Extremkletterer Erhard Loretan Tod eines Gipfelstürmers

Seinen größten Triumph erlebte er auf einem Achttausender, seine schlimmste Tragödie im Privaten: Der Schweizer Extrembergsteiger Erhard Loretan war sein Leben lang ein Grenzgänger, Tod und Gefahr gehörten dazu. Jetzt wurde ihm an seinem 52. Geburtstag eine einfache Alpen-Tour zum Verhängnis.

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Er schaffte alle 14 Achttausender ohne künstlichen Sauerstoff, rannte in Rekordzeit auf den Mount Everest: In seinem Leben hat Erhard Loretan viele Gipfel bestiegen, die deutlich schwerer waren als das Grünhorn in den Berner Alpen. Es ist eine Ironie des Schicksals, dass es ein alpinistisch nicht sonderlich anspruchsvoller Berg war, an dem er am Donnerstagmittag gegen 12 Uhr wenige hundert Meter vor dem Gipfel in die Tiefe stürzte.

Erhard Loretan, der bedeutendste Schweizer Bergsteiger seiner Generation, ist tot. Der Bergführer verunglückte mit einer Klientin, die mit seiner Hilfe den 4043 Meter hohen Gipfel des Bergs im Oberwallis erreichen wollte. Die 38-Jährige überlebte und ist nach Angaben der Kantonspolizei bei Bewusstsein. Sie habe mehrere Brüche und innere Verletzungen erlitten. Die genaue Ursache des Unglücks ist bislang noch unklar.

Von den ganz extremen Touren hatte sich der Schweizer längst zurückgezogen, und fast wie ein Abschiedsgruß klingt das, was Loretan im Mai 2010 in Trient beim größten Bergfilmfestival der Welt in eine Kamera sagte. "Ich möchte mich bei all den Bergen bedanken, für fast 40 Jahre haben sie mir erlaubt zu klettern. Mit dieser Leidenschaft habe ich bis jetzt ein außergewöhnliches Leben gehabt." Als er dort von seinen Extremtouren in den achtziger und neunziger Jahren sprach, leuchteten Loretans grüne Augen. "Wir waren jung, wir waren verliebt ins Klettern. Wenn du verliebt bist, tust du alles, es war kein Opfer, das war ganz normal."

"Angst, wenig Schlaf, überall Schmerz"

Die Opfer, die der Extrembergsteiger brachte, waren dennoch gewaltig. Nachdem sich Reinhold Messner und Jerzy Kukuczka einen harten Kampf darum geliefert hatten, wer als erster sämtliche Achttausender besteigt, war Loretan im Jahr 1995 der dritte Mensch überhaupt, dem dieses Meisterstück gelang. Bis heute haben das nach Angaben der Internetseite 8000ers.com nur 23 Bergsteiger geschafft, darunter zwei Frauen.

"Ich werde Hunger haben, Angst, wenig Schlaf, jede Bewegung wird irgendwann unendliche Mühe kosten, überall Schmerz. 90 Prozent ist Leiden", so beschrieb Loretan in einem Interview mit der "Neuen Zürcher Zeitung" einmal, was eine Expedition auf die höchsten Berge der Welt bedeutet. Warum er sich diese Qualen antut? "Die zwei, drei Sekunden auf dem Gipfel haben für mich keinen Preis. Es ist das Paradies."

Schon sein erster Achttausender war einer der schwierigsten: 1982 stand Loretan auf dem Nanga Parbat, die nächsten Gipfel Gasherbrum II, Hidden Peak und Broad Peak bereiteten ihm im Jahr darauf offenbar so wenig Mühe, dass er alle drei innerhalb von 15 Tagen in sein Tourenbuch eintragen konnte.

Als echtes Konditionswunder machte er weiter auf sich aufmerksam, als er in nur 19 Tagen auf 38 Schweizer Gipfel stieg, darunter Dutzende Viertausender. Im August 1986 schließlich stand er auf dem Gipfel des Mount Everest, nicht ohne auch dort einen neuen Superlativ erreicht zu haben: Nur 43 Stunden brauchte er zusammen mit Jean Troillet vom Basecamp zum Gipfel und zurück. "Wir wollten den Everest nicht in zwei Tagen besteigen, wir sind einfach losgelaufen und hatten Glück, es zu schaffen", sagte der Schweizer später.

