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Mit Kindern durch die USA : Ein feiner Zug

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Ein Abteil von sechs Quadratmetern, Stockbetten und 75 Stunden Fahrt: Wer mit zwei kleinen Kindern per Zug einmal quer durch die USA reisen will, kann schon mal Bammel kriegen. Zum Glück gibt es das Panorama-Abteil. Und Kühe.

USA-Reise mit Kindern: Im Zug von San Francisco nach New York Fotos
Inka Schmeling

"Die ersten Siedler haben damals viel länger gebraucht für ihre Reise durch Amerika", sage ich, "und die hatten ja auch ihre Kinder dabei." Meinen Sohn und meine Tochter möchte ich damit genauso beruhigen wie mich selbst: Ich fühle mich wie eine Bungeespringerin, deren Zehenspitzen schon die Absprungkante berühren. Nach vier Wochen in Kalifornien stehen wir morgens um neun am Bahnhof bei San Francisco und steigen gleich in den Zug Richtung Osten. Gute 53 Stunden braucht er bis Chicago und dann, nach einem Tag Pause, sind es noch einmal 22 Stunden bis New York.

Bei unserer Reiseplanung hatten mein Mann und ich uns in die Idee verliebt, Amerika zu sehen und uns gleichzeitig entspannt um unsere Kinder kümmern zu können. Doch jetzt am Bahnsteig frage ich mich plötzlich, ob das überhaupt gut gehen kann: 75 Stunden in einem Familienabteil von knapp sechs Quadratmetern, das gerade mal aus zwei Stockbetten in Kinder- und Erwachsenengröße und zwei Fenstern besteht. Die Zugfahrt ist etwa sechsmal so lang, wie unser Flug nach Los Angeles gedauert hat. Und da hätte es immerhin zur Not noch einen Fernseher mit Kinderprogramm gegeben.

Draußen fliegt die Landschaft vorbei

Zugfahren ist zum Glück verblüffend ähnlich wie Fernsehen, darum haben die amerikanischen Amtrak-Züge auch in einem Waggon eine Art Kinosaal: die Panorama-Lounge, in der Wände und Dach verglast sind. Hinter den leinwandgroßen Scheiben sehen wir vier unsere ganz eigenen Filme.

"Kühe!", ruft die zweijährige Tochter, Spitzname Kleopatra. "Pferde! Kühe! Pferde! Kühe! Rehe! Elche! Lamas! Kühe!" Auch mein Mann und ich sehen unseren ganz persönlichen Dokumentarfilm über Amerika - hinter der Scheibe und auch davor: Während wir einige Stunden nach der Abfahrt die schroffen Berge der Sierra Nevada überqueren, zeigt uns ein pensionierter Arzt den tiefblauen Donner Lake in einer Senke. Als ein Siedlertreck im Winter 1846 am Ufer dieses Sees eingeschneit wurde, überlebte rund die Hälfte der Gruppe nur, weil sie die verstorbenen Mitreisenden aß.

In der Partystadt Reno steigt eine Junggesellinnengruppe aus, die seit Sacramento Fruchtbowle getrunken hat; auf der Strecke durch die weite Wüstensteppe von Nevada und Utah sitzen drei Mormonen mit uns im Panorama-Wagen. Wir begleiten den Green River und den Colorado River ein Stück weit entlang ihrer Canyons, bestaunen die verschneiten Rocky Mountains, kurz vor Chicago überqueren wir den zugefrorenen Mississippi.

Speck und Ei zum Frühstück

Wenn die Kinder abends schlafen, lesen mein Mann und ich uns auf unseren Betten die ausführliche Routenbeschreibung für den nächsten Tag durch. Ab Chicago wird die Fahrt durch Pennsylvania, Maryland, West Virginia zur Geschichtsstunde: Hier stahlen die Konföderierten im Amerikanischen Bürgerkrieg nicht nur einen Zug, sondern gleich auch die Gleise. Und dort die Stadt Harpers Ferry, sie wechselte im Bürgerkrieg 13-mal die Fahne. Beim Umsteigen in Washington sehen wir in der Ferne die Kuppel des Kapitols, während wir unsere Kinder an den Händen durch die frische Luft wirbeln.

Unser knapp sechsjähriger Sohn, Spitzname Nepomuk, setzt andere Schwerpunkte. Am meisten gefällt ihm an der Zugfahrt: die Tischdecke aus Papier im Speisewagen. So werden aus den Mahlzeiten - zum Frühstück werden Toast, Speck und Eier serviert, zu Mittag Hot Dogs oder Veggie Burger und abends Fisch oder Rindersteak - für ihn immer auch Malzeiten.

