Expeditions-Blog Gasherbrum II: Aufbruch zum Achttausender

Sieben Bergsteiger aus Deutschland und Österreich wollen den 8035 Meter hohen Gasherbrum II in Pakistan besteigen. Wochenlang sind sie den Launen einer extremen Natur ausgesetzt. Thorsten Schüller berichtet von unterwegs - und erklärt, was ihn an eisigen, gefährlichen Riesen fasziniert.

Achttausender-Blog: Expedition zum Gasherbrum Fotos
Corbis

Seit Wochen, Monaten geistert der Berg durch meinen Kopf. Anfangs war er noch weit weg und ganz klein. Doch nachdem wir vor etwa einem Jahr beschlossen hatten, ihn besteigen zu wollen, wurde er größer. Mit jeder Woche ein bisschen mehr. Nun steht er über allem, was ich denke und tue: 8035 Meter ist der Gasherbrum II hoch - mit steilen Flanken, an denen Kälte, Stürme und Hitze drohen. Und da wollen wir hin, ins Karakorum-Gebirge in Pakistan.

Erst geht es mit dem Flugzeug nach Islamabad, in die Hauptstadt Pakistans, wo die Tagestemperaturen derzeit täglich auf 40 Grad Celsius steigen. Dann ein paar hundert Kilometer weiter nach Skardu. Wenn wir Glück haben, können wir hinfliegen. Doch oft hindern Wolken die Piloten an der Landung. Dann bleibt nur die zweitägige Fahrt über den Karakorum-Highway, eine "Autobahn", die sich entlang steiler Berghänge windet und auf der es oft nur im ersten Gang vorangeht. Von Skardu ist es dann noch mal ein Tag Autofahrt nach Askole, ehe es zu Fuß weitergeht: sieben Tage über den 60 Kilometer langen Baltorogletscher bis zum Basislager des GII, 5000 Meter hoch.

Wir sind zu siebt: Andi, Helmut, Ulrich, Arthur, Wasti, Alf und ich. Bergsteiger aus Deutschland und Österreich. Wir sind keine alpinen Überflieger, aber Freizeitalpinisten mit Ambitionen. Jeder von uns hat schon viele steile, lange und schwere Herausforderungen in den Bergen gemeistert: die Nose am El Capitan im Yosemite. Die Mayerlrampe am Großglockner. Die Ortler-Nordwestwand. Die Ama Dablam im Himalaja. Auch ganz hohe Berge waren darunter: der Mustagh Ata, 7509 Meter. Der Pik Kommunismus, ebenfalls fast 7500 Meter. Und vor drei Jahren der Cho Oyu, 8201 Meter.

Nun wollen wir uns also an einem 8035-Meter-Riesen versuchen. Auf Hochträger und Flaschensauerstoff werden wir verzichten. Mit dieser Art des Dopings kann man sich auf viele Berge hochbeamen. Wenn wir anschließend noch Kraft, Zeit und Wetterglück haben, wollen wir außerdem den Gasherbrum I angehen, einen weiteren Giganten von 8068 Meter Höhe.

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Blog Gasherbrum-Besteigung: Die sieben Expeditions-Teilnehmer
Riesen aus Fels und Eis

In dieser schwer zugänglichen Region stehen außer den beiden Gasherbrums noch einige weitere der höchsten und imposantesten Berge der Welt: der Broad Peak, 8047 Meter. Der K2, dieses berühmt-berüchtigte himmelstürmende Riff, 8611 Meter. Etwas weiter entfernt der Nanga Parbat, 8125 Meter. Dann die Trango-Türme, "nur" Sechstausender, aber dank ihrer extrem steilen Flanken Traumziel geübter Kletterer. Oder die Chogolisa, ein 7665 Meter hoher Eisdom, an dem die Bergsteiger-Legende Hermann Buhl einst mit einer Wechte in die Tiefe rauschte und ums Leben kam.

Wir haben uns vorbereitet. In den vergangenen Monaten sind wir mehr als sonst auf kleine und große Berge gerannt: in 15 Stunden von Lienz zu Fuß bis auf den Großglockner, im Eilmarsch auf den Großvenediger, am Abend noch schnell auf den Wendelstein. Vor allem Ulrich hat mächtig Gas gegeben. Er hat sich für den GII eine Speedbegehung vorgenommen, seine Spezialität. Bei seinem Versuch, den Berg möglichst schnell zu besteigen, wird er sämtliche Leistungsreserven mobilisieren müssen.

Diese Trainingseinheiten haben wir neben unserem Alltagsleben als Angestellte mit üblichen Berufen absolviert: Wir sind Lehrer, Fliesenleger, PR-Manager und Techniker. Und wie andere haben wir limitierten Jahresurlaub. Das mit dem Urlaub war die größte Hürde bei der Vorbereitung. Acht Wochen am Stück! In welcher Firma gibt es das schon? Doch es spricht für einen Arbeitgeber, wenn solche Fluchten möglich sind. Am 3. September wollen wir wieder zurück sein.

Hochtour im Militärgebiet

Pakistan entspricht nicht gerade dem Ideal eines Urlaubslandes. Die Reisehinweise des Auswärtigen Amtes lesen sich beeindruckend: Im ganzen Land drohen demnach politisch-religiös motivierte Gewalttaten. Die Gegend um die Gasherbrums ist militärisches Einflussgebiet. Die Grenze zu Indien ist nah, der erstarrte Kaschmirkonflikt hat zur Folge, dass sich in der Gletscherregion Hunderte von Soldaten gegenüberstehen.