Bronze im Achttausender-Wettkampf

Seinen größten Triumph feierte Loretan am 5. Oktober 1995: Mit dem Gipfel des Kangchendzönga hatte er seinen 14. Achttausender erreicht. Gleichzeitig war auch der Franzose Benoit Chamoux am Berg, ebenfalls einer der Top-Bergsteiger seiner Zeit, der wie der Schweizer auf die Bronzemedaille im Achttausender-Wettkampf hoffte. Das Wettrennen endete tragisch, 50 Meter unter dem Gipfel kam Chamoux ums Leben. Loretans große Stunde wurde von dem Drama überschattet.

Sein Verhältnis zur ständigen Lebensgefahr, die mit seiner Liebesbeziehung zu den Bergen einherging, beschrieb Loretan im Jahr 2000 ziemlich pragmatisch: "Das ist jedes Mal sehr traurig, doch es gehört zu den Spielregeln. Ich bin da Fatalist geworden. Auch die Straße fordert viele Tote."

In den Bergen erlebte der Schweizer tödliche Tragödien, bei denen ihn keine Mitschuld traf, im Privatleben war das einmal anders. Als sein damals sieben Monate alter Sohn am Weihnachtsabend 2001 einfach nicht zu schreien aufhören wollte, schüttelte ihn der Vater für mehrere Sekunden und legte ihn dann ins Bett. Das Kind erlitt ein Schütteltrauma und starb.

Zu vier Monaten auf Bewährung wegen Totschlag wurde Loretan verurteilt. In der Schweiz löste sein Fall eine Debatte darüber aus, wie vielen Eltern nicht bewusst ist, dass Kinder durch Schütteln sterben können, weil ihre Nackenmuskeln noch schwach ausgebildet sind. Vor Gericht sagte Loretan: "Die Strafe, die Sie mir auferlegen, ist kein Vergleich zu dem, was ich bis zum Ende meiner Tage mit mir trage."

Die Schuld, er trug sie mit sich bis zum 28. April 2011. Wie die Aargauer Zeitung berichtet, war Loretan am Samstag mit seiner Klientin zu einer ausgedehnten Tour in der Jungfrau- und Aletschregion aufgebrochen, wobei sie mehrere Gipfel bestiegen. Am Donnerstag brachen sie von der Finsteraarhorn-Hütte aus auf. In einer Höhe von etwa 3800 Metern verloren sie den Halt im Fels.

Wenige Stunden später fand eine andere Bergsteigergruppe die Absturzspuren und löste Alarm aus. Wegen starken Nebels konnte kein Hubschrauber zum Unglücksort gelangen. Die schließlich zu Fuß angerückten Retter konnten nur noch den Tod Loretans feststellen.

Er hatte einen ganz besonderen Tag in den Berner Alpen verbringen wollen, zusammen mit den Bergen, die er so liebte: Es war sein 52. Geburtstag.



insgesamt 66 Beiträge
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Seite 1
tytan65 29.04.2011
1. Bravo
Das ist ein sehr gut geschriebener Artikel, Danke!
sappelkopp 29.04.2011
2. Gut geschrieben, ...
...aber: Was ist eigentlich künstlicher Sauerstoff...?
deepocean 29.04.2011
3. Chapeau
Zitat von tytan65Das ist ein sehr gut geschriebener Artikel, Danke!
Dem schliesse ich mich gerne an, angemessen und ausgewogen, ein wirklich guter nachruf, merci
Hovac 29.04.2011
4. Gibt
es Eltern die nicht wissen was beim Schütteln von Babys pasieren kann? Das passiert doch nur ungeduldigen Babysittern. Die 90% Leid des Kletterns scheinen ja nicht so schlimm wie Babygeschrei zu sein. Aber die Leistung auf mehr Fels gestiegen zu sein als andere ist da natürlich wichtiger.
holztechniker@postmail.ch 29.04.2011
5. Danke Erhard Loretan
Erhard Loretan war wirklich ein grossartiger Bergsteiger. Auch die Tragödie in seinm Privatleben hatte ich damals in den Medien gelesen und für mich gedacht wie kann dies nur passieren. Heute habe ich zwei Kinder und bin Erhard Loretan dankbar, dass er mitgeholfen dieses doch heikle Thema der eigenen Überforderung am Kindbett zu thematisieren. Sein Tod nun am Berg berührt mich, weil ich dankbar bin gewusst zu haben, dass es viel Kraft braucht ein Kind schreien zu lassen. Danke Erhard Loretan.
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