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28. Dezember 2012, 13:14 Uhr

Mit Kindern auf Weltreise

Oh Kauri-Baum, oh Kauri-Baum!

Ob im Schmetterlingshaus oder beim Strandpicknick: In Neuseeland wimmelt es vor weltreisenden Familien. Alexandra Frank, die fünf Monate lang mit Mann und zwei Kindern unterwegs ist, verliert das Gefühl, etwas Extremes zu unternehmen. Dabei verlief Weihnachten alles andere als normal.

Unsere letzten Tage in Chile und die ersten Tage in Neuseeland hatten eines gemeinsam: Wir liefen stundenlang durch Shoppingmalls. Unser Rucksack war gestohlen worden, in Chile, zwei Tage vor unserem Weiterflug. Statt Parks, Stränden, Sehenswürdigkeiten sahen wir von Auckland also nur Boutiquen, Schuhgeschäfte, Outdoorausstatter.

Normalerweise gehe ich gerne shoppen. Aber nicht unter Druck (die Kinder von Kopf bis Knöchel neu einkleiden) mit einem schlecht gelaunten Mann und nörgelndem Nachwuchs im Schlepptau.

Mitten im Einkaufsstress zupfte meine Tochter plötzlich an meinem Ärmel. "Mama, was ist das für ein Mann?", wollte sie wissen.

Es handelte sich um einen Weihnachtsmann. Aber meine Tochter hatte ihn nicht erkannt. Er trug Shorts, Flip-Flops und Sonnenbrille. Dazu einen roten Cowboyhut mit weißen Puscheln. Er schien zu schwitzen unter seinem Wattebart. "Ho, ho, ho!", brüllte er und schwenkte mit seiner braungebrannten Hand eine Glocke.

Mein Kind sah ihn fassungslos an und fragte dann: "Findet uns denn der Weihnachtsmann in Neuseeland?"

"Klar", sagte mein Mann.

"Ich bin mir da nicht sicher", raunte ich ihm zu. Im geklauten Rucksack waren sämtliche Weihnachtsgeschenke.

Neu eingekleidet verlassen wir Auckland mit einem gemieteten Wohnmobil. Wir passieren Wälder voller schwarzstämmiger Farne, die sich rank und schlank wie Palmen in den Himmel empor strecken. Weiß blühende Manuka-Bäume, von denen das Teebaumöl stammt, das wir zu Hause gegen Erkältungen einsetzen. Pohutukawa-Bäume, die gerne als neuseeländische Weihnachtsbäume bezeichnet werden, weil sie um diese Jahreszeit eine rote Blütenpracht tragen.

Pipi- und Panoramapausen

Ein paar Tage lang fahren wir über die Peninsula Coromandel, eine Halbinsel östlich von Auckland. Unterwegs begegnen wir einer anderen deutschen Familie mit zwei kleinen Kindern.

Nachmittags, als wir sie kennenlernen, haben sie bereits eine Wanderung und den Besuch eines Museums hinter sich, für den späteren Nachmittag planen sie eine Tour mit einem Ausflugsboot. Danach wollen sie noch zwei Stunden weiterfahren zu ihrer nächsten Station.

Eigentlich wollten wir uns später noch einmal treffen. Aber es gelingt uns nicht, sie einzuholen.

"Wie schaffen die das nur?", frage ich meinen Mann. Ich bin wirklich schwer beeindruckt. Wir selber kommen meist erst mittags los.

Wenn wir Glück haben, schaffen wir pro Tag eine Aktivität: die Fahrt mit einer Bimmelbahn zu einem Aussichtspunkt in den Bergen. Ein Bad im Fluss bei Thames, einem ehemaligen Goldgräberstädtchen. Ein Strandspaziergang, der Besuch eines Schmetterlingshauses. Mehr ist meist nicht drin. Denn unterwegs gibt es Pipipausen, Essenspausen, Spielplatzpausen - und Panoramapausen. So nennt mein Mann die vielen Stopps, die wir immer wieder einlegen, um die Landschaft zu bewundern. Grünbewachsene Hügel, die zum Meer hinabfallen. Türkises Wasser, das an eine kurvenreiche Küstenlinie schwappt. Schwarze Felsen, die steil ins Meer hinabfallen. Sandstrände so hell, dass wir sie ohne Sonnenbrille kaum betreten können.

