Essaouira Ein Tag in der Windstadt Afrikas

Sklaven, Gold und Straußenfedern brachten einst die Karawanen aus der Wüste in den "Hafen Timbuktus": Essaouira, angelegt durch einen französischen Stadtplaner, war Marokkos geschäftiges Tor zur Welt. Ungleich geruhsamer verläuft der heutige Alltag in der kleinen Hafenstadt am Atlantik.

Von Monika Bergmann


Hafenstadt Essaouira: Die Fischer geben das Startzeichen für den Trubel des Alltags
Monika Bergmann

Hafenstadt Essaouira: Die Fischer geben das Startzeichen für den Trubel des Alltags

Das gequälte Quietschen des Holzkarrens zerschneidet die morgendliche Stille. Die Schatten sind noch lang, die Straßen leer. Essaouira, die kleine marokkanische Hafenstadt am Atlantik, 170 Kilometer nördlich von Agadir, wirkt verlassen. Die Holzräder scheinen das erste Lebenszeichen dieses frühen Apriltages zu sein. Achmed schiebt seinen Karren gemächlich durch das Stadttor Bab es Sabaa zum breiten Strand. Die dicken roten Mauern der alten portugiesischen Festung lässt er hinter sich. Mit großem Sieb bewaffnet, will er feinen Sand für den Bau seines Hauses holen.

Die Stadt erwacht. Am Hafen schütteln Möwen ihr Gefieder in der warmen Asche der Grills. Die Fischer bringen mit ihren Booten den frische Fang für die tägliche Auktion und geben das Startzeichen für den Trubel des Tages. Schon am Kai feilschen Hausfrauen lauthals um die besten Fische. Helfer drängeln, schubsen, um möglichst schnell die glitschige Ware auf die Tische des Fischmarkts gleich hinter dem Stadttor Porta Marina zu schütten. Geschickt und rasend schnell nehmen am Hafen hockende Frauen Fische aus. Die Verkäufer reinigen ihre Grills, um rechtzeitig die Hungrigen zur Mittagszeit mit duftendem Fisch vom Rost zu locken.

Heute ist der Hafen vor allem als Fischereihafen bekannt. Doch im 19. Jahrhundert wurde fast die Hälfte des Überseehandels dort abgewickelt. Essaouira, damals Mogador genannt, war damit wichtiger Handelsplatz für Marokko. Erst als Timbuktu durch Frankreich besetzt und damit der Transport von Waren durch die Sahara unterbrochen wurde, wandelte sich seine Bedeutung.

Feilschen um die beste Ware: Rasend schnell nehmen die Frauen die Fische aus
Monika Bergmann

Feilschen um die beste Ware: Rasend schnell nehmen die Frauen die Fische aus

In der kleinen Werft werden auch heute noch große Holzschiffe von Hand gebaut und nicht nur an Einheimische verkauft. Rachid zeigt stolz das neuste Bootsgerüst. Schon seit Sonnenaufgang hobelt und schleift er mit seinen Brüdern daran. Das schattige Rippenmuster auf dem Kai lässt es noch größer wirken. Der Blick auf die Stadt vom Hafen offenbart die mächtige Schönheit der Sqala de la Kasbah, eines Teils der Festungsanlagen. Tosend schlägt das Meer an die dicken Mauern.

Die Sonne brennt und lässt die Schritte auf der Rampe die Sqala hinauf gemächlich werden. Eine kühle Brise spielt mit den Haaren. Der Wind von Essaouira ist bekannt. Im Sommer zieht er Surfer aus der ganzen Welt in die Stadt, doch jetzt tanzen noch kaum bunte Segel in der Bucht. Unter der Rampe laden freundliche Verkäufer zu einem Glas frischen Pfefferminztee ein. Ihre Läden verstecken sich in den Bögen der dicken Stadtmauer. Der Geruch von Minze erfrischt die Luft der schattigen Räume. Die Männer erzählen lang und ausführlich über die Handwerkstraditionen ihrer Stadt: feinste Holz-Einlegearbeiten aus Thujen- und Zitronenbaumholz und kostbarer Silberschmuck. "Der Tisch gefällt Ihnen? Nur 600 Dirham. Überlegen Sie, es ist feinste Handarbeit! Trinken wir noch ein Glas Tee." Der Kauf ist besiegelt. Für die letztlich gezahlten 400 Dirham gibt es noch eine kleine Schale dazu. Beide sind zufrieden. Handeln gehört zum Spaß am Geschäft. Wer nicht handelt, verliert sein Gesicht.

