Fahrt auf dem Kongo 300 Kilometer Wasser und Urwald

Der Kongo-Fluss ist Supermarkt, Schmuggelplatz und einziger Verkehrsweg des Landes. Wer ihn befährt, erlebt eines der letzten Abenteuer Afrikas.

Fabian v. Poser/ srt

Zwei Dinge hat Molokai immer im Kopf. Die Strömung und das Holz. Die Strömung ist berechenbar. Aber das Holz, sagt er, "ist die größte Gefahr". Molokai kauert im Bug der Piroge "HB Bonobo". Der Kongo liegt vor ihm wie ein graues Band. Der Fluss und der Himmel Zentralafrikas verschmelzen zu dieser frühen Stunde.

Immer wieder hebt der 30-Jährige den Arm nach rechts oder links, um den gewaltigen Tropenholzstämmen auszuweichen, die unvermittelt auf dem Fluss auftauchen und schon so manches Boot zerschmettert haben. Hinten sitzt Rigo auf einer Staude Kochbananen und folgt seinen Anweisungen am Ruder. Beide reden nicht viel. Nur das Nötigste. Aber sie verstehen sich blind. Das müssen sie. "Denn der Fluss verzeiht keine Fehler", sagt Molokai.

Seit zehn Jahren befahren Rigo und Molokai den Fluss. Meist transportieren sie mit ihrer Piroge Material von Kinshasas Hafen Maluku den Kongo flussaufwärts. Hin und wieder sind auch Menschen an Bord - diesmal sind wir dabei. Zwei Tage dauert die Reise von Maluku nach Tshumbiri. 300 Kilometer Wasser und Urwald. Sonst nichts. Wer an Bord des zwölf Meter langen Bootes reist, der reist bescheiden. Ein wackeliges Holzdach gibt es, ein paar Plastikstühle und einen unermüdlichen Motor mit 25 PS.

Der Kahn ist aus einem Stamm geschnitzt und gerade so breit, dass zwei Personen nebeneinander Platz haben. Zum Pinkeln müssen wir an Land gehen, aber immer nur am rechten Ufer, denn dort liegt die Demokratische Republik Kongo, von der aus wir gestartet sind. Gegenüber liegt die Republik Kongo, für die niemand an Bord ein Visum besitzt.

Reich an Schätzen und trotzdem arm

Mit 4374 Kilometern ist der Kongo nach dem Nil der zweitlängste Fluss Afrikas. Er entspringt im Süden der Demokratischen Republik Kongo etwa 100 Kilometer westlich von Lubumbashi, fließt in Richtung Norden, stürzt bei Kisangani waghalsig die Boyoma-Fälle hinunter und mäandert dann vorbei an Kinshasa und Brazzaville in Richtung Atlantik, wo er in einem etwa 40 Kilometer breiten Delta in den Ozean mündet.

Sechs Monate dauert es, bis das Wasser von der Quelle bis zur Mündung fließt. Schiffbar ist wegen der vielen unüberwindbaren Stromschnellen aber nur der 1700 Kilometer lange Mittellauf zwischen Kinshasa und Kisangani.

Viele sagen: Wer Afrika verstehen will, der muss den Kongo verstehen. Zu Recht. Vom Potenzial her ist der Kongo einer der reichsten Staaten der Erde: Gold, Diamanten, Kupfer, Kobalt, Coltan, Uran, Erdöl. Dazu kommen tropische Früchte, Kaffee und eine Natur, die es kein zweites Mal gibt: mit Waldelefanten, Bongo-Antilopen, Gorillas und Bonobos. Allein mit seinen Agrarflächen könnte der Kongo den ganzen Kontinent ernähren. Doch das Land zählt zu den ärmsten der Erde.

Von der brutalen Ausbeutung durch Belgiens König Leopold II. Ende des 19. Jahrhunderts - vom britischen Schriftsteller Joseph Conrad in "Herz der Finsternis" beschrieben - hat sich das Land nie erholt. 1960 wurde der Kongo als Zaire unabhängig. Was folgte, waren 40 Jahre Diktatur unter Mobutu und zehn Jahre Bürgerkrieg. Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen liegt heute bei 398 Dollar. Das macht den Kongo zum viertärmsten Land der Erde. Auf dem Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International nahm das Land 2015 Platz 147 ein, noch hinter den Komoren, Papua-Neuguinea und dem Tschad.

Zusammengehalten wird dieser zerrüttete Staat nur von dem Strom, auf dem wir gerade schippern. In einem Land, in dem es weniger als 3000 Kilometer geteerte Straßen gibt und in dem sämtliche Airlines auf den schwarzen Listen der Welt stehen, ist jedes Schiff, und sei es noch so langsam, verrostet und überladen, ein verlässliches Verkehrsmittel.

