Per Fahrrad um die Welt "Und ich träumte von Timbuktu"

Patagonien, Kaukasus, die Reisfelder von Vietnam: Martin Moschek radelte in 20 Jahren 60.000 Kilometer durch die Welt. Er tut das, wovon viele träumen - Abenteuer erleben, ohne komplett auszusteigen.

Martin Moschek

Ein Interview von


Zur Person
  • Martin Moschek
    Martin Moschek, geboren 1975, ist bereits seit seiner Jugend Extremradler. Auf seinem Reiseblog BikeTourGlobal erzählt der PR-Manager von Traumrouten für Radfahrer und gibt Tipps für die richtige Ausrüstung unterwegs. Er lebt mit seiner Familie bei Hamburg.
  • Reiseblog BikeTourGlobal

SPIEGEL ONLINE: Herr Moschek, Sie haben in den vergangenen 20 Jahren rund 60.000 Kilometer mit dem Fahrrad zurückgelegt. Was mögen Sie daran?

Moschek: Ich finde das Fahrradfahren selbst eher langweilig. Es hat sich für mich jedoch als die ideale Form des Reisens erwiesen. Die Geschwindigkeit ist perfekt, um Land und Leute kennenzulernen und gleichzeitig einigermaßen fix voranzukommen.

SPIEGEL ONLINE: Wie vereinbaren Sie Job und ein solch zeitintensives Hobby?

Moschek: Ich nutze meinen Arbeitsweg, um im Training zu bleiben. So oft wie möglich fahre ich die 40 Kilometer lange Strecke mit dem Rad. Herausfordernder ist es allerdings, die Reisen mit meiner Familie zu vereinbaren.

SPIEGEL ONLINE: Auf wen nehmen Sie Rücksicht?

Moschek: Meine Frau hat ein Vetorecht, wenn ich einen meiner Solotrips plane. Weihnachten, Ostern und die Geburtstage der Kinder sind tabu. Aber wenn wir uns auf ein Zeitfenster einigen, lege ich sofort mit der Planung los und überlege mir, welche Region in der Jahreszeit ein gutes Tourenziel ist.

SPIEGEL ONLINE: Wo in der Welt waren Sie zuletzt unterwegs?

Moschek: Meine letzten längeren Touren gingen nach Georgien, Island und Vietnam. Anfang des Jahres bin ich durch das nördliche Patagonien gefahren - auf der Carretera Austral durch Chile bis zum Perito-Moreno-Gletscher in Argentinien.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben dort 1450 Kilometer Strecke zurückgelegt. Was macht die Route so anstrengend?

Moschek: Der nördliche Abschnitt der Carretera Austral ist weitestgehend asphaltiert. Da sich die Straße bei Puerto Montt in Chile aber durch die Berge zieht, geht es bei Regen und Wind ganz schön zur Sache. Auf halber Strecke, nahe der Stadt Coyhaique, beginnen dann 450 Kilometer Piste - mal Waschbrett, mal Schotterweg, mal fast wie ein Flussbett. Es geht rauf und runter, oft bei zwölf Prozent Steigung. Das Problem: Man kann wegen des Gerölls nicht mal Schwung holen, weil man permanent abbremsen muss. Im Tal angekommen, bei fast 0 km/h, scheint der nächste Anstieg zunächst unüberwindbar.

SPIEGEL ONLINE: Wie kamen Sie trotzdem hoch?

Moschek: Ich schalte in solchen Fällen auf mein mentales Inneres, achte nur noch auf die Landschaft und fahre einfach weiter.

SPIEGEL ONLINE: Nehmen Sie die Umgebung unter Strapazen wie auf der Carretera Austral noch wahr?

Moschek: Aber klar! Landschaftlich hat mich bisher nichts mehr beeindruckt als Patagonien. Der Anfang der Tour führt durch dichten grünen Dschungel. Permanent rauscht das Wasser, die Sonne scheint, und vor einem liegen die schneebedeckten Berge. Später gelangt man dann in diese verrückte Gletscherwelt, in der Felsen, Eis, Wald und Wasser aufeinander treffen. 20 Jahre lang habe ich von dieser Gegend geträumt, eigentlich sogar von einer viel längeren Route. Ein bisschen ärgert es mich, dass ich nicht hier war, als ich noch jünger war. Damals hätte ich mehr Zeit gehabt.

SPIEGEL ONLINE: Legen Sie überhaupt Stopps fürs Sightseeing ein?

Moschek: Früher kaum, da wollte ich nur Radfahren, habe die Landkarte genommen und von Leipzig nach Bombay eine gerade Linie gezogen. Das war meine Route. Mehr als 14.000 Kilometer durch Tschechien, die Slowakei, die Ukraine, Russland, Kasachstan, China und Nepal. Steppen, Wüsten, Berge inklusive. Ich habe viereinhalb Monate nach Indien gebraucht. Heute suche ich mir Orte aus, die ich unbedingt sehen möchte. In Patagonien waren es der O'Higgins-Gletscher und die Marmorhöhlen am Lago General Carrera, dem zweitgrößten See Südamerikas.

