Grüner Tourismus in Südafrika: Reisen mit gutem Gewissen

Von Kerstin Walker

Löwen beobachten, durch Kapstadts Straßen streifen, den Tafelberg erklimmen - Südafrika ist beliebt bei deutschen Reisenden. Doch oft schadet Tourismus den Menschen im Land. Eine Fairtrade-Organisation setzt im Urlaubsgeschäft auf gerechte Löhne und Umweltschutz, ein Hostel am Kap macht mit.

Grüner Tourismus in Südafrika: Unterkünfte mit Fairtrade-Siegel Fotos
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Rummms! Das Wasserglas zittert, einzelne Papierservietten segeln unter den Tresen. Toni Shina, grüner Lidstrich, schillerndes Kleid und Leggings, schmettert einen kiloschweren Ordner auf den Tresen im The Backpack, Kapstadts einzige, von Fair Trade in Tourism zertifizierte Herberge für Rucksacktouristen. Toni, neben Freundin Lee Harris seit 22 Jahren Chefin des Hauses, grinst: "In diesem Wälzer steckt alles, was wir für die kleine Plakette tun mussten."

Das runde Siegel mit grün-schwarzem Aufdruck sieht unspektakulär aus, aber es markiert eine Veränderung in der Tourismusbranche Südafrikas - in Richtung verantwortungsvolles, bewusstes Reisen. 2003 wurde Fair Trade in Tourism (FTTSA) gegründet. Die Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Johannesburg hat bisher 62 Unterkünfte und Anlagen mit dem Siegel ausgezeichnet. Darunter Toni Shinas The Backpack, etliche Gästehäuser und Lodges, einen Golfclub und ein Luxusweingut in Stellenbosch.

Doch was heißt eigentlich Fairtrade beim Reisen? "Wer hier ein Gästehaus nach den Regeln des fairen Handels betreiben will, muss schon revolutionäre Veränderungen anschieben," sagt Toni Shina. Sie spricht von fairen Löhnen, annehmbaren Arbeitsbedingungen, modernen Umweltstandards und einer ethischen Unternehmensführung. Revolutionär sind diese, weil das Land fast 20 Jahre nach der Apartheid noch immer gezeichnet ist von alten Mustern.

Primerose zum Beispiel, Tonis Angestellte am Empfang, war arbeitslos und lebte jahrelang in den Tag hinein. Im The Backpack bekam sie eine Ausbildung, einen festen Arbeitsvertrag und ihr erstes, angemessenes Gehalt. Auch das Recht auf Mutterschutz ist vertraglich festgelegt. Fairtrade-Betriebe setzen voraus, dass Respekt und Demokratie unter den Mitarbeitern, aber auch zwischen Gästen und Angestellten gelebt werden. Primerose, die junge Schwarze, sagt: "Das hat mich anfangs völlig überfordert." Kontakt auf Augenhöhe will erst einmal gelernt werden. Doch wer sich seiner Chancen bewusst ist, wird auch einen guten Job nicht hinwerfen, so die Hoffnungen.

Primerose füllt am Empfang die Papiere aus. Man sieht junge Rucksacktouristen mit Lonely-Planet-Reiseführern unterm Arm oder kulturell interessierte Ältere, denen es anscheinend nicht egal ist, wo sie schlafen. Sie sagt: "Unsere Gäste sind super vernetzt und schätzen es, fair zu reisen. Die meisten erzählen, sie hätten im Internet gezielt nach einer ausgezeichneten Unterkunft gesucht." Dabei unterscheidet sich The Backpack rein optisch nicht von anderen Herbergen. Sein Look liegt irgendwo zwischen lässiger Luxusjugendherberge und stilvollem Gästehaus.

Wasseraufbereitungsanlagen und HIV-Aufklärung

Katarina Mancama, Mitarbeiterin von FTTSA in Johannesburg und gebürtige Schwedin, sagt: "Fairtrade ist ein Weg, die Arbeits- und Perspektivlosigkeit endlich in den Griff zu kriegen." Die Quote, vor allem die der Langzeitarbeitslosen, liegt bei 40 Prozent. Die Mitarbeiterin sagt, 62 ausgezeichnete Fairtrade-Unterkünfte seien "ein Tropfen auf den heißen Stein", um der Arbeitslosigkeit mit sicheren Arbeitsplätzen entgegenzusteuern. Aber es sei ein erster Schritt in die richtige Richtung.

"Die Prüfungen finden alle zwei Jahre statt. Dabei checken wir auch, ob die Geldflüsse fair und vor allem transparent sind", erklärt sie. Zum Beispiel müssen Reiseveranstalter ihre Partnerhoteliers vorab bezahlt haben, ehe der Gast eintrifft. Das meist zwei bis drei Tage dauernde Zertifizierungsprocedere finden einige Hoteliers ziemlich nervtötend. Toni Shina und Lee Harris dagegen sagen: "Nur die erste Runde vor sechs Jahren war wirklich schwierig. Wer einigermaßen organisiert ist, weiß spätestens dann, womit man beim nächsten Mal konfrontiert ist."

