LOGBUCH ANTARKTIS

Auf Shackletons Spuren durch das Eismeer

Vor rund 100 Jahren irrte Ernest Shackleton viele Monate durch das Eis der Antarktis: Die "Endurance"-Expedition wurde legendär, er rettete alle Männer. Ein Segler- und Bergsteiger-Team folgt nun seiner Route. Ein Logbuch von Tina Uebel

Wann beginnt eine Expedition? Vor acht Monaten auf der Bergstation Diavolezza? "3000 Meter, tja, das ist ja höher als die höchste Welle", sagte Kapitän Wolf. Dann fuhren wir im Schneetreiben über den Gletscher ab, die Schweizer Berghelden rasant vorweg, Seemann und Schriftstellerin etwas skeptischer hinterdrein.

Wir stiegen durch Whiteout zur Bovalhütte auf, unterwegs trainierten wir: abseilen, Spalten- und Lawinenrettung. Die Pulka-Schlitten testen und einander. Einige von uns kannten sich seit Jahren, andere sahen sich zum ersten Mal; wir haben unser Team über Freundesnetzwerke zusammengestrickt.

Begann die Expedition abends bei Kerzenlicht und Stirnlampen? Bergführer Markus kochte auf dem Hüttenofen ein Drei-Gänge-Menü, und wir sprachen über Ausrüstung, Finanzierung, Logistik unserer Tour auf den Spuren der "Endurance"-Expedition von Ernest Shackleton. Und der Fotograf Andrea sagte das Klügste, was über Expeditionen zu sagen ist: "Letztlich ist es egal, wohin man geht, wichtig ist, mit wem man es tut."

Wohl kaum eine Abenteuergeschichte ist so faszinierend wie die "Endurance"-Expedition von 1914 bis 1917. Kaum ein anderer Polarfahrer des Goldenen Zeitalters der Antarktisforschung fesselt so wie Ernest Shackleton, noch hundert Jahre nach seiner legendären Leistung.

Der ehrgeizige Plan des Briten Shackleton war, als Erster den antarktischen Kontinent zu durchqueren. Er scheiterte: Noch vor Erreichen der Küste wurde die "Endurance" im Januar 1915 vom Eis des Weddelmeeres eingeschlossen. Zehn Monate hofften Shackleton und seine Männer, wieder freizukommen - dann sank das Schiff, jetzt ging es ums Überleben.

Nach einem Gewaltmarsch über das Packeis erreichte die Expedition mit drei Beibooten Elephant Island, einen trost- und hoffnungslosen Ort nordöstlich der Antarktischen Halbinsel. Um Hilfe zu holen, segelten Shackleton und fünf seiner Gefährten mit der "James Caird", fast 1500 Kilometer über den Südlichen Ozean nach Südgeorgien. Die rettende Walfangstation jedoch lag auf der anderen Seite der Insel, und die "James Caird" war nicht mehr segelfähig.

Im Mai 1916 überquerten Shackleton, Frank Worsley und Tom Crean die bis zu knapp 3000 Meter hohen Berge und Gletscher des unerforschten Inselinneren. Nonstop in 36 Stunden, Schlaf hätte den sicheren Tod bedeutet. Shackleton gelang es am Ende, jeden Einzelnen seiner verstreuten "Endurance"-Mannschaft zu retten - so wie auf allen seiner Expeditionen, auf denen er selber dabei war.

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum Robert Falcon Scott zwar verehrt wurde, Shackleton aber bis heute nachgerade geliebt wird. Begraben ist Ernest Shackleton auf Südgeorgien, er starb dort 1921 mit 48 Jahren, kurz vor Beginn seiner nächsten Antarktis-Expedition. Seine Geschichte lebt weiter und ist heutigen Abenteurern Ansporn und Inspiration.

"Die polaren Lande ergreifen das Herz eines Menschen, der in ihnen gelebt hat, in einem Maße, das diejenigen, die das Gehege der Zivilisation nie verließen, kaum je verstehen werden." Ernest Shackleton