Von Stephan Orth
"Als ich 29 war, waren alle meine Kletterkameraden entweder tot oder nicht mehr aktiv", schreibt House in seinem Buch "Beyond the Mountain", das im Januar in Deutschland erscheint. Man muss nur einmal in Gedanken eine Stellenausschreibung für den Job als Kletterpartner von Steve House formulieren, um zu realisieren, wie schwer es auf diesem Level sein muss, erneut Gleichgesinnte zu finden.
Viele Kletterkollegen haben zudem eine andere Bergsport-Philosophie. Immer aufwendiger sind die Multivisions-Diashows, mit denen Alpinisten durch die Republik tingeln, spektakuläres Filmmaterial und Tonaufnahmen vom Gipfel sind Standard. Manchen macht diese Selbst-PR sichtlich Spaß, für andere ist sie ein notwendiges Übel, um von ihrer Leidenschaft leben zu können und die Sponsoren zufriedenzustellen.
Die Zeiten, als Erstbesteigungen von Achttausendern weltweite Medienereignisse waren, sind längst vorbei. Heutige Expeditions-Höchstleistungen werden nicht am Mount Everest, am Matterhorn oder an der Eiger-Nordwand erbracht, den Alpinzielen, von denen jeder ein Bild im Kopf hat. Viel schwerer ist es, einem größeren Publikum Erfolge an der Makalu-Westwand oder am K7 näherzubringen. Um solche Touren überhaupt begreifbar zu machen, müssen Bergsteiger durch außergewöhnliche Fotos und Filme auffallen.
Alpinismus statt Hollywood
Diesen Marktgesetzen verweigert sich House. Den meisten Fotos seiner Diashow sieht man an, dass sie einfach Schnappschüsse der erschöpften Beteiligten sind. "Entweder ich gehe klettern, oder ich drehe einen Hollywood-Film" - für House ist ein Alpin-Abenteuer nicht damit vereinbar, dass nebenan ein Kameramann im Seil hängt und bittet, mit dem nächsten Handgriff am Überhang noch eben zu warten, bis die Sonne rauskommt.
Den sechstägigen Eiskletter-Marathon an der Rupalwand hätte vermutlich sowieso kein Filmemacher mitgemacht. Anderson und House verbrachten die Nächte an kaum geschützten Biwakplätzen an der Eiswand, teilten für die wenigen Stunden Schlaf einen Schlafsack, um nicht zu viel Gewicht tragen zu müssen. Schritt für Schritt quälten sich die beiden mit Eisaxt und Steigeisen nach oben, ernährten sich hauptsächlich von hochkonzentrierter Energiepaste und heißem Tee. Sie wussten, dass eine plötzliche Lawine sie mehr als 3000 Höhenmeter tief in den Abgrund reißen würde. House verlor mehr als zehn Kilo Körpergewicht in einer Woche.
Warum tut sich jemand diese Torturen immer wieder an, geht solche Risiken ein? "Klettern kann das volle Spektrum der Höhen und Tiefen eines Lebens in wenige Tage, manchmal wenige Stunden komprimieren", schreibt House in seinem Buch. "Meine glücklichsten Tage waren die, an denen ich alles zurückgelassen habe und mein Verständnis der Dinge neu definiert habe, die wirklich wichtig sind."
Der Diavortrag in Brixen ist Thema des Tages unter den teils von weit angereisten Alpinisten im Publikum. "Das war die beste Diashow, die ich je gesehen habe", sagt der bekannte Schweizer Bergfotograf Robert Bösch. Und zwar deshalb, weil House unglaublich packend erzählen könne, denn "keines seiner Bilder würde es in ein Magazin schaffen."
Reinhold Messner ist so bewegt, dass er später beim bloßen Erwähnen des Nanga-Parbat-Gipfelfotos unter Tränen die Bühne einer Pressekonferenz verlassen muss. "Für den Zuschauer ist das, als wäre man selbst da oben. House beweist, dass solche Erlebnisse teilbar sind", sagt Messner später. "Davon können viele Europäer etwas lernen."
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