2000 Menschen auf schwimmenden Dörfern

Immer wieder weichen Rigo und Molokai riesigen Schubverbänden aus. Sie sind mehrere Hundert Meter lang und 2000 PS stark. Hoffnungslos überfüllt mit Mensch und Tier treiben diese schwimmenden Dörfer träge auf dem Fluss. An Bord gibt es keine erste oder zweite Klasse, sondern nur eine fünfte. Die Menschen kampieren auf den Holzstapeln. Bis zu 2000 Passagiere finden auf einem einzigen Schiff Platz. Apathisch liegen sie in der feuchten Hitze. Es riecht nach Holzkohle, selbstgebranntem Schnaps und Schweiß.

30 Tage dauert ihre Fahrt von Kinshasa nach Kisangani, häufig auch länger. Auf den Schubverbänden sind komplette Städte eingerichtet - mit Küchen, Ärzten, Polizei. Und die Schiffe auf dem Fluss bieten Arbeit: den Bauern, die ihre Ernte verkaufen. Und den Fischern, die ihren Fang an den Mann bringen. Aale, Barsche, Welse, gekocht, gegrillt und geräuchert, lebendig und tot.

Schubverband auf dem Kongo
Fabian v. Poser/ srt

Schubverband auf dem Kongo

Gegen die Schubverbände auf dem Fluss wirkt unsere Piroge wie ein Ferrari. Sie machen fünf km/h, wir etwa 15. Als am ersten Abend die Sonne untergeht, leuchtet der Himmel über dem Fluss kupferfarben. Wir dösen auf den Plastikstühlen, während das Licht weicht. Aber nicht allzu lange, denn in der Dämmerung wird der Kongo zur Mückenhölle.

Dann kündigen sich grollende Gewitter an. Wie aus dem Nichts fegen aus allen Himmelsrichtungen Blitze heran. Für Sekundenbruchteile ist der Kongo beleuchtet wie eine Märchenlandschaft. Es bläst mit acht Windstärken.

Auf dem Boot wird es ungemütlich. Der Regen prasselt waagrecht unters Dach. Die Abdeckung peitscht gegen die Stangen. Wir zittern, schweigen, beten. Doch nichts hilft. Der Holzboden steht unter Wasser. Binnen Minuten ist alles durchweicht. Rigo steuert das Boot an Land. Im strömenden Regen bauen wir unsere Zelte auf. Es sind europäische Zelte. Sie sollten wasserdicht sein - ein Witz.

Gegrillte Kochbanane zum Frühstück

Noch vor Sonnenaufgang hat sich der Sturm gelegt, und wir sitzen wieder auf der Piroge. Im Morgenlicht sieht der Kongo freundlicher aus. Am Ufer dampfen jetzt die Feuer vor den Strohhütten. Rigo kocht Tee, spießt gegrillte Kochbananen auf ein Messer und hält sie uns hin. Als die Sonne über die Urwaldriesen steigt, passiert die "HS Bonobo" die Mündung des Kwa, des größten Zuflusses des Kongo. "Die gefährlichste Stelle", sagt Molokai. "Es gibt extreme Strömungen."

Das Boot wird durchgeschüttelt wie auf hoher See. Einmal schwappt eine mannshohe Welle über die Planken: Wieder stehen wir bis zu den Knien im Wasser. Dann sind wir aus dem Gröbsten raus. Nach mehr als 30 Stunden nähern wir uns Tshumbiri, einem Ort ohne Straßen, Autos, Strom und Gesetze.

Über wackelige Planken balancieren wir an Land. Die Schubverbände haben den Großteil des Weges noch vor sich: Sie fahren weiter bis nach Kisangani. Unter drei Wochen schaffen sie das nie.

Weitere Informationen
Anreise
Brussels Airlines fliegt die kongolesische Hauptstadt über Brüssel in etwa acht Stunden ab 650 Euro an (www.brusselsairlines.com).
Turkish Airlines bedient Kinshasa via Istanbul (www.turkishairlines.com).
Einreise
Für die Einreise ist ein Visum erforderlich, das bei der Botschaft der Demokratischen Republik Kongo in Berlin für 84 Euro (Adresse s.u.) erhältlich ist. Der Reisepass muss noch mindestens sechs Monate über das Ausreisedatum hinaus gültig sein.
Botschaft der Demokratischen Republik Kongo
Ulmenallee 42a
14050 Berlin
Tel. 030/30111298
www.ambardc.de
Beste Reisezeit
Der Kongo hat zwei Jahreszeiten, die Regenzeit und die Trockenzeit. In der tropischen Region nahe dem Äquator herrscht Hauptregenzeit zwischen Oktober und Mai. Nach Süden nehmen die Regen ab.
Pauschalreisen
Der Dresdner Erlebnisreiseanbieter Diamir (www.diamir.de) hat die 15-tägige Erlebnisreise "Mythos Kongo - im Reich der Bonobos" inklusive dreitätiger Bootsfahrt auf dem Kongo-Fluss und Bonobo-Beobachtung in Malebo ab 4150 Euro im Programm.
Der britische Veranstalter Undiscovered Destinations (www.undiscovered-destinations.com) bietet Touren auf verschiedenen Abschnitten des Flusses an, z. B. 29 Tage von Mbandaka über Lisala nach Kisangani ab umgerechnet etwa 5307 Euro.
Auch das Londoner Unternehmen Wild Frontiers hat den Kongo im Programm (www.wildfrontiers.co.uk).
Gesundheit
Für die Einreise ist eine Gelbfieberimpfung erforderlich. Unbedingt schützen sollte man sich auch gegen Malaria, Hepatitis A und B, Meningokokken-Meningitis sowie gegen Tetanus, Diphterie, Keuchhusten und Polio (Vierfach-Impfung). In stehenden Gewässern und am Kongo-Fluss wegen der Bilharziose-Gefahr nicht baden. Stets auf Trinkwasserhygiene achten!
Sicherheit
Eine Reise auf dem Kongo ist ein anstrengendes Vergnügen. Wer eine organisierte Tour bucht, für den ist das Risiko jedoch relativ überschaubar. Aktuelle Sicherheitshinweise finden sich auf der Webseite des Auswärtigen Amts unter www.auswaertiges-amt.de.
Buchtipps
Joseph Conrad,
"Herz der Finsternis",
Diogenes-Verlag,
ISBN 978-3-257-23486-2,
9,90 Euro;

