernährt sich von drei Glas Milch pro Tag und lässt auch sonst keine der von seinem Orden seit 800 Jahren vorgeschriebenen Übungen und Kasteiungen aus. Ergebnis: keine Angst vor dem Tod, keine Angst vor dem Teufel, keine Angst, dass das Flugzeug abstürzen könnte.

Auf dem Rückweg sitzen wir in einer Propellermaschine, die innerhalb des 40-Minuten-Flugs dreimal fast abstürzt. Beim ersten Mal schreit die Hälfte aller Passagiere, die andere Hälfte lacht. Ab dem zweiten Mal schreien alle, vor Todesangst, auch ich - bis auf Yogi Kashinat, der total entspannt neben mir sitzt und mich wie immer lieb anlächelt. 'I am ready for everything', sagt er. Das sagt er zwar schon die ganze Woche, aber die Fastabstürze sind die Nagelprobe. Er ist ein Yogi, kein Scharlatan.

Und ich nehme gerne einen Rat von ihm an: einen Tag pro Woche fasten, keine Nahrung, kein Alkohol, kein Sex, nur Wasser, so viel, wie ich trinken kann. Und dazu verrät er mir ein Mantra gegen die Angst.

Beides funktioniert tadellos, das Fasten und das Angst-weg-Chanten. Und das mache ich seit mittlerweile zwölf Jahren."

Zur Person
  • Frank Zauritz
    Helge Timmerberg entschied sich mit 17 Jahren in einem Ashram im Himalaja dazu, Journalist zu werden. Seitdem schreibt er Reisereportagen und Bücher. 2007 trat er eine Weltreise an, fuhr "In 80 Tagen um die Welt" und schrieb darüber ein Buch. Sein aktuelles Werk ist der SPIEGEL-Bestseller "Die Märchentante, der Sultan, mein Harem und ich".


Hier fasste Blogger Sebastian Canaves "die Entscheidung des Lebens"
Sebastian Canaves

Hier fasste Blogger Sebastian Canaves "die Entscheidung des Lebens"

"Wenn du wirklich Spaß an etwas hast, wirst du erfolgreich sein"

"Es war im Juni 2012. Nach fast einem Jahr als Marketingberater in Bangkok stand ich vor einer Entscheidung. Entweder so weitermachen wie bisher, mit Kunden, die mich nachts um halb vier im Klub anrufen und ein Dokument in 30 Minuten per E-Mail erhalten wollen, oder ein selbstbestimmtes Leben. Ich war mir nicht sicher.

Am Ton Sai Beach, einem kleinen Strand in der Region Krabi in Südthailand, traf ich auf einen Fischer. Den Namen kenne ich bis heute nicht, das Gesicht aber werde ich nie wieder vergessen. Mit meinem nicht wirklich vorhandenen Thai, seinem schlechten Englisch und viel Zeichensprache versuchten wir, uns bei einem Bier an der Strandbar zu unterhalten. Er kam gerade vom Fischen zurück, hatte einen guten Fang gelandet und genoss den Feierabend. Unsere Themen: Thailand, Bangkok und die Freiheit. Irgendwann wechselten wir zu mir und was mich so beschäftigen würde. Da erzählte ich ihm von meiner bevorstehenden Entscheidung. Er lachte und sagte nur eines auf Englisch: 'If you are really passionate about something, success will come along!' Nach ein paar Minuten ging er und hinterließ Leere. Ich kannte den Mann nicht, und er kannte mich nicht. Er wusste nicht wirklich, was in mir vorging. Oder doch? Egal, was er wusste, er hatte ins Schwarze getroffen. Die nächsten vier Tage verbrachte ich an diesem kleinen Strand und grübelte vor mich hin. Ich versuchte, mich mit Wandern, Kayaken und Klettern abzulenken. Am vierten Tag fuhr ich mit einem Longtail Boat zurück zum Festland, flog von Krabi nach Bangkok zurück, kündigte meinen Job und zog ein paar Tage später zurück nach Deutschland, um mich als Blogger selbstständig zu machen.

Das ist nun zwei Jahre her, und heute führe ich einen der erfolgreichsten Reiseblogs Deutschlands. Zudem habe ich mit meiner Bloggerkollegin Conni Biesalski Deutschlands erste Blogschule sowie eine Medienagentur gegründet. Der Fischer schien recht zu behalten: Wer wirklich leidenschaftlich an eine Sache herangeht, wird damit auch erfolgreich!

Zur Person
  • Luke Achterstraat
    Sebastian Canaves wuchs auf Mallorca auf. Mit 14 Jahren zog er nach Salzburg, nach dem Abitur nach Australien. In Thailand fand er seinen eigentlichen Traumjob, doch irgendetwas fehlte. Also schmiss er hin, was ihn nicht glücklich machte, und gründete den Reise-Blog "Off the Path".


Julia Malchow fuhr mit ihrem kleinen Sohn durch die Mongolei
Julia Malchow

Julia Malchow fuhr mit ihrem kleinen Sohn durch die Mongolei

Die eigene Intuition wiederentdecken

"Mit der Transsibirischen Eisenbahn 15.000 Kilometer von München durch Sibirien und die Mongolei bis nach Peking. Diese drei Monate lange Reise machte ich mit meinem Sohn, als er gerade mal zehn Monate alt war. Denn: Reisen ist für mich mehr als unterwegs sein. Reisen ist für mich Schlüssel zu neuen Ideen und Weg der Wahl, um herauszufinden, was ich wirklich will, was ich wirklich brauche.