Gegenüber sitzt ein Junge an der Straßenecke und strickt flink mit übergroßen Nadeln Schafwollmützen für Touristen, die aus dem kalten Norden kommen. "Fotografieren kostet zehn Dirham", ruft er verschmitzt interessierten Passanten auf der Rampe zu, die den imposanten Wehranlagen entgegenstreben. Diese erinnern an die Portugiesen, die Anfang des 16. Jahrhunderts ein Fort auf den Felsen der Küste erbauten. Essaouira selbst wurde erst zwei Jahrhunderte später mit dem Namen Mogador gegründet. Zeitweise diente die Festung Piraten als Unterschlupf. Für Orson Welles, der hier 1952 seinen Film "Othello" drehte, war die Stadt mit ihren "wunderbaren Festungsmauern der beste Ort, den man dafür hätte finden können".

Kulisse für Orson Welles: Essaouira steht auf der Unesco-Liste des Weltkulturerbes
Monika Bergmann

Kulisse für Orson Welles: Essaouira steht auf der Unesco-Liste des Weltkulturerbes

Am Weg zur Stadtmauer hängen Fotos von Henna-Tätowierungen. Dabiah ist Künstlerin der Hautbemalung. "Hier kann keine so feine Linien malen wie sie. Ständig erfindet sie neue Muster in verschiedenen Farben", erzählt ihre Schwester. Neben Dabiahs Kopftuch und Djellaba, dem langen Gewand von Männern und Frauen, wirken Basecap und Hosenanzug ihrer Schwester burschikos. Gehüllt in ihren weißen Haik, beobachtet die Mutter aufmerksam das Geschehen. Ihr traditionelles Gewand in Weiß, der Farbe der Trauer, lässt nur die dunklen Augen frei. Sie leuchten stolz. "Ich bin sehr schüchtern, darum trage ich Haik, meine Töchter können sich kleiden, wie sie möchten. Wir sind in Marokko sehr liberal." Ihre Stimme ist kaum hörbar. Sie steht auf. Bevor der Markt in der Altstadt, der Souq, schließt, muss sie in die Medina, die Altstadt, das Abendessen einkaufen. Der Wind ergreift ihren Haik, während sie majestätisch die Reihe der 18 großen spanischen Bronzekanonen entlang schreitet, die die Stadtmauer säumen.

Bunte Netze liegen am Hafen und sind vorbereitet für den Fang des nächsten Morgen. Hunde haben es sich darin gemütlich gemacht und dösen in der Nachmittagssonne. Auf dem Platz Molay Al Hassan am Rand der vollständig erhaltenen Medina treffen sich die Frauen, um Neuigkeiten auszutauschen. Ihre Kinder spielen derweil Fangen und Hinkelkästchen. Alle tragen ihre besten Kleider. Im Café am Platz genießen die Gäste die Sonnen beschienene Geruhsamkeit. Ende der 1960er Jahre hat diese Ruhe und die Musik der Gnaoua, die traditionelle Musik Südmarokkos, Jimi Hendrix, Cat Stevens und noch andere Musiker der Hippie-Szene angezogen. Sie ließen sich am Rand von Essaouira eine Zeitlang nieder. Das Haus von Jimi Hendrix, südlich der Stadt gelegen, ist heute zu besichtigen.

"Wir in Marokko sind sehr liberal": Dabiahs Mutter entfernt sich entlang der Stadtmauer
Monika Bergmann

"Wir in Marokko sind sehr liberal": Dabiahs Mutter entfernt sich entlang der Stadtmauer

Im Souq herrscht noch Hochbetrieb. Hühner gackern, Verkäufer bieten laut ihre Ware an, Frauen keifen und feilschen um jeden Dirham. Der weiße Haik verschwindet in der bunten Menge. "Möchten Sie probieren?" Jede Gasse bietet ein anderes Angebot, ihren eigenen Geruch. Offene große Papiersäcke mit Gewürzen stehen wie dicke Farbtupfer am Weg. Vögel sitzen auf dem Rand der Getreidesäcke, zwitschern fröhlich und picken.

Hinter dem Stadttor Bab Doukkala werden auf einen Marktplatz im Norden der Medina auf Tüchern und Planen große Haufen Nüsse, Mandeln, Obst, und Gemüse angeboten. Auch Haushaltswaren locken in allen Farben. Der Platz schwingt im Rhythmus der Gnaoua-Musik. Große Trommeln, begleitet von Saiteninstrumenten und metallenen Kastagnetten verführen ihre Zuhörer zum Tanz auf dosenartigen Metalltöpfen. Viele Männerfüße haben ihre Begeisterung und Trance mit tiefen Dellen im Deckel hinterlassen.

Der Tag geht zu Ende. Langsam schließen die hölzernen Klappläden in der Stadt. Es wird ruhiger, die Menschen ziehen mit ihren Einkäufen durch die weißen Straßen mit den leuchtend blauen Türen nach Hause. Ein quietschender Holzkarren scheint sie vor sich her zu schieben, auch Achmed hat sein Tagwerk beendet.



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