Expedition in Tibet Atlantis im Himalaja

Der Münchner Abenteurer Bruno Baumann suchte das buddhistische Shangri-la und stieß auf die eigentliche Wiege der tibetischen Kultur - das Silberschloss der Shang-Shung-Könige. In dem rauen Bergreich regierten vor über 2000 Jahren wilde Krieger und blutrünstige Schamanen.

Von Jürgen Kremb


Auf den ersten Blick präsentiert sich die Gegend im Südwesten des Plateaus von Tibet wenig spektakulär. Satellitenkarten verzeichnen hier oben, eingebettet in einem Talkessel, nur das Dörfchen Kyunglung.

Behutsam steuert Bruno Baumann sein Kanu durch das Wildwasser des Flusses Sutlej. Plötzlich aber mag er seinen Augen nicht trauen: Hinter einem Felsentor taucht mitten in der Steinwand ein gewaltiges Höhlenlabyrinth auf. Gut 400 Meter hoch und mehrere Kilometer lang zeigen sich zerfallene Klöster, Tempel und Wehranlagen - rot oder silbern glitzern die Bauten in der Nachmittagssonne.

Baumann, ein Österreicher, der in München lebt, gilt als einer der besten Kenner Tibets im deutschen Sprachraum. Er hat rund ein Dutzend Bücher über das Schneeland im Südwesten Chinas verfasst und mehrere Filme produziert. Nachdem Peking Mitte der achtziger Jahre die Region wieder für Ausländer öffnete, verbrachte der Ethnologe ganze Monate auf dem Dach der Welt.

Doch was er nun im Talkessel von Kyunglung erblickt, stellt alles bisher Erlebte in den Schatten. "So muss es aussehen, das paradiesische Shangri-la, jene traumhafte Welt, in der die Zeit stehengeblieben ist", meint Baumann. Kann es sein, dass er den heiligen Gral der Tibeter gefunden hat?

Viel nachdenken allerdings kann der Münchner in diesem Moment nicht: Das Dörfchen liegt in einem militärischen Sperrgebiet nahe der Grenze zu Indien. Er schießt ein paar Fotos, dann verjagt ihn ein Offizier der chinesischen Volksbefreiungsarmee.

Drei Jahre ist das her. Doch inzwischen spricht selbst die Fachwelt von einer wissenschaftlichen Sensation. In dem von Baumann entdeckten Kessel befinde sich wohl die eigentliche Wiege der tibetischen Kultur, glauben Experten: das Zentrum eines sagenumwobenen Reichs, dessen Könige weite Teile des Himalaja und Zentralasiens beherrschten, lange bevor die Buddhisten auf das Dach der Welt gelangten.

Der Weg zu dieser Erkenntnis jedoch war weit. Wieder in München, konsultierte Baumann damals den Zürcher Tibetologen Michael Henss. Dieser bestärkte ihn, die Suche in Tibet fortzusetzen. Denn der Name Kyunglung für jenes Dorf, wo sich die Höhlen befinden, bedeute übersetzt nichts anderes als "Garudatal". Vielleicht, so mutmaßte Henss, habe Baumann das "Silberschloss im Garudatal" gefunden, den Palast der letzten Shang-Shung-Könige - einen Ort, von dem die Wissenschaft bisher geglaubt hatte, er sei nicht mehr als ein imaginäres Atlantis im Himalaja.

Monat für Monat brütete Baumann fortan über den Rätseln der frühen tibetischen Kultur. Der Mann, der dem Berg-Guru Reinhold Messner ähnlich sieht und die meiste Zeit des Jahres in einem engen Bergsteigerzelt in unwirtlichen Weltgegenden verbringt, arbeitete sich nun durch Universitätsarchive.

DER SPIEGEL

Von Tibetologen konnte er nicht viel erwarten. Es gibt weltweit nicht mal ein Dutzend Wissenschaftler, die sich mit dem Thema beschäftigen. Die meisten Aufzeichnungen über die Region wurden zudem während Mao Zedongs Kulturrevolution vernichtet. Als hilfreich erwiesen sich Reiseberichte aus den Anfangsjahren des vergangenen Jahrhunderts. Damals war Tibet noch eine streng abgeschirmte Theokratie, regiert vom 13. Dalai Lama, seinen rotgekleideten Mönchen und dem Hofadel in der Hauptstadt Lhasa. Der Gottesstaat, gut dreimal so groß wie die Bundesrepublik Deutschland, war de facto unabhängig. Ausländer jedoch durften das "Dach der Welt" nicht betreten.

Nur einige Abenteurer und Forschungsreisende, meist als Pilger verkleidet, brachten Nachrichten aus dem geheimnisvollen Schneeland in den Westen. Der bekannteste war wohl der Schwede Sven Hedin, der 1909 in seinem Buch "Transhimalaja" erstmals einem breiten Publikum vom mysteriösen Tibet berichtete und von der dort vorherrschenden Spielart des Buddhismus, dem Lamaismu behauptete dann der Russe Nicholas Roerich, er habe das geheimnisvolle buddhistische Königreich "Shambhala" in Tibet geortet. Geografische Daten lieferte er keine.

Das dürfte auch schwer sein, denn das "Shambhala" ist lediglich ein mythisches Reich, aus dem die Retter der Menschheit kommen sollten, wenn die Welt von Krieg und Zerstörung heimgesucht wird. Aber gerade das schien die Phantasie einer westlichen Leserschaft zu beflügeln.

Als der britische Autor James Hilton in seinem Roman "Der verlorene Horizont" vier westliche Reisende in dem paradiesgleichen Tal "Shangri-la" stranden ließ (was wohl nichts anderes als eine Verballhornung von Shambhala war), wurde seine Geschichte zum Weltbestseller und gleich zweimal verfilmt. Die Wortschöpfung Shangri-la indes stand fortan als Synonym überall dort, wo man fernöstliche Mystik und meditativen Frieden suggerieren wollte.

All das half Baumann jedoch kaum weiter. Fündig wurde er erst in Tagebüchern des italienischen Tibetforschers Giuseppe Tucci: Der Wissenschaftler schlug bei einer Reise durchs westliche Tibet 1935 sein Zelt genau im Kyunglung-Tal auf. Sein Bericht allerdings verstaubte in den Archiven.

Doch Tucci hinterließ eine Spur. In den sechziger Jahren hatte der Wissenschaftler den damals noch jungen tibetischen Lama Chogyal Namkhai Norbu an sein Institut nach Rom geholt. Namkhai Norbu gilt heute nicht nur als einer der bedeutendsten buddhistischen Lehrmeister, sondern auch als der führende Experte für Shang-Shung und die Bön-Religion.

In Tibet führt der Bön-Kult ein Schattendasein, denn in grauer Vorzeit soll er blutige Rituale praktiziert haben, die angeblich der Bewusstseinserweiterung dienten. Die französische Orientalistin Alexandra David-Néel, eine Zeitgenossin Tuccis, berichtet, wie sich Bön- Magier mit Toten eingeschlossen hätten, um ihnen die Zunge rauszureißen - die hernach als Wundermittel im Kampf gegen Dämonen dienten.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.