Gasherbrum-Expedition: Rückzug an der Gletscherspalte

Von Thorsten Schüller

Extreme Bedingungen am Berg: Schlechtes Wetter macht der Achttausender-Expedition in Pakistan zu schaffen. Schon die erste Tour zum Hochlager müssen die Teilnehmer wegen einer riesigen Gletscherspalte abbrechen - nach dem Schock reisen drei von ihnen ab.

Gasherbrum-Basislager: Frust am Gletscher Fotos
Thorsten Schüller

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Mit solchen Wetterbedingungen hätten wir im Gasherbrum-Basislager nicht gerechnet: Eine milchig-neblige Wolkenmasse schiebt sich mit warmer Luft über die Karakorum-Berge und sondert kontinuierlich Schneeflocken ab. "Das Wetter hier ist immer eigenwillig", sagt Alinaki, unser Basislager-Koch. "Aber die augenblickliche Lage ist schon sehr ungewöhnlich."

Warum das so ist, zeigt uns Dominik Müller, Leiter der deutschen Expeditionsagentur Amical Alpin, anhand eines Satellitenbildes auf seinem Laptop. Der Monsun, der normalerweise ein gutes Stück weiter südlich liegen müsste und dessen Ausläufer meist von den Flanken des Nanga Parbat abgehalten wird, hat sich in diesen Wochen genau über dem zentralen Karakorum eingenistet.

Ungeachtet des Wetters beschließen wir nach zwei Tagen im Basislager, das erste Mal in Richtung Lager I auf 5900 Meter aufzusteigen. Wir starten um 3 Uhr nachts, gehen anfangs eine Viertelstunde auf der schuttbedeckten Moräne, ehe wir in den stark zerrissenen Gasherbrum-Gletscher einqueren. Stundenlang steigen wir über Séracs, über Türme aus Eis - auf der einen Seite rauf, drüben wieder hinunter. Wir klettern an manchen Passagen mit Steigeisen und Pickel zehn Meter beinahe senkrecht hinauf und überspringen unzählige Spalten. Da wir noch nicht ausreichend akklimatisiert sind und unsere Rucksäcke gut 15 Kilo wiegen, rast unser Puls.

Der Weg ist versperrt

Nach fünf Stunden stehen wir vor einem heiklen Hindernis: eine etwa vier Meter breite und abgrundtiefe Spalte, über die lediglich zwei schmale Bambusstäbe hinüberleiten. An den Enden liegen sie nur etwa 20 Zentimeter auf den Spaltenrändern auf. Noch vor zwei Wochen war die Spalte eineinhalb Meter breit, und die Bergsteiger konnten über sie hinüberspringen. Dieser Weg ist uns nun versperrt.

Stattdessen suchen wir eine Umgehung, doch auch diese ist sehr spaltenreich. Hinzu kommt, dass die Sonne den Schnee mittlerweile aufgeweicht hat und die zunehmende Hitze uns auslaugt. So ist für uns an diesem Tag bei etwa 5500 Meter Höhe Schluss. Drei von uns kehren sofort um, die restlichen vier warten bis zum Abend, als die Kälte den Schnee wieder verfestigt und das Spaltenmonster damit etwas sicherer zu durchqueren ist.

Die schlechten Bedingungen am Berg führen zu intensiven Diskussionen in unserer Gruppe. Ein Meter Neuschnee ab Lager II, hohe Lawinengefahr, stark zerrissene Gletscher mit tückischen Spalten. Dazu das instabile Wetter, das Lawinenunglück von Louis Rousseau und schließlich die Tatsache, dass bislang noch niemand in diesem Sommer einen Achttausender im Karakorum bestiegen hat: Die Aussichten sind tatsächlich miserabel, unsere Gruppe ist gespalten. Helmut, Arthur und Wasti sehen für sich keine Chance am Berg und wollen nach diesem ersten Schnuppergang in die Eiswelt des Karakorum und nach nur zwei Wochen so bald wie möglich wieder nach Hause.

Hoffen auf den Jetstream

Alf, Andi, Ulrich und ich wollen es hingegen noch mal mit dem Gasherbrum I versuchen. Zeit haben wir. Und wenn, wie es sich andeutet, der Jetstream die Monsunwolken vertreibt und wir klare kalte Nächte bekommen, könnten sich auch die Bedingungen verbessern. Unser Plan sieht vor, die kommenden Tage in die Lager I und II aufzusteigen, um uns dort an die größeren Höhen zu gewöhnen.

