Fahrradboom in Bangladesch Mobil durch den Moloch

Durch Bangladeschs Hauptstadt rollt eine Revolution: Die Jungen der Mittelschicht entdecken das Fahrradfahren. Sie wollen vorankommen in der verstopften Metropole Dhaka - und scheren sich nicht um gesellschaftliche Konventionen.

DPA

Dhaka -In Bangladeschs Hauptstadt Dhaka ist das Fahrrad eigentlich das Verkehrsmittel der Armen. Wer es sich leisten kann, fährt im Auto oder auf einem Motorrad durch die verstopfte 15-Millionen-Einwohner-Metropole. Und steht Ewigkeiten im Stau.

Einige junge Bangladescher aus der Mittelschicht haben nun umgesattelt und tun das in ihren Kreisen Undenkbare: Obwohl sie genug verdienen, steigen sie aufs Rad um - und haben mittlerweile Zehntausende von Nachahmern.

Vater des Bangladescher Fahrradtrends ist Mozammel Haque, der 34-jährige Manager einer Softwareentwicklungsfirma. Er war in seinem Freundeskreis der Erste, der für den Weg ins Büro aufs Rad stieg, dann folgten einige Kumpels seinem Beispiel. "Als wir eine kleine Gruppe von zehn bis zwölf Leuten beisammen hatten, wollten wir am Wochenende auch mal Touren außerhalb der Stadt machen", sagt Haque, "also gründeten wir eine Facebook-Gruppe."

BDC Cyclists hat mittlerweile über 35.000 Mitglieder. Im Forum werden Fragen von Neuradlern geklärt wie: Schwitze ich, wenn ich kilometerlang zur Arbeit fahre? Wo finde ich Pfade zum Mountainbiken? Man tauscht sich aus über Fahrradkäufe - und schwärmt von einem neuen Lebensgefühl.

35 Minuten mit dem Fahrrad statt zwei Autostunden

"Das Radfahren hat meinen Alltag verändert", sagt zum Beispiel der 20-jährige Student Siam Kibria. Früher habe er sich am Wochenende höchstens mit Freunden in einem Restaurant getroffen, denn mehr Freizeitangebote gebe es nicht. "Den ganzen Tag beschwerten wir uns über den Verkehr und darüber, dass es keine interessanten Orte mehr gibt, dass die Verantwortlichen mal die Stadt in Ordnung bringen sollten."

Nun trifft sich seine Clique zu Radtouren - und schwatzt lieber über das neue Hobby. Auch Mohammad Manzurul Quader, 34, Karate-Trainer, fährt täglich Rad. "Ich nutze es für den Arbeitsweg. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln brauche ich für die elf Kilometer anderthalb bis zwei Stunden. Mit dem Rad sind es nur 35 Minuten."

Über die Abgase machen sich die Dhakaer Radler keine Gedanken. Ihre Einstellung: Dem schwarzen Rauch entkommen wir ohnehin nicht, den atmen wir auch ein, wenn wir auf dem Motorrad oder in einer Auto-Rikscha sitzen.

"Die Nachfrage nach Fahrrädern stieg in den vergangenen zwei Jahren signifikant", sagt Nurul Haque, Generalsekretär des Verbands der Fahrradhändler und -importeure Bangladeschs. In Dhaka stehen in den Schaufenstern nun Trekking-Fahrräder, Klappfahrräder, Beach-Cruiser, Kinderräder, Freestyle-Bikes und viele weitere Typen.

Teilweise übertrifft das Angebot die Nachfrage. Und der Fahradboom verhilft manchem Jugendlichen vielleicht zu einem gesünderen Leben: "Früher prahlten sie damit herum, wer wie viele Zigaretten pro Tag raucht. Heute geben sie mit ihrem Geschwindigkeitsrekord auf dem Fahrrad an oder vergleichen mit ihren Apps, wer wie viele Kilometer in einem Monat fährt", sagen die Zweirad-Aktivisten stolz.

leh/dpa



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insgesamt 10 Beiträge
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peter_freiburg 15.04.2014
1. gute Enwicklung
Eine gute Entwicklung! Weiter so! Ich pendle auch ca. 3 mal die Woche mit dem Rad zur Arbeit (20km ein Weg). Kann es nur empfehlen.
willi2007 15.04.2014
2. Pragmatismus
In der Hauptstadt von Bangladesh, in der es außerhalb der Monsun-Zeit kaum regnet, ist das Fahrrad mit Sicherheit eine Alternative zumal sich die Busse des Öffentlichen Personennahverkehrs die Straßen mit dem Individualverkehr teilen. Es wäre gut wenn sich das Fahrrad auch in den anderen Millionenstädten in der Region seinen berechtigten Platz ganz ohne Standesdünken erobern und mehr Pragmatismus einkehren würde. Und wenn ich mir hier im Berufsverkehr die langen Schlangen von Autos anschaue, die mit nur einer Person besetzt im Stop-and-go-Verkehr Meter um Meter voranschleichen, frage ich mich schon, ob das wirklich alles so richtig ist und sein muss.
Geographus 15.04.2014
3. ...
Ist auch eigentlich ein Armutszeugnis der so genannten "höheren Schichten", wenn sie lieber 2 Stundem im Stau stehen nur um sich vom "Pöbel" auf Fahrrädern überholen zu lassen der den gleichen Weg in 1/4 der Zeit fährt. Bezüglich der Abgase muss man dies natürlich auch berücksichtigen. Nicht nur tut man durch das Fahren an sich was für seine Gesundheit, man reduziert auch die Zeit die man im Dunst steht erheblich.
krustentier120 15.04.2014
4. Super Sache
aber wieso steht man mit dem Motorrad im Stau? Das tut man ja nicht mal im regelbesessenen Deutschland. Autos sind selbstverständlich die größten Verkehrsflusshemmer.
Sibylle1969 15.04.2014
5. Interessant
Das ist das erste Mal, das ich davon höre, dass in einem Entwicklungs- oder Schwellenland Leute freiwillig das Fahrrad dem Auto vorziehen, da in diesen Ländern das Auto noch sehr stark ein Statussymbol ist. Der Trend zum Fahrrad ist nur zu begrüßen, und es wäre sehr sinnvoll, wenn in Entwicklungs- und Schwellenländern nicht dieselben Fehler gemacht werden wie hierzulande, nämlich alles einseitig dem Autoverkehr unterzuordnen. Wie siehts denn mit der Verkehrssicherheit für Radler aus? In Indien möchte ich z.B. auf gar keinen Fall mit dem Rad fahren.
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