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Extremtour an Burmas Grenze: Flucht aus verbrannten Dörfern

Extremradeln bei Regen und Hitze: Seit fast drei Wochen fahren zwei Schwaben durch den Dschungel entlang der burmesisch-thailändischen Grenze. SPIEGEL ONLINE berichten sie von den Tücken des Klimas, ihren Begegnungen mit Bürgerkriegsflüchtlingen und wie sie helfen wollen.

Es ist Tag 18. Die beiden Radler Florian Fischer und Florian Niethammer und ihr Team mit Kameramann Rainer Lingk und den Übersetzern sind am Fluss Mae Nam Moei im thailändischen Grenzgebiet angekommen. Über zwei Wochen ihrer gut vierwöchigen "Fahrradtour für Menschenrechte" liegen schon hinter ihnen.

Die "Burmariders", wie sie sich und ihr Projekt nennen, haben sich eine 1200-Kilometer-Strecke über rund 15.000 Höhenmeter hinweg entlang der burmesisch-thailändischen Grenze vorgenommen, wie SPIEGEL ONLINE berichtete. Mit ihrer schweißtreibenden Aktion wollen sie auf die Lage der burmesischen Minderheiten im Grenzgebiet aufmerksam machen, der Karen, Shan und Karenni. Auf ihrer Website geben sie den Flüchtlingen des am längsten andauernden Bürgerkriegs der Welt in Videos, Texten, Hintergrundberichten eine Stimme und laden "virtuelle Burmarider" ein, gegen eine Spende an der Fahrt teilzunehmen.

SPIEGEL ONLINE: Verläuft die Tour wie geplant?

Niethammer: Ich habe mir das Fahrradfahren nicht so hart vorgestellt. Die Berge sind so steil - wenn man am Tag zwei oder drei in Folge hat, dann hat man irgendwann keine Lust mehr. Am Anfang war es brühend heiß, wir haben uns Regen zur Abkühlung gewünscht. Jetzt regnet es tags und nachts, und wenn es nicht regnet, dann ist es so feuchte Luft, dass wir trotzdem nass sind.

Fischer: Es ist viel aufwendiger und viel anstrengender, als wir uns das vorgestellt hatten. Viele Kleinigkeiten werden auf einmal extrem schwierig. Die meiste Kraft gibt uns das positive Feedback auf unserer Website. Und dass wir das Gefühl haben, dass die Leute hier merken, dass jemand ihnen eine Stimme geben möchte. Die Brücke funktioniert: Das, was wir hier vor Ort aufnehmen, können wir so verarbeiten und in einem so interessanten medialen Ansatz transportieren, dass die Leute zuhause teilnehmen können.

SPIEGEL ONLINE: Hält die Ausrüstung durch?

Fischer: Bis jetzt ja. Wir passen extrem auf unsere Räder auf, damit nicht sofort die Tour zu Ende ist. Zweimal waren wir dicht davor: Einmal musste ich die Hydraulik meiner Bremse mit Nähmaschinenöl nachfüllen, und einmal hat es Flo auf die Nase gelegt.

Niethammer : Ich habe Glück gehabt, mein Oberschenkel ist zwar blau-lila, aber kein Problem.

SPIEGEL ONLINE: Und wie geht es sonst?

Fischer: Was uns fertig macht, dass wir nur fünf Stunden schlafen. Bevor wir die Technik im Griff haben, ist es schon wieder 2 oder 3 Uhr. Teilweise schlafen wir schichtweise, Videos, Bilder müssen hochgeladen werden, Texte geschrieben werden. Es ist ein 24-Stunden-Job.

Niethammer : Oft übernachten wir in Dörfern, in bescheidenen Verhältnissen. Es gibt keine warme Dusche, auf die man sich nach einer Radtour freut, sondern nur kaltes Wasser, das man über sich schüttet. Heute haben wir keinen Strom, wir müssen auf unsere Autobatterie zurückgreifen. Dann wird das ganze Zeug relativ schnell feucht. Die Kamera funktioniert mal nicht, weil es da drin kondensiert, und alles wird dreckig.

SPIEGEL ONLINE: Vor ein paar Tagen haben Sie für ein paar Stunden Thailand verlassen und gingen in burmesisches Gebiet, das von der Armee der Widerstandskämpfer kontrolliert wird, der Karen National Liberation Army (KNLA).

Niethammer: Wir sind dahin gegangen, weil wir gewusst haben, dass sich die Flüchtlinge dort sammeln. Die meisten Leute waren schon länger da und haben gewartet, wie es weitergeht. Als wir da angekommen sind, mit bewaffneten KNLA-Geleitschutz, und angefangen haben, Fragen zu stellen, marschierten plötzlich fünf Familien, ungefähr 30 Menschen, hoch bepackt ein. Es war eine schwangere Frau dabei, die noch zwei Kinder trug. Die Menschen kamen direkt aus dem Gebiet, in dem ihre Dörfer abgebrannt wurden. Sie waren sieben Tage lang durch vermintes Gelände geflohen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist in ihrem Dorf passiert?

Fischer: Die burmesischen Regierungssoldaten bekommen kein Sold. Sie werden angewiesen, sich davon zu bedienen, was sie im Gebiet der Karen finden. Sie haben das ganz normale Dorf besetzt, und die Leute sind sofort geflohen. Die Soldaten haben begonnen, die Bewohner zu exekutieren. Das hat uns auch ein kleiner Junge erzählt. Die Leute ziehen dann von Dorf zu Dorf und versuchen, wieder zurückzugehen. Meistens ist es dann so, dass die Dörfer vermint worden sind

Niethammer: Im Prinzip erzählt jeder Flüchtling die gleiche Geschichte: Dass die Burmesen in ihr Dorf kamen und dass es ihnen dann nicht mehr möglich war, dort zu leben und ihre Felder zu bestellen. Oder sie werden gezwungen, innerhalb von drei Tagen ihre Dörfer zu verlassen, was natürlich mit dem ganzen Hausrat und Rindern nicht möglich ist. Dann werden sie umgesiedelt in "relocation camps", wo sie quasi als Sklaven fungieren müssen und als lebende Minenräumer vor den Soldaten herlaufen müssen oder Waffen an die Front tragen müssen.

Fischer: Da sehen die Menschen keine andere Möglichkeit, als zu fliehen. Und sie wollen nicht fliehen. Wenn die Karen, eine so erdverbundene Kultur, ihre Heimat aufgeben, dann haben sie nichts mehr, was ihnen Lebensinhalt gibt. Sie sitzen dann teilweise jahrelang in den Flüchtlingsauffanglagern, bis sie nach Thailand dürfen. So geht die Kultur den Bach runter.

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Burmariders: Fahrradtour für Menschenrechte