Und genau danach suchte ich nach der Geburt meines Sohnes. An den gesellschaftlichen Vorstellungen und den Klischees, wie denn das ideale Leben als Familie, das ideale Leben für ein Baby auszusehen hatte, daran wollte ich mein und unser neues Leben nicht orientieren.

Aber woran dann? Ich fand keine Familien, die ich mir zum Vorbild nehmen konnte. Ich fand nur gut gemeinte Ratschläge der Art: So ist das halt, Julia. Dein Leben von vorher ist jetzt erst einmal vorbei. Und dann dieses Grinsen dazu. Panik kroch in mir hoch. Und meine gesamte Intuition, die mich vorher so zuverlässig durch mein Leben begleitet hat, kam zum Erliegen.

Grüble nicht, reise! Das ist mein Lebensmotto - also stiegen mein Sohn und ich ein in die Transsibirische Eisenbahn.

Nach einigen Wochen des Reisens fanden wir uns in einem klapprigen Jeep wieder. Zusammen mit Timur, dem mongolischen Fahrer, und Nara, unserer Übersetzerin. Irgendwo in der tiefsten Mongolei. Wir holperten durch die endlose Grassteppe. Die Sonne stand schon tief.

'Wir müssen vor Dunkelheit im Camp sein', erklärte Nara. 'Danach ist es nicht zu finden. Timur benötigt die Hügel zur Orientierung.'

90 Minuten später kamen mir ernste Zweifel. Nicht nur, weil in meinen Augen alle Hügel gleich aussahen. Sondern auch, weil Timur schon mehrmals abrupt die einmal nachgefahrene, kaum sichtbare Autospur verlassen hatte, über wegloses Gelände gebraten war, um irgendwann wieder auf einem aus dem Nichts auftauchenden, fast schon wieder vom Gras zugewucherten Pfad einzufädeln. Bis das Spiel von vorne losging: Blick auf die Hügel, hektisches Kopfbewegen, abrupte Lenkbewegung, Holpern, Einfädeln.

'Kommen dir die Hügel irgendwie bekannt vor, Timur?', fragte ich mit leicht verzweifeltem Unterton und richtete mich gedanklich schon einmal auf eine Nacht im Jeep ein.

Nach einer kurzen mongolischen Unterhaltung erklärt Nara: 'Mongolen finden den richtigen Weg, indem sie in sich hineinhören!'

'Intuitives Autofahren!', sagte ich zu meinem unruhigen Sohn und schwieg. Beeindruckt und verunsichert zugleich. Drei Minuten später sah ich etwas Weißes zwischen den Hügeln aufblitzen. Kurz darauf saßen Timur, Nara, mein Sohn und ich vor einem kleinen Jurtencamp. Und ich stoße mit Chinggis-Bier auf das riesige Geschenk an, das meine mongolischen Freunde mir gemacht hatten: das wiedererstarkte Vertrauen in Intuition."

Zur Person
  • Julia Malchow
    Julia Malchow ist die Gründerin von mavia soul travel, einem Abenteuerreise-Veranstalter. Ihr gehört auch Geobuch, eine Spezialbuchhandlung für Reisebücher in München. Um besondere Erlebnisse aufzuspüren, reist sie in die abenteuerlichsten Ecken der Welt. Über ihren Trip mit Baby mit der Transsibirischen Eisenbahn schrieb sie das Buch "Mut für zwei".


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insgesamt 34 Beiträge
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basileacd 17.08.2014
1. An den Super Reise Blogger
Der Ton Sai Beach (bei Railay) LIEGT am Festland. Er ist einfach nur mit dem Boot erreichbar. Bitte besser recherchieren und dann erst Blogs schreiben!
cato-der-ältere 17.08.2014
2. Erfolg!
Scheinbar muss immer alles anders sein als es gerade jetzt ist. Man braucht Methoden, exklusive Mantren, besondere Begegnungen, weiß Gott was, damit man "es schafft". Man schielt dabei dauernd auf andere die es womöglich "geschafft haben", oder lässt durchblicken dass man selbst die große Antwort gefunden hat. Je exotischer desto besser. Van Gogh hat übrigens die Malerei sicherlich geliebt, war trotzdem erfolglos, jedenfalls in dem Sinne wie das Wort landläufig benutzt wird. Alles Quatsch also. (Wenn man das Mantra wüsste, könnte man es aber doch mal versuchen mit dem Wasser trinken und murmeln, haha).
glasperlenspieler 17.08.2014
3. Küchentischweisheiten
Küchentischweisheiten für übersättigte Europäer kommen immer gut.
citropeel 17.08.2014
4. Wüste Thar
1986. Ich stand morgens noch weit vor den anderen auf und ging zu einer Abbruchkante, von der aus ich Kilometerweit schauen konnte. Und während die Nacht langsam vom Morgen abgelöst wurde, stellte ich fest das etwas so großartiges auch ganz still vonstatten gehen konnte. Und seitdem weiß ich, dass alles irgendwie richtig ist. Besser kann ich es nicht beschreiben. Im November fahre ich wieder in die Gegend.
ulli7 17.08.2014
5. Und dann ist die Erkenntnis da, auf die man lange gewartet hat.
Um zu dieser - das eigene Leben verändernden - Erkenntnis zu gelangen, muss man nicht unbedingt bis ans Ende der Welt fahren. Meine Erkenntnis, dass Geld nicht glücklich macht, sondern eher viel Freizeit, hatte ich bei einem langen Waldspaziergang ohne Begleitung gewonnen. Seitdem genieße ich kurze Ausflüge oder lange Reisen mit der richtigen Begleitung besonders intensiv.
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