Ali Mohammad ist unser Mann vor Ort. Er organisiert unsere Transporte und hat für uns die mehrere tausend Euro teuren Genehmigungen besorgt, die wir brauchen, um die Berge besteigen zu dürfen. Er kümmert sich darum, dass Dutzende Träger unser Gepäck bis ins Basislager bringen. Von ihm wissen wir, wie viel Trinkgeld wir veranschlagen sollten: für Träger 50 Rupien (etwa 40 Cent) pro Tag, für Küchenmitarbeiter 200 Rupien, für den Koch 400 Rupien.

Wir haben Ali bislang nicht persönlich kennengelernt. Ich habe in den vergangenen Monaten Hunderte E-Mails mit ihm ausgetauscht. Wir haben Fragen geklärt, wann ich wie viel Geld wohin nach Pakistan überweisen soll. Wie wir unser Helikopter-Rettungs-Deposit von 10.000 Dollar wieder zurückbekommen, wenn wir den Hubschrauber nicht in Anspruch nehmen. Ali hat unsere Plastiktonnen mit 280 Kilo Berggepäck in Empfang genommen, die wir vor zwei Wochen per Luftfracht nach Islamabad geschickt haben. Viel Kleinkram, und doch sind solche Details entscheidend für den Verlauf unserer Tour.

Andere Bergsteiger, die sich in Pakistan auskennen, meinen, Ali sei einer der besten. Bisher läuft jedenfalls alles erstaunlich reibungslos. Nicht so wie 2003, als ich mit Freunden in den Kaukasus reiste, um den Elbrus mit Skiern zu besteigen und meine Überweisung nach Moskau spurlos verschwand. Oder wie 2006, als ich zum Pik Kommunismus aufbrach und uns die tadschikische Botschaft unsere Visa erst am Abflugtag zusandte.

Und doch wird dieses Abenteuer bestimmt kein Spaziergang. Warum das alles also? Um uns einen Lebenstraum zu erfüllen? Irgendwie schon. Als Bergsteiger entwickelt man sich jahrzehntelang weiter. Manchmal spannt sich diese Entwicklung vom Wallberg zum Mount Everest.

Vielleicht ist es auch der Wunsch, mal wieder etwas anderes zu machen als die täglich komfortable Wiederholung: wochenlang die Natur in ihren Extremen erleben. Auf Gegenstände des Alltags wie Fernseher, Toaster und Pizzaservice verzichten und feststellen, dass es auch so geht. Zeit haben und zur Ruhe kommen. Eine ungewöhnliche Form des Glücks suchen - und vielleicht finden.

Thorsten Schüller wird in den kommenden Wochen regelmäßig auf SPIEGEL ONLINE vom Verlauf der Tour berichten.

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1. Fremdschämen
widower+2 13.07.2012
Man haut Zehntausende von Euro raus um auf einen Achttausender zu kraxeln und bezahlt einem Träger 40 Cent am Tag?
2. Warum diese Popularisierung von Extremsport?
lachender lemur 13.07.2012
Kürzlich konnte man anhand der Abstürze & Verschüttungen gut sehen, was es bedeutet, wenn Bergsteigen im Hirn der Wohlstandsbürger zu einer ganz normalen Sache wird. Dieser 8000er Blog trägt zu so etwas bei. Warum auf der Titelseite?
3.
Dyonisus 13.07.2012
Wirklich sehr interessant, diesert Artikel. Es würde mich nicht stören, wenn man auf die Eigenheiten des Landes auch noch mehr im Detail eingeht. Habe mir gerade die Strecke auf Google Earth angeschaut und das alles scheint sehr spannend zu sein, ein wirkliches Abenteuer. Viel Glück da oben.
4. .
markus_wienken 13.07.2012
Zitat von widower+2Man haut Zehntausende von Euro raus um auf einen Achttausender zu kraxeln und bezahlt einem Träger 40 Cent am Tag?
Wenn das der ortsübliche Lohn ist spricht doch nichts dagegen.
5. Viel Glück
interhart 13.07.2012
[QUOTE=sysop;10544981]Sieben Bergsteiger aus Deutschland und Österreich wollen den 8035 Meter hohen Gasherbrum II in Pakistan besteigen. Vile GlücK Thorsten Schüller, Dir und Deiner Truppe! Und happy return!
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Zur Person
  • Anton Sellmeir
    Thorsten Schüller, 47, aus Grafing (Bayern) ist PR-Manager und Leiter der Gasherbrum-II-Expedition.
    Er wird regelmäßig über den Verlauf der Expedition in Pakistan berichten.

DPA
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Berge: Giganten der Welt

Alle Achttausender: Höchste Berge der Welt
Name Höhe* Land Erst-
besteigung
Mount Everest 8850 Meter China (Tibet), Nepal 29.05.1953
K2 8614 Meter China, Pakistan 31.07.1954
Kangchendzönga 8586 Meter Indien, Nepal 25.05.1955
Lhotse 8516 Meter China (Tibet), Nepal 18.05.1956
Makalu 8463 Meter China (Tibet), Nepal 15.05.1955
Cho Oyu 8201 Meter China (Tibet), Nepal 19.10.1954
Dhaulagiri I 8167 Meter Nepal 13.05.1960
Manaslu 8163 Meter Nepal 09.05.1956
Nanga Parbat 8126 Meter Pakistan 03.07.1953
Annapurna 8091 Meter Nepal 03.06.1950
Hidden Peak (Gasherbrum I) 8068 Meter China (Tibet), Pakistan 05.07.1958
Broad Peak 8047 Meter China (Tibet), Pakistan 09.06.1957
Gasherbrum II 8035 Meter China (Tibet), Pakistan 07.07.1956
Shisha Pangma 8012 Meter China (Tibet) 02.05.1964
*Quelle: Brockhaus Enzyklopädie