Eine Wickelpause wird zum Strandpicknick

Die andere Familie, die uns per SMS über den weiteren Verlauf ihrer Reise auf dem Laufenden hält, war bereits nach zwei Tagen dort, wo wir erst nach einer Woche aufkreuzten.

Dafür genießen wir die Spontaneität. Eine Wickelpause wird zu einem ausgedehnten Strandpicknick, ein kurzer Abstecher zu heißen Thermalquellen am Ufer zum Badenachmittag, eine Stippvisite beim Spielplatz Auftakt einer langen Nacht, in der wir uns mit anderen reisenden Eltern unterhalten. Und davon gibt es hier in Neuseeland viele. Eine fünfmonatige Reise, wie wir sie machen, scheint kein Extremfall, sondern schon fast zur Norm geworden zu sein unter den reisenden Familien, denen wir begegnen.

Wahrscheinlich sind wir nicht die einzigen Eltern hier, die Weihnachten dieses Jahr fast vergessen hätten. Im Gegensatz zum Kind. Auf einem Campingplatz entdeckte es einen Weihnachtsbaum aus Plastik - mit Zuckerkringeln, bunten Kugeln, Muscheln und kleinen Flip-Flops.

"Ich will auch einen Weihnachtsbaum", forderte unser Kind. Das Baby kniete vor dem Plastikgestrüpp und griff nach silbrigen Kugeln. Die Betreiberin des Campingplatzes hatte Mitleid mit den beiden, nachdem ich ihr von dem Rucksackdiebstahl erzählte. Sie schenkte uns einen kleinen Plastikweihnachtsbaum mit blinkenden Lichtern.

"Kitschig!", sagte der Blick meines Mannes.

"Toll!", sagte meine Tochter strahlend.

Das Baby versuchte, sich die Drahtäste in den Mund zu stopfen.

Ich zuckte mit den Achseln. "Ein deutsches Weihnachten kriegen wir hier eh nicht hin", sagte ich abends zu meinem Mann, als die Kinder schon schliefen. "Lass uns doch etwas ganz anderes machen."

Bescherung am Strand

Also standen wir an Heiligabend in Wanderschuhen und mit Taschenlampen ausgestattet vor Wiremu Mattu, einem Maori-Reiseführer. Wiremu nahm uns mit auf eine Nachtwanderung durch den Waipoua Forest. Er sang Maorilieder und betete zu den Bäumen, während irgendwo im Dickicht ein Kiwi schrie. Der Guide erzählte uns, dass drei Viertel aller Kauri-Bäume hier, im Norden Neuseelands, wachsen - einen besonders mächtigen Vertreter zeigte er uns auch.

Ehrfürchtig starrten wir auf den Matua Ngahere, den 3000 Jahre alten Vater des Waldes. Der Stamm des riesigen Kauri-Baums hatte einen Umfang von mehr als 16 Metern. Da kann kein Weihnachtsbaum mithalten.

Bei den Neuseeländern findet die Bescherung traditionell am 25. Dezember statt. Wir saßen an diesem Tag am Strand, zwischen uns der kleine Plastikbaum. Statt selbstgebackener Weihnachtsplätzchen gab es gegrillte Marshmallows und das Baby präsentierte uns als Geschenk seinen ersten Zahn.

"Wollen wir nächstes Jahr wieder so Weihnachten feiern?", fragte meine Tochter. Ich nickte begeistert. "Mal schauen", sagte mein Mann.

Bis März 2013 wird Alexandra Frank regelmäßig von ihren Erlebnissen als Familie auf Weltreise bei SPIEGEL ONLINE berichten.

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