Selbst die Kosten für den Check-up verbuchen die cleveren Geschäftsfrauen dank steigender Buchungen als Gewinn. Nur an einem Punkt, wenn die Sprache auf den fehlenden Austausch untereinander kommt, wird Toni Shina richtig ärgerlich: "In Johannesburg erwartet man, dass sich Fair-Trade-Mitglieder vernetzen. Wir sollen Erfahrungen austauschen, wie wir unseren Standard erreicht haben." Fakt aber ist, dass die meisten, so Shina, "daran überhaupt kein Interesse haben".

Dabei geht es auch darum, wirksame und neue Ideen zu entwickeln. The Backpack zum Beispiel sorgt mit einer großen Trinkwasseraufbereitungsanlage dafür, dass keiner der Gäste mehr auf Wasserflaschen aus Kunststoff zurückgreifen muss. Die ungeheuren Massen von Plastikmüll sind ein weiteres großes Problem Südafrikas. Fast schon selbstverständlich ist, dass sich Betriebe wie The Backpack auch sozial engagieren. Große Tafeln mit bunten Kreidelettern informieren gleich am Eingang über Selbsthilfeprojekte in Townships, die Toni und die Kollegen angeschoben haben, oder über HIV-Aufklärungsmodelle.

"Hier läuft es eben nicht wie in Deutschland, wo es ein stabiles Sozialsystem gibt. Das müssen wir leisten", sagt Toni Shina. "Es war ein langer Prozess, das zu erkennen und anzunehmen." Auf die Frage, warum sie sich so engagiert, kann sie nur lachen. "Es ist über zwei Jahrzehnte her, dass wir unser Gästehaus aufbauten. Da gehörte Apartheid zum Alltag." Im Tourismus wurden Schwarze als billige Arbeitskräfte und unter unzumutbaren Arbeitsbedingungen beschäftigt und ausgebeutet. So manche Reisende haben Südafrika aus diesem Grund gemieden. Shina klopft auf ihren prall gefüllten FTTSA-Ordner und sagt: "Damit sind wir schon ein ganzes Stück weiter gekommen. Vielleicht erreichen alle irgendwann ein faires Niveau."

Faire Partner in Deutschland

"Für jeden, der reist, ist das Siegel eine Garantie", sagt Ingo Lies, Geschäftsführer von Chamäleon Reisen. Das Berliner Unternehmen veranstaltet pro Jahr rund 120 Südafrika-Gruppenreisen. Es geht nach Kapstadt, die Garden Route entlang oder zum Krüger-Nationalpark. Bisher tragen nur einige der Unterkünfte, mit denen Chamäleon Reisen zusammenarbeitet, das Fair-Trade-Zertifikat. "Manche haben das Prüfungsverfahren einfach noch nicht durchlaufen", sagt Lies. "Mit Partnern, die wir schon lange kennen, arbeiten wir auch ohne Siegel zusammen. Manchmal muss man den Dingen eben Zeit geben, wenn man in Südafrika etwas anschieben will."

Einzige Ausnahme unter den Reiseveranstaltern bildet SKR Reisen in Köln, der seit vergangenem Herbst eine komplett zertifizierte Rundreise entlang der Garden Route anbietet. "Wir trinken Fairtrade-Kaffee, warum sollte man nicht auch fair reisen?", argumentiert Katharina Siebert, Produktmanagerin und Entwicklerin des Trips. Fast ein ganzes Jahr verging, bis sie und ihr Team alle Unterkünfte gefunden und die Verträge vor Ort abgewickelt hatte.

Bevor es dann endlich losgehen konnte, wurde SKR Reisen selbst von einem FTTSA-Angestellten durchleuchtet. Diese Prüfung kostete rund 6000 Euro. Sämtliche Arbeitsverträge und die Zahlungsmodalitäten gegenüber den südafrikanischen Partnern wurden ebenfalls auf Herz und Nieren geprüft. Katharina Siebert gibt zu: "Viel Aufwand für eine einzelne Reise." Aber ein lohnenswerter, wenn man sieht, wie der verantwortungsvolle Tourismus wächst.

Jährlich kommen immerhin rund sieben Millionen Gäste ins Land. Mit über 2,3 Milliarden Dollar trägt die Branche damit erheblich zum Bruttoinlandsprodukt Südafrikas bei. "Damit wächst auch die Nachfrage, und das Fairtrade-Modell wird erfolgreicher werden." Katarina Mancama ist sich da sicher.