Eines der beiden oberen Betten in unserem Familienschlafabteil funktioniert er zur Lego-Werkstatt um. Aus dem Reiseführer interessiert ihn vor allem eine Anekdote: Wie die Kinder der Siedlertrecks im 19. Jahrhundert die Frisbeescheibe erfunden haben. Spielzeug durften sie damals nicht mitnehmen auf ihre Reise durch Amerika, also sollen sie sich in den Rastpausen getrocknete Büffelfladen zugeworfen haben.

Pause in Chicago

Dass der Detailblick von Vorteil sein kann, wird mir beim Pausentag in Chicago bewusst. Während mein Mann und ich vormittags im Field Museum das weltgrößte T-Rex-Skelett bestaunen, hat unser Sohn längst ein noch spannenderes Exponat entdeckt: Ein Museumsmitarbeiter zeigt ihm einen Brocken versteinerter Dinosaurierkotze.

Einige Stunden später, als meine Zehenspitzen die Kante des 103. Stocks im Willis Tower, dem höchsten Gebäude der Stadt berühren, wird mir nicht nur schummerig, weil mein Körper noch an das gleichmäßige Rattern des Zuges gewöhnt ist, das uns vier nachts immer so gemütlich in den Schlaf geschuckelt hat. Vor mir: ein Balkon aus Glasplatten, der Blick in 412 Meter Tiefe - und meine beiden Kinder. Die lümmeln sich bäuchlings auf dem Glas und schauen sich das winterverfrorene Chicago an wie ein Wimmelbuch.

Höhenangst scheint ihnen fremd zu sein. "Ich zähle Taxen", sagt der Sohn ganz entspannt. Die Tochter ist weniger zufrieden mit der Aussicht, sie vermisst etwas. "Kühe? Pferde?", fragt sie.

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insgesamt 39 Beiträge
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1.
ontic 12.03.2014
Danke für die Klarstellung, dass "Kleopatra" und "Nepomuk" nur Spitznamen sind. Ich hatte schon arges Mitleid mit den beiden.
2. Kühe
averagejoe 12.03.2014
Ob die Kinder auch wissen, dass ihnen ihre Eltern (höchstwahrscheinlich) auch welche zum Essen vorsetzen?
3. Reise durch die USA...
stau74 12.03.2014
Wieder ein Reisebericht von Familie Schmeling. Habe die Berichte verfolgt und nun ja das interessanteste sind die unzähligen Forumsmeinungen über Sinn oder Unsinn dieser Reise. Damit konnte man mehr Zeit verbringen als mit dem Lesen dieser Berichte. :) Nun gut 75 Stunden Zugfahrt wären jetzt auch nicht so meins aber zumindest hat die Familie sinnvoll Zeit mit ihren Kindern verbracht.
4. Grandios
vrdeutschland 12.03.2014
Ich kann nur jedem raten, mal eine Zugfahrt in den USA zu machen. Ich hatte selber mal das Vergnügen in der Winterzeit von Chicago nach NY zu fahren. Wahnsinn. Allein wenn dieser Stahlkoloss, der doppelt so hoch zu sein scheint wie unsere Züge, in den Bahnhof einfährt. Ausgesprochen freundliches und entspanntes Personal, recht wenig Leute (Fliegen ist günstiger und schneller und jede Provinz hat ja einen Flughafen) , Couchsessel wie im Kino und Zeitlupen-Reisen wie zu Gründerzeiten. Wenn ich mir da die Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Köln und Frankfurt betrachte: man sieht ja ausser Tunneln und Wällen nicht viel. Amtrak ist da wirklich empfehlenswert und wer weiß wie lange der Personenverkehr in den USA via Bahn noch läuft...
5. schlimm, schlimm
koepi71 12.03.2014
"genauso beruhigen wie mich selbst: Ich fühle mich wie eine Bungeespringerin, deren Zehenspitzen schon die Absprungkante berühren" Schiss vor einer Bahnfahrt in dem höchst zivilisierten Land? Empfehle eine Rundreise in der GUS. Muss nicht mal mit der Bahn sein. Am meisten Spass machen die Inlandsflüge mit uralten AN-24.
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ZUR AUTORIN
  • Caren Detje
    Die Journalistin Inka Schmeling, 34, reist fünf Wochen lang mit ihrem Mann und den beiden Kindern, fast zwei und sechs Jahre alt, durch Amerika: mit dem Wohnmobil durch Kalifornien und mit dem Zug über Chicago nach New York. Die Familie ist reiseerprobt. Nach ihrer Reise 2009 von Istanbul durch Syrien in den Iran schrieb Schmeling das Buch "Abenteuer Elternzeit: Ein Ratgeber über das Reisen mit Baby und Kleinkind".
  • Nepomuks Reisen: Homepage von Inka Schmeling

Fläche: 9.833.517 km²

Bevölkerung: 318,857 Mio.

Hauptstadt: Washington, D.C.

Staats- und Regierungschef: Barack Obama

Vizepräsident: Joseph R. Biden

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