Leider sind Arthur und Helmut, die vorzeitig abreisen, nicht bereit, uns eines ihrer Satellitentelefone zu überlassen. So haben wir nur ein Telefon und können keine Kommunikation mit unserer Basislager-Mannschaft herstellen.

Immerhin werden in den nächsten Tagen noch weitere Bergsteiger in den Hochlagern unterwegs sein. So wollen eine Gruppe Spanier, eine slowenische Zweier-Frauenexpedition, eine Gruppe Polen und ein Iraner aufsteigen. Sie alle sind bereits ausreichend akklimatisiert und wollen ihre letzte Chance auf den Gipfel nutzen. Unsere Chance wird frühestens in der ersten Augusthälfte kommen - sofern sich die Bedingungen am Berg deutlich bessern.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Bei einer Karakorum Expedition sollte man spätestens Anfang Juli auf dem Gipfel sein!
kom.philbier 26.07.2012
Das ist kein Geheimnis, sondern schon seit den dreißiger Jahren bekannt. Danach setzt nämlich der Monsun ein. Da anscheinend immer mehr Leute glauben, die Natur in dieser an sich menschenfeindlichen Umwelt müsse sich nach den Menschen richten und nicht umgekehrt, ist wohl in Zukunft mit immer mehr toten Bergsteigern zu rechen.
2. Bergkameraden vs. Satellitentelefon?
watzmann 26.07.2012
Aufmerksam und mit viel Interesse habe ich alle bisherigen Beiträge verfolgt und leider sind meine guten Wünsche an die Gruppe hinsichtlich des Wetters - bis jetzt zumindest - nicht wirklich in Erfüllung gegangen. Und nun muss ich die Geschichte mit den "Satellitentelefonen" lesen! Dass sich eine Gruppe ggf. trennt, wenn unterschiedliche Einschätzungen einer Situation vorliegen, ist gerade bei Hochtouren, nichts außergewönliches. Neu ist mir allerdings, dass plötzlich ein Teil der Gruppe die andere in dem - ursprünglich gleichen - Vorhaben nicht mehr unterstützt. Dass der zurückkehrende Teil der Gruppe zur Absicherung ihres Rückwegs ein Satellitentelefon mitführen möchte ist nachvollziehbar und legitim. Wofür sie allerdings mind. zwei ("eines ihrer Satellitentelefone zu überlassen") benötigt, würde mich doch brennend interessieren? Und inwieweit die Zusammensetzung dieser Gruppe, zwischenmenschlich gesehen, geeignet war einen Achttausender zu besteigen, darf angezweifelt werden, wenn offensichtlich die Kameradschaft bei 1.500 Eur aufhört. Ich hoffe es gibt darauf eine einleuchtende Antwort, von den Bergkameraden...
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Zur Person
  • Anton Sellmeir
    Thorsten Schüller, 47, aus Grafing (Bayern) ist PR-Manager und Leiter der Gasherbrum-II-Expedition.
    Er wird regelmäßig über den Verlauf der Expedition in Pakistan berichten.

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Alle Achttausender: Höchste Berge der Welt
Name Höhe* Land Erst-
besteigung
Mount Everest 8850 Meter China (Tibet), Nepal 29.05.1953
K2 8614 Meter China, Pakistan 31.07.1954
Kangchendzönga 8586 Meter Indien, Nepal 25.05.1955
Lhotse 8516 Meter China (Tibet), Nepal 18.05.1956
Makalu 8463 Meter China (Tibet), Nepal 15.05.1955
Cho Oyu 8201 Meter China (Tibet), Nepal 19.10.1954
Dhaulagiri I 8167 Meter Nepal 13.05.1960
Manaslu 8163 Meter Nepal 09.05.1956
Nanga Parbat 8126 Meter Pakistan 03.07.1953
Annapurna 8091 Meter Nepal 03.06.1950
Hidden Peak (Gasherbrum I) 8068 Meter China (Tibet), Pakistan 05.07.1958
Broad Peak 8047 Meter China (Tibet), Pakistan 09.06.1957
Gasherbrum II 8035 Meter China (Tibet), Pakistan 07.07.1956
Shisha Pangma 8012 Meter China (Tibet) 02.05.1964
*Quelle: Brockhaus Enzyklopädie
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