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1. wer es...
andy69 20.08.2012
Zitat von sysopLöwen beobachten, durch Kapstadts Straßen streifen, den Tafelberg erklimmen - Südafrika ist beliebt bei deutschen Reisenden. Doch wann tut Tourismus gut? Eine Fair-Trade-Organisation will gerechte Löhne und Umweltschutz auch im Urlaubsgeschäft erreichen, ein Hostel am Kap macht mit. Fair-Trade-Siegel im Tourismus: Grüner reisen in Südafrika - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,836027,00.html)
... wirklich konsequent mit dem Thema Umweltschutz hält, bleibt gleich ganz daheim. Alles andere ist scheinheilig. Es gibt keinen grünen Tourismus über eine Distanz von 10.000km mit entsprechendem CO2 Ausstoss. Das ist so, wie wenn ich mir den dicksten SUV mit einem Hybridmotor kaufe. Zwar besser als gar nix, aber eben nicht konsequent. Der soziale Nutzen vor Ort mit Fair Trade etc. ist dann schon Makulatur. Nur zur Erinnerung für all die Öko-Moralapostel hier im Forum, die bei anderen Themen (z.B Auto) immer alles gleich verbieten wollen...
2. schön wär's!
momone 20.08.2012
DER WEG IST DAS PROBLEM! erst wenn die Millionen Touristen sich weigern, in die lärmenden, dreckigen und stinkenden Jets zu steigen, um bis ans Ende der Welt zu düsen, können sie guten Gewissens reisen - oder auch ganz daruf verzichten. Muss man wirklich alles GESEHEN haben? Der Preis dafür ist zu hoch.
3.
Oskar ist der Beste 20.08.2012
ich glaube, der Bericht ist eher eine Werbemassnahme der Tourismusindustrie in Sued Afrika, da das Land letzte Woche ja nicht gerade positiv in den Nachrichten bewertet wurde angesichts von 50 Toten im Zusammenhang mit einem Streik. Und wenn man weiss, wie es in den aermeren Stadtteilen von Kapstadt zugeht gerade im Hinblick auf die Verwendung von Wasser - Stichwort kaputte Wasserrohre - dann ist es mit dem Umweltschutz auch nicht weit her dort einmal ganz davon abgesehen, dass ein 12 Stunden Flug fuer die Klimabilanz auch nicht wirklich foerderlich ist. Daher sollte man das Thema Umweltschutz und Fernreisen eher vorsichtig betrachten...ich jedenfalls weiss, dass ich bei meinen Fernreisen eine Umweltbelastung erzeuge.
4. Am umweltfreundlichsten wäre es...
oli h 20.08.2012
Zitat von momoneDER WEG IST DAS PROBLEM! erst wenn die Millionen Touristen sich weigern, in die lärmenden, dreckigen und stinkenden Jets zu steigen, um bis ans Ende der Welt zu düsen, können sie guten Gewissens reisen - oder auch ganz daruf verzichten. Muss man wirklich alles GESEHEN haben? Der Preis dafür ist zu hoch.
man kommt erst gar nicht auf die Welt. Andererseits spart man als Vegetarier z. B. schon bis zu eine Tonne CO2 im Jahr, da kann man sich eine Reise schon mal leisten. Abgesehen davon fänd ich so ein Siegel hierzulande auch nicht schlecht. Zwar sind die Arbeitsbedingungen nicht mal ansatzweise zu vergleichen aber auch hier gibt es Hotels die ihre Mitarbeiter ausbeuten und das müssen nicht die billigsten sein.
5. "grüner" Tourismus in der Tat
abc-xyz 20.08.2012
Zitat von sysopLöwen beobachten, durch Kapstadts Straßen streifen, den Tafelberg erklimmen - Südafrika ist beliebt bei deutschen Reisenden. Doch wann tut Tourismus gut? Eine Fair-Trade-Organisation will gerechte Löhne und Umweltschutz auch im Urlaubsgeschäft erreichen, ein Hostel am Kap macht mit. Fair-Trade-Siegel im Tourismus: Grüner reisen in Südafrika - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,836027,00.html)
Ich finde den Begriff "grün" genau richtig gewählt. Die Bionade-Kaste ist genau das Klientel, dass hier angesprochen wird. Erst mal 20000 CO2 Kilometer produziert, aber dann den Latte Machiato mit Zutaten aus den (Pseudo-) Bioanbau. Zuhause fährt man dann mit den Q7 vorm Biomarkt und echauffiert sich über den Plebs, der den Atomstrom nutzen will/muss, während man seine Solaranlage auf dem Dach hat und seine Einspeisevergütung schon für den nächsten "grünen" Intercontinentaltripp plant. New Zealand soll sogar sehr "grün" sein. Na dann auf...
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