David van Reybrouck,
"Kongo - eine Geschichte",
Suhrkamp Verlag,
ISBN 978-3-51846-445-8,
14 Euro.

Fabian von Poser, srt

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
johannesbueckler 31.10.2016
1. Durchaus interessant geschrieben,
Aber vielleicht erkennt der Autor, dass linkes/rechtes Ufer bei Flüssen in Laufrichtung des Wassers definiert wird, auch wenn man stromaufwärts fährt. Das heißt, auf dem beschriebenen Abschnitt liegt die DRK auf dem südlichen LINKEN Ufer.
fatherted98 31.10.2016
2. muss man nicht haben...
...sicherlich ein schönes Abenteur für den Autor der damit sicher auch Geld verdienen möchte. Dem Abenteuer Touristen rate ich dringend davon ab....die Kriminalität in dieser Region ist durch den rechtsfreien Raum dort nicht zu kontrollieren. Das Ganze ist eher ein russisches Roulette...
Beat.Adler 31.10.2016
3. Das stimmt nicht: Die Kriminalitaetsrate in der D.R.Kongo ist sehr niedrig.
Zitat von fatherted98...sicherlich ein schönes Abenteur für den Autor der damit sicher auch Geld verdienen möchte. Dem Abenteuer Touristen rate ich dringend davon ab....die Kriminalität in dieser Region ist durch den rechtsfreien Raum dort nicht zu kontrollieren. Das Ganze ist eher ein russisches Roulette...
Das stimmt nicht: Die Kriminalitaetsrate in der D.R.Kongo ist sehr niedrig. Das schreibt jemand, der in den vergangen 3 Jahren haeufig fuer laengere Zeit in der D.R.Kongo war und vorher viel in Nigeria, Kenia, Tanzania und Suedafrika, die alle viel hoehere Kriminalitaetsraten haben. In der D.R.Kongo kann ich als Weisser zu jeder Zeit an jeden Ort, in den anderen Staaten niemals. Trotzdem ist die D.R.Kongo nicht fuer Touristen eingerichtet. Die Staatsbeamten sind "klebrige" Sucré (= lokales Wort fuer Schmiergeld) Eintreiber. Das beginnt bei Ankunft am Flughafen und hoert nicht mehr auf bis zum Einsteigen beim Abflug. mfG Beat
syracusa 31.10.2016
4.
Zitat von johannesbuecklerAber vielleicht erkennt der Autor, dass linkes/rechtes Ufer bei Flüssen in Laufrichtung des Wassers definiert wird, auch wenn man stromaufwärts fährt. Das heißt, auf dem beschriebenen Abschnitt liegt die DRK auf dem südlichen LINKEN Ufer.
Der Autor hat den Bericht aber nicht für Seeleute verfasst. Hätte er es navigatorisch korrekt beschrieben, dann hätten 95% der Leser das falsch verstanden. Und verstanden zu werden ist für jeden Autor das Allerwichtigste. Alles richtig gemacht, Autor.
troy_mcclure 31.10.2016
5.
Zitat von syracusaDer Autor hat den Bericht aber nicht für Seeleute verfasst. Hätte er es navigatorisch korrekt beschrieben, dann hätten 95% der Leser das falsch verstanden. Und verstanden zu werden ist für jeden Autor das Allerwichtigste. Alles richtig gemacht, Autor.
Na ja, Seemann muss man nicht sein, um das zu wissen. Da hat sich der Autor etwas undeutlich/unsauber ausgedrückt. Finde ich aber nicht schlimm, insgesamt ist der Bericht super.
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