Fotostrecke

18  Bilder
Patagonien per Rad: Waschbrettpisten und Whiskey on the rocks

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig ist es Ihnen, unterwegs Menschen zu treffen?

Moschek: Ich genieße es auf Reisen vor allem, alleine zu sein, nicht reden zu müssen, sondern einfach nur am Ende des Tages ein Zelt aufzustellen.

SPIEGEL ONLINE: Wie kamen Sie zum Radfahren?

Moschek: In meiner Kindheit war das für mich Leistungssport. Ich bin in der DDR aufgewachsen und saß sechs Tage die Woche auf dem Sattel. Als ich dies nach einem Unfall aufgegeben hatte, wollte ich nie wieder Fahrrad fahren. Aber dann fiel die Mauer, und ich träumte von Timbuktu.

SPIEGEL ONLINE: Und? Waren Sie da?

Moschek: Ja. Ich bin im Jahr 2000 dahin geradelt - 4700 Kilometer durch die Sahara und über den Atlas.

SPIEGEL ONLINE: Welche Räder sind Ihnen ans Herz gewachsen?

Moschek: Mein aktuelles Reiserad. Ich habe es mir von einer kleinen Manufaktur in der Nähe von Hamburg bauen lassen. In besonderer Erinnerung ist mir aber das geblieben, das mir ein Nachbar direkt nach dem Fall der Mauer geschenkt hatte - der wollte sofort nach Westdeutschland. Es hatte eine goldene Kette. Doch bei einer der letzten Montagsdemonstrationen an der Nikolaikirche hat es mir jemand geklaut. Danach habe ich mir mein erstes Trekkingrad gekauft.

SPIEGEL ONLINE: Was geben Ihnen diese weiten Radtouren?

Moschek: Viele Reisende sagen, sie würden die Freiheit unterwegs lieben. Für mich als ehemaliger DDR-Bürger hat dieses Wort allerdings eine viel größere Bedeutung. Mich macht es schlicht zu einem absolut zufriedenen Menschen, wenn ich allein mit meinem Rad unterwegs bin - auch wenn ich friere und klitschnass geregnet bin. Ich mache das nur für mich. Mehr ist es nicht.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben inzwischen 49 Länder der Welt mit dem Fahrrad bereist. Welches wird das 50. Land?

Moschek: Ich denke über die Mongolei oder Bolivien nach. Ich hätte als Nächstes aber auch große Lust auf eine Route, die innerhalb Europas ein Sehnsuchtsziel für Radler ist: Lejog. Die Abkürzung steht für die Initialen ihres Start- und Endpunkts. Lejog führt von Land's End ganz im Südwesten Englands bis nach John o' Groats im Norden Schottlands - einmal durch ganz Großbritannien.

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insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
vielniks 08.03.2017
1. Überfallrisiko
Interessant wäre gewesen zu erfahren, wie er mit dem Risiko eines Überfalles umgegangen ist.
der_nachtarbeiter 08.03.2017
2. Respekt...
...ich fahre auch gerne Rad. Für solche Touren fehlt mir aber die Zeit-und wahrscheinlich auch der Mut. Ich find das große Klasse.
hansfrans79 08.03.2017
3.
Zitat von vielniksInteressant wäre gewesen zu erfahren, wie er mit dem Risiko eines Überfalles umgegangen ist.
Die typische deutsche Touri-Angst vor der ach so bösen Fremde.. Wer ein wenig rumkommt und nicht zu naiv ist, weiß aber, dass so etwas derart selten geschieht, dass es keinen Sinn macht, sich den Kopf zu sehr zu zerbrechen.
Stefnix 08.03.2017
4. Klar.
Zitat von hansfrans79Die typische deutsche Touri-Angst vor der ach so bösen Fremde.. Wer ein wenig rumkommt und nicht zu naiv ist, weiß aber, dass so etwas derart selten geschieht, dass es keinen Sinn macht, sich den Kopf zu sehr zu zerbrechen.
Nicht ist "typischer Deutsch" als möglichst viele negative Adjektive mit "typisch Deutsch" zu versehen, um möglichst viel Distanz zwischen sich selbst und seine verhaßten Mitmenschen zu bringen.
travelflo 08.03.2017
5.
@vielniks: das Überfallrisiko besteht vor allem in größeren Städten. Da unten in der Natur trifft man weniger auf Leute, die von Kriminalität leben können. Zudem gibt es nur wenige interessante für Räuber, Geld, Kreditkarten, Handys und teuere Kameras. Wenn es dochmal passieren sollte, sollte man nen kleinen Betrag wie 50$ dabei haben. Ich wurde in Südamerika insgesamt 3 Mal bestohlen.. einmal blieb es bei einem Versuch eines Jugendlichen mit Waffe, den konnte ich durch lautes Schreien abwehren, die anderen beide Male bemerkte ich leider nicht mal. Ich habe längere Zeit in Südamerika gelebt. Das beste ist natürlich, möglichst nicht als europäischer High-Tech-Touri aufzufallen. In Städten nicht mit Überlebens-Outfit rumlaufen :)
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